21.04.2020
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Erfolg hat viele Gesichter

Der Dokumentarfilm „Erfolg“ zeigt, wie sich der Erfolgsbegriff in der heutigen Gesellschaft ändert

  • Für den Dokumentarfilm „Erfolg“ begleitete Regisseur Kristian Gründling 15 Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung über zwei Jahre.Für den Dokumentarfilm „Erfolg“ begleitete Regisseur Kristian Gründling 15 Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung über zwei Jahre.
  • Für den Dokumentarfilm „Erfolg“ begleitete Regisseur Kristian Gründling 15 Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung über zwei Jahre.
  • Der Regisseur und Filmemacher Kristian Gründling erforscht die Verbindung von Sinn, Mensch und Arbeit, und widmet sich damit den drängendsten Fragen in einer zunehmend technologisierten und sich verändernden Welt. Sein Film „Die Stille Revolution“ zum Kulturwandel in der Arbeitswelt wurde mehrfach ausgezeichnet.
Für den Dokumentarfilm „Erfolg“ begleitete Regisseur Kristian Gründling – bekannt durch den preisgekrönten Film „Die stille Revolution“ – 15 Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung über zwei Jahre. Der Film zeigt eindrucksvoll die Ängste, Hoffnungen und die Konflikte, welche die Protagonisten dabei erleben – z. B. den inneren Kampf zwischen dem Anspruch eine gute Führungskraft zu sein und dem, was sie im tiefsten Herzen sein wollen. Andrea Gruß sprach mit Gründling darüber, was individuellen Erfolg ausmacht und was es bedarf, damit Menschen ihr Potenzial entfallten, sich weiterentwickeln oder gar neu erfinden können. Ein Thema, das nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie für viele Selbstständige und Arbeitnehmer an Bedeutung gewinnt. Denn die Krise beschleunigt zum einen Veränderungen in der Arbeitswelt, zum anderen entschleunigt sie und schafft so Zeit zur Reflexion des eigenen Erfolgsbegriffs.

CHEManager: Herr Gründling, wie entstand die Idee für den Film?
Kristian Gründling: Ich hatte gerade den Film „Die stille Revolution“ fertiggestellt, als bei einer der ersten Vorführungen der Protagonist ­Michael Buttgereit von der Agentur Gute Botschafter und Mario Kestler, Geschäftsführer der Haufe Akademie, mit der Idee auf mich zukamen. Die beiden hatten das Projekt S.mile initiiert, bei dem die Haufe Akademie 15 Menschen ermöglichte, sich zwei Jahre lang ohne Limits oder Vorgaben ihrer Entwicklung zu widmen (vgl. Kasten unten im Interview in ­CHEManager 23/2018). Was wäre, wenn wir diese mit der Kamera begleiten würden? Könnte man dadurch sichtbar machen, was Entwicklung im Leben von Menschen bewirkt? Ich war sofort interessiert.

„Klassische Karrierewege, die über viele Jahrzehnte
Bestand hatten, ändern sich derzeit grundlegend.“

Wann startete das Projekt?
K. Gründling: S.mile begann Mitte 2016 mit einem Kick-off in Freiburg. Dort lernte ich die Teilnehmer kennen, die wir in den nächsten beiden Jahren filmisch begleiten sollten: 15 tolle Menschen mit einer großen Bandbreite in Bezug auf Alter, Herkunft und beruflichen Hintergrund, darunter Frauen, die in den Beruf zurückkehrten, Start-up-Unternehmerinnen, die ihr Geschäft in Schwung bringen wollten, sowie Flüchtlinge und Führungskräfte aus Unternehmen.
Keiner von ihnen wusste genau, auf was er sich eingelassen hatte und was es bedeutet, die Freiheit zu haben, sich ein Stück weit neu zu erfinden. Die Haufe Akademie stellte allen einen Coach ihrer Wahl zur Seite. Zudem konnte jeder unbegrenzt Seminare aus dem Portfolio der Akademie wählen.
 
Was geschah nach dem Kick-off?
K. Gründling: Zunächst gar nichts. Es vergingen viele Monate, ohne dass ein Seminar gebucht wurde. Wir fragten uns: Ist irgendwo eine Handbremse angezogen? Warum buchen sie nicht? Erst viel später konnten wir die Situation einordnen, die aus meiner Sicht repräsentativ für die heutige Arbeitswelt ist.
 
