Strategie & Management

Digitalisierung als Gestaltungsauftrag

Der Chemiemittelstand begegnet der Aufgabe mit Mut und Demut zugleich

13.03.2017 -

Die Welt zwischen den Nullen und Einsen ist unendlich groß. Es gilt, sie für sich zu erobern. Begreift der chemische Mittelstand Digitalisierung als Chance, gestaltet sie aktiv und wagt sich mutig hervor, seine Freiheit neu zu erobern, dann bringt Digitalisierung Freude – die Freude am Fortschritt.

Die Digitalisierung betrifft auch die Chemie als Prozessindustrie und natürlich auch den Mittelstand. Er wird zu Recht oft als Motor der Wirtschaftsentwicklung und tragende Säule der Wirtschaft in Deutschland bezeichnet. Dem Mittelstand können trotz mancher Unkenrufe auch mit Blick auf die Digitalisierung gute Chancen eingeräumt werden. Dabei besteht die Gefahr, es mit dem „digital“ zu wörtlich zu nehmen und den Zeigefinger (lat. digitus, der Finger) zu heben – warnend, belehrend, fordernd und nicht selten dramatisierend, wenn auf die möglichen Auswirkungen etwa auf die Arbeit von morgen hingewiesen wird und hektisch Standards und Regelungen eingefordert werden, weil man Risiken erkennt, Ängste hat oder Deutschland als den Nachzügler der Digitalisierung sieht.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck

Es ist zunächst belanglos, ob wir Digitalisierung und Industrie 4.0 als Risiko, Herausforderung oder Notwendigkeit sehen. Entscheidend ist, dass wir als Gesellschaft Digitalisierung und Industrie 4.0 als einen Gestaltungsauftrag annehmen – jeder Bürger so wie jeder Unternehmenslenker. Wir haben die Freiheit, unsere Unternehmen zu entwickeln und unsere Industriegesellschaft zu erneuern. Es liegt an uns. „Uns“, das ist in der Chemie auch eine starke Sozialpartnerschaft, das sind Unternehmen, Chemieverbände, Betriebsräte und unsere Gewerkschaft, die IG BCE. Es ist unsere Freiheit, gemeinsam selbstbestimmt zu gestalten.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck, zu Deutsch: Es gibt eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, die alle drei Nachhaltigkeitsinteressen im Sinne der Chemie³-Initiative berücksichtigt und zwar auf der Ebene des Individuums, auf der Ebene der Unternehmen, der Volkswirtschaft und, auf der unseres Planeten.

Die Schlussfrage lautet: Rechnet sich die Digitalisierung und wird sie in all ihren Formen und Konsequenzen als besser empfunden?

Die Digitalisierung drängt zu beschleunigter Veränderung. Die Unternehmen müssen sich darauf mit ihren Mitarbeitern bewusst vorbereiten. Dass sich dies lohnen wird, davon können wir ausgehen. Denn nicht nur wir, auch noch unsere Enkel werden davon betroffen sein.

Erst recht mit den Anforderungen der Digitalisierung werden die Themen „Resilienz“ und „Gesund führen“ noch wichtiger werden, als sie es ohnehin schon sind. Von einem Burnout können nicht nur Individuen betroffen sein, es gibt auch Analogien zu einem organisatorischen oder sogar gesellschaftlichen Burnout.

Digitalisierung fordert neue Kompetenzen

Wir können weiter davon ausgehen, dass sich die Anforderungen an Qualifikation ändern werden. Martin Kolmar nennt drei Typen von Qualifikationen, die wichtiger werden: Kreativität, soziale Kompetenz und räumliche Orientierung. Wir ergänzen auf der weichen Seite Resilienz und auf der fachlichen Seite die MINT-Fähigkeiten.

Daraus lassen sich folgende Handlungsvorschläge ableiten:

