Die Finanzierungsschwierigkeiten der Biotechbranche

Prof. Horst Domdey: Die Hochtechnologiebranche bräuchte dringend einen Lead-Investor.

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  • Prof. Horst Domdey, Geschäftsführer, BioM Biotech Cluster Development GmbH

Seit langem leidet die Biotechbranche in Deutschland unter schwierigen Finanzierungsbedingungen. Dennoch schafft sie es immer wieder, innovative Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Prof. Horst Domdey, Geschäftsführer der BioM Biotech Cluster Development GmbH in Martinsried bei München, erläutert im Gespräch mit Thorsten Schüller, wie das gelingt.

CHEManager: Herr Domdey, Sie beobachten die deutsche und bayerische Biotechszene seit Jahrzehnten aus nächster Nähe. Ist die Branche mittlerweile erwachsen geworden?

Prof. H. Domdey: Im Grunde schon. Interessant ist, dass die Unternehmen, die sich in den 1990er-Jahren in Südbayern auf den Weg gemacht haben, einen langen Atem hatten, durch Unbillen gekommen sind und sich behauptet haben. Da denke ich an die berühmten vier M‘s. Die erste Unternehmensgründung war 1989 die Firma Mikrogen, die im diagnostischen Bereich tätig ist. Dann ist da Morphosys, das Flaggschiff der Region München. Außerdem die Firma Micromet, die 2012 von Amgen gekauft worden ist. Und schließlich Medigene, die sich vor etwa eineinhalb Jahren neu erfunden hat, indem sie auf das heiße Gebiet der Immunonkologie umgestiegen ist. Alle diese Unternehmen sind früh entstanden und befinden sich heute in einem recht guten Zustand.

Wie steht es um die nachfolgende Generation von Biotechfirmen?

Prof. H. Domdey: Es gab eine Zwischenphase, in der viele innovative Ideen aufgegriffen worden sind und wo es sehr viele Spin-offs aus den Universitäten gab. Die sind allerdings in den meisten Fällen an den ausbleibenden Finanzierungen gescheitert. Auch wir als BioM haben in der Region München über 40 Unternehmen in der Gründungsphase finanziert. Einige davon waren erfolgreich wie eine U3 Pharma oder auch eine Corimmun. Aber das war kein Trend. Da konnte keine starke zweite Generation der Therapeutikaentwickler mehr heranwachsen, weil ab dem Jahr 2001 die Finanzierungsproblematik immer größer wurde und sich Venture Capital zu einem Fremdwort entwickelte. Die notwendigen Finanzierungen kamen nicht mehr herein.

Wie wirkte sich das konkret aus?

Prof. H. Domdey: Einige Firmen wurden in der Zeit gegründet, als das Thema Biotech stark vorangetrieben worden ist und die ersten Börsengänge kamen, beispielsweise der von MWG Biotech, GPC Biotech und Medigene. Wir merkten allerdings, dass sich auch der Kapitalmarkt entsprechend weiterentwickeln musste, wenn das Ganze erfolgreich sein sollte. Allein im Jahr 2000 waren in Martinsried Finanzierungen in der Höhe von einer halben Milliarde Euro nötig. Diese finanzielle Unterstützung ist dann ziemlich plötzlich eingebrochen. Zusätzlich haben wir einige Bruchlandungen gehabt wie die von GPC Biotech.

Und davon hat sich die Biotechszene nie wirklich erholt?

Prof. H. Domdey: So ist es. Es gab zwar einige Ausnahmen wie Corimmun. Oder die Firma Suppremol, die im März 2015 für 200 Mio. EUR von Baxter gekauft wurde. Aber das war nicht die breite Welle. Die Gründer sind ja nicht dumm. Als sie gesehen haben, dass es extrem schwierig geworden war, an Kapital heranzukommen, haben sie die Unternehmensgründung eben nicht mehr so vorangetrieben wie das noch in den 1990er Jahren der Fall gewesen war.

Seit dem Einbruch der Finanzierungen sind 15 Jahre vergangen. Haben sich für Biotechfirmen seitdem nicht neue Möglichkeiten aufgetan, an Geld heranzukommen?

Prof. H. Domdey: Noch stärker als die Biotechindustrie haben die Venture Capital Fonds unter der Entwicklung gelitten. Die haben sich bis heute hierzulande nicht erholt. Wir haben in Deutschland nicht die typische Investorenlandschaft, die in diese Fonds hineingehen würde. Selbst ein Venture-Capital-Fonds wie TVM Capital, der der Platzhirsch war, musste sich sein Geld aus dem Ausland holen. Wir haben hier auch nicht diese breite Basis der kapitalbasierten Pensionsfonds wie es sie in den USA, in Skandinavien und in UK gibt. Die früheren klassischen Investoren wie die Banken, Versicherungen oder Technologieunternehmen haben sich aus der Finanzierung ziemlich zurückgezogen.

