Takeda konzentriert sich auf therapeutische Lücken

Deutschland-Chef des japanischen Pharmakonzerns schafft neue Arbeitsplätze an Standorten Singen und Oranienburg

  • Jean-Luc Delay, Geschäftsführer, Takeda DeutschlandJean-Luc Delay, Geschäftsführer, Takeda Deutschland

Takeda ist mit einem Umsatz von 13 Mrd. EUR und weltweit mehr als 31.000 Mitarbeitern das größte japanische Pharmaunternehmen. In Europa sorgte der Konzern, der unter anderem in den Bereichen Urologie, Chirurgie, Gastroenterologie, Pneumologie und Onkologie aktiv ist, im Mai 2011 mit der Übernahme des Schweizer Unternehmens Nycomed für Aufsehen. In der Folge baute Takeda am Standort Konstanz 700 Stellen ab. Mittlerweile hat sich das Unternehmen in Deutschland neu ausgerichtet. Takeda fokussiert sich nun auf Spezialarzneimittel für Fachärzte und baut seine beiden deutschen Produktionsstandorte Singen sowie Oranienburg bei Berlin aus. Ende 2012 übernahm der Schweizer Jean-Luc Delay (51) die Geschäftsführung von Takeda in Deutschland. CHEManager sprach mit ihm über die Strategie des Konzerns.

Herr Delay, Takeda ist ein Unternehmen mit japanischen Wurzeln. Welche Bedeutung hat der deutsche Markt für Ihren Konzern?

J.-L. Delay: Deutschland spielt in der globalen Takeda-Strategie eine entscheidende Rolle. Unsere Produktionsstandorte Oranienburg und Singen verfügen über spezielle Technologien und Kompetenzen, die für die Entwicklung und Herstellung flüssiger und fester Darreichungsformen weltweit wichtig sind.

Deutschland hat für uns aber auch als Entwicklungspartner und Referenzpreisland eine große Bedeutung. Viele Länder orientieren sich bei der Preisgestaltung von Arzneimitteln am Preisniveau in Deutschland.

Und natürlich ist Deutschland als größte europäische Volkswirtschaft ein wichtiger Absatzmarkt. All dies sind Argumente dafür dass Deutschland eine wichtige Funktion in der weltweiten Takeda-Strategie einnimmt.

Nach der Übernahme von Nycomed 2011 haben Sie am Standort Konstanz massiv Personal abgebaut. Wie sehen Ihre aktuellen Pläne für Ihre beiden deutschen Produktionsstandorte Singen und Oranienburg aus?

J.-L. Delay: Wir bauen gegenwärtig beide Standorte aus.

So beabsichtigen wir, Teile der Produktion aus unserem Werk im japanischen Osaka nach Oranienburg zu verlagern. Die Technologien und Kompetenzen für feste Arzneimittel in Oranienburg sind im Takeda-Konzern sehr gefragt. Daher werden wir dort in den nächsten Jahren bis zu 160 neue Mitarbeiter einstellen. In Singen werden wir noch in diesem Jahr bis zu 100 neue Arbeitsplätze schaffen. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, unsere Präsenz in Deutschland weiter zu stärken.

Das heißt, Sie werden am Ende dieses Jahres in Deutschland mehr als 1800 Mitarbeiter beschäftigen?

J.-L. Delay: Ja. Das ist die Zahl, die wir anstreben.

Welche Rolle spielen für Sie hierzulande Kooperationen mit Fachzentren und Biotechunternehmen?

J.-L. Delay: Dieses Thema ist für uns enorm wichtig. Die frühzeitige Einbindung wichtiger Studienzentren in die Arzneimittelentwicklung ist Teil unserer Strategie - wir unterstützen so das Prinzip der Open Innovation. So haben wir bereits seit über zehn Jahren eine Kooperation mit der German Hodgkin Study Group, die maßgeblich an der Entwicklung unseres 2012 eingeführten Präparates gegen Lymphdrüsenkrebs mitgewirkt hat. Auch bei anderen Projekten arbeiten wir intensiv mit wichtigen deutschen Studienzentren zusammen.

Forschungskooperationen gibt es in der Pharmaindustrie bereits seit langem. Was ist neu an ihrem Ansatz?

J.-L. Delay: Natürlich werden die Kompetenzen von Ärzten und Studienzentren schon lange in die Entwicklung eines Medikamentes einbezogen. Ich glaube aber, dass Takeda diesen Weg besonders konsequent geht. Unsere Kooperationen sind langfristig ausgerichtet. Außerdem erzeugen wir Synergieeffekte, da wir als globales Unternehmen die Expertise zahlreicher Forschungspartner weltweit vernetzen und nutzen können.

Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Standortbedingungen für die Pharmaindustrie in Deutschland?

