4. Jahrestreffen der Young Professionals in der chemischen Industrie

Aus Ereignissen lernen und Innovationen leben

  • © xavier gallego morell/Shutterstock© xavier gallego morell/Shutterstock
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  • GVC-Geschäftsführerin Dr. Ljuba Woppowa mit dem Organisationsteam der Young Professionals in der chemischen Industrie: Die Tagunsgleiter Dr.-Ing. Oliver Litzmann/Bayer, M.Sc Valeska Zindl/Merck,  M.Sc. Nina Heitz/Sasol Wax und M.Sc. Viktor Heinrich/BASF sowie die Tour-Guides B.Sc. Florian Müller/Kiessling, M.Eng. Helge Saß/Evonik, Dipl.-Ing. Christian Storf/Sulzer und M.Sc. Heiko Radatz/Covestro. © VDI
  • Die Jahrestreffen der Young Professionals in der chemischen Industrie bieten mit ihrer Kombination aus aktuellen Fachthemen, Soft Skills, Networking und geführtem Messebesuch die Möglichkeit zum Austausch. Die Berufseinsteiger, die sich bei der Organisation aktiv beteiligen, können sich darüber hinaus auch in Moderation und Organisation üben.  VDI

Etwa 70 Berufseinsteiger kamen zum 4. Jahrestreffen der Young Professionals in der chemischen Industrie nach Dortmund, um sich im Rahmen des Messeduos Maintenance und Pumps&Valves auszutauschen. Das Motto der von der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (VDI-GVC) organisierten Veranstaltung lautete: Aus Ereignissen lernen, Wissen teilen, Innovationen leben. Neben den Vorträgen boten die geführten Messerundgänge zudem einen wichtigen Praxisbezug für die Teilnehmer. Das 5. Jahrestreffen der Young Professionals wird am 12.02.2020 erneut in Dortmund parallel zu den beiden Messen stattfinden.

Die Eröffnungsvorträge von Vertretern namhafter Unternehmen führten den Young Professionals vor Augen, welchen verantwortungsvollen und anspruchsvollen Beruf sie gewählt haben. Dipl.-Ing. Martin Gosewinkel, Evonik, verdeutlichte in seinem Vortrag „Elektrostatik – Die schwarze Magie des Explosionsschutzes“ welche Gefahren aus dieser alltäglichen Erscheinungsform der elektrostatischen Aufladung erwachsen können: Jeder hat schon einmal „eine gewischt bekommen“, oder die Haare standen „zu Berge“. Im laufenden Betrieb einer chemischen Anlage können elektrostatische Entladung und mangelnde Erdung jedoch zu katastrophalen, tödlichen Ereignissen führen. Martin Gosewinkel gab konkrete Hilfestellung in Form von Rechenbeispielen und Entscheidungsbäumen und stellte Schutzmaßnahmen gegen elektro­statische Aufladungen vor.
Wie wichtig die Weitergabe von Erfahrungen ist, verdeutlichte auch Dr.-Ing. Peter ­Fischer, Vestolit, in seinem Vortrag „Lernen aus Ereignissen“. Er ermunterte die Berufsanfänger, ihre Umgebung und die Arbeitsabläufe jederzeit kritisch zu hinterfragen. Immer wenn es sich um ein besonders schwerwiegendes Ereignis handelt, ist zumeist eine Vielzahl von einzelnen „kleinen“ Ursachen im Spiel, also eine Verkettung unglücklicher Umstände, wie man landläufig sagt. Dazu kommt, dass menschliche Fehler auch noch in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten. Zum einen als Irrtümer, Planungsfehler, Unvermögen (sog. mistakes), d. h. Informationen sind nicht oder fehlerhaft vorhanden, eine Vorgehensweise ist nicht optimal.