Lässt sich denn mit Investments in Biotech kein Geld verdienen?

Prof. H. Domdey: Die Geschäftsideen und Potenziale sind durchaus groß. Außerdem sind die Konzepte viel reifer als früher. Vor Jahren ist man mit einer Idee an einen Investor herangetreten. Mittlerweile legt man gute Resultate vor. Dafür braucht man natürlich ein entsprechendes Finanzierungsrückgrat. Da kommt man nicht mehr mit einer Million Euro aus. Um durch die Phase I oder Phase II zu kommen braucht man schon um die zehn Millionen Euro. Aber dieses Geld fehlt.

Es gibt doch andere Möglichkeiten - zum Beispiel die Nähe zu Big Pharma suchen. Oder aktiv auf ausländische Geldgeber zugehen?

Prof. H. Domdey: Bei amerikanischen Investoren gab es durchaus die Bereitschaft, hier zu investieren. Aber die haben gesagt, dass sie einen lokalen Lead Investor brauchen, der das Unternehmen unter seine Fittiche nimmt. Wenn der Lead Investor nicht da ist, geht es eben nicht.

Stellen Privatinvestoren eine realistische Alternative für Biotechfirmen dar?

Prof. H. Domdey: Man kann sagen, dass die Szene in den vergangenen zehn Jahren in erster Linie von den Strüngmann-Brüdern, Herrn Hopp und den MIG Fonds finanziert worden ist. Man muss diesen drei Gruppen absolut dankbar sein. Ohne diese Investoren wäre wohl nicht viel passiert. Die Strüngmanns haben mittlerweile Hunderte von Millionen in Deutschland investiert.

Manchmal fragt man sich jedoch, ob sich angesichts dieser starken Investoren andere erst gar nicht auf den Weg gemacht haben. Jetzt muss man abwarten, ob die großen Investitionen, die sie getätigt haben, erfolgreich sein werden. Herr Hopp wartet immer noch auf den ersten positiven Exit, während die Strüngmanns schon erfolgreich waren.

Wie wichtig sind solchen positiven Exits, also der Ausstieg mit Gewinn?

Prof. H. Domdey: Ich wünsche mir nichts sehnlicher als das. Denn wenn die Investoren glücklich sind, investieren sie auch wieder. Wir sehen das in den USA. Dort herrscht ein gutes Investment-Klima. Darum sind im letzten Jahr zwei deutsche Unternehmen, die Heidelberger Affimed und die Freisinger Pieris, an den US-Kapitalmarkt gegangen sind. Im Endeffekt ist das ein Trauerspiel für Deutschland - obwohl es viel verfügbares Kapital bei uns gibt, wird es nicht in Hochtechnologien wie die Biotechnologie investiert.

Wie kommen eigentlich die ganz jungen Biotechunternehmen an Geld heran?

Prof. H. Domdey: Ja, das ist ein Problem. Auch wir mussten unsere Seed-Finanzierungen Anfang dieses Jahres einstellen. Wir haben festgestellt, dass wir mit den bis zu 200.000 EUR, die wir in junge Unternehmen hineinstecken, keine Basis mehr schaffen, um daraus einen Medikamentenentwickler aufzubauen. Auch uns fehlte der finanzstärkere Co-Investor.

Welche Unterstützung bieten Sie den Unternehmen stattdessen?

Prof. H. Domdey: Wir haben unsere Aktivitäten darauf verlegt, den Unternehmen zu helfen, an Pre-Seed Finanzierungen heranzukommen. Dazu zählen Programme wie EXIST-Forschungstransfer, GO-Bio, das Bundesprogramm VIP - Validierung des Innovationspotenzials wissenschaftlicher Forschung oder in Bayern der m4 Award.

Wie sieht denn die heutige Förderlandschaft in Deutschland aus?

Prof. H. Domdey: Gerade in den vergangenen zwei Jahren sind die Förderungen drastisch zurückgefahren worden. Wir konnten das in München noch ein wenig kompensieren, indem wir im Spitzencluster-Programm tätig waren und dadurch 40 Mio. EUR vom Bundesforschungsministerium in die Region geholt haben, die hier auf 60 Projekte aufgeteilt worden sind. Aber ansonsten ist es extrem schwierig geworden, Fördergeld für Medikamentenentwicklung zu erhalten. Außerdem steht leider die Biotechnologie nicht mehr so im Fokus des Forschungsministeriums wie in der Vergangenheit.

