Gefahrstofflagerung im Wandel

Die Entwicklung von Sicherheitsstandards im Umgang mit Chemikalien am Arbeitsplatz

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  • Sven Sievers, Bereichsleiter Produktmanagement & Marketing, Asecos GmbH, Gründau
  • Gefahrstoffe Regelwerke

Das Arbeitsleben ist einem stetigen Wandel ausgesetzt. Flexibilität gilt als Grundvoraussetzung für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das trifft auch für die Lagerung von Gefahrstoffen zu: Einsatzorte oder -zwecke verändern sich und dadurch auch die Anforderungen an Sicherheitsvorkehrungen. Weltweit gibt es dazu viele unterschiedliche Ansätze und Konzepte. Im schlimmsten Fall erhält das Thema Arbeitssicherheit im Umgang mit Chemikalien immer noch wenig bis gar keine Beachtung. Umso wichtiger ist es, mittelfristig weltweit einheitlich (hohe) Sicherheitsstandards anzustreben und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Lösemittel wie Aceton und Ethanol sowie viele weitere brennbare Flüssigkeiten sind häufig für Fertigungsprozesse in der chemischen Industrie unumgänglich. Die Stoffe kommen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen, Konzentrationen und Mengen in vielen Arbeitsbereichen und Industriezweigen vor. Aber erst die Möglichkeit zur direkten Lagerung von Gefahrstoffen am Arbeitsplatz macht viele Prozesse effizient. Daher ist heute in Deutschland eine dezentrale Lagerung von Chemikalien Stand der Technik. Um Mensch und Umwelt dabei bestmöglich zu schützen, verlangt der Gesetzgeber ordnungsgemäßen Umgang und vor allem eine sichere Lagerung von Gefahrstoffen am Arbeitsplatz. Die dafür vorgeschriebenen Anforderungen sind in Deutschland vor allem in der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV), in den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) sowie im Chemikaliengesetz (ChemG) festgehalten.

Hohes Schutzniveau als Sicherheitsstandard

Deutschland gibt in Sachen sichere Gefahrstofflagerung den Ton an. Seitdem Technik und gesetzliche Vorschriften auch eine Lagerung direkt am Arbeitsplatz ermöglichen, können lange Wege in separate Lagerräume und das damit einhergehende, zusätzliche Gefährdungspotenzial entfallen. Eine optimale Lösung, die hierzulande geltenden gesetzlichen Anforderungen zur Gefahrstofflagerung umzusetzen, ist der Einsatz von Sicherheitsschränken. Im Zuge der europäischen Harmonisierung trat 2004 die Europäische Norm 14470-1 für „Feuerwiderstandsfähige Lagerschränke“ in Kraft. In Deutschland ersetzte sie die nationale Vorgängernorm DIN 12925-1 aus den Jahren 1988 bzw.

1998. Ziel der Europäischen Normen ist es, grenzüberschreitend einheitliche Anforderungen an die dargestellte Sicherheitstechnik festzulegen. Die DIN EN 14470-1 beschreibt Kriterien für die Bauweise und Beschaffenheit des Sicherheitsschranks, wie z.B. die Selbstschließung der Türen im Brandfall oder die Anforderungen an die Feuerwiderstandsfähigkeit des Schranks. Je nach Konstruktionsweise und immer in Verbindung mit einer erfolgreichen Brandprüfung (Brandkammertest) werden Schränke in die Typklassen 15, 30, 60 oder 90 eingeteilt. Die Typklasse beschreibt die Zeitspanne, in der im Brandfall im Innenraum des Schranks, z.B. ausgehend von einer Starttemperatur von 20°C, keine Temperaturerhöhung auf mehr als 200°C stattfindet. Asecos entwickelte vor über 20 Jahren den ersten Sicherheitsschrank mit 90 min Feuerwiderstandsfähigkeit. Damals eine Branchenrevolution gehört diese Typ 90-Technologie heute zum weit verbreiteten Standard in vielen Ländern Europas. Das schützt vor der schnellen, unkontrollierbaren Ausweitung eines Brandes und erfüllt somit wichtige Anforderungen an den Brandschutz. So können Mitarbeiter bei Bränden im Labor, in Industrieanlagen oder auch in Handwerksbetrieben sicher das Gebäude verlassen und Rettungskräfte gewinnen Zeit, das Feuer bekämpfen.

