Neue Krebstherapien mit BiTE

Am Forschungsstandort München entwickelt Amgen Antikörperkonstrukte zur Krebsbehandlung

  • Wichtiger Standort im globalen Gefüge: das Forschungszentrum von Amgen in MünchenWichtiger Standort im globalen Gefüge: das Forschungszentrum von Amgen in München
  • Wichtiger Standort im globalen Gefüge: das Forschungszentrum von Amgen in München
  • Forschung bei Amgen
  • Vielseitige Immunonkologie Plattform: die BiTE-Technologie von Amgen
  • Roman Stampfli, Geschäftsführer, Amgen Deutschland
Das 1980 in Kalifornien gegründete Biotechunternehmen Amgen betreibt in Deutschland drei Standorte mit über 750 Mitarbeitern. Amgen in München wurde 1989 als Vertriebsgesellschaft gegründet. Der Fokus liegt auf der klinischen Forschung, der Zulassung und dem Vertrieb von Arzneimitteln. Amgen Research (Munich) ist der größte Forschungsstandort außerhalb der USA und auf BiTE-Antikörperkonstrukte zur Entwicklung von Krebstherapien fokussiert (vgl. Kurzbeitrag „Der Biss von BiTE“). Dieser ehemalige Micromet-Standort beschäftigt gut 200 Mitarbeiter. Und im Tech Hub in Berlin entwickelt Amgen in Zusammenarbeit mit Partnern Technologien für die Gesundheitsversorgung. Roman Stampfli, Geschäftsführer von Amgen in München, erläutert im Gespräch mit CHEManager die Bedeutung des Standorts Deutschland.

CHEManager: Herr Stampfli, Sie besitzen seit der Übernahme von Micromet im Jahr 2012 in München einen Forschungsstandort. Welche Bedeutung hat dieser im internationalen F&E-Geflecht von Amgen?

Roman Stampfli: Die Übernahme von Micromet durch Amgen und die Entwicklung der letzten sieben Jahre ist eine Erfolgsgeschichte. Gut 200 Mitarbeiter arbeiten in München in der Forschung und Entwicklung. Sie entwickeln „Bispecific T cell Engager“ (BiTE)-Antikörperkonstrukte für die Behandlung verschiedener Krebsarten. Dabei ist der Münchner Standort so ausgestattet, dass er BiTE-Programme vom Konzept bis zur frühen klinischen Entwicklung bearbeiten und unterstützen kann.

Amgen Research Munich ist ein erfolgreicher Forschungsstandort für Amgen weltweit. Die Münchner Kollegen arbeiten eng mit anderen Amgen Forschungsstandorten zusammen. Für das Therapiegebiet Onkologie – einem Schwerpunkt von Amgen – ist der Münchner Forschungsstandort von zentraler Bedeutung. Etwa die Hälfte der hämatologisch-onkologischen Pipeline für den gesamten Konzern verwendet den Ansatz der BiTE-Antikörperkonstrukte. Ein Produkt „Made in Munich“ ist bereits auf dem Markt.
Zudem schätzen wir die Synergieeffekte an den Standorten in Deutschland. Der Forschungsstandort in München – in unmittelbarer Nähe zur Vertriebsgesellschaft – ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Selbstverständnisses als forschendes Biotechunternehmen.

Der enge Austausch zwischen den Gesellschaften schafft Synergien in beiden Bereichen.

Welche Rolle spielen die BiTE-Antikörperkonstrukte, die Sie in München entwickeln, in der Medizin?

R. Stampfli: Bösartige Krebszellen entwickeln sehr häufig Mechanismen, mit deren Hilfe sie eine effiziente Immunantwort unterdrücken bzw. vom Immunsystem unerkannt bleiben können. Die BiTE-Technologie ist so konzipiert, dass die potentesten Killerzellen des Immunsystems, die sogenannten T-Zellen, Tumorzellen anhand einer spezifischen Struktur auf deren Oberfläche (= Tumorantigen) besonders effizient erkennen und zerstören können. Ausgestattet mit zwei unterschiedlichen Bindungsstellen fungieren die BiTE-Antikörperkonstrukte als Adapter zwischen Krebs- und T-Zellen, indem sie gleichzeitig an beide Zelltypen binden. Diese gleichzeitige bispezifische Bindung führt nicht nur zur Zerstörung der gebundenen Tumorzellen, sondern auch zur Vermehrung der beteiligten T-Zellen. Dadurch entstehen über die Zeit mehr T-Zellen, die wiederum mit Hilfe der BiTE-Antikörperkonstrukte auch mehr Krebszellen zerstören können.

