Anlagenbau & Prozesstechnik

Schrittmacher für Zukunftstechnologien

Der ZVEI setzt mit Querschnittsthemen verstärkt auf Zusammenarbeit

10.01.2014 -

Die Automationsindustrie ist ein Schrittmacher für innovative wirtschaftliche Entwicklungen. Der ZVEI, der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, sieht Energieeffizienz, Megacities, Smart Grid, Industrielle IT und natürlich Industrie 4.0 als die Themen der Zukunft an. CHEManager sprach mit Dr. Gunther Kegel, Mitglied des Vorstands des ZVEI, Vorsitzender des Fachverbandes „Automation" des ZVEI und Vorsitzender der Geschäftsführung der Pepperl+Fuchs GmbH über die Bedeutung dieser Themen für die verfahrenstechnische Industrie und über die bevorstehende Hannover Messe. Die Fragen stellte Dr. Volker Oestreich.

CHEManager: Industrie 4.0 ist ein Thema, das auf keinem Kongress und keiner Industrie-Messe in diesem Jahr fehlt. Hype, Aufbruch zu neuen Ufern oder Evolution?

Dr. Gunther Kegel: Lassen Sie mich zunächst einmal versuchen, das Thema Industrie 4.0 zu umreißen: Industrie 4.0 ist die vollständige vertikale und horizontale Vernetzung von Produktionsassets und Produkten, die in Echtzeit Informationen austauschen und über hochperformante, dezentral implementierte Software alle Abläufe autonom und kontextbezogen durchführen. Die Netze und Systeme haben keine geographische Beschränkung und ermöglichen so eine hochflexible und gleichzeitig hocheffiziente Wertschöpfung.
Wenn man hofft, dass diese Vision nun kurzfristig Realität wird, dann hat man sicher „deutlich überhöhte Erwartungen", auf die in aller Regel ein gewisses „Tal der Ernüchterung" folgt. Insofern ist Industrie 4.0 im Moment ein medialer Hype. Im Gegensatz zu manch anderer Modeerscheinung setzt dieser Hype allerdings auf klaren Trends auf, die wiederum auf realen Geschäftschancen gründen. Ethernet und IP-basierte Kommunikation halten mit großer Geschwindigkeit Einzug in die Automatisierung der Produktion. Die Internet-Technologien werden schon heute in „Remote-Monitoring"-Applikationen genutzt, und die ersten Geräte verfügen über eingebettete Web-Server und erlauben so die Parametrierung und Diagnose über Standard-Browsersoftware. Auch auf der semantischen Ebene liefern Initiativen wie FDI und PROLIST nicht nur einen großen Umfang semantischer Elemente. Aus der Erfahrung dieser Projekte wissen wir auch, dass die abstrakte, geräteunabhängige vollständige Beschreibung und Strukturierung des Informationsaustausches die eigentliche Herausforderung auf dem Weg zur Industrie 4.0 darstellen wird.

Die drei Industrieverbände BITKOM, VDMA und ZVEI wollen das Thema Industrie 4.0 gemeinsam voranbringen und gründen dafür eine gemeinsame Geschäftsstelle: Die „Plattform Industrie 4.0" soll im April ihren operativen Betrieb aufnehmen. Eine so intensive Zusammenarbeit dieser Verbände hat es nicht immer gegeben. Notwehr oder späte Einsicht?

Dr. Gunther Kegel: Zunächst einmal begrüßen vor allem die Unternehmen, die in mehr als einem Verband tätig sind, diese gemeinsame Initiative. Die Firmen der Informationstechnologien, des Maschinenbaus und der Elektroindustrie besetzen das Thema und dokumentieren den interdisziplinären Charakter und gleichzeitig die überragende Bedeutung von Industrie 4.0. Im Übrigen hat sich die Zusammenarbeit zwischen den Verbänden auch auf anderen Arbeitsebenen in der jüngeren Vergangenheit deutlich verbessert. Über die Themen wachsen die Industrien zusammen und behalten trotz allem ihre Identität.

Dass der ZVEI und seine Mitgliedsunternehmen Industrie 4.0 fördern ist verständlich, schließlich gehören sie zu den Hauptlieferanten der dafür nötigen Hard- und Software sowie der Dienstleistungen. Was hat die verfahrenstechnische Industrie, insbesondere also Chemie, Pharma und Food, von Industrie 4.0 und wieweit sehen Sie die Ideen dort in Angriff genommen?

Dr. Gunther Kegel: Es ist richtig, dass die Prozessindustrien Neuerungen in der Automation zunächst einmal zurückhaltender beurteilen. Die Schutzziele der Automation und die Standzeiten der Anlagen gestalten einen allzu schnellen Wechsel von Automatisierungstechnologien in der Prozessindustrie technisch und wirtschaftlich schwierig. Auf der anderen Seite kommen Initiativen wie Prolist und FDI ausschließlich aus der Prozessautomation, und die ersten komplexen Feldgeräte und Analysegeräte nutzen bereits Ethernet und Webtechnologien, wenn auch mit proprietärer Semantik. Gerade die Auflösung geographischer Grenzen und eine weitreichende Autonomie der Industrie 4.0-Netze können auch für die Prozessindustrien sehr hilfreich sein.

