23.01.2013
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Frauenquote – Unternehmen der Chemieindustrie suchen verstärkt nach weiblichen Führungskräften

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  • Claus-Peter Barfeld, Geschäftsführer, Barfeld & Partner

Frauenquote - ein Tabuthema in der deutschen Chemiebranche? Keineswegs! Headhunter wie Claus-Peter Barfeld wurden in den vergangenen Jahren verstärkt mit der Anforderung konfrontiert, neben qualifizierten Männern auch Frauen für vakante Positionen in der ersten und zweiten Führungsebene zu präsentieren. Dabei geht es den Konzernen nicht allein darum, die angestrebte Frauenquote zu erfüllen, sie streben zudem einen ausgewogenen Mix zwischen Frauen und Männern in der Unternehmensführung an, berichtet Unternehmensberater Barfeld:

Zugegeben, die eingangs genannte Vorgabe steht eher auf der Agenda von Großkonzernen als auf der kleinerer oder mittelständischer Unternehmen. Denn hier wird die Frauenquote oft zwangsläufig durch die Erbfolge erfüllt, so dass laut Infratest fast jeder fünfte mittelständische Betrieb in Deutschland durch gut ausgebildete und engagierte Unternehmerinnen geführt wird. Sie bekommen Beruf und Familie gut geregelt. Wir beobachten, dass die meisten Managerinnen auf der ersten und zweiten Ebene kein oder maximal ein Kind haben, um das sich entweder beide Elternteile, leibliche Verwandte wie die Großeltern oder externe Betreuungskräfte kümmern.
Wie wird es weitergehen mit der Frauenquote in der Chemiebranche? Brauchen wir sie als gesetzliche Vorgabe? Oder wird sich das Thema in den nächsten fünf bis zehn Jahren von selbst erledigen? Ich gehe von Letzterem aus. Noch nie gab es so viele Studentinnen in der Chemie wie heute. Teilweise weit über 50 % der Hochschulabgänger sind weiblich. Hier kommt eine Welle von hoch qualifizierten, gut ausgebildeten und meist auch ehrgeizigen Frauen auf uns zu!
Allein aus dem derzeitigen, aber auch aus dem sich weiter verstärkenden Fach- und Führungskräftemangel, wird sich demnächst in der Chemieindustrie ein ganz anderer Frauenanteil ergeben, als wir ihn heute haben. Wenn Frauen gut sind, sind sie überdurchschnittlich gut und geben - gerade wegen der tradierten Vorstellungen der vergangenen Jahrzehnte, dass im Beruf die Männerwelt zu dominieren hat - besonders viel Gas! Sie werden bei der Karriere viele männliche Kollegen links liegen lassen und wahrscheinlich schneller in exponierte Positionen kommen als wir erwarten.