Davon zu unterscheiden ist zum anderen die Überforderung (mismatch), d. h. die Unfähigkeit, eine Information oder Anweisung korrekt umzusetzen. Versehen oder mangelnde Aufmerksamkeit (slips and lapses of attention) sind als dritte Form im Alltag schlicht unvermeidbar. Und dann gibt es noch bewusste Verstöße (violations), bei denen eine Handlung absichtlich nicht oder falsch ausgeführt wird. Jede dieser Erscheinungsformen hat unterschiedliche, tiefer­liegende Grundursachen, „der Mitarbeiter hat etwas falsch gemacht“ gehört nicht dazu.
Bei jeder Untersuchung von größeren Ereignissen hat sich in der Rückschau gezeigt, dass es vorab immer Hinweise auf Abweichungen und die daraus resultierenden Risiken gab. Solche Warnsignale zeigen an, dass es zu einem Ereignis kommen kann und können Rückschlüsse auf die Ursache ermöglichen. Für den sicheren Betrieb einer Anlage ist es daher wichtig, möglichst viele Schwachpunkte in Technik, Organisation und menschlichem Verhalten vorab zu finden und zu minimieren. Das ist einfacher gesagt als getan – und hier kommt Berufseinsteigern mit ihrem unverstellten Blick eine besondere Aufgabe und Verantwortung zu, zu der Fischer explizit auffordert: „Fragen und hinterfragen Sie – solange bis Sie die Hintergründe und Grundursachen aufgeklärt haben. In vielen Fällen können Versäumnisse und Nachlässigkeiten, die sich über Jahre eingeschliffen haben, („es ist noch immer gut gegangen“), nur durch systematisches Fragen aufgeklärt werden. Lassen Sie auch bei kleinen Unstimmigkeiten, Ausfällen und Ereignissen nicht sofort die offenkundigen Erkenntnisse zur alleinigen Ursache erklären. Forschen Sie tiefer und breiter, fassen Sie sich und anderen an die Nase, denn wir gewöhnen uns schnell an scheinbar unbedeutende Fehlzustände. Dies betrifft auch die Führungskräfte, das Management und die Organisation. Auf dieser Suche werden Sie ganz sicher Dinge erfahren, die weder etwas mit dem konkreten Anlass zu tun haben noch schön sind. Sie sind aber möglicherweise schon die Grundlage des nächsten Ereignisses!“
Erst wenn die Grundursachen gefunden sind, können nachhaltige Gegenmaßnahmen ergriffen werden, die die Organisation im Ganzen stärken und „resilienter“ machen. „Wenn wir uns angewöhnen, den Dingen entsprechend auf den Grund zu gehen, dann führt das nicht nur zur Verbesserung der Arbeits- und Anlagensicherheit. Es verbessert auch die Effizienz aller Anlagen und Prozesse. Am Ende ist das nicht nur ein hoher wirtschaftlicher Nutzen, sondern auch gut für die Umwelt und die Produktqualität.“

Wissen teilen
Die Berufseinsteiger in der chemischen Industrie haben eine exzellente Bildung in Sachen Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen, aber wie sieht es mit den Kenntnissen zur Betriebswirtschaftslehre aus? Für die zukünftigen Manageraufgaben der jungen aufstrebenden Ingenieure wird dieses Wissen und betriebswirtschaftliches Denken immer wichtiger, auch wenn es im naturwissenschaftlichen Studium nicht oder nur selten gelehrt und ungerne gelernt wird. Ein Verständnis der Unternehmenskennzahlen zu haben, ist elementar, um die gesteckten Zielvorgaben zu erfüllen oder um als Unternehmen auch im internationalen Vergleich bestehen zu können. Es ist auch hilfreich, um das eigene Unternehmen besser einschätzen zu können, z. B. bei einem geplanten Jobwechsel oder bei Gehaltsverhandlungen. Dipl. Biol. MBA Sandra Schwebke erklärte in ihrem Vortrag die wichtigsten Unternehmenskennzahlen sowie ihre Aussagekraft. So beschreibt EBIT den Gewinn vor Zinsen und Steuern, im Gegensatz zu EBITDA, das dem Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Amortisation auf immaterielle Anlagen entspricht. Die Berechnung des EBITDA vermeidet eine Beeinflussung des Gewinns durch die Finanzierungsstruktur, den Unternehmenssitz und die angewandte Rechnungslegung des Unternehmens und ermöglicht somit eine Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen. EBITDA ist damit die Messgröße für wirtschaftlichen Erfolg und Profitabilität.
„Profit als Zielfunktion“ proklamierte ­Dr.-Ing. Gregor Fernholz, Aveva, und erklärte an konkreten Fallbeispielen verschiedener Unternehmen, welches signifikante Einsparpotenzial für existierende Anlagen durch Real Time Optimization als etablierte Technologie möglich ist. Durch die modellbasierte Optimierung der aktuellen Produktion können darüber hinaus auch Ökonomie und Ökologie in Einklang gebracht werden, z. B. im Hinblick auf eine optimierte CO2-Bilanz. Dabei ist die Real Time Optimization sowohl auf einzelne Anlagen als auch gesamte Standorte anwendbar.

