Namur fördert integriertes Engineering, Modularisierung und Industrie 4.0

  • Dr. Wilhelm OttenDr. Wilhelm Otten
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  • Neben der Mitgliederzahl der Namur ist durch die Öffnung hin zu weiteren verfahrenstechnischen Branchen auch die Zahl der Namur-Empfehlungen (NE) und der Namur-Arbeitsblätter (NA) in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Integriertes Engineering, Modularisierung und Industrie 4.0 sind Themen, die die verfahrenstechnische Produktion derzeit bewegen und die auf der Namur Hauptsitzung am 7. und 8. November 2013 in Bad Neuenahr im Mittelpunkt stehen werden. CHEManager sprach im Vorfeld der Tagung mit Dr. Wilhelm Otten, Head of Business Line Technical Services bei Evonik Industries in Darmstadt und Vorstandsvorsitzender der Namur. Das Gespräch führte Dr. Volker Oestreich.

CHEManager: Herr Dr. Otten, eine verfahrenstechnische Produktion - ob in Chemie, Pharma- oder Nahrungsmittelindustrie - ist langfristig in Deutschland nicht mehr wirtschaftlich durchzuführen. Wir müssen uns also verstärkt nach neuen Fertigungsstandorten umsehen. Stimmen Sie diesen Thesen zu?


Dr. Wílhelm Otten: Ganz so einfach lässt sich das nicht sagen. Zweifellos wird die Produktion in den rohstoffintensiven Branchen bevorzugt in die Länder wandern, in denen die benötigten Rohstoffe vorkommen - zum Beispiel Saudi-Arabien. Die energieintensiven Branchen werden nach Standorten mit niedrigen Energiekosten Ausschau halten - hier spielen die USA mit ihren großen Schiefergasvorkommen eine wichtige Rolle. Generell sehe ich die Grundstoffchemie also mittelfristig nicht mehr in Europa. Das bedeutet für uns einen Druck in Richtung Spezialisierung und in Richtung Effizienzsteigerung. Dann wird die Spezialchemie in Europa zu Hause bleiben - hier ist das besondere Know-How gefragt, was eine unserer großen Ressourcen ist.

Welchen Beitrag können Verfahrenstechnik und Automatisierungstechnik für die Standortsicherung leisten?

Dr. Wílhelm Otten: Beide können und müssen ihren Beitrag zur Effizienzsteigerung bringen. Wir müssen aus unseren Assets das Maximum herausholen. Die Verfahrenstechnik hat in den vergangenen Zeiten große Verbesserungen geschaffen, jetzt muss die Automatisierungstechnik die letzten 10 % an Effizienzsteigerung aus den Anlagen ermöglichen. Zur Automatisierung gehören für mich auch die Zustandsüberwachung und die Sicherung der Anlagenverfügbarkeit.

Der dritte Bereich zur Effizienzsteigerung ist der der kompletten Logistiksysteme. Wir überwachen heute die komplette Supply-Chain - auch mit Hilfe der Automatisierungstechnik. In der Namur gründen wir gerade einen Arbeitskreis, der sich mit Produktionslogistik beschäftigt, weil dieses Thema immer wichtiger wird.

Inwieweit werden denn in unseren Anlagen die Potentiale genutzt, das Optimum aus den Assets herauszuholen?

Dr. Wílhelm Otten: Da gibt es in der Tat noch einen Lücke. Wenn ich an Asset Management Systeme denke, die besonders im personalreduzierten Betrieb enorm viel für die Anlageneffektivität leisten können, haben wir schon noch einen Aufholbedarf. Diese Systeme laufen in China in den meisten neu gebauten Anlagen; in den Altanlagen Europas sind sie leider kaum vorhanden. Das liegt zum Teil auch daran, dass in den Altanlagen das entsprechende Know-How hierfür fehlt. Eine der Ursachen ist für mich, dass die Verfahrenstechniker und die Regelungstechniker/Automatisierer zu weit auseinander sind - das beginnt schon im Studium und setzt sich in der Anlagenpraxis leider fort.
Auf alle Fälle müssen wir dafür sorgen, dass die Betriebsteams vor Ort fachübergreifend aus Chemikern, Verfahrenstechnikern und Automatisierungstechnikern zusammengesetzt sind, um die Möglichkeiten der Effizienzsteigerung durch die Automatisierung voll auszunutzen.

Es geht also um mehr als nur Automatisierung. Bestimmt ein Grund, weshalb die Namur das Thema „Integrated Engineering" zum Schwerpunkt ihrer 76. Hauptsitzung am 7 und 8. November in Bad Neuenahr gewählt hat. Aber ist es damit nicht für unsere bereits bestehenden Anlagen zu spät?


Dr. Wílhelm Otten: Nein, im Gegenteil. Es geht gerade um unsere Altanlagen, bei denen die Dokumentation und besonders auch die Qualität der Dokumentation bei weitem nicht ausreichend ist, um Wartungsarbeiten und Modernisierungen effizient auszuführen. Die ursprüngliche Anlagendokumentation „as built" ist nach wenigen Jahren überholt. Wenn dann die Änderungen in verschiedenen Systemen gepflegt werden müssen, laufen Dokumentation und Anlagenrealität schnell auseinander. Wir brauchen also einen einheitlichen Datenbestand, auf den alle Systeme zugreifen. Das ist besonders beim Feintuning der Anlagen, also beim letzten Schritt der Optimierung, besonders wichtig.
Neben den hohen Effizienz- und Verfügbarkeitsanforderungen haben wir das Thema Sicherheit. Auch hier spielt die Anlagendokumentation eine ganz wichtige Rolle. Deshalb gibt es derzeit auch viele Projekte in unseren Anlagen, um die Dokumentation in eine einheitliche Struktur zu bringen.
Gerade in unseren Altanlagen gibt es noch viele Möglichkeiten, die gehoben werden können und müssen. Wir in der Namur sehen hier auch eine unserer wichtigen Aufgaben, nämlich die Entscheidungsträger über die Potentiale durch konsequentere Automatisierung aufzuklären.

