06.12.2018
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100 % Digital in der Prozessindustrie

Tutzing-Symposion Teil 5: Der Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt

  • Tutzing-Symposion Teil 5:  Der Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt © pxhere.comTutzing-Symposion Teil 5: Der Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt © pxhere.com
  • Tutzing-Symposion Teil 5:  Der Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt © pxhere.com
  • Der Bedarf an niedrigqualifizierten und hochqualifizierten Mitarbeiter wird größer. Der für das mittlere Segment wird hingegen sinken. © Workshop auf dem Tutzing-Symposium, Ralph-Harry Klaer

Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern komplette Geschäftsmodelle, heben neue Effizienzpotenziale und stärken die Wettbewerbsfähigkeit. Auf dem 57. Tutzing-Symposion vom 15.–18.04.2018 wurde mit Vorträgen und Kreativworkshops erkundet, welche speziellen Anforderungen die Prozessindustrie hat, welche digitalen Innovationen bereits umgesetzt wurden und wo noch Handlungsbedarf besteht. Ein Workshop befasste sich mit dem Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt.

Insgesamt wurden im Rahmen des Tutzing-­Symposions, das von der ProcessNet-Fachgemeinschaft Prozess-, Apparate und Anlagentechnik (PAAT) organisiert wurde, 36 Thesen in sechs Workshops erarbeitet, die in dieser Zeitschrift ab Juni 2018 (CITplus 6, 7-8, 9 und 10/2018 jeweils S. 6 ff) vorgestellt wurden.

Workshop Digitale Arbeitswelten
Digitalisierung ist ein Phänomen mit einer Querschnittsfunktion. Wenngleich die Digitalisierung Ihren Ursprung in einer technischen Weiterentwicklung hat, so werden die Auswirkungen den Alltag in der Freizeit und im Beruf gleichermaßen verändern. Obwohl diese Veränderungen schon an vielen Stellen sichtbar sind, ist das gesamte Ausmaß der eintretenden Veränderungen noch nicht erkennbar. Welche Veränderungen auf die Arbeitswelt speziell im Bereich der Prozessindustrie zukommen können, wurde im Rahmen des Tutzing Symposiums erörtert. Daraus wurden fünf Thesen zu den digitalen Arbeitswelten aus verschiedenen Blickwinkeln entwickelt:

THESE 1:
Die Digitalisierung wird die Organisation der Arbeit verändern, hin zu einer Gesamt­betrachtungsweise.
In einer Arbeitswelt, in der jede Information schnell an jedem Ort und in nahezu beliebigem Medium verfügbar ist, wird das heute noch vorherrschende sogenannte Herrschaftswissen an Bedeutung verlieren. Hierarchische Arbeitsabläufe werden zunehmend hinderlich werden. Tatsächlich werden die notwendigen Informationen dem Mitarbeiter ohne Schranken zur Verfügung stehen. Schnelle Wissensteilung mit zügigen Reaktionen wird wettbewerbsbestimmend sein. Optimierungen in Einzelbereichen – z. B. auf Abteilungs- oder Bereichsebene ohne Betrachtung des Gesamtprozesses der Wertschöpfung werden sich in zunehmendem Maße nachteilig auswirken, weil sie komplexere Kommunikationswege erzeugen.

Dies spricht dafür, Hierarchieebenen zu relativieren.
Entsprechend werden neue Berufsfelder entstehen, die überlappende Tätigkeiten fordern und ganzheitliches Prozessdenken über das Fachwissen stellen.

THESE 2:
Die Anzahl der Arbeitsplätze in der Produktion wird sinken – die Arbeitsplätze der Stakeholder werden steigen.
Zweifelsohne wird die Digitalisierung einen höheren Automatisierungsgrad von Produktions- und auch Organisationsprozessen ermöglichen, was zu einer Abnahme der in diesen Feldern Beschäftigten führen wird. Das Steuern und Regeln von Produktionsstätten kann zukünftig (fast) vollständig aus der Ferne vollzogen werden.
Neue Schwerpunkte der Wertschöpfung durch Arbeitskraft „vor Ort“ werden sich jedoch bilden, z. B. in den Bereichen:

  • Produktentwicklung,
  • Logistik,
  • Instandhaltungsbereich,
  • ganzheitlicher IT Bereich,
  • Systemanbieter.

Der Anspruch an die Lebensqualität und Ausstattung am Arbeitsplatz wird steigen, da die Notwendigkeit für eine intensive Vor-Ort-Präsenz aus rein fachlichen Gründen stark abnehmen wird. Will ein Arbeitgeber dennoch die Mitarbeiter zu Präsenz anregen, um z. B. die sozialen Bindungskräfte und das Betriebsklima zu fördern, müssen die Arbeitsplätze entsprechend motivierend gestaltet werden.

