Credo für eine wettbewerbsfähige Chemieindustrie

Plädoyer von CEFIC-Generaldirektor Hubert Mandery für eine zukunftsfähige europäische Industriepolitik

  • Weiter aufwärts… geht es für die europäische Chemieindustrie nur langsam. Die CEFIC geht für 2016 von einem mageren Produktionswachstum von 1 % aus. © BASFWeiter aufwärts… geht es für die europäische Chemieindustrie nur langsam. Die CEFIC geht für 2016 von einem mageren Produktionswachstum von 1 % aus. © BASF
  • Weiter aufwärts… geht es für die europäische Chemieindustrie nur langsam. Die CEFIC geht für 2016 von einem mageren Produktionswachstum von 1 % aus. © BASF
  • Dr. Hubert Mandery, Generaldirektor, CEFIC

Mitte Dezember veröffentlichte die CEFIC ihre Prognose für die Entwicklung der europäischen Chemieindustrie im gerade begonnenen Jahr. Der Branchenverband geht für 2016 von einem Produktionswachstum von einem Prozent aus. Das ist immerhin mehr als im abgelaufenen Jahr, in dem die europäische Chemieproduktion nach Auswertung aller nationalen Daten wohl gerade einmal um 0,5 % gestiegen und der Umsatz der Branche aufgrund weiter gesunkener Chemikalienpreise unter das Vorjahresniveau (2014) von ca. 644 Mrd. EUR gefallen sein dürfte. CEFIC-Generaldirektor Dr. Hubert Mandery, seit sechs Jahren an der Spitze des Industrieverbands, beurteilt die Lage als herausfordernd. Dr. Michael Reubold sprach mit ihm in Brüssel über die vielfältigen Herausforderungen, vor denen die europäische Chemieindustrie steht.

CHEManager: Herr Dr. Mandery, die Chemieproduktion in Europa ist 2015 kaum gewachsen und für 2016 prognostizieren Sie ein mageres Wachstum von einem Prozent. Wie beurteilen Sie die Lage?

H. Mandery: Wir erwarten für 2016 ein Produktionswachstum von einem Prozent. Das ist sehr moderat im Vergleich zur Vorkrisenzeit, wo das Wachstum bei etwa 3 % lag. Positiv ist, dass der Außenhandelsüberschuss in 2015 gegenüber dem Vorjahr wohl nochmals leicht angestiegen ist, dass also gerade der Export hier doch noch etwas rettet und weiterhin einen positiven Trend erwarten lässt.

„Wir brauchen Planungssicherheit!“

Die Rahmenbedingungen für den Export sind gerade auch relativ positiv. Erwarten Sie, dass das so bleibt?

H. Mandery: Was die unterstützenden Faktoren anbelangt, gehe ich davon aus- dass sich diese über das Jahr 2016 weiter fortsetzen. Die Euro-Dollar-Relation ist vorteilig und die großen Banken erwarten, dass das mittelfristig so bleibt oder dass der Dollar eher noch stärker werden wird.

Das heißt, die Währungsseite sollte der exportorientierten europäischen Chemieindustrie weiterhin unterstützend helfen.

Beim Ölpreis haben wir derzeit von der Angebotsseite her ganz offensichtlich Bedingungen, die sehr günstig sind. Und wenn man davon ausgeht, dass sich der Iran weiter in die Weltwirtschaft integrieren und Öl und Gas auf den Markt bringen wird, ist zumindest nicht mit einer Verschlechterung der Angebotssituation zu rechnen. Daher würde ich für das Jahr 2016 weiterhin einen niedrigen Ölpreis erwarten. Aber das kann sich ändern, wenn es außen- und geopolitisch zu irgendwelchen unvorhergesehenen Verwerfungen kommt.

In Schwellenländern wie China, Brasilien oder auch Russland, die in den vergangenen Jahren die Triebkräfte der Weltwirtschaft waren, hat sich das Wachstum abgeschwächt. Da bleibt wohl der große Schub auf der Nachfrageseite aus.

H. Mandery: Sie sagen es. Die Zugmaschine China schaltet mehrere Gänge zurück und scheidet als Wachstumstreiber aus. So wie es aussieht müssen wir uns auf das – wie es die Chinesen nennen – „new normal“ einstellen. Wir sehen zwar eine weitere Belebung in den USA, das kann aber natürlich den Trend in Fernost nicht kompensieren.

Wir sehen zwar Verschiebungen in den Abnehmerindustrien, aber per saldo sollte die Nachfrage über alle Abnehmerbranchen stabil bleiben. Weltweit sind für die nächsten 10 bis 15 Jahre im Chemiebereich durchaus durchschnittliche Wachstumsraten von 3 % oder 3,5 % realistisch, das heißt, wir verlieren in einem rasch wachsenden Weltmarkt rapide Marktanteile.

