Strategie & Management

BASF in China – es begann mit einer langen Reise

BASF feiert ihr 150-jähriges Bestehen, 130 Jahre davon war der Konzern in China aktiv

11.08.2015 -

Im April 1865 gründete Friedrich Engelhorn die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Mannheim. Nur zwanzig Jahre später begann das Unternehmen den chinesischen Markt zu erschließen. Heute ist der Ludwigshafener Konzern der größte ausländische Investor der Chemiebranche in China. Dr. Andrea Gruß befragte Michael Grabicki, Vice President Unternehmenskommunikation bei BASF, zum Engagement der BASF in China. Grabicki leitete von 1998 bis 2012 die Pressestelle des Konzerns in Ludwigshafen. Danach begann er die 130-jährige Geschichte der BASF in China zu recherchieren. Sein Buch wurde anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums in Deutsch, Englisch und Chinesisch veröffentlicht.

CHEManager: Herr Grabicki, was zog die BASF vor über 100 Jahren nach China?

M. Grabicki: Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein starker Industrialisierungsschub in Deutschland ein. Die BASF suchte nach neuen Absatzmärkten im Ausland. China übte dabei eine besondere Faszination aus, denn das Land zählte damals schon rund 400 Mio. Einwohner, mehr als ganz Europa und etwa ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung.

Deshalb beschlossen Aufsichtsrat und Vorstand der BASF im Jahr 1885, den stellvertretenden Direktor Theodor Sproesser nach China zu schicken, um den Markt besser kennenzulernen. Eine solche Reise war mit hohen Risiken verbunden, deshalb schloss das Unternehmen eine Lebensversicherung über 100.000 Mark, was heute ungefähr 800.000 EUR entspricht, für Herrn Sproesser ab, um seine Familie abzusichern. Dies war allerdings an die Bedingung geknüpft: Sollte er erfolgreich aus China zurückkehren und die Versicherung fortsetzen wollen, musste er die Prämie selbst tragen.

Kehrte Herr Sproesser erfolgreich zurück?

M. Grabicki: Ja, er fand einen deutschen Handelspartner, die Firma A. Ehlers & Co., mit dem die BASF in das Chinageschäft einstieg. Kurze Zeit später wurde ein weiterer Vertrag mit der Handelsfirma Jebsen & Co. geschlossen, mit der wir über 80 Jahre in China zusammenarbeiten sollten. Unabhängig von diesen Partnerschaften reisten viele BASF-Mitarbeiter als technische Berater nach China und erklärten den Menschen unsere Produkte und deren korrekte Anwendung. Die Kunden konnten in der Regel nicht lesen oder schreiben, deshalb kennzeichneten wir unsere Artikel mit auffälligen, farbigen Etiketten, die unser damaliges Logo mit dem Stuttgarter Pferd und dem Bayerischen Löwen zeigten.

Knapp 30 Jahre nach der Reise von Herrn Sproesser, im Jahr 1913, erzielte die BASF bereits 14% ihres Gesamtumsatzes in China. Einen Wert, den wir bisher nicht wieder erreicht haben. Allerdings war die Umsatzbasis damals auch wesentlich geringer als heute.

Mit welchen Produkten erzielte die BASF ihre ersten Erfolge in China?

M. Grabicki: Unsere Erfolgsgeschichte in China begann mit synthetisch hergestellten Textilfarbstoffen, insbesondere mit Indigo, den chinesische Bauern zum Färben ihrer blauen Jacken nutzten. BASF war es gelungen als erste den „König der Farbstoffe“ zu synthetisieren. Der Rohstoff für natürlichen Indigo wurde auf dem indischen Subkontinent auf großen Plantagen angebaut. Es war ein sehr gewinnbringendes Geschäft, aber auch eine ziemlich scheußliche Arbeit.

