Die Zukunft der Life Sciences liegt im Genom

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  • Kemal Malik, Mitglied des Vorstands, Bayer AG
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Seit Februar 2014 ist Kemal Malik im Vorstand des Bayer-Konzerns für den Bereich Innovation verantwortlich. Der Mediziner sieht große Chancen in den Übereinstimmungen im genetischen System von Mensch, Tier und Pflanze. Damit stehe die Tür offen für Synergien in der Forschung und Entwicklung der Teilkonzerne HealthCare und CropScience – und für neue Behandlungsmöglichkeiten von Krankheiten. Im Gespräch mit Thorsten Schüller erläutert Kemal Malik, an welchen Innovationen Bayer aktuell arbeitet.

CHEManager: Herr Malik, Sie sagen, dass in den Life-Sciences, den Lebenswissenschaften, in den vergangenen zehn bis 15 Jahren eine Art Revolution stattgefunden hat. Worin bestand diese?

K. Malik: Diese Revolution bezieht sich auf unser Verständnis davon, wie die Genetik das Leben bestimmt. Viele Forschungsergebnisse der vergangenen zehn bis 15 Jahre legten die Grundlage für unser heutiges Wissen vom Genom lebender Organismen. Mitte der 1990er-Jahre benötigte man fünf Jahre und 70 Mio. USD, um das Genom einer Pflanze namens Arabidopsis zu sequenzieren. Heute kann man das menschliche Genom für weniger als 1.000 USD sequenzieren. Unsere Fertigkeiten, ein komplettes Genom zu sequenzieren, sind also einen Riesenschritt vorangekommen. Aber die Forschung und technische Entwicklung in diesem Bereich geht weiter.

Haben Sie eine Vorstellung, wo wir zehn Jahre weiter stehen werden?

K. Malik: Die Kosten für die Genom-Sequenzierung werden weiter sinken. Diese Technik begann im Forschungslabor, ist heute ein angewandtes Entwicklungswerkzeug und wird künftig zunehmend in der ärztlichen Praxis eingesetzt werden. Ärzte werden in Zukunft die Krankheit eines Patienten aufgrund einer Genomanalyse besser bestimmen können. Daneben werden sich unsere analytischen und technischen Fähigkeiten so weiterentwickeln, dass sich viele neue Möglichkeiten für Therapien  ergeben werden.

Inwiefern?

K. Malik: Die von der Wissenschaftlerin Emmanuelle Charpentier entwickelte Technik der Genom-Editierung beispielsweise, die das Einfügen und Entfernen von Teilen genetischen Materials wesentlich einfacher macht, hat großes Potenzial, sowohl im Agrobereich als auch in der Humangesundheit.

Die Revolution basiert also zum einen auf der Genom-Sequenzierung, aber auch auf unserer Fähigkeit, Genome so zu verändern, dass wir unser Potential im Bereich CropScience weiter steigern, aber auch besonders um damit Krankheiten besser zu bekämpfen.

Was bedeutet das konkret für die Patienten?

K. Malik: Wir arbeiten daran, in der Genomtherapie eine ganz ähnliche Technologie zum Einsatz bringen. Schauen Sie sich Hämophilie-Patienten an, also Bluter: Der Ersatz des Blutgerinnungsfaktors VIII ist zurzeit die einzige Therapiemöglichkeit. Wir wollen zukünftig das relevante Ersatzgen zu den entsprechenden Zellen bringen, damit  der Körper so wieder selber den fehlenden Faktor VIII produzieren könnte. Das wäre eine deutliche Verbesserung für Patienten.

In der Krebstherapie sehen Sie großes Potenzial in der Immunonkologie. Wie wollen Sie dieses Potenzial heben?

K. Malik: In der Onkologie haben wir in den vergangenen Jahren bedeutende Innovationen auf den Markt gebracht, zum Beispiel Nexavar zur Behandlung von Nieren- und Leberkrebs. Stivarga gegen Kolorektal-Krebs, Xofigo als Therapie bei Prostatakrebs. Heute verfügen wir über eine vielversprechende Pipeline mit innovativen Wirkstoffen. Aktuell wird in der Onkologie viel diskutiert, wie wir das körpereigene Immunsystem nutzen können, um den Krebs zu bekämpfen. Es kommt eine Reihe von Immuntherapeutika auf den Markt, die Tumore enttarnen, so dass das körpereigene Immunsystem den Krebs bekämpfen kann. Auch wir haben dazu einige wichtige eigene Projekte, aber auch eine bedeutende Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Wenngleich wir noch am Beginn der Immunonkologie stehen, glaube ich, dass wir hier Innovationen erreichen werden.

Wird die Immunonkologie ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Krebs werden?