Voraussetzung ist aber, dass das Umfeld stimmt bzw. stimmig gemacht wird, wie z. B. die Gestaltung eines familienfreundlichen Arbeitsumfeldes. Da gibt es für beide Seiten, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, noch viel zu tun - insbesondere, wenn der Kinderwunsch neben einer erfolgreichen Karriere erfüllt werden soll.
Bei der Besetzung von Top-Positionen spielt dieses Thema eine eher untergeordnete Rolle, da in diesem Alter entweder der Kinderwunsch erfüllt ist oder die Kinder schon weitgehend erwachsen sind bzw. nicht mehr intensiv betreut werden müssen.
Aber wir sind derzeit noch nicht soweit! Bei der Suche nach einem Geschäftsführer für ein namhaftes Chemieunternehmen ist uns leider bei unserer Recherche keine einzige Frau begegnet, die eine vergleichbare Position besetzt oder die Anforderungen an die Position erfüllt. Selbst auf die Stellenanzeige, die parallel geschaltet wurde, meldeten sich keine Frauen. So wurde die Stelle letztlich mit einem gut ausgebildeten Manager besetzt. So und ähnlich geht es uns derzeit auch bei vergleichbaren Positionen.
Der Frauenanteil bei Top-Führungskräften in der Chemieindustrie beträgt derzeit ca. 16 %. Die erste und zweite Führungsebene ist, was Frauen anbelangt, noch sehr ausgedünnt. Doch der Anteil der Hochschulabgängerinnen mit ingenieur- oder betriebswirtschaftlichem Hintergrund steigt. Schon heute stellen wir bei der Spezialistensuche fest, dass bei Positionen mit 120.000 € Jahreseinkommen und höher immer mehr Frauen die Anforderungen des Stellenprofils erfüllen. Die Knappheit, gerade an gut ausgebildeten Vertriebsspezialisten/innen bzw. F&E-Managern/innen, Anwendungstechniker/innen etc., begünstigt diesen Trend, so dass wir nicht nur im Personal, Marketing, PR, Finanz- und Rechnungswesen auf Bereichsleiterniveau wesentlich öfter Managerinnen sehen werden. Doch bis dahin wird noch einige Zeit ins Land gehen, denn Alter und Erfahrung spielen eine große Rolle.
Dies gilt insbesondere bei der Besetzung von Beirats- oder Aufsichtsratspositionen, mit der wir immer mehr betraut werden. Die EU-Justizkommissarin Viviane Reding fordert hierfür eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote von 40 % für die Konzernunternehmen in der europäischen Union. Das betrifft selbstverständlich auch die großen Chemieunternehmen.
Vorerst wurde sie erst einmal zurück beordert, nachdem sich eine klare Mehrheit der übrigen Kommissare gegen Redings Vorschlag ausgesprochen hat. Ein Grund dafür mögen die Erfahrungen aus Norwegen oder anderen skandinavischen Ländern gewesen sein. Diese Staaten haben die gesetzliche Frauenquote eingeführt und suchen nun händeringend nach Managerinnen, die diese Positionen ausfüllen können. Da man nicht genügend Frauen findet, werden die Positionen nunmehr mit jüngeren, in der Unternehmensführung eher unerfahrenen Managerinnen besetzt, die mit dieser wichtigen Aufgabe überfordert sind. Eine Reihe der von ihnen beaufsichtigten Unternehmen haben zwischenzeitlich an Unternehmenswert verloren, da Impulse und ­Kontrolle durch den Aufsichtsrat fehlen. Selbst eine gut beleumundete Arbeitsnehmervertreterin forderte, dass künftig auch Vorstands- oder Geschäftsführungspositionen gemäß der Frauenquote mit Managerinnen besetzt werden sollen, selbst wenn die fachlichen Voraussetzungen nicht gegeben wären. Volks- und betriebswirtschaftlich nicht nachvollziehbar, gerade vor dem Hintergrund des starken internationalen Wettbewerbsdrucks, der in der Chemiewirtschaft herrscht.
Die Chemiewirtschaft steht gerade einmal am Anfang ihrer Frauenförderung - bezogen auf die Besetzung von Führungs- und Beiratspositionen. Aber das Thema wird verstärkt angegangen und schon heute lässt sich eine Reihe von Erfolgen verzeichnen, wenn man auf die Besetzung exponierter Positionen auf Top-Ebene - ich denke hier z.B. an Henkel und BASF - blickt. Weitere Beispiele werden schon bald folgen.
Auf einigen Top-Positionen haben Frauen heute schon eine gewisse Dominanz, z. B. in den Bereichen Personal, Marketing, Werbung, PR etc. Dies wird sich fortsetzen. Es bedingt aber auch, dass sich Frauen den Anforderungen des globalen Marktes stellen wollen, d.h., mobil sind, sich an den Diadochenkämpfen, gerade auf der ersten Ebene beteiligen wollen und damit umgehen können.
Eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote brauchen wir nicht. Diese wird auch von vielen hoch qualifizierten Managerinnen abgelehnt. Zitat einer Finanzchefin aus der Petrochemie: „Wenn ich den Job nur wegen der Frauenquote bekomme, lehne ich Ihr Angebot ab!"
Das Potential an hoch qualifizierten Managerinnen wird in den nächsten Jahren weiter anwachsen und viele Lücken füllen, die sich aufgrund des demografischen Wandels ergeben. Gleichzeitig, und das ist ein evolutionärer Prozess, wird sich durch den weiblichen Einfluss die Arbeitswelt verändern.

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