Innovationen leben
Kreativität und Innovationen entstehen, wenn verschiedene Ausbildungsrichtungen und unterschiedliche Erfahrungen – auch Lebenserfahrung – zusammentreffen. Berufseinsteiger müssen zunehmend über ihren eigenen Tellerrand und in Richtung anderer Branchen schauen. Um dies zu verdeutlichen, erläuterte Paul Thorwarth, Kuka Systems, die Wandlungsfähigkeit moderner Produktionsanlagen aufgrund neuartiger (Markt-)Anforderungen aus der Automobilbranche. Bisher werden Fertigungskonzepte im Wesentlichen durch Struktur und Fügeprozess des Produktes, Anordnung und Konzept der verbindenden Fördertechnik sowie der Teilelogistik innerhalb der Produktionsanlage definiert. Markt und Kunden fordern jedoch zunehmend einen Typenmix, häufigere Modellwechsel und eine steigende und individualisierte Typen- und Variantenvielfalt. Daraus ergibt sich ein steigender Bedarf an Wandlungsfähigkeit in der Produktion; und insgesamt resultieren ein volatiler Markt und eine individualisierte Produktpalette. Darauf muss eine innovative Produktion reagieren. In der Automobilbranche wird dies z. B. durch eine extrahierte Logistik ermöglicht, bei der alle Fertigungsteile an einem zentralen Ort, dem sogenannten Supermarkt, konzentriert werden. Damit ergibt sich eine örtliche Trennung von Produktion und Logistik (production field & warehouse) und die technische Trennung der Produktionseinrichtung in produktneutrales und produktspezifisches Equipment (toolstore). Voraussetzung sind unter anderem ein autonomes fahrerloses Transportfahrzeug (Automated Guided Vehicle, AGV) mit Flottenmanager sowie ein Steuerungskonzept, das das Internet of Things (IOT) und Künstliche Intelligenz (AI) optimal einsetzt.

Herausforderung: Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Innovationen entstehen auch durch Gender-­Diversität: Know-how, Engagement, Denkweisen und Führungsqualitäten von Frauen sind aus modernen Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Trotzdem stehen top ausgebildete Frauen ab Mitte dreißig dem Arbeitsmarkt häufig nicht mehr zur Verfügung. Kind(er) und eine aufreibende Karriere, womöglich sogar eine Führungsposition, das ist in Deutschland noch immer selten – nicht nur in der chemischen Industrie. Traurig für ein Land wie unseres, das als einzige Ressource den Menschen, seine Intelligenz und Innovationskraft vorweisen kann. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – sowohl für Männer als auch Frauen – ist damit eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März 2019 proklamierte Simone Menne, ehemaliger Lufthansa-­Finanzvorstand und die erste Frau, die zum Finanzvorstand eines Dax-Konzerns aufgestiegen ist: „Frauen, ruht Euch nicht aus, macht Euch nie abhängig und sorgt dafür, dass Ihr alleine klar kommt – bis Ihr 90 Jahre alt seid.“ Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat aber auch Menne kein Rezept – aber vielleicht Julia Eckert und Katharina Ropeter (‚JuKa‘) mit ihrem Jobsharing Modell bei Beiersdorf.
Julia hat ein Pharmaziestudium absolviert und weist umfassendes Know-how in Wirkstoff-, Patent-, Emulsions- und Produktentwicklung sowie in Projektleitung und Teamführung auf. Sie hat einen älteren Sohn (5 Jahre) und Zwillinge im Alter von 3 Jahren. Katharina hat Lebensmittelchemie studiert und kennt sich mit Open Innovation, Lieferantenmanagement sowie mit Testmethoden aus. Sie hat viele Erfahrungen im Bereich Intercultural Skills und Teamführung. Außerdem hat sie eine Tochter im Alter von 20 Monaten.
Als ‚JuKa‘ können sie gemeinsam 25 Jahre Berufserfahrung vorweisen, haben die gleichen Grundwerte und einen ähnlichen Führungsstil – und beide Lust auf Abenteuer. Sie können sich als gegenseitige Sparringspartner unterstützen und sind sich wechselseitig die engsten Coaches und Kritikerinnen. Im Unternehmen gibt es nur eine Person – ‚JuKa‘ mit einer gemeinsamen Kontaktadresse. Ihr Arbeitszeitmodell wird durch eine 60 % / 60 %-Teilung am besten beschrieben. Entscheidungen werden gemeinsam gefällt, das ist manchmal schwierig, aber in den meisten Fällen hilfreich. Der wechselseitige Austausch, die Bestätigung der jeweils anderen ist eine Erleichterung, die der teuflischen Kaskade aus Grübelei, Überforderung, Burn-out keine Chance lässt und somit Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit dauerhaft fördert – auch im Sinne von Wirtschaftlichkeit und Produktivität des Unternehmens.