Synthetischer Indigo war nicht nur kostengünstiger herzustellen, er hatte auch eine bessere Qualität und war leichter anzuwenden. Unsere Mitarbeiter und Handelsvertreter reisten durchs Land und besuchten Färbereien und Textilfabriken, um das Produkt vorzustellen. So konnte die BASF den natürlichen Indigo sehr schnell vom Markt verdrängen.

1913 nahm die BASF die weltweit erste Ammoniumfabrik in Betrieb. Wie wirkte sich dies auf das Chinageschäft aus?

M. Grabicki: Ganz entscheidend. Die Herstellung synthetischen Ammoniaks als Basis für Ammoniumsulfat bzw. Kunstdünger war eine bahnbrechende Erfindung. Den Arbeiten von Fritz Haber und Carl Bosch war es zu verdanken, dass die weltweit stark wachsende Bevölkerung mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgt werden konnte. Allerdings zeigt sich hier auch die Janusköpfigkeit vieler Erfindungen, denn neben Kunstdünger konnte man mit Hilfe von Ammoniak auch Schießpulver und Sprengstoff herstellen, was den Ersten Weltkrieg verlängerte.

Gerade in China mit seiner stark wachsenden Bevölkerung gab es Anfang des 20. Jahrhunderts einen riesigen Bedarf an Dünger. Gedüngt wurde mit allem Möglichen, zum Beispiel mit Abfällen, Vogelfedern oder menschlichem und tierischem Kot. Düngemittel blieben aber immer knapp. Kunstdünger wurde daher schon bald zum gefragten Handelsprodukt. Leider waren wir nicht das erste Unternehmen, das Ammoniumsulfat in China eingeführt hat: Das britische Unternehmen ICI, das aufgrund des Versailler Vertrags unsere Patente nutzen konnte, kam uns zuvor. Doch aufgrund unserer tieferen Kenntnis der Technologie und den Erfahrungen im Marketing mit den Farbstoffen in China konnten wir diesen Nachteil schnell wettmachen. Wir schickten landwirtschaftliche Berater durchs Land und richteten Versuchsfelder vor Ort ein, sodass die Menschen sehen konnten: Wenn ich mein Feld Ammoniumsulfat dünge, wächst alles besser. All das löste eine Revolution im Reisfeld aus. Bereits im Jahr 1924 lieferte die BASF die ersten 50 t Ammoniumsulfat nach China.

Wie entwickelte sich der Handel mit China in den darauffolgenden Jahrzehnten?

M. Grabicki: Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Geschäft mit China danieder. Die Handelswege waren abgeschnitten; Europäer wurden des Landes verwiesen. China orientierte sich sehr stark an Russland. BASF führte den Handel mit China auf sehr niedrigem Niveau weiter, etwa über die Leipziger Messe, oder auch in dem wir eine Delegation nach China sendeten, die kleinere Verträge abschließen konnte. Doch es war ein schwieriges Geschäft, auf das nur noch ein geringer Teil des Umsatzes entfiel.

Wann kam das Geschäft wieder in Schwung?

M. Grabicki: Ende der 1980er Jahre wurde klar, China wird wieder ein Land mit großer Zukunft. Der Markt ist groß und verspricht fantastische Wachstumsraten. Dr. Jürgen Strube, dem damaligen Vorstandvorsitzenden, ist es in hohem Maß zu verdanken, dass die BASF diese Chance schon sehr früh nutzte. Strube trieb die Erschließung des chinesischen Markts voran - auch gegen die Zweifel von Bereichsleitern, die der politischen Entwicklung skeptisch gegenüber standen. Hatte das chinesische Militär doch im Juni 1989 die Aufstände der studentischen Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Strube glaubte jedoch an weitere Reformen und dass sich China dem Westen gegenüber nicht länger verschließen würde. Bald wurde er dabei von Dr. Jürgen Hambrecht unterstützt, der als Bereichsleiter Mitte der 90er Jahre mit seiner Familie nach Asien ging und in Hongkong später als Vorstandsmitglied operativ tätig war.

