Wettbewerbsfähigkeit Deutschland – Mittelständische Chemie warnt vor Verlust der Standortattraktivität

VCI und Wieselhuber & Partner veröffentlichen Mittelstandstudiestudie zur Wettbewerbsfähigkeit

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  • Dr. Karl Martin Schellerer, Leiter Geschäftsbereich Prozess- und Bauzulieferindustrie, W&P
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Die makroökonomischen Faktoren Deutschlands verschlechtern sich. Auch das Umfeld für die hier angesiedelte chemische Industrie wird zunehmend schwieriger. Die ergab eine Studie des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) und von Oxford Economics vom September 2014. Aufbauend auf diesem Ergebnis führte die Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner (W&P) in Kooperation mit dem Branchenverband bis Ende 2014 die Studie „Die Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandortes Deutschland - Bestandsaufnahme, Bewertung und strategische Konsequenzen, insbesondere für mittelständische Unternehmen" durch. Sie liefert ein umfassendes Stimmungsbild von über 150 Entscheidern der Branche.

Die gute Nachricht zuerst: 68% der Befragten blicken positiv in die Zukunft, wenn es um den Standort Deutschland geht - die Standortvorteile überwiegen nach wie vor. Bei genauem Hinschauen wird klar: Der Mittelstand bekennt sich zum Industriestandort, zeigt aber einige wunde Punkte auf und signalisiert eine Verschlechterung der Standortattraktivität.

Mittelstand kritisiert Bürokratie und lobt Infrastruktur

Eine gefühlte „Überregulierung" wie bspw. durch REACh, die Biozidverordnung oder GMP wird von mehr als 50% der Befragten als Belastung empfunden. Die wachsende Bürokratieflut bindet die Arbeitskraft zahlreicher Mitarbeiter in verschiedenen Unternehmensbereichen. Nur so lassen sich die sich stetig ändernden Vorschriften umsetzen.

Fast unisono wird die Infrastruktur in Deutschland gelobt. Trotz aller punktuellen Unzulänglichkeiten erkennen gerade Unternehmen mit Auslandsaktivitäten die im Vergleich soliden Straßen- und Verkehrswege an. Ebenso einhellig fordern die Unternehmen, die Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Infrastruktur, nicht zu gefährden. Neben den Verkehrswegen werden hier besonders die Stromnetze als Risikofaktoren gesehen.

Standort USA wird immer attraktiver

Beim Vergleich der deutschen Standortfaktoren mit denen anderer Länder und Regionen geben die befragten Experten an, dass insbesondere die USA derzeit sehr attraktiv hinsichtlich des Aufbaus von Produktionsstätten sind.

Ein Grund sind die aktuell deutlich niedrigeren Strom- und Energiekosten, die wiederum die bis zu 30% günstigeren petrochemischen Grundstoffpreise und damit einen Wettbewerbsvorteil schaffen.

Zudem antworteten nahezu 100% der befragten Experten, dass die dort vorherrschende hohe gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Chemieunternehmen, das klare Bekenntnis der US-Regierung zur Industrie und die kulturell bedingte extrem ausgeprägte Offenheit für Innovationen Standortvorteile gegenüber Deutschland bieten.

Neben den relativ zu den USA und zu anderen EU-Ländern hohen Strompreisen kritisieren viele der befragten Unternehmen vor allem die fehlende Planungssicherheit hierzulande. Gerade in der mittelständischen Chemieindustrie gibt es Unternehmen, die nur knapp die Grenzwerte beim Stromverbrauch überschreiten, die zu einer Reduzierung der EEG-Umlage führen. Die permanente Diskussion in der Politik hinsichtlich Anpassung von Regelgrenzen verhindert daher eine langfristige Planungssicherheit.

Strategien für eine internationale Wettbewerbsfähigkeit

Was sind die Antworten der Unternehmen auf die Herausforderungen, die sich aus einer schlechteren Wettbewerbsposition Deutschlands ergeben? 70% der Unternehmen messen der Stärkung von Innovation die höchste Bedeutung bei. Insbesondere größere Mittelständler (75%) wollen hier den Hebel umlegen. Über 60% der Unternehmen versuchen zudem sich durch Individualisierung zu differenzieren durch gemeinsame Produktentwicklungen mit Kunden und ein stärkeres Eingehen auf Kundenwünsche ihre Marktposition zu stabilisieren. Die Firmen verbinden damit die Hoffnung, sich durch Flexibilität und kurze Entscheidungswege von den Großkonzernen abzuheben. Hierzu passt das Bekenntnis zu mehr Kundennähe und stärkerer Kundenbindung.

Aufgrund des geringen Wachstums in Europa beschäftigen sich mehr als 60% der Mittelständler mit einer verstärkten internationalen Ausrichtung ihres Geschäfts. Da es ihnen aber oft an sprachlich ausgebildeten und kulturell geschulten Fachkräften mangelt, spielen zusätzliche Produktionsstandorte außerhalb Deutschlands noch kaum eine Rolle - anders als in der Großchemie, wo die Investitionen im Ausland in den Jahren 2012 und 2013 diejenigen in Deutschland überschritten.

Eine deutliche Abhängigkeit von der Unternehmensgröße zeigt sich bei der Absicht, tatsächlich im Ausland Produktionskapazitäten aufzubauen: Dies ist für mehr als 50% der Unternehmen mit einem Umsatz über 150 Mio. EUR eine Option, bei den kleineren Firmen dagegen mit weniger als 25% nur zum geringen Maß.  Mangelnde Erfahrung im Auslandsgeschäft verbunden mit dem Investitionsrisiko schränken hier die Handlungsfreiheit von mittelständischen Firmen ein.

Erstaunlicherweise denkt nur knapp die Hälfte aller Befragten im Zusammenhang mit der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkungen in der Produktion nach.

Insgesamt geben viele Firmen an, einen „Plan B" in der Tasche zu haben, mit dem sie die stärkeren Wettbewerbsnachteile kompensieren wollen. Gerade Firmen mit „Auslandserfahrung" prüfen genau, wo sie ihre nächste Produktion errichten. Zwar denkt kaum ein Unternehmen über die Schließung von Produktionsaktivitäten in Deutschland nach, aber Kapazitätserweiterungen könnten künftig dort erfolgen, wo auch die zukünftigen Märkte zu finden sein werden oder wo die Produktionskostenvorteile trotz etwaiger Investitionsrisiken zu verlockend sind.

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Dr. Wieselhuber & Partner Unternehmensberatung GmbH

München

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