Internationaler Blick

Strenge gesetzliche Vorgaben und die daraus abgeleiteten Schutzmaßnahmen sind jedoch nicht in allen Ländern der Welt vorhanden. Oft ist die Lagerung von brennbaren Flüssigkeiten in nicht brandgeschützten Stahlblechschränken weit verbreitet oder es existieren andere Schutzkonzepte.

In den USA setzt bspw. FM Global, einer der weltweit führenden Sachversicherer, maßgeblich den Sicherheitsstandard. Dessen Geschäftszweig FM-Approvals ist ein qualifizierter Prüfservice für Anlagen und Produkte mit höchsten Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Die Anforderungen an Lagerschränke für entzündliche Flüssigkeiten sind in der FM-Norm 6050 definiert. Ein Sicherheitsschrank muss demnach so beschaffen sein, dass bei einem Brand die Innentemperatur des Schranks über die Dauer von lediglich 10 min nicht über 163°C ansteigt. Dies gilt in den USA in Verbindung mit einer geforderten Sprinkleranlage als ausreichend, um notwendige Evakuierungsmaßnahmen einzuleiten. Zusätzlich werden technische Leistungsanforderungen im Bereich Belastung, Flammendurchschlagsicherung sowie Auffang- und Verriegelungsvorrichtungen definiert.

Die beiden Schutzkonzepte unterscheiden sich stark voneinander: Das europäische Konzept setzt alleine auf den 90-minütigen Brandschutz des EN 14470-Sicherheitsschranks. Im Gegensatz hierzu „funktioniert“ ein amerikanischer Gefahrstoffschrank nur sicher in Verbindung mit einer automatischen Sprinkleranlage. Ohne diese sind seine maximal 10 min Feuerwiderstandsfähigkeit nicht ausreichend um im Brandfall eine unkontrollierte Ausbreitung des Brandes zu verhindern.

Neben unterschiedlichen Standards gib es auch länderspezifische Anforderungen an Sicherheitsschränke. So z.B. für erdbebengefährdete Länder wie Korea, Japan oder Taiwan. Hier werden Sicherheitsschränke mit einer besonderen Stahlkonstruktion zur Befestigung and Wand und/oder Boden ausgestattet. Dies verhindert im Ernstfall ein Umstürzen der Lagerschränke oder ein Herausfallen der Gefahrstoffe und gewährleistet damit auch dann Schutz, wenn die Erde wackelt.

Mehr Sicherheit durch Aufklärung

Gerade dort, wo der Gesetzgeber noch keine ausreichenden Vorschriften zu Gefahrstoffen definiert hat, ist Aufklärung der Weg zu mehr Sicherheit. Die Geschichte des Typ 90-Schranks zeigt, dass Aufklärung und Weiterentwicklung sich in einem höheren Sicherheitsverständnis bzw. Gefährdungsbewusstsein auszahlen. Asecos macht es sich stetig zur Aufgabe, nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch international Aufklärungsarbeit zum Thema „Gefahrstofflagerung und -handling“ zu leisten. In vielen Ländern der Welt wird dem Thema Sicherheit für Mensch und Umwelt noch immer zu wenig Bedeutung zuteil. Ziel ist es daher, Gesetzgebung, Industrie und Arbeiternehmer für den Umgang mit Gefahrstoffen zu sensibilisieren.

Wir machen das z.B. über gezielte Experimentalvorträge mit Gefahrstoffkleinmengen auf Messen und in Schulungen direkt im Unternehmen. Aufrüttelnd, aber in sicherem Abstand zeigen spannende Experimente Verpuffungen, Explosionen und andere chemische Reaktionen, zu denen es bei Unachtsamkeit beim Arbeiten mit Gefahrstoffen kommen kann. Sie verdeutlichen, wie wichtig das ständige Sensibilisieren ist. Denn so paradox es klingt, gerade der routinierte Umgang birgt Gefahren. Diese Aufklärungsvorträge finden auf allen wichtigen internationalen Messen und Kongressen sowie in Schulungen bei internationalen Fachhandelsgruppen statt. Zusätzlich gibt es eine Awareness-Kampagne zur Sensibilisierung von Mitarbeitern im Labor und in der Industrie. Videos und Informationsbroschüren klären über die Risiken unzureichender Gefahrstofflagerung auf.

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