Flexiblere Arbeitszeitmodelle
Jobsharing ist ein Werkzeug, um dem Anspruch flexiblerer Arbeitszeitmodelle gerecht zu werden. Dipl.-Betriebswirt Rainer Gimbel, Evonik, und Christina Braase, Diversity Expert bei Beiersdorf, sind überzeugt, dass Job­sharing eine Win-Win-Situation für Unternehmen und Mitarbeiter*innen sein kann. Diese Form der Zusammenarbeit ist für alle geeignet, die sich eine verantwortungsvolle Aufgabe in Teilzeit wünschen und nicht zwischen Arbeit und Privatem entscheiden wollen. Neben dem Arbeitszeitmodell von ‚JuKa‘ sind die unterschiedlichsten Kon­stellationen denkbar – und wahrscheinlich befindet sich jeder einmal im Leben in einer Situ­ation, in der eine entsprechende Regelung wünschenswert wäre:
Peter, 62, möchte vor dem Ruhestand kürzer treten und praktiziert ein 60 % / 60 % Jobsharing-Modell mit Annika, 33, die nebenberuflich promoviert
Robin, 43, stand kurz vor dem Burnout, und praktiziert ein 80 % / 50 % Jobsharing-Modell mit Oliver, 34, dessen Sohn letzten Sommer eingeschult wurde
Klara, 36, ist gerade aus der Elternzeit zurück und praktiziert ein 50 % / 50 % Job­sharing-Modell mit Sigrid, 55, die derzeit in die Pflege ihrer Mutter eingebunden ist.

Rainer Gimbel berichtet, dass sich 89 % der Evonik-Belegschaft eine Einführung von (systematischem) Jobsharing wünschen. Sowohl Evonik als auch Beiersdorf arbeiten für die Bildung solcher Jobsharing-Tandems mit dem Berliner Start-up-Unternehmen Tandemploy zusammen. Dort bringt man Arbeitsmodelle und Strukturen ins digitale Zeitalter. Genutzt wird deren Software bzw. Plattform, um Mitarbeiter*innen einen privaten, geschlossenen, firmeninternen Raum zu bieten, in dem sie sich mit anderen interessierten Kolleg*innen austauschen und hinsichtlich der ‚richtigen Chemie‘ zusammenfinden können. Ähnlich wie bei der privaten Partnersuche, z. B. mittels Tinder, erstellen die Mitarbeiter*innen aussagekräftige Profile auf der Plattform und erhalten Vorschläge zu passenden Kolleg*innen. Anschließend werden Kontaktaufnahme und Austausch über die Nachrichtenfunktion ermöglicht. Auf Wunsch werden die Profile zu einem Tandemprofil verschmolzen und die zukünftigen Paare können ihre Bewerbung bzw. die spätere Zusammenarbeit planen. Bei Evonik ist die Plattform seit Oktober 2018 aktiv, bei Beiersdorf seit Ende 2016. Dort entwickelt sich das Jobsharing-Modell seit 2010, die Anzahl der Tandems hat seit 2017 stark zugenommen. Grundsätzlich wird das Arbeitsmodell bei Beiersdorf bislang nur von ca. 2 % der Mitarbeiter*innen genutzt. Insgesamt ist da noch viel Luft nach oben – gesellschaftliche Mühlen mahlen nun mal besonders langsam. Oft ist mehr als eine Generation vonnöten, bis sich Neues in den Köpfen verankert.

So geht’s weiter
Die Jahrestreffen der Young Professionals in der chemischen Industrie werden durch die Young Professionals der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemie­ingenieurwesen (VDI-GVC) organisiert und durch Easyfairs unterstützt. Berufseinsteiger, die sich im Programmausschuss und bei der Organisation der zukünftigen Jahrestreffen engagieren wollen, senden bitte eine E-Mail an YP-GVC@vdi.de. Das 5. Jahrestreffen findet am Mittwoch, 12. Februar 2020 im Rahmen der Messen Maintenance und Pumps & Valves in Dortmund statt und das Organisationstreffen am 31.8.2019 in Frankfurt/Main. Alle Informationen auf www.vdi.de/gvc/yp
Das erfolgreiche VDI-Konzept ist inzwischen zum Vorbild für eine andere innovative Branche geworden. Am 22.05.2019 findet das 2. Jahrestreffen der Young Professionals in der Medizintechnik in Kooperation mit der Messe MedtecLIVE in Nürnberg statt. Weitere Informationen auf www.vdi.de/medizintechnik

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Postfach: 101139
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