Anlagenbau & Prozesstechnik

Von der lästigen Pflicht zur Erfolgsstory

07.08.2013 -

Von der lästigen Pflicht zur Erfolgsstory - Herausforderungen und Möglichkeiten des internationalen Emissionshandels.

Seit dem Jahr 2005 hat Kohlenstoffdioxid in Europa einen Preis: Rund 11.500 Anlagen nehmen am EU-Emissionshandel teil. Für Unternehmen der chemischen Industrie entstehen dadurch neue Pflichten, aber auch interessante neue Möglichkeiten.

Emissionshandelspflichtig waren in der ersten Handelsperiode (2005-2007) Anlagen der Strom- und Wärmeerzeugung und besonders energieintensiver Industriesektoren.

Dadurch waren auch viele Unternehmen der Chemiebranche direkt vom EUEmissionshandel betroffen.

Die als Testphase konzipierte erste Handelsperiode war am Anfang durch das sehr komplexe Antragsverfahren und gegen Ende durch die beinahe vollständige Entwertung der Emissionsberechtigungen (EUAs) geprägt.

Denn auf Grund einer deutlichen Überallokation hatte sich der Preis der Emissionsberechtigungen in Europa zuletzt auf wenige Cents verringert.

Um dies zu zukünftig zu vermeiden, achtete die Europäische Kommission bei der Genehmigung der Nationalen Allokationspläne für die zweite Handelsperiode sehr auf die Knappheit der Zertifikate.

Durchschnittlich erhalten Energieanlagen eine um 35 % geringere Zuteilung als in den drei Vorjahren. Dies ist auf einheitliche Benchmarks, sowie die anteilige Kürzung, die Effizienzfaktoren sowie die Versteigerung zurückzuführen.

Industrielle Bestandsanlagen erhalten ihre Zuteilung dagegen auf Grundlage der historischen Emissionen und unterliegen einem Kürzungsfaktor von lediglich -1,25 %.

Zudem wurde die Emissionshandelspflicht auf weitere Anlagentypen ausgedehnt: Anlagen mit einer Produktionskapazität von mehr als 50.000 t Propylen und Ethylen: In Deutschland betrifft dies 8 Anlagen, die zusammen eine Zuteilung von knapp 5,5 Mio. EUAs erhalten.

Anlagen zur Rußherstellung: Sie erhalten in der Bundesrepublik insgesamt 800.000 EUAs.

 


Chemieindustrie von Emissionshandel mehrfach betroffen

Die chemische Industrie ist durch den Emissionshandel in mehrfacher Hinsicht betroffen. Zunächst bringt das Instrument zusätzliche Pflichten wie Monitoring und Berichterstattung mit sich.

Diese sind in den meisten Unternehmen inzwischen in die betrieblichen Managementsysteme integriert worden und führen in der Regel nicht zu einem großen Mehraufwand. Für Erleichterung sorgt seit diesem Jahr die Verwendung standardisierter Stoffwerte.

Die in der ersten Handelsperiode noch notwendigen umfangreichen Analysen für jeden Stoff entfallen damit. Schwerer wiegt die Steigerung der Energiekosten, die auf die Internationalisierung der externen Kosten durch den Emissionshandel zurückzuführen ist.

Insbesondere Strom, der vielfach extern bezogen wird, hat sich dadurch verteuert. In der chemischen Industrie sind die energiewirtschaftlichen Anlagen häufig eng mit der Produktion und der Prozesssteuerung verzahnt.

Dadurch sind Ansätze zur flexiblen Kraftwerkseinsatzplanung, wie in der Energiewirtschaft üblich, schwer zu realisieren. Dies gilt vor allem für Anlagen, die Prozesswärme erzeugen.

Die Möglichkeiten, auf die dynamischen Preisdifferentiale zwischen Eigenerzeugung und Bezug von Strom und Wärme zu reagieren, sind also geringer als in der Energiewirtschaft.

Das Management der CO2-Positionen im Sinne der Entwicklung von Handelsund Hedgingstrategien ist damit zentrale Aufgabe der Anlagenbetreiber geworden.

 


Zweite Handelsperiode: Preis steigt an

Der Preis von Emissionsberechtigungen der zweiten Handelsperiode war bisher relativ konstant um die 20 € und stieg zuletzt auf über 28 € an. Prognosen für die nächsten Jahre deuten darauf hin, dass der Preis weiter ansteigen könnte. Aus diesem Grund sollten die Positionen insbesondere bei größeren Mengen aktiv gemanagt werden.