J.-L. Delay: Die regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Damit ist das Wachstum der innovativen Pharmaunternehmen teilweise ins Stocken geraten. Takeda hat schnell darauf reagiert und sich neu ausgerichtet. So konzentrieren wir uns seit April 2013 auf Spezialarzneimittel für Fachärzte. Insbesondere in der Urologie, Gynäkologie, Chirurgie, Pneumologie und Onkologie sowie im Bereich CED, also den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, fokussieren wir uns auf die therapeutischen Lücken.

Mithilfe dieser Strategie sind wir in Deutschland wieder auf einem klaren Wachstumspfad. Unser neues Präparat gegen Lymphdrüsenkrebs ist beispielsweise in kürzester Zeit zum Therapiestandard geworden und ist heute einer unserer Wachstumstreiber. Auch im Bereich CED haben wir im Juli 2014 ein Medikament auf den Markt gebracht, das eine Lücke im medizinischen Bedarf abdeckt. Es gibt viele Patienten mit Colitis Ulcerosa oder Morbus Crohn, die auf eine Innovation gewartet haben.

Was unterscheidet die Fokussierung auf Spezialarzneimittel und Fachärzte von Ihrer früheren Strategie?

J.-L. Delay: Die Zahl der Fachärzte ist sehr übersichtlich, und sie sind hoch spezialisiert. Das verlangt von uns, dass wir diese Mediziner anders und zielgenauer ansprechen als Ärzte, die in den großen und breiten Indikationsgebieten wie Herz-Kreislauferkrankungen unterwegs sind.

Wo sehen Sie die langfristigen Trends in der Pharmaforschung?

J.-L. Delay: Die langfristigen Trends haben wir bereits aufgenommen. Das gilt beispielweise für die Onkologie, in der es noch große medizinische Herausforderungen gibt. Auch die Gastroenterologie ist eines dieser wichtigen Therapiegebiete. Hier können wir unter anderem mit unserem Protonenpumpenhemmer auf eine erfolgreiche Historie zurückblicken.

Takeda will in den nächsten fünf Jahren weltweit 20 Substanzen auf den Markt bringen. Welche Produktkandidaten davon sind für den deutschen Markt aussichtsreich?

J.-L. Delay: Takeda hat eine der größten und aussichtsreichsten Pipelines der Arzneimittelbranche. Insgesamt haben wir 148 Substanzen in der klinischen Entwicklung. Daraus resultieren unsere Neueinführungen. Einen wichtigen Meilenstein haben wir im vergangenen Jahr mit dem erwähnten CED-Präparat erreicht. Dieses Medikament ist hierzulande sehr erfolgreich gestartet. Im Februar 2015 haben wir unser Portfolio für die Chirurgie erweitert. Unser bewährtes Blutstillungspräparat steht nun auch speziell für minimalinvasive Eingriffe zur Verfügung. Darüber hinaus bemühen wir uns um Indikationserweiterungen in der Onkologie. 2016 werden wir außerdem ein Medikament gegen eine Krebserkrankung des Knochenmarks auf den Markt bringen. Erwähnenswert ist auch, dass sich Takeda verstärkt mit dem Thema Impfungen auseinander setzt. Hier sind wir zwar noch in einem frühen Stadium, wollen aber in einigen Jahren auf dem deutschen Markt Fuß fassen.

Der Erfolg bei unseren Patienten bestätigt uns, dass es richtig war, sich auf Fachärzte zu fokussieren.

Welche Marktanteile streben Sie mit Ihren neuen Produkten an?

J.-L. Delay: In der Urologie haben wir mit unseren Medikamenten für eine Form von Prostatakrebs über 40 Prozent Marktanteil und sind Marktführer, ebenso in der Chirurgie. In der Pneumologie wachsen wir mit etwa zehn Prozent pro Jahr und sind damit ebenfalls sehr gut aufgestellt. In der Onkologie hat sich unser neues Lymphkrebsmedikament nach wenigen Monaten als Therapiestandard etabliert. Und das erst im Juli eingeführte CED-Präparat hilft schon jetzt dank seines zielgerichteten Wirkmechanismus bei gleichzeitig guter Verträglichkeit vielen Patienten.

Takeda strebt ein jährliches Umsatzwachstum von fünf Prozent an. Trifft das auch auf Deutschland zu?

J.-L. Delay: Das sind die Prognosen für Europa. In Deutschland sollten wir mit diesem Wachstum mindestens mitgehen.

Pharmafirmen beziehen ihre Bekanntheit oft über die Produkte. Kennt der Mann auf der Straße in Deutschland eigentlich Ihr Unternehmen?

J.-L. Delay: Daran arbeiten wir. Es ist unser Ziel, wichtige Indikationsgebiete abzudecken und Antworten für bislang ungelöste medizinische Fragen zu bieten. Damit werden wir uns auch bei den Patienten bekannter machen.

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