Inwiefern?
K. Gründling: Die zunehmenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung, die Berufe verändert oder gar wegfallen lässt, eröffnen Menschen auch die Chance, sich neu zu erfinden. Doch für viele ist das eine Herausforderung. Denn der klassische Weg in der beruflichen Weiterbildung war bislang, dass eine Personalabteilung oder eine Führungskraft dem Mitarbeiter empfahl oder sogar vorgab, welche Weiterbildungen er besuchen soll. Es gab einen klar vorgegebenen Weg. Bei S.mile entfielen diese Vorgaben. Jeder durfte sich weiterbilden, wie er wollte und auch wählen, was ihm privat gefällt. Dieser Freiheitsgrad war für viele ungewohnt. Ich würde fast sagen, es setzte sie unter Stress. Das hat zu Beginn zu einer gewissen Blockade geführt.

„Uns steht eine ganz wunderbare Zukunft in der Arbeitswelt bevor, wenn
mehr und mehr Menschen ihr individuelles, kreatives Potenzial entdecken.“

 
Wie konnte sie gelöst werden?
K. Gründling: Um die scheinbar profane Frage zu beantworten, welche der 100 Seminare soll ich buchen, mussten die Teilnehmer andere, grundsätzliche Fragen voranstellen. Was ist mir wichtig? Was möchte ich in meinem Leben bewegen? Was bedeutet Erfolg für mich? Bedeutet Erfolg für mich, auf der vorgegebenen Karriereleiter weiterzugehen oder bedeutet Erfolg für mich vielleicht etwas ganz anderes? Hinzu können Glaubenssätze kommen, die Menschen daran hindern, einen einmal eingeschlagenen Pfad zu verlassen. Die Coaches hatten einiges zu tun, um an die Oberfläche zu bringen, was in den Menschen schlummerte – Wünsche, Ziele, Talente, die sie bisher noch nicht entdeckt hatten.
 
Haben Sie deshalb den Filmtitel „Erfolg“ gewählt?
K. Gründling: Ja, wir haben während der Dreharbeiten festgestellt, dass Erfolg eine Haltungsfrage ist und es hier eine große Vielfalt gibt. Für den einen kann er bedeuten, möglichst schnell die Karriereleiter aufzusteigen, für den anderen, eine große Wirkung in einem bestimmten Bereich zu erzielen. Für den Nächsten wiederum bedeutet Erfolg, Familie und Privatleben in den Fokus zu stellen und dieses gut mit der Arbeit zu kombinieren. Klassische Karrierewege, die über viele Jahrzehnte Bestand hatten, ändern sich derzeit grundlegend, und zwar nicht nur für die Generation Y, sondern generationsübergreifend. Dabei ist die Frage nach dem Sinn des eigenen Wirkens bedeutender als noch vor fünf bis zehn Jahren.
 
Was bedeutet die veränderte Sichtweise auf Erfolg für Unternehmen?
K. Gründling: Unternehmen, die einen starken Sinn anbieten, – und das gilt ja auch für viele Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche – sollten dies klar kommunizieren und herausstellen an welchen wichtigen Themen sie arbeiten. Darüber hinaus sollten Unternehmen mit ihren Mitarbeitern in Kontakt treten, um zu verstehen, was diese benötigen, um ihren individuellen Erfolgsbegriff zu leben. In manchen Fällen kann das Investment in die Weiterbildung eines Mitarbeiters auch dazu führen, dass dieser nach einigen Jahren das Unternehmen verlässt, um sich weiterzuentwickeln. Unternehmen, die dies zulassen und die Haltung zeigen, dass ihnen die Entwicklung des Menschen wirklich wichtig ist, sind erfolgreicher. Denn diese Mitarbeiter werden die besten Botschafter für das eigene Unternehmen sein. 

„Viele können ihr Potenzial nicht ausleben, weil sie
in vorgegebenen Strukturen arbeiten müssen.“

Früher drehten Sie Werbe- und Imagefilme. Heute sind Sie Regisseur und produzieren Filme, zum Beispiel über den Wandel der Arbeitswelt. Was bedeutet Erfolg für Sie persönlich?
K. Gründling: Ich habe eine lange Zeit meines Lebens gedacht, ich bin nicht ganz vollständig, ich reiche nicht aus. Aber ich kann das ausgleichen durch Leistung. Mit dieser Haltung begibt man sich sehr schnell in ein Hamsterrad und läuft Zielen hinterher, um das eigene Gefühl der Unvollkommenheit auszugleichen. Durch eine besondere Hülle, die ich mir anlegte, suggerierte ich nach außen hin Erfolg und sonnte mich in diesem Kleid. Mit dieser Hülle habe ich mich über viele Jahre als Werbefilmer beschäftigt. Doch der bedürftige Mensch im Inneren blieb.
Erst nachdem ich mich bei der Frage, was mir wichtig ist, loslöste von der Außenwirkung, konnte ich erkennen, was in mir steckt. Plötzlich kamen Talente zum Vorschein, die mir vorher gar nicht bewusst waren, und das, ohne dass ich mich ständig anstrengen oder performen musste. Sie steckten einfach in mir drin. Ich glänzte nicht mehr länger, sondern begann zu leuchten.
Ich glaube, in jedem Menschen steckt solch ein Potenzial und uns steht eine ganz wunderbare Zukunft in der Arbeitswelt bevor, wenn mehr und mehr Menschen ihr individuelles, kreatives Potenzial entdecken und nicht mehr glauben, irgendwelchen Ansprüchen genügen zu müssen. Wir brauchen das ganze Potenzial der Menschen. Wir brauchen Individualität. Wir brauchen Kreativität.
 
