12.03.2019
ThemenStrategie

Klima schonen und wachsen

Mit einem Programm zum Carbon Management will BASF Treibhausgasemissionen bei energieintensiven Produktionsprozessen reduzieren

  • Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender und Chief Technology Officer, BASF: "BASF hat den Anspruch, Vorreiter beim Klimaschutz zu sein." (Foto: BASF SE)Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender und Chief Technology Officer, BASF: "BASF hat den Anspruch, Vorreiter beim Klimaschutz zu sein." (Foto: BASF SE)
  • Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender und Chief Technology Officer, BASF: "BASF hat den Anspruch, Vorreiter beim Klimaschutz zu sein." (Foto: BASF SE)
  • Der Steamcracker ist das Herzstück der Verbundproduktion. BASF forscht daran, ihn künftig klimaschonend mit regenerativem Strom statt mit Erdgas zu beheizen.

Basischemikalien sind für rund 70 % der Treibhausgasemissionen der Chemieindustrie verantwortlich, doch sie sind zugleich unverzichtbar für die Wertschöpfungsketten und Innovationen der Branche. Deshalb bündelt BASF seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zur Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen bei energieintensiven Produktionsprozessen seit kurzem in einem Carbon-Management-Programm. CHEManager befragte Martin Bruder­müller, Vorstandsvorsitzender und Chief Technology Officer der BASF, zu den Klimaschutzzielen und -aktivitäten des Unternehmens. Die Fragen stellte Andrea Gruß.

CHEManager: Herr Brudermüller, BASF will Wachstum und Klimaschutz vereinbaren. Welche Ziele verfolgt das Unternehmen konkret?

Martin Brudermüller: Der Klimaschutz ist fest in unserer neuen Unternehmensstrategie verankert und liegt mir auch persönlich sehr am Herzen. Ein zentrales Ziel für BASF dabei lautet, zunächst bis zum Jahr 2030 CO2-neutral zu wachsen. Hierfür optimieren wir kontinuierlich bestehende Produktionsprozesse und ersetzen fossile Energiequellen schrittweise durch erneuerbare. Dadurch werden unsere CO2-Emissionen pro Tonne Verkaufsprodukt weiter sinken, und in Mundra, ­Indien soll sogar unser erster komplett CO2-neutraler Standort entstehen. Darüber hinaus wollen wir grundlegend neue emissionsarme Produk­tionsverfahren entwickeln, mit denen sich die Treibhausgas-Emissionen in großem Stil noch weiter senken lassen. Alle diese Arbeiten bündelt BASF in einem ehrgeizigen Programm zum Carbon Management. Damit werden wir Klimaschutz und Produktionswachstum in Einklang bringen.

Seit dem Jahr 1990 hat BASF seine CO2-Emissionen deutlich reduziert. Wo sehen Sie Potenzial für weitere Reduktionen?

M. Brudermüller: Es ist ein großer Erfolg, dass BASF seit 1990 die Emissionen halbiert und zugleich die Produktionsmenge verdoppelt hat. Mit dem Erfolg verbunden ist allerdings, dass es immer schwieriger wird, die CO2-Emissionen unserer hochoptimierten Anlagen noch weiter zu senken. Um hier zukünftig deutliche Fortschritte zu erreichen, bedarf es ganz neuer Technologien.

Wir haben deshalb ein umfangreiches und sehr ambitioniertes Forschungsprogramm angestoßen. Dabei geht es zum Beispiel um eine neue Prozesstechnologie zur Herstellung von Wasserstoff aus Erdgas, die Methanpyrolyse, oder um neue Katalysatorsysteme zur CO2-freien Herstellung von Olefinen.

Sie kündigten darüber hinaus an, Steamcracker – die wichtigsten Anlagen der BASF Verbundstandorte – künftig klimaschonend mit Strom zu betreiben. Wie soll das gelingen?

M. Brudermüller: Unsere Steamcracker benötigen eine Temperatur von 850 °C, um Rohbenzin zur Weiterverarbeitung in Olefine und Aromate aufzuspalten. Könnte die dafür notwendige Energie mit regenerativem Strom eingebracht werden, anstelle des bisher üblichen Erd­gases, wäre eine deutliche Reduzierung der CO2-Emissionen von bis zu 90 % möglich. In den kommenden fünf Jahren wollen wir deshalb das weltweit erste elektrische Beheizungskonzept für Steamcracker entwickeln. Wir machen also unsere Hausaufgaben, um BASF auf die nächsten Schritte beim Klimaschutz vorzubereiten und gehen dabei für die gesamte Branche in Vorleistung. Was wir aber auch dringend brauchen, ist eine politische Diskussion über passende Rahmenbedingungen. Zu den heutigen Preisen und auch mit den geltenden Regelungen des EEG ist es für die energieinten­sive Industrie in Deutschland schwierig, Strom aus erneuerbaren Quellen in großem Umfang einzusetzen. Um Dinge wirklich anders zu machen, wird ein geeignetes regulatorisches Umfeld in Deutschland, Europa und weltweit nötig sein.