Die Vielseitigkeit der BiTE-Immunonkologie-Plattform ist ihr großes Plus: Sie kann prinzipiell jedes beliebige Tumorantigen bei verschiedenen Krebsarten ins Visier nehmen. Zudem kann die Behandlung sofort eingeleitet werden, und sie ist als Einzeltherapie, in Kombination mit anderen Therapien wie auch als Folgebehandlung einsetzbar. Wir sind überzeugt, dass sich die BiTE-Technologie zu einer Standardtherapie entwickeln wird.

Haben Sie Pläne, den Standort München beziehungsweise die Forschung dort zu erweitern?

R. Stampfli: Seit der Gründung der Amgen Vertriebsgesellschaft in München vor 30 Jahren wachsen wir kontinuierlich. Die Zahl der Beschäftigten im Bereich Biotech nimmt laufend zu, so auch bei uns. Heute arbeiten an unseren drei Standorten rund 750 Mitarbeiter. Amgen Deutschland ist ein wesentlicher Pfeiler für Amgen in Europa und weltweit. Mit Blick auf den Markt und den Umsatz sind wir – nach den USA – die zweitgrößte Gesellschaft. Und wir sind zuversichtlich, dass wir personell und wirtschaftlich unser Wachstum fortsetzen werden.

Welche Rolle spielt für Amgen die klinische Forschung in Deutschland im internationalen Vergleich?

R. Stampfli: Amgen Deutschland ist eine erfolgreiche Vertriebsgesellschaft, in der die Produkte erforscht, zugelassen, vermarktet und medizinisch betreut werden. Im Vergleich zu anderen Ländern haben die Tochterfirmen großer Konzerne in Deutschland eine sehr hohe Sichtbarkeit. Diese Präsenz führt im Vergleich zu anderen Ländergesellschaften zu einer deutlich höheren Studientätigkeit. So führen wir aktuell 36 klinische Studien in den Phasen I bis IV durch. Weltweit haben wir zurzeit 147 aktive Studien. Dieser Vergleich zeigt, dass wir einen sehr hohen Anteil der klinischen Studien von Amgen durchführen. Dies ist möglich, weil wir in Deutschland sehr gut vernetzt sind und mit vielen anerkannten Partnern zusammenarbeiten. In 186 Studienzentren betreuen wir Stand Juni 2019 über 800 Studienteilnehmer.

Amgen ist Gründungspartner des Zentrums Neue Technologien (ZNT) in München. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

R. Stampfli: Von Beginn an haben wir den Aufbau des ZNT im Deutschen Museum in München, dem weltweit größten naturwissenschaftlichen Museum, begleitet. Seit 2009 fördern wir das Zentrum als Gründungspartner und bis heute als einziger Industriepartner. Damals wie heute sind wir von der Idee des Deutschen Museums überzeugt, eine Ausstellung der aktuellen Forschung in Naturwissenschaft und Technik zu widmen. Die Biotechnologie macht einen besonderen Schwerpunkt in der Ausstellung aus, und wir stellen auf einer eigenen Amgen-Themeninsel die jüngste biotechnologische Arzneimittelforschung vor. Unser Ziel ist es, die Biotechnologie erlebbar zu machen. Die Partnerschaft mit dem ZNT ist Teil unseres breiten Engagements, naturwissenschaftliche Bildungsangebote zu unterstützen, für Mint-Fächer zu begeistern und Nachwuchstalente zu fördern. Dafür realisieren Amgen Deutschland und die Amgen Foundation Bildungsprogramme und unterstützen Projekte gemeinnütziger Träger, sowohl lokal als auch im Rahmen weltweiter Initiativen.

