Anlagenbau & Prozesstechnik

Alles beim Alten? Interview mit Wolfgang Morr, Namur

Fragen an den Namur-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Morr

08.12.2009 -

Seit 2007 ist Dr. Wolfgang Morr Geschäftsführer der Namur. Bei Bayer Technology Services beschäftigt ist er seit 1989 und mit den Namur-Belangen vertraut. CHEManager wollte vom wissen, was sich getan hat und vielleicht immer noch tut, seit er die Aufgabe der Geschäftsführung übernommen hat.

CHEManager: Herr Dr. Morr, Bernhard Will und Hasso Dra­then haben in ihrem Rückblick auf 50 Jahre Namur 1999 bereits konstatiert, dass sich die Namur in einer Phase überraschender Umwälzungen befand. Was hat sich in den letzten beiden Jahren verändert, sowohl im Hinblick auf Rahmenbedingungen als auch im Hinblick auf Technologien?

Dr. W. Morr: Vor zehn Jahren, in der Zeit um den 50. Geburtstag der Namur, war die Neustrukturierung der Unternehmen der Chemiebranche in vollem Gange. Viele Mitgliedsunternehmen wurden neu strukturiert, unter anderem wurden dabei Engineering-Bereiche in eigene Unternehmen ausgegliedert. Eine neue Art von Mitgliedsfirmen, nämlich Engineering-Unternehmen, konnte in die Namur integriert werden, ohne den Charakter der Namur grundlegend zu ändern.
Gegenüber diesen Umwälzungen sind die Änderungen der letzten zwei Jahre eher bescheiden. Es gibt neue technische Entwicklungen, die die Namur intensiv begleitet. Beispiele sind „Wireless", „Lebenszyklus von Automatisierungssystemen" und „Asset Management". Ich kann diese Liste nicht vervollständigen, ohne den Rahmen dieses Interviews zu sprengen, und hoffe, dass die Namur-Aktivisten, deren Gebiet ich hier nicht erwähnt habe, mir nicht allzu böse sind. Die Namur versteht sich schon lange als international ausgerichtete Organisation. Faktisch war allerdings der Wirkungskreis lange Zeit auf das unmittelbare europäische Umfeld Deutschlands beschränkt. In den letzten Jahren hat sich die internationale Ausrichtung deutlich verstärkt. In diese Entwicklung passt es, dass wir dem steigenden Engagement unserer Mitgliedsfirmen im asiatischen Raum dadurch Rechnung tragen, dass wir den Erfahrungsaustausch zunächst in China unterstützen.

Was halten Sie für die wichtigste Errungenschaft der Namur in ihrer bisherigen Geschichte?

Dr. W. Morr: Eine einzelne „technische Meisterleistung" und ein einzelnes technisches Thema als wichtigstes Ergebnis der Namur-Arbeit herauszugreifen, würde der Sache nicht gerecht werden. Die Namur hat sehr viele wichtige Themen vorangetrieben. Blickwinkel und Interesse bestimmen, welches man als das wichtigste ansieht. Eindeutig bestimmbar ist die erste technische Errungenschaft: 1967 wurde das erste Namur-Arbeitsblatt veröffentlicht. Der darin beschriebene „Namur-Initiator" wurde zu einem Begriff, der sich inzwischen weltweit eingebürgert hat und der es heute auf immerhin knapp 300.000 Goo­gle-Hits bringt. Für mich ist viel wichtiger, dass es die Namur geschafft hat, ihre Bedeutung über die 60 Jahre ihres Bestehens zu erhalten, dabei deutlich sowohl inhaltlich als auch zahlenmäßig zu wachsen und zunehmend an Einfluss zu gewinnen. Über einen so langen Zeitraum den Interessen der Mitglieder Geltung verschafft zu haben, das ist für mich die größte Errungenschaft der Namur.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden? Hat sie sich verändert und worin sehen Sie Ursachen für etwaige Veränderungen?

Dr. W. Morr: Die Namur pflegt nach wie vor weltweit eine enge Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und ist an ihrem weiteren Ausbau interessiert. Ganz besonders wichtig ist uns die Intensivierung der Zusammenarbeit mit Verbänden, die sich mit der Verfahrenstechnik beschäftigen. Wir glauben, dass die Zusammenarbeit mit den Kollegen der Verfahrenstechnik die Chance bietet, gemeinsam Dinge anzustoßen, die jeder für sich nicht zustande bringen könnte.

Der Namur wird latent unterstellt, sie sei konservativ. Darf, vielleicht sogar muss die Namur konservativ sein oder halten Sie den Vorwurf für völlig unbegründet? Was tut die Namur aus Ihrer Sicht, um innovationsfähig und attraktiv zu sein?

Dr. W. Morr: Grundsätzlich ist die Namur nicht konservativ. Es gibt allerdings Themen, bei denen eine gewisse Zurückhaltung beim Übernehmen neuer Technologien sehr gerechtfertigt ist. Das kann beim flüchtigen Betrachten als konservative Grundhaltung missverstanden werden. Ein Beispiel: Wir lehnen Wireless-Technologien nicht ab, aber wir untersuchen zunächst sorgfältig, in welchen Fällen sie einen Mehrwert gegenüber bewährten Lösungen bieten. Ich denke, die Namur hat in ihrer langen Geschichte gezeigt, dass sie sehr innovationsfähig ist. Wir müssen sicherstellen, dass sie das auch bleiben wird.

Ist die Tatsache, dass Sie in diversen Namur-Arbeitskreisen engagiert waren, ein Hindernis bei Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer oder ist sie eher förderlich?

Dr. W. Morr: Derzeit arbeite ich nicht in Arbeitskreisen mit. In der Vergangenheit war ich in zwei Namur-Arbeitskreisen tätig, in einem davon als Obmann. Das hat mir bei der Übernahme der Geschäftsführung auf alle Fälle geholfen. Man kennt doch die inneren Strukturen besser, wenn man bereits in ihnen gearbeitet hat. Nicht zuletzt musste ich dadurch auch weniger neue Namen auswendig lernen.

Worin sehen Sie als Geschäftsführer die größte Herausforderung in der Zukunft?


Dr. W. Morr:
Man muss sich auf die Grundlagen der Namur besinnen, wenn man sich über mögliche Herausforderungen in der Zukunft Gedanken machen will: Der Zweck der Namur ist es, im Rahmen ihrer inhaltlichen Aufgaben die Interessen der Mitglieder zu vertreten. Um das auch in Zukunft tun zu können, muss man sich mit den Umwälzungen auseinandersetzen, die unsere Welt erfährt oder wahrscheinlich erfahren wird. Daraus werden sich Herausforderungen ergeben, denen sich die Namur stellen muss. Ich will hier nur zwei Stichworte nennen: Die Globalisierung lässt auch die Automatisierungswelt zusammenrücken, deswegen ist eine noch besser ausgeprägte internationale Sichtbarkeit der Namur ein entscheidender Erfolgsfaktor. Die zu erwartenden Umwälzungen technologischer Art werden mehr denn je eine intensive Zusammenarbeit mit den Kollegen der Verfahrenstechnik erforderlich machen