Was bedeutet Industrie 4.0 für die Prozessindustrie?

Dr. Wílhelm Otten: Beim vieldiskutierten Thema „Industrie 4.0", das uns auch im Namur-Vorstand intensiv beschäftigt, sind wir sowohl bei der horizontalen als auch bei der vertikalen Integration schon ganz gut aufgestellt. Über die vertikale Integration mit den Prozessleitsystemen machen wir ja auch die horizontale Integration, wir steuern ja die Anlagen ganzheitlich. Die große Herausforderung für uns ist die dritte Dimension, die Integration über den Life Cycle der Anlage. Diesem Thema werden wir uns auf der Namur Hauptsitzung ausführlich widmen.

Neben dem Integrated Engineering und der Industrie 4.0 ist die Modularisierung von Produktionsanlagen ein Themenfeld mit großer Bedeutung für unsere zukünftige Produktion.


Dr. Wílhelm Otten: Ja, die Modularisierung ist eine wesentliche Innovation der letzten Jahre. Sie wird besonders in weniger effizienten Batch-Anlagen zum Zuge kommen und zur Prozessstabilisierung beitragen, da sie quasi kontinuierliche Abläufe erzeugt. Die Flexibilität von modularen Anlagen, die relativ geringen Investitionskosten und die hohe Asset Utilization machen die Attraktivität dieses Verfahrens aus.
Mit diesen modularen Konzepten erreichen wir übrigens auch - ganz im Sinne von Industrie 4.0 - ähnliche Strukturen wie in der Fertigungstechnik: Wir müssen selbstorganisierende Strukturen schaffen, Intelligenz in die Module bringen und ganz neue Kommunikationsprozesse definieren, also quasi die intelligente, selbstlernende, flexible Schnittstelle schaffen.

Muss für diese Schnittstellen nicht zunächst eine grundlegende Normung geschaffen werden?

Dr. Wílhelm Otten: Die Standardisierung soll grundlegende Strukturen und Elemente darlegen, aber mehr nicht!

Seit zwei Jahren sind Sie Vorstandsvorsitzender der Namur, die vor über 60 Jahren als „Normenarbeitsgemeinschaft für Mess- und Regeltechnik der Chemischen Industrie" gegründet worden ist. Was waren aus Ihrer Sicht die Meilensteine auf dem Weg zur heutigen Namur als Interessengemeinschaft Automatisierungstechnik der Prozessindustrie und was sind die großen Ziele der nächsten Jahre?

Dr. Wílhelm Otten: Die Namur hat sich von einem eingeschworenen Kreis von Fachleuten geöffnet zu einer Organisation, die heute mehr denn je die Automatisierer fast aller Branchen der verfahrenstechnischen Industrie anspricht. Wir haben uns neben unseren intensiven Aktivitäten in China mit vergleichbaren Organisationen in Europa und den USA vernetzt. Die Namur repräsentiert heute mehrere Tausend Fachleute der Prozessleittechnik, von denen mehr als 300 in den ca. 40 Arbeitskreisen auf den Gebieten Messen, Steuern, Regeln, Automatisierung, Kommunikation, Prozessführung und Elektrotechnik über den ganzen Lebenszyklus der Anlage von der Planung, Beschaffung, Montage, Betrieb und Instandhaltung bis zur Stilllegung tätig sind.
Wenn Sie nach Meilensteinen der letzten Jahre fragen, so sind das für mich die strategische Erweiterung im Branchenfokus und die Internationalisierung der Namur. Das geschieht im Gleichklang mit unseren Kunden und den Lieferanten der Automatisierungstechnik. So können wir unseren Mitgliedsfirmen, von denen viele international agieren, getreu unserer Mission „benefits by process automation" ermöglichen.

Macht diese Internationalisierung der Namur nicht einen Know-How-Schutz und damit die schon eingangs erwähnte Sicherung der heimischen Produktion praktisch unmöglich?


Dr. Wílhelm Otten: Wir haben es besonders in der Spezialchemie mit hochkomplexen Verfahren zu tun, für die wir sowohl die Errichterkompetenz als auch die Betreiberkompetenz besitzen. Diese Komplexität hilft uns beim Know-How-Schutz. Einige unserer großen Mitgliedsfirmen legen Wert darauf, alle diese Kompetenzen im Haus zu behalten, andere verschlanken sich und konzentrieren sich auf Kernkompetenzen.

Was erwarten Sie von der bevorstehenden 76. Namur-Hauptsitzung am 7. und 8. November 2013 in Bad Neuenahr, die sich schwerpunktmäßig dem "Integrated Engineering" über den gesamten Lebenszyklus widmet?

Dr. Wílhelm Otten:
Mit dem Thema tragen wir der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung industrieller Wertschöpfungsprozesse Rechnung, die einen grundlegenden Wandel in der Industrie bewirkt und neue Produktivitätshebel ermöglicht.
Die Zusammenarbeit zwischen den Anlagenbetreibern und den Herstellern von Automatisierungseinrichtungen ist in Deutschland sehr gut - der intensive Austausch ist gelebte Praxis und der hat auch für die Namur große Bedeutung. Ich hoffe, dass auch durch die Zusammenarbeit der Namur mit unserem diesjährigen Sponsor Siemens weitere konkrete Ergebnisse entstehen.

 

 

 

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