 

Amgen setzt bei neuen Krebstherapien auf Biotechkompetenz aus München
Im Jahr 2012 übernahm der US-Biotechkonzern Amgen für 1,16 Mrd. USD die Münchener Firma Micromet. Für die deutsche Biotechlandschaft war das ein großer Deal – und für Amgen der Einstieg in eine Produktklasse, die völlig neue Behandlungsmöglichkeiten in der Krebstherapie eröffnen soll. Erste Produkte sind bereits auf dem Markt. 
In München Obersendling, einem von weltweit fünf Forschungsstandorten des Konzerns, arbeitet Amgen an der sogenannten BiTE-Technologie. Das Akronym steht für „Bispecific T-cell Engager“ – Antikörperkonstrukte, die für die Behandlung verschiedener Krebsarten spezialisiert sind. Sie wirken als Adaptermoleküle zwischen bestimmten Abwehrzellen des körpereigenen Immunsystems, sogenannten T-Zellen, und Krebszellen. Damit befähigen sie die T-Zellen, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. 
Es war im Dezember 1994, als Peter Kufer auf der IBC Antibody Engineering Conference in San Francisco das Prinzip von BiTE vorstellte. Kufer war in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre Student der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität und hatte wesentlich an der BiTE-Technologie gearbeitet. Damals entwickelte sich eine Art bispezifische Community, erinnert sich Kufer. Im Nachhinein bezeichnet er diese Szene als „ein bisschen verrückt“. Zahlreiche Wissenschaftler glaubten damals an das Potenzial der T-Zellen, doch die nachweisbaren Fakten fehlten. Und sie sollten auch noch viele Jahre ausbleiben. Damit schwand sukzessive auch wieder das Vertrauen in und das Interesse an der BiTE-Thematik. 
Doch Kufer und seine Mitarbeiter blieben dabei. Als Micromet 1998 die Rechte an der Technologie erwarb, wechselte auch der Wissenschaftler zu dem Münchener Biotechunternehmen, wo das Projekt schließlich den sogenannten Clinical Proof of Concept erreichte und damit den Nachweis erbrachte, dass es prinzipiell funktioniert.

Die nächste Übernahme
2012 kaufte Amgen Micromet und damit auch den BiTE-Antikörper Blinatumomab. Es dauerte dann noch bis Dezember 2014, ehe der bispezifische Antikörper mit dem Handelsnamen Blincyto die Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA erhielt und damit in der Krebsimmuntherapie zur Behandlung spezieller Formen der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) eingesetzt werden konnte. Die Zulassung in Europa folgte ein Jahr später. 

Durch die Übernahmen ist Kufer heute Geschäftsführer des Münchner Forschungsstandorts von Amgen. Zudem gilt er als einer der renommiertesten BiTE-Experten. Mittlerweile erforscht er mit seinem Münchener Team, ob BiTE-Antikörperkonstrukte T-Zellen auch bei der Erkennung und Bekämpfung anderer Krebsarten unterstützen können. In der Pipeline von Amgen hinterlässt die Technologie deutliche Spuren: Mehr als 50 % der Pipelineprojekte des Unternehmens basiert mittlerweile auf der BiTE-Technologie.
Auch wirtschaftlich hat die Technologie Potenzial. Die Kosten eines vierwöchigen Blincyto BiTE-Zyklus liegen bei 80.000 USD – üblicherweise sind zwei Zyklen notwendig. Die Umsätze auf Quartalsbasis haben sich seit Anfang 2015 von 15 Mio. USD auf mittlerweile 78 Mio. USD verfünffacht. Mit einem 2018er-Jahresumsatz von 230 Mio. USD ist das Produkt zwar noch ein gutes Stück von den Milliardenerlösen eines Blockbusters entfernt. Doch mit jeder neuen Indikation, für die der Wirkstoff zugelassen wird, dürften auch die Erlöse weiter nach oben gehen.

 

 

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