12.10.2019
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Weniger Effizienz, mehr Romantik

Tim Leberecht: Die Zukunft der Wirtschaft ist digital und romantisch zugleich

  • „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel hin zu mehr Romantik im Business.“ Tim Leberecht, Autor, Unternehmer und Business-Vordenker„Wir brauchen einen Bewusstseinswandel hin zu mehr Romantik im Business.“ Tim Leberecht, Autor, Unternehmer und Business-Vordenker
Der Autor, Unternehmer und Vordenker Tim Leberecht fordert einen neuen Humanismus in Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Automatisierung und künstlicher Intelligenz. Andrea Gruß sprach mit ihm darüber, wie mehr Romantik im Business Unternehmen zwar nicht effizienter, aber durchaus erfolgreicher machen kann.

CHEManager: Herr Leberecht, wie wirkt Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft?

Tim Leberecht: Die Digitalisierung hat eine ‚Entzauberung‘ unserer Welt bewirkt. Wir haben uns von den digitalen Technologien erhofft, dass sie uns demokratischer machen und vernetzter, merken aber seit einigen Jahren, dass sie auch demokratische Grundfeste untergraben können. Sie haben uns auch nicht mehr Freizeit gebracht, sondern eher gestresster und angsterfüllter werden lassen und zum Teil auch sozial isolierter. Digitale Technologien tragen zur Polarisierung in der Gesellschaft bei.

Hinzu kommt die Angst, dass Deutschland abgehängt wird durch Globalisierung und Digitalisierung: Zu den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt zählen sechs digitale Plattformen aus dem Silicon Valley, aber kein einziges deutsches Unternehmen. Diese Angst wird nochmal verstärkt durch Effekte der Automatisierung: Eine OECD-Studie sagt, dass jeder fünfte deutsche Arbeitsplatz aufgrund von Robotik und künstlicher Intelligenz bis zum Jahre 2025 verschwinden könnte. Viele Menschen haben daher Angst, dass sie ihren derzeitigen Lebensstandard nicht halten können.

Was läuft falsch?

T. Leberecht: Wir beschränken digitale Technologien auf Effizienz und Optimierung. Bisher haben wir sie vor allem eingesetzt, um Dinge für Konsumenten bequemer zu machen, um industrielle Prozesse zu optimieren und vor allem, um Effizienz­gewinne zu steigern. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir uns Fragen müssen: Welchen Wert werden Menschen in Zukunft noch zur Wirtschaft beisteuern? Wie werden wir arbeiten? Wie wollen wir arbeiten?

Künstliche Intelligenz und Robotik werden künftig alles, was ­effizient gemacht werden kann, noch effizienter machen.

Wir Menschen sind einfach nicht besonders effizient. Was wir an Mehrwert beitragen können in der Wirtschaft, muss auf Empathie, Vorstellungskraft, Intuition und Kreativität beruhen. Hierfür verwende ich den Begriff Romantik, angelehnt an die romantische Bewegung vor über 200 Jahren, als sich Schlegel, ­Fichte, Novalis oder auch einige englischen Dichter gegen den alleinigen Anspruch der Vernunft und der empirischen Wahrheit stellten.

Unsere Wirtschaft ist zweifelsohne das wirkmächtigste Betriebssystem unserer Zeit. Sie ist eine perfekte Bühne, aber wir müssen ihre Spielfläche – die wir reduziert haben durch Effizienz und Optimierungen – wieder vergrößern. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel hin zu mehr Romantik im Business.

Was machen Business-Romantiker anders?

T. Leberecht: Sie halten Gefühle, Emotionalität und Verletzlichkeit im Job für genauso wichtig wie Vernunft. Im Arbeitsalltag sind sie auch mal in der Lage, auf Daten zu pfeifen und treffen Entscheidungen mit Herz.

Und das macht romantische Unternehmen erfolgreicher?

T. Leberecht: Romantische Unternehmen haben grundsätzlich ein anderes Bewusstsein. Sie sind flexibler, weniger verhaftet an Strukturen. Sie sind einfach agiler und tun sich leichter damit, Unberechenbarkeit als einen Vorteil zu begreifen und sich immer wieder neu zu erfinden. Das sind Fähigkeiten, die in sehr volatilen und unsicheren Märkten immer mehr verlangt werden.

Warum fördert Romantik Agilität?