In Anbetracht dieser Rahmenbedingungen ist es umso wichtiger, die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie in Europa zu sichern. Befürchten Sie, dass sich die Bedingungen verschlechtern?

H. Mandery: Das ist ein komplexes Thema. Nehmen wir mal den Bereich Energie und Rohstoffe. Mit dem niedrigen Ölpreis haben sich jetzt einige extreme Verwerfungen gegenüber den USA wieder etwas nivelliert. Für die Petrochemikalien ist der gegenwärtig niedrige Ölpreis von Vorteil. Aber Unterschiede im Gaspreis vom 2,5 bis zum 3-fachen lassen sich, wenn Sie gasbasierte Produkte haben, schlecht ausgleichen. Und auch die strukturellen Unterschiede kann man nicht kompensieren.

Die Vorteile, die die USA durch das Shale Oil und Shale Gas haben, sind gewaltig. Beispielsweise die Investitionen in Höhe von 120 bis 130 Mrd. USD, die die niedrigen Energie- und Rohstoffkosten bereits angezogen haben. Diese werden zu neuen Produktionskapazitäten führen und einem höheren Ausstoß an Gütern, die dann nicht nur in den USA vom Markt absorbiert, sondern als Überschuss in andere Länder exportiert werden. Das wird in absehbarer Zeit zu einem größeren Wettbewerbsdruck auf Europa führen.

Demgegenüber machen wir in Europa immer noch eine Energiepolitik, die auf hohe Energiekosten hinaus läuft – auch bei den alternativen Energien –, sodass wir da im Vergleich mit Wettbewerberregionen wie dem Mittleren Osten oder den USA mittelfristig einen Standortnachteil sehen.

Diese Art der Politik beeinträchtigt ganz offensichtlich auch das Investitionsverhalten der Unternehmen. Stichwort: Planungssicherheit. Die angekündigten Änderungen in der Energiepolitik oder dem Emissionshandel führen nicht unbedingt zu einer Entlastung von energieintensiven Unternehmen. Und das gilt nicht nur für die Chemie, sondern auch für die Zement-, Stahl- oder Aluminiumindustrie. Da wäre mehr Planungssicherheit sicher von Vorteil.

„Das Beste der Chemie kommt noch.“

Haben Sie konkrete Zahlen für die Investitionstätigkeit der Chemieindustrie innerhalb und außerhalb Europas?

H. Mandery: Wir haben unlängst eine Umfrage bei unseren Mitgliedern gemacht und deren Investitionen in Europa und außerhalb Europas von 2007 bis 2014 verglichen. 2007 haben die befragten größeren Unternehmen rund 55 % ihrer Investitionsmittel in Europa eingesetzt, sieben Jahre später nur noch 45 %. Das ist ein gewaltiger Swing, ein Alarmsignal.

Wir haben bisher über Rohstoff- oder Energiekosten gesprochen. Es gibt aber noch andere Standortfaktoren.

H. Mandery: Ja, das komplexere regulatorische Umfeld, das sich in vergleichsweise höheren Kosten für Unternehmen in Europa exprimiert. Aber das ist der Preis, den es kostet, in Europa zu produzieren. Das sind die Anforderungen der Gesellschaft und diese stellen wir nicht in Frage. Aber wenn es woanders nicht so ist, dann haben wir eben kein Level Playing Field, und deshalb tun wir einiges, um dafür zu sorgen, dass Standards in anderen Regionen durch freiwillige Maßnahmen angehoben werden, beispielsweise über Initiativen wie Responsible Care.

Es gibt eine aktuelle Studie der Europäischen Kommission zu den kumulierten Kosten, die das regulatorische Umfeld in Europa für die chemische Industrie verursacht. Zu welchem Resultat kommt die Studie?

H. Mandery: Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die direkten Kosten der Chemieregulation für unsere Branche pro Jahr ca. 9,5 Mrd. EUR ausmachen. Wenn man die chemierelevanten Regulationen differenziert nach Sektoren, liegen wir beispielsweise für Agrochemikalien im Bereich 23 % und für Spezialchemikalien bei knapp 17 % der Wertschöpfung. Das sind enorme Kosten, die das regulatorische Umfeld in Europa verursacht.

Eine Folgestudie der EU-Kommission soll zeigen wie die Effekte in Wettbewerberregionen wie den USA oder China sind. Wir sind uns einig, dass das Schutzniveau nicht erniedrigt werden darf. Aber in einigen Bereichen gibt es Redundanz und Inkonsistenz in der Regulierung, die man eliminieren kann, und daran arbeiten wir mit.