Schon zu dieser Zeit war die Chemieindustrie ein strategisch bedeutender Industriezweig in China. Ausländische Firmen durften nicht alleine tätig werden, sondern nur in Form eines 50/50-Joint-Ventures mit einem einheimischen Unternehmen vor Ort produzieren. Nachdem die BASF zunächst einige Büros in China gegründet hatte, ging 1988 das erste Joint Venture, die Shanghai Gaoqiao BASF Dispersion Co. Ltd. an den Start, die Dispersionen auf Basis von Styrol-Butadien produziert. Es handelt sich um die erste und mittlerweile am längsten betriebene Produktionsstätte der BASF in China. Zahlreiche weitere Joint Ventures sollten folgen.

Was war der wichtigste Meilenstein im Chinageschäft der BASF im 21. Jahrhundert?

M. Grabicki: Die Inbetriebnahme des Verbundstandorts in Nanjing gemeinsam mit unserem Partner, der China Petroleum & Chemical Corp., kurz Sinopec, im Jahr 2005. Fünf Jahre dauerte es, bis wir die Verträge mit China ausgehandelt hatten; von 2000 bis 2004 wurde die Anlagen erbaut und 2005 von dem Joint Venture BASF-YPC in Betrieb genommen. 2,9 Mrd. USD investierten beide Partner, damit handelte es sich um die bislang größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte der BASF. Seit 2005 wurde der Standort immer wieder erweitert. Heute betreibt BASF-YPC rund 20 Produktionsanlagen und beschäftigt 2.000 Mitarbeiter, die rund 3 Mio. t Chemikalien pro Jahr produzieren.

Wie ist die BASF heute in China aufgestellt?

M. Grabicki: In den vergangenen 20 Jahren investierte die BASF über 5 Mrd. EUR in Greater China, das heißt in China, Taiwan und Hongkong. Insgesamt beschäftigte das Unternehmen 2014 in der Region über 8.000 Mitarbeiter an 30 BASF-Standorten. Auf die Region entfiel im vergangenen Jahr ein Umsatz von 5,5 Mrd. EUR, das entspricht knapp der Hälfte BASF-Umsatzes in Asien-Pazifik. In China werden nicht nur Basischemikalien im großen Maßstab produziert, sondern auch zahlreiche Spezialchemikalien. Darüber hinaus haben wir die Forschung und Entwicklung in China stark ausgebaut. Mittlerweile forschen dort mehrere Hunderte Mitarbeiter an Kundenlösungen für die gesamte BASF-Gruppe.

Herr Grabicki, zwei Jahre recherchierten Sie für Ihr Buch an vielen Stationen in China und Europa. Welche Erkenntnis hat Sie dabei am meisten überrascht?

M. Grabicki: Mich überraschte, dass sich sowohl in den Berichten, die vor über 100 Jahren von BASF-Mitarbeitern auf ihren langen Reisen nach China verfasst wurden, als auch in den Aufzeichnungen von Managern aus den 1990er Jahren vor allem eine Konstante zeigte: Der Erfolg, den die BASF in China erzielte, basierte nicht allein auf unseren innovativen und guten Produkten. Genauso entscheidend waren die Menschen, die das Geschäft betrieben haben und über bestimmte Talente und Fähigkeiten verfügten.

Welche Talente sind das?

M. Grabicki: Die Menschen waren und sind offen gegenüber der sehr fremden und neuen Kultur Chinas und ließen sich auf sie ein. Sie waren gestern und sind auch heute bereit, China kennen zu lernen und die Sprache zu erlernen. Sie sind kreativ und haben Freude daran, neue Geschäftsmodelle und Marketingkonzepte zu entwickeln. Kurz gesagt, all diese Menschen brachten bzw. bringen eine ausgeprägte unternehmerische Begeisterung mit. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Erfolgsgeschichte der BASF in China.

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