Strategie & Management

Die Zukunft der chemischen und pharmazeutischen Industrie (Teil 2)

Auswirkungen aktueller Megatrends aus Sicht der Unternehmen

10.03.2014 -

Insgesamt wurde die Einschätzung zu sieben Megatrends mit unterschiedlichen Differenzierungen abgefragt, wobei sich in den fünf Branchensegmenten zum Teil unterschiedliche Einschätzungen ergaben. Drei Themenfelder treiben die Unternehmen im Besonderen um: die Globalisierung in ihren unterschiedlichsten Facetten, die Frage der Sicherung von Innovationsvorsprüngen sowie das Themenfeld Produktivität.

Globalisierung mit verschiedenen Facetten
Bei der Frage nach der Relevanz einzelner Megatrends für die Unternehmen landete die Globalisierung mit dem Zusatz „lokale und regionale Anpassung von Strategien" klar auf Platz eins. „Überraschend war hier der deutliche Abstand zu anderen Themen, denn die Unternehmen sind heute schon international aufgestellt und die Globalisierung ist längst Teil des Tagesgeschäftes", so Prof. Dr. Hannes Utikal. Doch die Branchenexperten gehen davon aus, dass die Entwicklung immer stärker dahin gehen wird, globale Strategien zu entwickeln und diese für regionale Märkte oder Rahmenbedingungen anzupassen. „Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass sich die Hersteller von Spezialchemikalien oder Spezialkunststoffen auf bestimmte Schwerpunktthemen konzentrieren, von denen sich die Unternehmen im globalen Wettbewerb die besten Erfolgsaussichten versprechen, um die Produkte dann für die Erfordernisse des jeweiligen lokalen oder regionalen Marktes zu modifizieren", erläutert Prof. Dr. Hannes Utikal. Dieser Trend wird sich nach Ansicht der befragten Experten gegenüber einer Unternehmenspolitik durchsetzen, bei der die Landes- oder Kontinentalgesellschaften eines Unternehmens eigene Produkt- und Entwicklungsstrategien verfolgen. Da das Wachstum insbesondere im asiatischen Raum stattfinden wird, sehen viele Unternehmensvertreter als Megatrend den weiteren „Shift to Asia". „Wir müssen keinen Exodus der europäischen Pharma- und Chemieindustrie befürchten, aber auf absehbare Zeit wird die deutlich dynamischere Entwicklung der asiatischen Märkte zur Folge haben, dass Unternehmensaktivitäten verstärkt in dieser Region stattfinden", so Prof. Dr. Hannes Utikal.

Innovation
Eine große Chance für die Unternehmen liegt in der weiteren Innovation - Interessant ist hier, wie unterschiedlich die Branchensegmente die Möglichkeit bei der „Öffnung des Innovationsprozesses" einschätzen. Während traditionell vielfach die Innovation vorrangig im eigenen Haus innerhalb einer einzelnen Disziplin erzielt wurde, gibt es nun immer mehr Versuche, unternehmensübergreifend Innovationsprozesse in Kooperation mit den Kunden oder mit komplementären Partnern zu gestalten. Hersteller von Spezialkunststoffen kooperieren direkt mit den Automobilherstellern, Hersteller von Vorprodukten für Druckfarben arbeiten direkt mit der Druck- und Papierindustrie zusammen. Da im Pharmabereich die „personalisierte Medizin" an Bedeutung gewinnen wird, also die individuelle, speziell auf den Patienten abgestimmte Zusammenstellung von Wirkstoffen, benötigt die Branche völlig neue Kompetenzen im IT-Bereich, denn die erfolgreiche Umsetzung von Strategien im Bereich der „personalisierten Medizin" basiert auf dem Umgang mit großen Datenmengen. „Derartige branchenübergreifende Kooperationen werden stark an Bedeutung gewinnen", prophezeit Prof. Dr. Hannes Utikal. Dabei hängt der Erfolg einer solchen Zusammenarbeit nicht allein an der Bereitschaft von Unternehmen, derartige Verbindungen einzugehen. Vielmehr muss auch bei den Mitarbeitern die Fähigkeit zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit vorhanden sein.

