Neue Technologien in die Anwendung bringen

Achema 2015 ermöglicht breiten Erfahrungsaustausch

  • Dr. Wilhelm Otten, Vorstandsvorsitzender der NAMUR und Geschäftsgebietsleiter Verfahrenstechnik & Engineering bei Evonik Industries: „TTIP bietet die historische Chance, die Regeln der Globalisierung zu gestalten.“Dr. Wilhelm Otten, Vorstandsvorsitzender der NAMUR und Geschäftsgebietsleiter Verfahrenstechnik & Engineering bei Evonik Industries: „TTIP bietet die historische Chance, die Regeln der Globalisierung zu gestalten.“

Die NAMUR ist ein international führender Interessenverband der Anwender der Automatisierungstechnik in der Prozessindustrie. Sie leistet einen Beitrag zur Wertschöpfung der Unternehmen durch die Zusammenführung von Kompetenzen, sie entwickelt die Anwendung der Automatisierungstechnik weiter und fördert den qualifizierten Nachwuchs. Im Vorfeld der Achema befragte CHEManager Dr. Wilhelm Otten, Vorstandsvorsitzender der NAMUR und Geschäftsgebietsleiter Verfahrenstechnik & Engineering bei Evonik Industries in Darmstadt zu aktuellen Themen der Prozessindustrie. Die Fragen stellt Dr. Volker Oestreich.

CHEManager:  Wie ist die wirtschaftliche Ausgangslage für Ihre Branche in diesem Jahr und wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Dr. Wilhelm Otten: Die chemische Industrie wächst weiterhin weltweit überproportional mit einer attraktiven Wertschöpfung. Aber die chemische Industrie hat ebenso eine hohe Dynamik mit großen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen: So werden durch die zunehmende Standardisierung und Individualisierung von Produkten die Zeiträume kürzer, in denen wir unsere Produkte profitabel anbieten können – die Notwendigkeit von Innovationen steigt dadurch.

Zudem führt die wachsende Nachfrage primär zu einer weiteren Verschiebung der Märkte, vor allem nach Asien. Damit verändern sich auch die Wettbewerbsstrukturen – wir werden uns mit mehr und neuen Anbietern messen müssen. In Regionen wie den USA und dem Mittleren Osten sind dabei die Kosten für Rohmaterialien und Anlagenbetrieb teilweise geringer als in Europa.

Welchen Standpunkt vertreten Sie zum Freihandelsabkommen mit den USA, TTIP? Chance oder Risiko?

W. Otten: Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP bietet die historische Chance, die Regeln der Globalisierung zu gestalten. Es ist ein innovativer Versuch der EU und der USA, sich auf hohe gemeinsame Standards zu einigen, die international auf andere Regionen ausstrahlen können.

In einer zunehmend multipolaren Welt ist es wichtig, alle Möglichkeiten zur Ausformung globaler Regeln und Standards zu nutzen.

Nicht niedrigere, sondern bessere Standards sind das Ziel. TTIP darf allerdings nicht zu einer Aufweichung europäischer Standards bei der Chemikaliensicherheit führen. Die deutsche Chemie arbeitet an Lösungen mit dem Ziel mit, Handelskosten zu senken und gleichzeitig den Schutz von Verbrauchern, Arbeitnehmern und Umwelt international zu verbessern.

Wo sind die Herausforderungen, Hürden und Hindernisse, um bei den Themen Digitalisierung, Internet of Things und Industrie 4.0 entscheidende Fortschritte zu machen?

W. Otten: Die Digitalisierung der Geschäftsprozesse ist eine branchenübergreifende Entwicklung.  Industrie 4.0 ist eine Initiative, die stark von der Fertigungsindustrie geprägt ist, doch auch für die Prozessindustrie wird die Vernetzung entlang der Supply Chain, des Asset Life Cycles und die vertikale Vernetzung in der Produktion Auswirkungen haben, obwohl die Prozessindustrie hier auf Grund der Anlagen- und Regelungsstrukturen gut aufgestellt ist.

Für die Prozessindustrie sehen wir zwei große Trends, die sich daraus entwickeln werden. Zum einen führen die geringeren Losgrößen in der Produktion unserer Kunden in der Fertigungstechnik in Verbindung mit einer Individualisierung der Produkte auch in der chemischen Industrie zu spezifischeren Produktanforderungen, häufigeren Produktwechseln, höhere Anzahl an Produktmodifikationen, schnelleren Produktzyklen und damit verbundenen kleineren Chargengrößen. Solche Produkte lassen sich in Batch-Anlagen oder zukünftig in modularen Anlagen flexibel und bedarfsgerecht herstellen. Die Weiterentwicklung der modularen Anlagen hin zu modularen Produktionssystemen ist eine Konsequenz aus Industrie 4.0.

Der zweite Trend geht einher mit der Öffnung unserer Anlagen in Richtung Internet und Cloud-Anwendungen. Damit sind Fernüberwachungen und die Fernsteuerung von Anlagen möglich. Die NAMUR ist gerade dabei, einen Arbeitskreis „Remote“ zu gründen, der die vorhandenen Erfahrungen in der Chemie zusammenführen soll und die notwendigen Voraussetzungen und Anforderungen an einen Remote-Betrieb von Anlagen definieren wird.

In beiden Feldern gibt es teilweise gleiche, teilweise unterschiedliche Hürden und Hindernisse. Die entscheidende Basis für die Vernetzung sind gemeinsame Standards für flexible Schnittstellen. Die intelligente Normung dieser Schnittstellen, die eine sichere Funktion zulässt aber auch genügend Flexibilität, um die individuellen Anforderungen zu erfüllen, ist hier die Herausforderung. Beim Remote-Betrieb ist das alles entscheidende Thema „ IT-Sicherheit“. Ein unautorisierter Zugriff auf unsere Anlagen muss ausgeschlossen werden.

Was sind die derzeitigen Hauptaktivitäten der Namur?

W. Otten: Im Bereich Internationalisierung wollen wir auch in den USA eine Interessenvertretung der Betreiber etablieren, wobei das nicht unbedingt unter der NAMUR-Flagge geschehen muss.

Bezüglich Industrie 4.0 führen wir unsere Standardisierungsinitiativen bezüglich Schnittstellen CAE/Prozessleitsysteme und Integration von Modulen in die Automatisierungssysteme weiter und starten, wie bereits erwähnt, mit einem Remote-Arbeitskreis.

Wir haben jetzt im Rahmen unseres Projekts „Smart“ die Voraussetzungen geschaffen, Ausfalldaten von Mess- und Regelgeräten noch gezielter zu erfassen und vor allem spezifischer auszuwerten. Und schließlich wollen wir unsere Prüfstandards weiterentwickeln und harmonisieren im Hinblick auf ein einheitliches Prüfsystem.

Was wünschen Sie der Achema, was wünschen Sie sich und Ihren Mitgliedsfirmen von der Achema?

W. Otten: Die Achema lebt von dem intensiven Austausch zwischen den Herstellern und Betreibern in der Prozessindustrie und Chemie. Sie kann daher einen wesentlichen Beitrag leisten, Technologien in die Anwendung zu bringen. Die Basis dafür ist die Interaktion zwischen Ausstellern und Besuchern. Ich möchte  alle unsere Mitglieder und natürlich auch die Hersteller ermuntern, diese Chance zu nutzen.

Autor(en)

Kontaktieren

Namur Geschäftsstelle

51368 51368
Germany
Telefon: +49 214 30 71034
Telefax: +49 214 30 72774

Jetzt registrieren!

Die neusten Informationen direkt per Newsletter.

To prevent automated spam submissions leave this field empty.