„Man ist nur Vorreiter, wenn andere folgen.“

Eine Stärke der europäischen Chemie ist ihre Innovationskraft. Wie sehen Sie denn das Innovationsklima in Europa und wie wird es durch das regulatorische Umfeld beeinflusst?

H. Mandery: Die Frage ist, treibt Regulationen Innovationen oder nicht? Es gibt Stimmen, die das behaupten. Mir fehlt der Beweis. Vielmehr sehen wir von kleinen und mittleren Unternehmen eher das Gegenteil, nämlich dass diese Ressourcen aus dem Bereich Forschung und Entwicklung abziehen, um Anforderungen durch neue Regulationen zu kompensieren. Für größere Unternehmen ist das eher machbar, aber es kostet Geld und Ressourcen.

Andererseits haben wir in Europa ein Umfeld, das sehr umweltbewusst ausgerichtet ist. Das ist deutlich anders als in Wettbewerbsregionen wie den USA und im Rest der Welt und ein Vorteil im Hinblick auf die Entwicklungen von neuen Produkten und Verfahren mit besserer Ressourcen- und Energieeffizienz. Diesen Aspekt würde ich durchaus als Standardvorteil sehen.

Insbesondere in Hinblick auf die großen globalen Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht?

H. Mandery: Richtig! Wenn man die Dekarbonisierung bzw. Defossilierung unserer Gesellschaft voranbringen will, dann ist unsere Industrie gefragt. Ob es in Europa gelingt, wird sich zeigen. Es arbeiten tüchtige Leute daran. Aber auch im Rest der Welt ist das der Fall. Inwieweit wir es schaffen, neben inkrementellen Innovationen auch Durchbruchsinnovationen voranzubringen, müssen die nächsten Jahre zeigen. Denn wenn man die Gesellschaft und die Wirtschaft dekarbonisieren will, dann müssen alternative Verfahren und Technologien her. Dazu werden Quantensprünge an Innovationen gebraucht.

Beispielsweise bei erneuerbaren Rohstoffen, damit diese auch bei niedrigen Gas- und Ölpreisen wettbewerbsfähig sind?

H. Mandery: Ja, das ist ein weiteres politisches Thema. Für uns wäre es zum Beispiel gerade bei den Erneuerbaren wichtig, dass Unternehmen ausreichend Zugang zu biobasierten Rohmaterialien zu Weltmarktpreisen haben, um zum Beispiel Kunststoffe auf Basis Bioethanol in hohem Tonnagebereich in Europa planungssicher etablieren zu können.

Wie muss denn aus Ihrer Sicht eine zukunftsfähige Industriepolitik in Europa aussehen, damit die Bedingungen für Investitionen und Innovationen verbessert werden?

H. Mandery: Bei Industriepolitik geht es uns nicht um Subventionen und Eingriffe in den Markt, sondern darum, die Rahmenbedingungen zu schaffen, um Beschäftigung und Investitionen in Europa voranzubringen. Wir brauchen Planungssicherheit, speziell für die energieintensiven Sparten.

Das Konzept einer Energie Union ist spannend. Es kann Europa einen Schritt voranbringen und wird – Quantensprünge im Bereich der Energiebereitstellung und -speicherung vorausgesetzt – mittelfristig das Spielfeld verändern. Das sehe ich mittelfristig als Chance. Derzeit muss man mit den Preisdifferenzen bei Rohstoffen und Energie zurechtkommen. Aber Planbarkeit ist essenziell.

Die Quantensprünge, die bei Innovationen gerade im Bereich Energieerzeugung und Energiespeicherung notwendig sind, können nicht von einzelnen Unternehmen erreicht werden. Dazu bedarf es kollektiver Anstrengungen der einzelnen Mitgliedsstaaten und von Brüssel, die durch eine gute Industriepolitik mitsteuern, damit die richtigen Schwerpunkte gesetzt und die richtigen Prioritäten angegangen werden.

In das Thema Industriepolitik spielen auch Handelsabkommen wie das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Welche Auswirkungen würde es für die europäische Chemie haben, wenn TTIP nicht käme?

H. Mandery: Darüber wollen wir gar nicht nachdenken. Für uns ist TTIP ein Muss. Wir sind aus verschiedenen Gründen ein starker Befürworter. Zum einen sind die USA unser Handelspartner Nummer eins. Viele unserer Firmen sind in den USA und in Europa engagiert und ein Großteil des transatlantischen Handels läuft firmenintern ab. Und dass es da noch Zölle gibt, ist wirklich archaisch.