THESE 3:
Der Anspruch an die Qualifikation der ­Mitarbeiter ändert sich zu größeren Extremen
Zukünftig wird sich die Anforderung an die Qualifikation der Mitarbeiter zu größeren Ex­tremen entwickeln, d. h. der Bedarf an niedrigqualifizierten und an hochqualifizierten Mitarbeitern wird größer: Auch zukünftig sind kurzfristige einfache Arbeiten nötig, um die Lücken in der Datenwelt schließen. Dazu gehören einfache Dateneingaben, und vorgegebene Formatierungen, die auch in Zukunft notwendig sind, um Betriebsausfälle zu verhindern. Damit dies gelingt ist zuvor eine intensive Recherche bei den vorhandenen und zu erstellenden Anlagen notwendig.
Die Betriebsmannschaft wird heutzutage vor Ort hauptsächlich zur Vermeidung und Behandlung von Störungen benötigt. Störungen melden sich in der Regel mit begleitenden Phänomenen an. Gemeinhin wird die zielgerichtete Wahrnehmung und Interpretation dieser begleitenden Phänomene als Erfahrung des Anlagenbetreibers gewertet und ist nicht unbedingt systematisch erfasst.
Bei gutem Remote Controlling werden dem Anlagenbetreiber diese Information vollständig und gezielt zur Verfügung gestellt,  so dass er sie mit seiner Erfahrung gewichten kann und auf aufkommende Störungen ohne Vor Ort Präsents adäquat reagieren kann.“
Zusätzlich werden aber verstärkt hochqualifizierte Tätigkeiten gebraucht. Beispielsweise wird der Chemiefacharbeiter in Zukunft über gute Programmanwendungs- und eventuell auch Programmierkenntnisse verfügen (müssen). Dementsprechend wird gerade die Anzahl der Arbeitsplätze im mittleren Qualifikationslevel als Folge der Digitalisierung zurückgehen: Einerseits rentiert es sich aufgrund des höheren Lohnniveaus, in komplexe Automatisierung und Algorithmen zu investieren und andererseits wird zukünftig durch Methoden wie Maschine Learning und Künstliche Intelligenz ein Lösungsraum zur Verfügung stehen, der es auch erlaubt, Entscheidungen auf höherem Niveau zuverlässig fällen zu können.

THESE 4:
Die Bedeutung der Kommunikation wird weiter zunehmen
Die Kommunikation wird hinsichtlich Umfang und Bedeutung weiter zunehmen. Quantität und Vielfalt der Kanäle werden entscheidend für den Wissensvorsprung. Aber auch die gezielte Steuerung der Informationen wird zunehmend bedeutsamer, um den Menschen nicht ungefiltert der Flut an Informationen auszusetzen. Intelligente Systeme zur Erkennung der Relevanz einer Information aufgrund des eigenen Verhaltens sind bereits heute verbreitet im Einsatz, z. B. bei Mailsystemen. Umso wichtiger wird die prinzipielle Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit des einzelnen Mitarbeiters gefordert werden, welches Wissen er in welchem Umfang und auf welchem Weg wem zur Verfügung stellt und stellen will. Auch hierbei sollte eine möglichst ganzheitliche Prozessbetrachtung eine wichtige Grundlage zur Entscheidungsfindung sein.

THESE 5:
Der Zuordnung von Verantwortung und dem sicheren Betrieb von Produktionsstätten ist oberste Priorität beizumessen
Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und das Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit. Um hierfür eine gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen, muss die Verantwortungsfrage um programmierte Entscheidungen einen sicheren globalen Rechtsrahmen bekommen. Das setzt aber voraus, dass die entsprechende Erfahrung vorhanden ist, Prozesse auch alleine anhand von digitalen Informationen sicher beurteilen zu können.
Es besteht Einigkeit, dass Verantwortung nicht (vollständig) an eine Maschine delegiert werden kann. Es wird eine der zukünftigen Kernaufgaben sein, die notwendigen Voraussetzungen, Entwicklungs- und Testverfahren zu definieren, um Menschen für die von Maschinen getroffenen Entscheidungen verantwortlich zu machen – dies gilt für alle Ebenen bis hinein in den privaten Bereich des autonomen Fahrens. Diese Aufgabe gilt es gemeinsam in der Gesellschaft zu lösen, ehe Algorithmen über sicherheitsrelevante oder gar lebensbedrohliche Szenarien entscheiden.

Fazit
Die Digitalisierung wird in den kommenden 10 bis 20 Jahren den größten Einfluss auf den Wandel in der Arbeitswelt ausüben. Die technischen Möglichkeiten lassen jetzt schon sehr große Veränderungen zu.
Daher gilt es jetzt, die Voraussetzung für eine höhere Wertschöpfung durch vorausschauende Ausbildung und Bereitstellen einer geeigneten Infrastruktur der Arbeit zu schaffen. Hierbei sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Ihren Vertretungen gleichermaßen gefordert.
Neue, richtungsweisende politische und gesetzliche Rahmenbedingungen, die unsere Arbeitswelt regeln, sind notwendig, um diese Änderungen zu meistern. So können die heutigen Produktions- und Planungsstandorte weiterhin global wettbewerbsfähig bleiben.

Autor(en)

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VDI e.V. Ges. Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen
Postfach: 101139
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