T. Leberecht: Eines der Grundprinzipien der romantischen Bewegung ist, dass es nicht nur eine singuläre und objektive Wahrheit gibt, die durch Daten oder empirische Methoden nachgewiesen werden kann, sondern auch eine Wahrheit, die wir fühlen und spüren. Wenn wir zwischen verschiedenen Wahrheiten und Welten oder Projekten und Betriebssystemen wandeln können, führt dies zu einer höheren Agilität. Romantik hilft uns dabei, dies zu tun. Sie lehrt uns zum einen Empathie und zum anderen, dass wir nicht immer alles planen müssen, sondern auch Dinge erahnen, erspüren können. Das ist viel schneller als auf Daten zu warten und aus ihnen Schlüsse zu ziehen.

Mehrere Wahrheiten! Was sagen Naturwissenschaftler dazu?

T. Leberecht: Sie tun sich schwer damit. So sehr ich die Naturwissenschaften schätze, ich denke, das Pendel ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark in die Richtung objektive, nicht interpretative Wissenschaften ausgeschlagen. Geisteswissenschaften und Künste wurden vernachlässigt. Hier brauchen wir wieder eine bessere Balance. Denn es sind genau diese Disziplinen, die uns viele Ideen und Impulse liefern und uns vor dem Hintergrund zunehmender Automatisierung und künstlicher Intelligenz als Mensch wieder einen Wert geben.

In welchem Kontext stehen Romantik und Innovation?

T. Leberecht: Unternehmen ohne Romantiker sind nicht innovativ. Romantiker sehen die Welt so, wie sie nicht ist, aber sein könnte. Sie erfinden neue Welten, statt die Welt vor ihren Augen neu zu erklären. 

Und ein zweiter Punkt, der hier mit reinspielt: Romantik ist auch Verschwendung und Ideen entstehen durch Verschwendung. Sie entstehen auf Ab- oder Umwegen, für die man sich Zeit nimmt. Wie zum Beispiel bei Google, wo ­Ingenieure 20 % ihrer Arbeitszeit an neuen Ideen und Projekten frönen. Ein Unternehmen, das dagegen nur auf Effizienz getrimmt ist, wird nicht innovativ sein. Wir brauchen eine Kultur der Verschwendung.

Sie haben lange im Silicon Valley gelebt und gearbeitet. Die Innovationskultur dort wird weltweit gelobt. Sollte sie uns in Deutschland als Vorbild dienen?

T. Leberecht: Ich bin gespalten. Toll am Silicon Valley ist die Kultur, der Optimismus. Wenn Sie dort eine neue Idee präsentieren, werden Sie schnell gefragt: Macht das schon jemand? Wenn nicht, ist die Reaktion: ‚Prima!‘ In Deutschland hören Sie dann eher: ‚Um Gottes Willen, dann machen wir das auch nicht.‘ Das ist das Hauptproblem der deutschen Wirtschaft: die Angst davor, Bahnen der Konvention zu verlassen und dabei Gesichtsverlust zu erleiden. Vom Optimismus im Silicon Valley könnten wir uns hierzulande eine Scheibe abschneiden.

Darüber hinaus stammen viele der New Work Paradigmen, wie Lean-Start-up-Kultur, Agilität, Design Thinking oder das Denken in Ökosystemen von dort. Zu Recht reisen viele deutsche Manager in die USA, um hierzu zu lernen. 
Auf der anderen Seite hat das extreme Wachstumsdenken im Silicon Valley auch viele negative Folgen. Ich war erst vor Kurzem wieder dort: Die soziale Schere zwischen Arm und Reich ist erschreckend!

Wo können die Optimisten des Silicon Valley gegebenenfalls von uns lernen?

T. Leberecht: Ein großer Wettbewerbsvorteil Deutschlands beziehungsweise Europas ist unsere Ethik. Das zeigt sich zum Beispiel in den EU-Regulierungen zu künstlicher Intelligenz oder zum Datenschutz. Europa hat sich als das ethische Bewusstsein der Welt positioniert – eine Rolle, die wir aufgrund unserer Geschichte sehr gut einnehmen können. In Bezug auf ethische künstliche Intelligenz oder Technologien ist dies ein klarer Wettbewerbsvorteil. 