Zentral für alle Handelsaktivitäten sind eine möglichst genaue Produktionsprognose und die ständige Beobachtung der Positionen. Um das Risiko großer Preisschwankungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, regelmäßig kleinere Mengen zu handeln und somit das Risiko stärker zu streuen.

Bei der Entwicklung von Handels- und Hedgingstrategien profitieren Anlagenbetreiber von der zunehmenden Vielfalt an Produkten. So bieten inzwischen mehrere Börsen liquide Future-Kontrakte und Optionen an.

Durch die Möglichkeit, in der zweiten Handelsperiode auch Zertifikate aus den projektbasierten Mechanismen Clean Development Mechanism (CDM) und Joint Implementation (JI) verwenden zu können, haben die Anlagenbetreiber eine ganze Palette an unterschiedlichen Optionen am CO2-Markt.

Certified Emission Reductions (CER) und Emission Reduction Units (ERU) sind aus verschiedenen Gründen, insbesondere der fehlenden Verknüpfung des internationalen Registers mit den europäischen Registern sowie einer gewissen Unsicherheit über das zukünftige Verhältnis von Angebot und Nachfrage, günstiger als EUAs.

Zudem ist die Nutzung von CERs und ERUs durch nationale Quoten begrenzt, was insgesamt zu einem Preisabschlag zwischen 20 und 30 % gegenüber EUAs führt. In Deutschland wird die Nutzung auf 22 % gemessen an der Zuteilungsmenge begrenzt.

 


Gute Möglichkeiten für internationale Unternehmen

Mit der im Spätsommer erwarteten Anbindung der europäischen an das internationale Register werden internationale Zertifikate uneingeschränkt handelbar sein. Doch schon jetzt bieten die projektbasierten Zertifikate interessante Möglichkeiten: Im Falle einer Unterausstattung an EUAs können sie zugekauft und zur Deckung der Unterausstattung verwendet werden.

Sollte eine ausreichende Zuteilung oder gar eine Überausstattung vorliegen, können im Rahmen der Quote EUAs gegen CERs oder ERUs getauscht werden. Bei diesem so genannten Swap wird die Preisdifferenz zwischen den beiden Zertifikaten als Prämie ausgezahlt.

Auch bei kleineren Tauschmengen können auf diese Weise schnell und risikolos Erträge erwirtschaftet werden. Viele industrielle Unternehmen haben in den letzten Monaten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Unternehmen, die Standorte oder Tochterunternehmen im Ausland haben, können dort auch eigene CDM- oder JI-Projekte durchführen und die daraus generierten Zertifikate für ihre Minderungsverpflichtung in Europa verwenden.

Diese Option bietet den Vorteil, dass zusätzliche Anreize zu Modernisierungen und Effizienzsteigerungen gegeben werden und kürzere Amortisationszeiten erreicht werden können.

Zudem können die Zertifikate aus den projektbasierten Mechanismen oft zu geringeren Kosten generiert werden, da die Projekte mit internen Kapazitäten geplant und durchgeführt werden können.

Der Prozess ist allerdings durch die notwendigen nationalen oder internationalen behördlichen Genehmigungen sehr komplex und erfordert Unterstützung durch erfahrene Projektentwickler.

 


2020 hundertprozentige Versteigerung?

Das Thema Emissionshandel hat sich als Querschnittsthema in der chemischen Industrie etabliert, dessen Relevanz aller Voraussicht nach weiter zunehmen wird. Ein aktueller Richtlinienentwurf der Europäischen Kommission sieht vor, ab 2013 vermehrt Emissionsberechtigungen zu versteigern, bis 2020 soll der zu versteigernde Anteil schrittweise auf 100 % erhöht werden.

Inwieweit Zertifikate aus den projektbasierten Mechanismen nach 2012 weiter verwendet werden können, ist - ebenso wie die Einbeziehung zusätzlicher Sektoren - noch nicht ganz klar.

Es ist möglich, dass Unternehmen, die besonders im internationalen Wettbewerb stehen, eine großzügigere Zuteilung erhalten. Unternehmen der chemischen Industrie sollten sich auf Grund ihres hohen Energiebedarfs intensiv mit dem Thema Emissionshandel beschäftigen und die verschiedenen Handelsmöglichkeiten genau analysieren.

Gerade die Nutzung der projektbasierten Mechanismen bietet zahlreiche Möglichkeiten, aus „der lästigen Pflicht" eine Erfolgsstory zu machen.

 


Kontakt:
Frieder Frasch

Client Relationship Manager
First Climate Markets AG, Bad Vilbel
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