Wir erwarten in den nächsten zwei bis drei Jahren einen Durchbruch bei TTIP. Das wird die Verflechtung der beiden Wirtschaftsräume mit Vorteilen für beide Seiten weiter intensivieren. Wenn wir es schaffen, auch bei Regulationen zusammenzuarbeiten, dann haben wir neben den evidenten Kostenvorteilen auch die Chance, Standards für den Rest der Welt zu setzen. Einige behaupten, dass seien Aktivitäten mit dem Versuch, die hohen Standards der einen Seite auf niedrigere Standards runterzubringen. Das ist Unfug! Das ist weder in den USA noch hier möglich. Aber wenn sich die beiden auf einen gemeinsamen Nenner festlegen, hat es der Rest der Welt schwer, diesen Standard zu ignorieren. In den Bereichen Regulation und nicht-tariffaire Handelshemmnisse sind mehr Einsparpotenziale als im klassischen Zollbereich. Wir haben uns auch mit unserem Kollegen auf US-Seite zu gemeinsamen Positionen verständigt. Und soweit wir das sehen, werden die auch von beiden Seiten in die Verhandlungen hineingetragen. Weltweit einheitliche Standards zu schaffen ist erstrebenswert.

„Weltweit einheitliche Standards zu schaffen ist erstrebenswert.“

Wie wichtig die Verständigung auf einheitliche Standards für die Erreichung globaler Ziele ist, hat der Klimagipfel in Paris im Dezember gezeigt.

H. Mandery: Richtig. Zum Klimagipfel in Paris haben sich unsere CEOs in einem offenen Brief für ein verbindliches und ehrgeiziges Abkommen ausgesprochen. Was ist die Logik dahinter? Wir sehen derzeit, dass die Europäer die einzigen sind, die sich zu ehrgeizigen Zielen verpflichtet haben. Das hat natürlich direkte Konsequenzen für die Industrie hier am Standort Europa.

Wir sehen es mit Freude, dass zumindest knapp 196 Nationen anerkennen, dass etwas für den Klimaschutz getan werden muss. Und der in Paris getroffene Beschluss, dass alle Länder anteilig zum Klimaschutz beitragen sollen, ist positiv. Aber bis sich das in Maßnahmen äußert, die auch für die jeweiligen Industrien relevant sind und auch nur annähernd an das herankommen, wozu sich Europa verpflichtet hat, das wird lange dauern. Und wenn man die einzelnen Handlungsfelder anschaut, ist da noch viel Luft für zusätzlichen Ehrgeiz drin.

Europa ist noch bei weitem Vorreiter mit allen Konsequenzen für die Energiepolitik und die energieintensiven Industrien in Europa. Wir verneinen nicht, eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz einnehmen zu wollen, aber man ist nur Vorreiter, wenn andere folgen! Es wird die große Kunst von Wirtschaft und Politik sein, bei der Defossilierung die richtige Geschwindigkeit zu finden und auf die richtigen Technologiepfade zu setzen, die dann auch die Chance haben, sich mittel- und langfristig im Wettbewerb zu behaupten. Und dabei wird sich Europa im Wettbewerb mit den USA und mit China und anderen Regionen befinden. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass der Rest der Welt diesbezüglich die Hände in den Schoß legt.

Um die Klimaschutzziele zu erreichen, sind doch gerade die Produkte der chemischen Industrie unverzichtbar, auch wenn ihre Herstellung energieintensiv ist.

H. Mandery: Natürlich! Die chemische Industrie verbraucht 10 % der Energie in Europa. Das ist viel. Aber unsere Produkte helfen im Laufe ihres Lebenszyklus, mehr einzusparen als die Produktion verbraucht. Es ist wichtig, dass in Europa eine wettbewerbsfähige gesunde Chemieindustrie verbleibt, um diesen Veränderungsprozess einer Defossilierung voranzutreiben. Denn wir können nicht erwarten, dass wir die dafür benötigten Produkte und Technologien bei anderen Ländern einkaufen können. Diese müssen hier entwickelt werden. Und deswegen das Credo für eine wettbewerbsfähige Industrie in Europa.

Wir blicken auf 150 Jahre industrielle Chemie zurück. Das ist im menschlichen Zeitalter vergleichsweise kurz. Und wieso sollte das Beste schon vorbei sein? Nein, das Beste der Chemie kommt noch! Sicher mit einem stärkeren Fokus auf Ressourcen- und Energieeffizienz. Wir dürfen nur bei diesem Prozess nicht vergessen, dass wir in der Zwischenzeit wettbewerbsfähig sein und bleiben müssen.

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