Ein weiterer Vorteil sind die partizipativen Strukturen in Deutschland, also Betriebsräte und Mitbestimmungsrechte. Es gibt bereits verschiedene Initiativen in anderen Kulturkreisen, insbesondere in den USA, diese zu adaptieren. Denn Partizipation lässt Vieles an der Frustration aufgrund der sozialen Schere vergessen. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass jeder Erwerbstätige zum Miniunternehmer wird. Mitbestimmung in Unternehmen darf nicht auf Kosten der sozialen Absicherung gehen, wie dies in der Gig Economy zu beobachten ist. Moderne partizipative Organisationsstrukturen brauchen daher mehr denn je starke Gewerkschaften. Daher ist es traurig, dass diese einen hohen Mitgliederschwund zu beklagen haben.

Welche Aufgaben haben Gewerkschaften in der neuen Arbeitswelt?

T. Leberecht: Gewerkschaften müssen die Interessen der Arbeitenden vertreten. Es gibt eine hohe Unzufriedenheit und Angst gerade unter jungen Menschen. Allerdings erreichen die Gewerkschaften diese heute mit ihrer Kommunikation nicht mehr. Die typischen Gewerkschaftsmitglieder haben ihre Heimat verloren. Das zeigt sich auch in der Entwicklung der SPD, die ihre Mitglieder und ihre Relevanz verliert. 

Gewerkschaften müssen die Herausforderungen im 21. Jahrhundert und in der Gig Economy klar definieren und klare Standpunkte dazu vertreten. Spannend fände ich zum Beispiel, wenn sie sich intensiv mit dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen beschäftigen würden. Zudem sollten sie sich für dafür einsetzen, dass Arbeitgeber Umschulungen für Erwerbstätige, die ihren Job verlieren, schnell umsetzen. Ich hoffe, dass die Gewerkschaften ihre Chance beim Schopfe packen, sich neu definieren und wieder Mitglieder gewinnen.

Welche Chancen können Unternehmen nutzen, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu binden?

T. Leberecht: Um Mitarbeiter zu bekommen, zu halten und auch deren Loyalität zu sichern, wird das Thema Purpose, die Sinnhaftigkeit eines Unternehmens, immer wichtiger. Wofür steht ein Unternehmen? Welche Werte hat es? Hat es eine langfristige Vision? Mitarbeiter wollen wissen, auf welche Reise oder bei welchem Abenteuer – um einen romantischen Begriff zu nennen – sie ein Unternehmen begleiten. Oder, wie der Unternehmer Alfred Kärcher es formuliert hat: Mitarbeiter bleiben uns nicht treu auf Grund dessen, was wir machen, sondern wer wir sind. 

Romantische Unternehmen bieten Mitarbeitern Sinnhaftigkeit. Denn sie beschäftigen Führungskräfte, die träumen können und ihre Träume verteidigen gegenüber Buchhaltern, Investmentbänkern und Shareholdern. Dazu braucht es Mut, Hartnäckigkeit und Visionärstum.
 
ZUR PERSON

Tim Leberecht ist Autor, Unternehmer und Business-Vordenker mit über 20 Jahren Erfahrung in Führungspositionen in der Design-, Software-, Telekommunikations- und Unterhaltungsindustrie. Der Deutsch-Amerikaner lebte und arbeitete viele Jahre im Silicon Valley. Leberecht ist Gründer und CEO der Business Romantic Society und arbeitet mit Firmen wie Airbus, BCG, Otto Group, Porsche oder Sky. In seinem 2015 veröffentlichten Best­seller „Business Romantiker – von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben“ fordert er eine neue romantische Bewegung in der Wirtschaft.


WIESBADENER GESPRÄCHE ZUR SOZIALPOLITIK
Tim Leberecht ist Key Speaker der 13. Wiesbadener Gespräche zur Sozialpolitik am 17. Oktober 2019 im Kurhaus Wiesbaden. Die Veranstaltung des Arbeitsgeberverbands HessenChemie widmet sich in diesem Jahr dem Thema „Neue Wege der Fachkräfte­sicherung – Vorsprung für attraktive Arbeitgeber“. Weitere Infos zum Programm und Anmeldung unter:
www.hessenchemie.de
(Anmeldeschluss ist der 11. Oktober 2019)

Autor(en)

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The Business Romantic Society
P.O. Box 460066
San Francisco
USA

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