K. Malik: Die neuen Immuntherapeutika werden in Kombination mit anderen eher traditionellen Produkten eingesetzt werden. Krebs wird künftig zunehmend eine chronische Erkrankung sein, und die Patienten werden einen Medikamentencocktail nehmen ähnlich wie bei HIV.

Sie betonen, dass es erhebliche Gemeinsamkeiten und Synergien zwischen ihrem HealthCare-Geschäft und CropScience gibt. Worin bestehen diese?

K. Malik: In der Tat, wir haben festgestellt, dass es eine Menge Ähnlichkeiten zwischen unseren LifeScience-Aktivitäten, insbesondere im Bereich der Technologieplattformen, gibt. Dabei hat uns auch unser zunehmendes Verständnis des Genoms geholfen, die Gemeinsamkeiten zwischen Mensch, Tier und Pflanze zu sehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

K. Malik: Nehmen wir die Atmungskette in Zellen. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen. Neue Produkte von Bayer können Pilz- oder Fadenwurm-Infektionen in Pflanzen bekämpfen, indem sie diese Energieversorgung unterbinden. Damit kann verhindert werden, dass Ernten zerstört werden. Dieses Prinzip funktioniert ebenso bei gefährlichen Lungen- oder Herzwürmern bei Tieren. Die Atmungskette ist darüber hinaus auch in der Onkologieforschung ein Ansatz, denn Krebszellen brauchen eine Menge Energie. Das ist ein Beispiel, wie wir gemeinsame Wirkungen über verschiedene Spezies hinweg verstanden haben. Letztlich hilft uns das, unser Forschungsgeld effizienter einzusetzen.

Welche Rolle spielt das Thema Big Data in den Life Sciences? Trägt dies dazu bei, das Wissen und die Erkenntnisse in der Forschung zu steigern?

K. Malik: Big Data ist eine Chance, aber auch eine Herausforderung. Schauen Sie sich die enormen Datenmengen an, die wir produzieren, beispielsweise Genomdaten. Es wird sehr wichtig sein, wie die Unternehmen mit diesen Daten umgehen und sie interpretieren. Das ist auch für uns von Bedeutung und erfordert einen neuen Typus Wissenschaftler, der die Daten, die aus dem Labor kommen, mit der Hilfe des Computers analysiert. Wir haben eine Reihe von Aktivitäten auf diesem Gebiet.

Wie managen Sie bei Bayer eigentlich Innovation und bringen all die Ideen und Projekte zusammen?

K. Malik: Wenn Sie sich die Bandbreite unserer Innovationsaktivitäten ansehen, erkennen Sie drei Teile: Rund ein Drittel dessen, was wir tun, ist Routine. Das sind kleine Schritte an Innovationsgewinn. Dann gibt es 50 oder 60 Prozent unserer Aktivitäten, die bedeutendere Innovationen hervorbringen. Und schließlich haben wir etwa 20 Prozent an wirklich bahnbrechenden Innovationen. Man kann nicht nur auf diese wirklich großen Innovationen setzen, das wäre zu risikoreich. Deshalb haben wir einen Mix, wie wir das Thema Innovation angehen. Und wir verfügen über eine sehr systematische Vorgehensweise das zu managen. Wir haben Leitlinien installiert, die sicherstellen, dass wir unsere Fähigkeit zur Innovation bewahren.

Ist es heutzutage eigentlich schwieriger innovativ zu sein als einige Jahrzehnte zuvor?

K. Malik: Tatsächlich ist es leichter als vor 20 oder 30 Jahren. Unser Verständnis von der Biologie der Krankheiten und der Informationsaustausch sind wesentlich besser geworden. Zudem richten wir unseren Innovationsfokus nicht nur auf unser eigenes Unternehmen, sondern auf die ganze Welt. Auf vielerlei Weise habe ich den besten und leichtesten Job im Unternehmen, denn jeder ist an Innovationen interessiert. Jeder weiß, dass dies der nachhaltigste Weg ist, damit Bayer weiter wächst.

Welches sind die größten künftigen Herausforderungen in den Lebenswissenschaften?

K. Malik: Wir haben externen Druck bei Fragestellungen zu Welternährung und Medizin. Als Life-Science-Unternehmen haben wir die Verantwortung, uns an der Lösung dieser Herausforderungen zu beteiligen. Die generelle Frage im Bereich HealthCare ist, wie wir neue Technologien und Plattformen nutzen, um Innovationen voranzutreiben. In der Vergangenheit gab es zwei Revolutionen: Eine war die Entdeckung der Small Molecules, Wirkstoffe mit niedriger Molekülmasse. Die nächste waren Biologika. Die dritte Revolution, die nun kommt, sind zellbasierte Therapien. Um dieses Gebiet zu verstehen, brauchen wir in den nächsten Jahren die passende Technologieplattform.

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