„Chemiker und IT-Experten sprechen nicht zwangsläufig die gleiche Sprache. Branchenübergreifende Kooperationen können nur erfolgreich sein, wenn die Personalstrategie eines Unternehmens frühzeitig die Weichen für derartige interdisziplinäre Projekte stellt und Mitarbeiter in die Lage versetzt, über den Tellerrand der eigenen Branche zu schauen", verdeutlicht Prof. Dr. Hannes Utikal eine Grundvoraussetzung für „offene Innovationen".

Steigerung der Produktivität
Das dritte große Bündel an Trends beeinflusst die Notwendigkeit zur weiteren Steigerung der Produktivität: Wesentliche Felder sind hier die steigende Automatisierung der Prozesse sowie vielfältige Maßnahmen zur Steigerung der Prozesseffizienz - angesichts der vielfach steigenden Rohstoff- und Energiepreise erhalten diese Themen in den Unternehmen größte Aufmerksamkeit. In dieser Kategorie finden sich auch die Themen der Nutzung alternativer Energien und Rohstoffe sowie die „Verknappung strategischer Ressourcen". Bei dem zuletzt genannten Thema fällt die aus Unternehmenssicht im Zeitablauf abnehmende Bedeutung der Herausforderung auf: Während die Gesprächspartner beispielsweise dem begrenzten Vorrat an Seltenen Erden im Jahr 2012 eine überdurchschnittliche Bedeutung beimessen, gehen die Experten davon aus, in zehn Jahren weniger abhängig von dieser Ressource zu sein, da der Preis zusätzliche Produktionskapazitäten fördere. Dieser Mechanismus wird zukünftig auch bei anderen knappen Rohstoffen zu beobachten sein. Mit Blick auf die Mitarbeiter sind relevante Megatrends beispielsweise die weitere Dynamisierung der Arbeit mit der Möglichkeit zur ortsungebundenen Arbeit, zu neuen Arbeitszeitmodellen, aber auch der Fachkräftemangel. Beim Fachkräftemangel gehen die Unternehmen davon aus, dass sich die Lücke zwischen den benötigten und den in Deutschland verfügbaren geeigneten Arbeitskräften noch vergrößern wird.


Segmentspezifische Unterschiede

„Insgesamt ergeben sich für die einzelnen Branchensegmente sehr unterschiedliche Einschätzungen der Megatrends", erläutert Prof. Dr. Hannes Utikal die Ergebnisse der Studie. So sehen die Spezialchemikalienhersteller angesichts der Globalisierung im Bereich der Innovation, der Anpassungsentwicklungen und der branchenübergreifenden Kooperationen ein zentrales Zukunftsthema. Anders die Agrochemie, die den Innovationsprozess unternehmensintern vorantreibt. Die Spezialchemieunternehmen sehen für den Standort Deutschland Wachstumspotenziale - insbesondere aufgrund der Tatsache, dass hier vor Ort alle relevanten Kundenbranchen und Forschungseinrichtungen in einer kritischen Masse vertreten sind. Anders stellt sich die Situation für die erdölbasierte Basischemie dar, bei der aufgrund der Kostennachteile eine Bedienung des Weltmarktes von europäischen Produktionsstandorten aus nur bedingt in Frage kommt. Der Fachkräftemangel spielt aufgrund des hohen Automatisierungsgrades in diesem Marktsegment vorerst keine große Rolle. Vielmehr ist für die Basischemie die Ressource Erdöl und deren Verknappung ein zentrales Thema. Das Segment „Plastics" setzt in besonderer Weise auf die Öffnung des Innovationsprozesses sowie die regionale Anpassung globaler Strategien. Der Fachkräftemangel könnte hier schneller zu einem Problem werden als in anderen Segmenten. Und die Pharmabranche: Hier hat der demografische Wandel als globaler Megatrend gleich zwei Facetten. In den Industrienationen steigt die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung, gleichzeitig wächst die Bevölkerung in anderen Regionen der Welt sehr schnell. Im Pharmabereich werden sich die Unternehmen anders als bisher nicht mehr primär auf die Blockbuster konzentrieren, sondern die „personalisierte Medizin" wird sich rapide weiterentwickeln, was branchenübergreifende Kooperationen erforderlich werden lässt.

 

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