Was sagen Ihnen die Biotechchefs angesichts der Finanzierungsproblematik? Müssen die aufgeben? Oder ändern sie ihre Strategie, um weiter bestehen zu können?

Prof. H. Domdey: Es gibt eine Tendenz, in die Auftragsforschung hinein zu gehen. Das ist zwar weniger lukrativ, hält aber am Leben. Unternehmensgründer geraten mit ihren Ideen außerdem manchmal in einen Teufelskreis. Wenn Business-Konzepte länger als ein Jahr auf dem Markt sind, werden sie als alter Hut betrachtet. Die fasst dann niemand mehr an.

Was braucht es, um die Biotechszene finanziell wieder auf solide Beine zu stellen?

Prof. H. Domdey: Wir bräuchten, wie angesprochen, einen starken Lead-Investor. Einen Fonds, der 200 oder 300 Mio. EUR aufbringt und die besten Konzepte finanziert. Ich bin sicher, dass dann andere europäische Fonds wieder stärker in Deutschland investieren würden. Die sehen natürlich, dass alles, was hier gemacht wird, um den Faktor zwei, wenn nicht sogar drei, günstiger ist als das, was derzeit in den USA angepriesen wird.

Werden Gespräche mit potenziellen Lead-Investoren geführt?

Prof. H. Domdey: Natürlich reden wir und versuchen, eine Initialzündung zu geben. Ich glaube, die Politik kann man überzeugen, zumal sie erkannt hat, dass hier ein Problem besteht. Es scheint nun vielleicht doch einen Aufbruch zu geben, auch in der Bundesregierung, die in den vergangenen mehr als zehn Jahren nichts getan hat, das Umfeld für Venture-Capital-Fonds zu verbessern. Es gibt keine Anreize für die Investoren. Wenn man beispielsweise keine Abgeltungssteuer zahlen müsste und das Fonds-Management von der Umsatzsteuer befreit wäre, könnte das den Fonds neuen Schwung verleihen.

Kommen wir zu den Produkten, an denen die Biotechfirmen arbeiten. Grundsätzlich gefragt: Worin liegen die Leistungen der Biotechbranche?

Prof. H. Domdey: Die Gesundheitsbranche befindet sich in einem stetigen Wettkampf, immer bessere Produkte auf den Markt zu bringen. Da gab es in den letzten Jahren beeindruckende Durchbrüche. Ein Beispiel sind die immuntherapeutischen Konzepte, wo man durch eine Veränderung oder Stimulierung des Immunsystems gute Heilungserfolge bei Krebspatienten nachweisen kann. Es gibt auch in der Gentherapie neue und vielversprechende Entwicklungen. In der Krebsbehandlung findet mit großer Wahrscheinlichkeit ein Paradigmenwechsel statt - sie wird auf eine ganz neue Basis gestellt. Dazu kommt die personalisierte Medizin, wo es immer häufiger möglich ist, einem bestimmten Patienten das ihm passende Medikament zu verabreichen. An all diesen Entwicklungen hat Biotech maßgeblichen Anteil.

Und die Pharmaindustrie?

Prof. H. Domdey: Das Innovationsbusiness scheint mittlerweile komplett an die Biotechindustrie ausgelagert worden zu sein. Seit es die Biotechindustrie gibt, findet der Innovationsprozess nicht mehr zwangsläufig in einem akademischen Umfeld statt, sondern vielfach in einem industriellen. Darauf verlässt sich die Pharmaindustrie. Die meisten neuen Produkte kommen heute aus dem akademischen- und dem Biotechnologiesektor. Die Forschungsabteilungen der Pharmaunternehmen werden dagegen weiter reduziert.

Was muss man als Biotechunternehmer heutzutage außer Geld eigentlich mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Prof. H. Domdey: Es gibt einen Aspekt, den man beim Lesen des Businessplans kaum beurteilen kann: das ist die Qualität des Managements. Im Vergleich zu Ländern wie die USA oder UK sind wir nicht mit allzu vielen Managern gesegnet, wo Leute aus der Pharmaindustrie in die Biotechnologie-Unternehmen gehen. Ein gutes Management ist immer noch eine der größten Herausforderungen für Biotech.

Was treibt eigentlich den Manager Horst Domdey um?

Prof. H. Domdey: Wir befinden uns in einer wahnsinnig interessanten Zeit, was die Entwicklung der Medizin betrifft. Der Fortschritt ist so stark, so logarithmisch, dass es unwahrscheinlich Spaß macht, an dieser Entwicklung teilzunehmen. Ich bin immer der Meinung, dass in den nächsten zehn Jahren die spannendsten Dinge passieren werden. In zehn Jahren werde ich wahrscheinlich immer noch das Gleiche sagen.

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