Was können Unternehmen dazu beitragen, um dieses Potenzial zu heben?
K. Gründling: In jedem Unternehmen steckt ein großer Schatz an Menschen mit Visionen und Ideen. Viele von ihnen können ihr Potenzial nicht ausleben, weil sie in vorgegebenen Strukturen arbeiten müssen. Diese Strukturen hatten lange Zeit ihre Berechtigung. Nun beginnen sie gerade aufzubrechen. Berufsfelder und Stellenbeschreibungen werden flexibler. Unternehmen können dem Rechnung tragen, indem sie Stellen um einen Menschen und dessen Potenzial herum bauen, statt diese in bestehende Raster einzuordnen. Unser Film kann dazu beitragen, den Transformationsprozess in Unternehmen anzustoßen, das hat die Roadshow zum Preview von „Erfolg“ gezeigt.
 
Die Roadshow endete im Dezember vergangenen Jahres. Wie geht es weiter?
K. Gründling: Wir sind das Filmprojekt ergebnisoffen und agil angegangen. Über die Roadshow haben wir die Zuschauer in den Entstehungsprozess des Films eingebunden. Es war eine tolle Tour. Alle Vorführungen waren ausverkauft und es entstanden viele anregende Diskussionen mit dem Publikum. Die Abende wurden immer länger. Wir haben Klarheit darüber bekommen, was Menschen besonders berührte und wo wir eventuell noch besser werden können oder sich Zuschauer noch mehr Informationen gewünscht hätten. Bis Mitte des Jahres werden wir „Erfolg“ fertigstellen. Dann wird es weitere Veranstaltungen in Kinos geben und wir werden den Film Unternehmen für interne Diskussionsveranstaltungen anbieten.
www.erfolg-der-film.de
 

S.mile – Entwicklung erleichtern, Sinn fördern 
Das Projekt S.mile (= smart mile) der Haufe Akademie ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie Mitarbeiter dem Sinn ihrer Arbeit näherkommen können. 
Zwei Ausgangsfragen standen dabei im Mittelpunkt: Erstens, wie kann der Mehrwert der eigenen Arbeit für alle Mitarbeiter der Haufe Akademie greifbar werden – selbst wenn der einzelne nur einen scheinbar kleinen Beitrag zum großen Ganzen leistet? Und zweitens: Welches Potenzial können Menschen entfalten, wenn man vorbehaltslos an sie glaubt und uneingeschränkt fördert? Um dies zu erkunden, wurde Menschen in schwierigen Ausgangslagen oder besonderen Lebenssituationen über zwei Jahre das volle Entwicklungsprogramm der Haufe Akademie zur Verfügung gestellt. Dazu zählten auch die individuelle Beratung und Begleitung durch persönliche Coaches. 
Die Entwicklung des Projekts und der einzelnen Teilnehmer wurde durch den Dokumentarfilmer Kristian Gründling begleitet und in einem Buch dokumentiert.
ww.entwicklung-erleichtern.de 
 
S.mile
Mit Sinn und Selbststeuerung zur neuen Lernkultur
Mario Kestler, Jutta Rump (Hrsg.)
Haufe-Lexware 2019
215 Seiten
29,95 EUR
ISBN: 978-3-648-13114-5
 

ZUR PERSON

Kristian Gründling ist Regisseur, Filmemacher und Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft Grünfilm Medienproduktion mit Sitz in München.

Als filmischer Begleiter von Transforma­tionsprozessen erforscht er die Verbindung von Sinn, Mensch und Arbeit, und widmet sich damit den drängendsten Fragen in einer zunehmend technologisierten und sich verändernden Welt. Sein Film „Die stille Revolution“ zum Kulturwandel in der Arbeitswelt wurde mehrfach ausgezeichnet.


 

 

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