Auch auf der bevorstehenden Hannover Messe wird Industrie 4.0 ein vieldiskutiertes Thema sein. Nachdem die Marke „Interkama" in Hannover verschwunden ist und immer mehr Aussteller aus der Prozessautomatisierung der Messe fernbleiben, ist die Attraktivität der HM für die verfahrenstechnische Industrie weiter gesunken ...

Dr. Gunther Kegel: ... und wird mit dem Zusammenwachsen der Technologien wieder steigen. Wo, wenn nicht in Hannover, können sich Anwender der Prozessindustrie über Querschnittsthemen und Mega-Trends informieren? Hannover ist die internationale Plattform zur Präsentation übergreifender Konzepte, die von einer breiten Anwendung durchaus noch etwas entfernt sein dürfen, und damit die prädestinierte Plattform für Industrie 4.0.

Lassen Sie mich generell das Thema „Globalisierung" aufgreifen: Nachdem sich viele deutsche Firmen in China engagiert und dort Joint Ventures gegründet haben, hört man jetzt immer öfter, dass chinesische Firmen deutsche Firmen übernehmen - insbesondere im Maschinenbau. Wann wird das erste gewichtige ZVEI-Mitglied in chinesischer Hand sein?

Dr. Gunther Kegel: Im Moment ist gerade für die Automation China noch immer ein gigantischer Absatzmarkt und weniger eine Wettbewerbsbedrohung. Die Automation exportiert genau doppelt so viel Produkte und Dienstleistungen nach China, wie umgekehrt von China importiert werden. Dabei enthalten die Importe auch die firmeninternen Warenströme. Der Anteil chinesischer Marken am deutschen Automatisierungsmarkt ist nach wie vor vernachlässigbar.
Für die Zukunft sehe ich durchaus chinesische Firmen und Investoren, die ein Interesse daran haben, sich gerade in den deutschen Mittelstand einzukaufen. Auf der anderen Seite gibt es aber mittlerweile auch eine ganze Reihe kleinerer chinesischer „Start-Ups", die für deutsche Unternehmen durchaus eine sinnvolle Ergänzung der eigenen Asien-Strategie sein können.

Seit Jahren kämpft der ZVEI und insbesondere der Fachverband Automation für das Thema Energieeffizienz. Die Umsetzung scheint in vielen Bereichen jedoch noch auf sich warten zu lassen - beispielsweise bei drehzahlgeregelten Antrieben für Pumpen.

Dr. Gunther Kegel: Energie-Effizienz ist heute schon fast ein Selbstläufer. Jeder kann die Einsparungen über den Lebenszyklus z. B. mit dem „ZVEI Lifecycle Cost Tool" einfach berechnen, und in vielen Fällen stellt sich heraus, dass sich Investitionen in Energie-Effizienz in kürzester Zeit bezahlt machen - ohne Subvention und staatliche Beihilfe. Davon profitieren vor allem die Hersteller energieeffizienter Motoren und Frequenz-Umrichter, aber auch die allgemeine Automatisierungstechnik. Das Thema Energie-Effizienz hat zusätzliche Geschäfte generiert, so dass die Automation gegen den allgemeinen industriellen Trend wachsen konnte. Nur darf man nicht vergessen, dass der Austausch eines alten Motors jedes Mal einen Planungs- und Engineering-Aufwand erfordert, vor allem wenn man den neuen frequenzumrichtergesteuerten Motor in ein gesamtes Automatisierungssystem einbinden will. Den Energieeinsparungen von bis zu 90 % stehen hier eine beschränkte Ingenieur-Ressource und der störungsfreie betriebliche Ablauf entgegen.

Industrie 4.0 und Energieeffizienz sind Herausforderungen, die auf breiter Basis angegangen werden müssen und die neue Zusammenarbeiten erfordern, die aber auch neue gemeinsame Geschäftsfelder für Elektroindustrie und Chemie schaffen wie beispielsweise die Produktion von Batterien. Wie sieht die Strategie des ZVEI für neue Partnerschaften aus?

Dr. Gunther Kegel: Der ZVEI hat vor Jahren begonnen, neben der vertikalen produkt- und systemorientierten Arbeit in den Fachbereichen auch ein horizontales Themenmanagement aufzusetzen, um so die Mitgliedsfirmen auch bei den Querschnittsherausforderungen der Elektrotechnik zu unterstützen. Diese Querschnittsthemen wie „Industrie 4.0", „Energieeffizienz" oder „Elektromobilität" erzeugten gleichzeitig auch eine deutlich sichtbare Präsenz der Elektrotechnik in der öffentlichen Wahrnehmung, und es sind eben diese Themen, für die der ZVEI aktiv Partnerschaften und Bündnisse mit anderen Verbänden und Interessengemeinschaften sucht.

 

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