  • Wahrnehmen: Unternehmen, Mitarbeiter und Sozialpartner müssen über die Phänomenologie von Digitalisierung und die damit verbundene Veränderungsbeschleunigung sprechen. Es geht um die bewusste Wahrnehmung im Dialog. Je authentischer wir uns damit auseinandersetzen, desto eher gelingen passende Antworten und Strategien. Ohne diese Bewusstseinsbasis fehlt jeder Ansatz der Gegensteuerung.
  • Resilienz beachten: Unternehmen müssen im Hinblick auf die Mobilisierung in der Umsetzungsphase, aber auch während des Designs in der Vorbereitungsphase mit großer Sorgfalt auf die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter achten. Ihre Resilienz ist spätestens jetzt zu stärken. Gesund führen wird wichtiger denn je.
  • Weiterbilden: Das Weltwissen und die Dynamik der Informationsentwicklung erfordern höhere Qualifikationen auch in der Form von Weiterbildung während des Berufslebens. Die Weiterbildung selbst entwickelt sich unter dem digitalen Einfluss. MOOCs (Massive Open Online Courses) sind ein solches Beispiel.
  • MINT stärken: Die „Rente mit 63“ kostet uns viele Milliarden Euro und zudem den Verlust von erfahrenen Mitarbeitern auf MINT-Arbeitsplätzen. Vielleicht hätten wir das Geld besser auf kluge Art und Weise in MINT für Minis von 3 bis 6 stecken sollen, weil bekannt ist, dass das spätere Interesse an MINT-Berufen am besten mit frühkindlicher Bildung zu erreichen ist, wenn es denn richtig angestellt wird.
  • Soziale Kompetenzen früh ausbauen: Zentrale soziale Fertigkeiten wie Kommunikation, Konfliktmanagement, Achtsamkeit oder Entspannungstechniken werden heute nicht im Kindergarten, nicht in der Schule, nicht in der Ausbildung und nicht im Berufsleben systematisch und standardisiert geschult. Je früher wir damit anfangen, desto gesünder, leistungsfähiger und anpassungsfähiger ist unsere Gesellschaft. Der Schlüssel liegt in der Fähigkeit zum Dialog, was im Idealfall umfassende Wahrnehmung und angstfreie Kommunikation voraussetzt, und dem Willen zur Kooperation. Das ist der Kern der sozialen Nachhaltigkeit.

Die Sozialpartnerschaft in der Chemie ist ein gutes Beispiel für institutionalisierte Dialogfähigkeit. Der Fortschritt in der Digitalisierung der Chemie kann zumindest in Bezug auf die Arbeitswelt oft nur Hand in Hand gehen mit einem Fortschritt der Sozialpartnerschaft. Und beides kann sich bedingen. Außerdem wird die Sozialpartnerschaft selbst Gegenstand der Digitalisierung sein. Wie wir arbeiten, was wir von Arbeit erwarten, und wie wir Arbeit verstehen, wird sich verändern. Offen ist das Wie, denn die neuen digitalen Alternativen können zu ambivalenten Ergebnissen führen. Die einen sind fasziniert, den anderen nimmt es den Atem. Die Spannbreite der potentiellen Auswirkungen ist immens, ebenso groß ist aber auch der Steuerungs- und Gestaltungraum der Akteure: „Die neue Freiheit kann begeisternd, aber auch beängstigend sein, besonders für Menschen, die bisher nur in vorgegebenen Strukturen gelernt und gearbeitet haben.“ (Thomas Sattelberger) Die Kultur von Kreativität, Offenheit und Solidarität wird sich verändern. Sie ist zu stärken, und die Fragen können nicht von Arbeitgebern oder Arbeitnehmern allein beantwortet werden. Härten des zu erwartenden Strukturwandels erfordern eine kluge Weiterentwicklung des Sozialstaates. Die Frage, ob die Digitalisierung zu einer steigenden Arbeitslosigkeit oder vielmehr zu Personalknappheit führt, ist ein weiterer Beleg dafür, wie sehr das Thema Digitalisierung und Arbeitswelt 4.0 polarisiert. Sicher scheint für den Einzelnen wie für Volkswirtschaften: Bildung schützt!

Digitalisierung im Mittelstand: Evolution statt Revolution

Dieser Beitrag verfolgt letztlich einen traditionellen und dabei vielleicht auch akribisch-werteorientierten Ansatz. Eher positivistisch nimmt er die heutige Situation an, wie sie ist oder (ohne Fehler) sein sollte. Das heißt, wir begeben uns eher evolutionär in die Digitalisierung, starten in Demut mit dem, was wir können, suchen eher schrittweise neue Herausforderungen und sind dabei offen für das, was uns risikosensitiv eventuell unerwartet vor den Schirm kommt. Die heutigen Mitarbeiter, die nicht selten schon ein oder zwei Jahrzehnte im Unternehmen sind, strecken sich und zusammen schafft man es. Das ist vor allem für den Mittelstand der wahrscheinlich passendste und ehrliche Ansatz. Bislang typisch deutsch: gut strukturiert, mit Masterplan, ausgewogen, bewährt.

Ginge es auch anders? Ja, und das ist in Bestsellern beschrieben, aber meist für Start-ups und junge Unternehmen, die sich nicht im Wandel und nicht getrieben fühlen, aber den Wandel machen. Dort geht es nicht um die Work-Life-Balance, sondern um die Work-Learn-Life-Integration. Diese Aussage ist bewusst wertfrei formuliert. Anders gesagt: Wer andere Werte hat, kann einen anderen Weg gehen. Wer mit anderen Werten anders führen kann, erhält andere Mitarbeiter, und die Digitalisierung gestaltet sich anders. Wir haben die Freiheit, Digitalisierung als Gestaltungsaufgabe anzunehmen! Die Welt zwischen den Nullen und Einsen ist unendlich groß, um der Verantwortung mit einem guten Gefühl nachkommen zu können.

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