Prozessleittechnik, quo vadis

Es fehlt nicht an Ideen, sondern an der Umsetzung

  • Dr. Thomas  Tauchnitz, Sanofi Deutschland, Mitglied im Namur-Vorstand

Zwischen technischen Möglichkeiten und betrieblicher Praxis klafft eine immer größer werdende Lücke.

Zugegeben: Prozessleitsysteme gingen von proprietärer Hard- und Software zu kommerzieller über, Feldbusse wurden entwickelt und es wurden gute Methoden entwickelt für Advanced Process Control, Asset Management, Controller Performance Monitoring und Automatisierung von Batch-Anlagen.
Doch noch immer werden 80% der Feldgeräte mit 4-20 mA bestellt und die Anwendung der modernen Methoden ist immer noch eher selten: Der Aufwand für Entwicklung und Pflege ist einfach zu groß, so dass man es nur bei hohem Leidensdruck tut und wenn geeignete Helden zur Durchführung zur Verfügung stehen. Zwischen technischen Möglichkeiten und betrieblicher Praxis klafft so eine immer größer werdende Lücke. Es fehlt nicht an Ideen, sondern an der Umsetzung.
Und jetzt kommt Industrie 4.0, und plötzlich interessieren sich alle für die Automatisierungstechnik: Die Regierung mit viel Geld, die Universitäten, die Automatisierungshersteller und auch die Anbieter aus der Büro-Informationstechnik. Wird das die Prozessleittechnik jetzt revolutionieren?
Nein, sagen schon die ersten. Wir in der Chemie stellen keine individuell hellrosa-lila-gepunkteten Turnschuhe her, sondern Massenprodukte im Tonnenmaßstab. Wir brauchen langfristige Betriebssicherheit und hohe Zuverlässigkeit – nicht alle 2 Monate ein neues Handy-Modell und für jede neue Auto-Version eine neue Fabrikhalle. Wir legen Wert auf den Schutz unseres Produktions-Knowhows und von Mensch und Umwelt – das ist keine Spielwiese, einen „undo-Button“ gibt es nicht.

Aufwandslose Selbstüberwachung
Das mag stimmen. Aber brauchen wir nicht auch „plug and play“ für Feldgeräte und modulare Produktion? Wollen wir nicht die neuen Methoden endlich flächendeckend einsetzen, ohne jeweils einige 100.000 € zu investieren? Wollen wir nicht endlich die Erfahrung aus vielen Produktionsjahren durch Datenanalyse nutzen können? Unser kunden­inidividuelles Produkt zum Preis eines Massenproduktes ist dann kein Turnschuh, sondern eine fast kostenlose und blitzschnelle Automatisierung von neuen Geräten und Modulen, ein sich selbst konfigurierendes Asset Management, eine aufwandslose Selbstüberwachung von Regelkreisen.
Für dieses große Ziel hat die Namur, auch in Zusammenarbeit mit Herstellern, Universitäten, ZVEI und GMA, schon viel gemacht. Eine Auswahl:

  • Eine strukturierte Automatisierung von Batch-Prozessen wurde schon 1992 in NE 33 „Anforderungen an Systeme zur Rezeptfahrweise“ beschrieben.
  • Anforderungen an das „Plant Asset Management“ (NE 129) wurden 2003 festgeschrieben.
  • Ein interaktiver „MES-Wizard“ unterstützt bei Spezifikation von MES-Projekten.
  • Der automatische Austausch von Engineering-Daten wird in NE150 „Standardisierte Namur-Schnittstelle zum Austausch von Engineering-Daten zwischen CAE-System und PCS-Engineering-Werkzeugen“ allgemein beschrieben und in VDI/VDE-Richtlinie 3697 auf Basis von Automation ML standardisiert.
  • Bei der Namur-Hauptsitzung 2016 vorgestellte Namur Open Architecture öffnet die geschlossene Prozess­automatisierungswelt für die offene IT-Welt.

Aber all das nützt nur, wenn die Lücke zwischen technischen Möglichkeiten und betrieblicher Praxis verschwindet. Was kann dafür getan werden?

  • Die neuen Methoden müssen einfach anzuwenden sein. Einen Drucker zu Hause gab es auch erst, als kein Informatiker mehr zum Anschluss erforderlich war, sondern der Computer selbständig die richtigen Treiber herunterladen konnte.
  • Innovation erfordert Kompetenz auf Seiten des Betreibers. Das bedeutet nicht nur das Wissen um die Möglichkeiten, sondern auch die Kapazität zur Implementierung. Dazu gehört auch der Support durch ein technisches Management.
  • Die Komplexität kann nicht verringert werden, muss aber beherrschbar sein. Modulare Bausteine, klare Kochrezepte, gute Schulungen, pragmatische Ansätze. Eine klare, verständliche Sprache gehört dazu.

Die Möglichkeiten einfordern!
Aber das Wichtigste ist: Der Betreiber muss die Innovation auch brauchen. Nicht „nice to have“ oder zur Erfolgsmeldung an das Management nach dem Motto „Klar, wir machen auch Industrie 4.0!“, sondern als Brot- und Butter-Geschäft des Alltags. Deshalb sind die Verfahrensingenieure und Betriebsleiter jetzt so wichtig. Deshalb schreibe ich diesen Beitrag. Sie müssen um die Möglichkeiten wissen und sie einfordern. So, wie im Flugzeug die erwartete Zeit der Landung fortlaufend angezeigt wird – warum nicht auch das Ende des Batches? So, wie das Flugzeug am Boden gewartet wird und nicht in der Luft. So, wie der Internet-Shop anbietet „vielleicht interessiert Sie auch noch dies und jenes?“ Sie, liebe Verfahrensingenieure und Betriebsleiter, müssen die Lautsprecherdurchsage „Ein Elektriker bitte in die Messwarte“ genauso hassen wie wir PLTisten, weil sie zeigen würde, dass wir den Fortschritt verschlafen hätten. Die Antwort auf die Frage „Prozessleittechnik, quo vadis“ liegt also in Ihrer Hand!

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