CO2 als Rohstoff zu nutzen,
ist nur in Einzelfällen sinnvoll und kann daher
den Klimawandel nicht entscheidend bremsen.

Welche Bedeutung hat die rohstoffliche Nutzung von CO2  für BASF?

M. Brudermüller: Um die Klimaschutzziele zu erreichen, müssen CO2-Emissionen im großen Stil vermieden werden. CO2 als Rohstoff zu nutzen, ist nur in Einzelfällen sinnvoll und kann daher den Klimawandel nicht entscheidend bremsen. Das einzige großtechnische Produkt, das sich heute zu wettbewerbsfähigen Kosten und mit vertretbarem Energieaufwand aus CO2 herstellen lässt, ist Harnstoff. Unsere Harnstoffproduktion in Ludwigshafen verbraucht pro Jahr fast 0,5 Mio. t CO2 als Rohstoff. Ein neuer Ansatz, an dem wir für die Zukunft arbeiten, ist die Herstellung von Natriumacrylat aus Ethen und CO2. Natriumacrylat ist ein wichtiger Ausgangsstoff für Superabsorber, die in Windeln und anderen Hygieneprodukten eine breite Anwendung finden. Gegenüber dem bisherigen Produktionsverfahren für Superabsorber, das auf Propen basiert, würde das CO2 im neuen Prozess etwa 30 % der fossilen Rohstoffe ersetzen. Vorausgesetzt dieser Prozess bewährt sich auch im größeren Maßstab als stabil und wettbewerbsfähig.

Sie tätigen hohe Investitionen in die Effizienz von Produktionsprozessen, bei denen letztlich keine neuen Produkte entstehen. Welche politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für Energie und CO2-Emissionen sind notwendig, damit sich dies für Ihr Unternehmen auszahlt?

M. Brudermüller: Prozessoptimierung erzeugt keine Quantensprünge, sondern schrittweise Verbesserungen. Zugleich sind das aber planbare Maßnahmen, die eine hohe Erfolgschance haben. Die Umstellung bestimmter Verfahren auf erneuerbare Energien hat ein vergleichsweise größeres Potenzial zur CO2-Vermeidung, aber auch deutlich mehr Unsicherheiten. Der Strombedarf der chemischen Industrie in Deutschland entspricht etwa 50 TWh – das wären bereits heute 25 % der in Deutschland produzierten erneuerbaren Energie. Und der Bedarf wird drastisch ansteigen, wenn viele Branchen auf neue Technologien auf Basis alternativer Energien umsteigen wollen. Das heißt, Verfügbarkeit und Kosten der erneuerbaren Energien sind entscheidend für diese Transformation. Das größte Potenzial aber haben ganz neue, CO2-ärmere Prozesse und Technologien.

Wir könnten die Forschungsausgaben
sicherlich risikoärmer investieren.

Als führendes Chemieunternehmen forschen wir an diesem Thema sehr breit und umfassend. Schließlich verfügen unsere Experten auch über die leistungsfähigste Katalyse-Plattform der Welt. Wir können hier auf einem großen Erfahrungsschatz aufsetzen und nutzen diesen, um Innovationen zum Carbon Management zu erzeugen. Uns ist bewusst, dass wir damit Neuland betreten und nicht alle Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden. Wir könnten die Forschungsausgaben sicherlich risikoärmer investieren. Aber wir folgen damit unserem Unternehmenszweck „We create chemistry for a sustainable future“.

Inwieweit tragen die Investitionen in das Carbon Management zu den Wachstumszielen von BASF bei?

M. Brudermüller: Wir sind überzeugt, dass sich unsere Investitionen in den Klimaschutz auszahlen werden. Klima­schutz ist eines der großen Themen unserer Zeit.

Wir trauen uns zu,
an hochoptimierten Standorten die spezifischen
CO2-Emissionen noch einmal um ein Drittel zu senken.

Die Gesellschaft und im Übrigen auch der Kapitalmarkt erwarten Antworten von den Marktführern in allen Branchen, wie sie dieses Thema angehen. Wir wollen das weltweit führende Chemieunternehmen bleiben, und das bedeutet natürlich auch Volumenwachstum. Zugleich hat BASF aber auch den Anspruch, Vorreiter beim Klimaschutz zu sein und der gesamten Branche neue Wege aufzuzeigen. Unser Carbon-Management-Programm wird es uns ermöglichen, die CO2-Emissionen pro Tonne Verkaufsprodukt noch weiter zu senken. Das bedeutet, dass wir unsere Treibhausgasemissionen vom organischen Wachstum entkoppeln. Wir trauen uns zu, an unseren hochoptimierten Standorten die spezifischen CO2-Emissionen noch einmal um ein Drittel zu senken und so eine Mengensteigerung in der Produktion von bis zu 50 % abzufangen. Mit unserer Investition in das Kohlenstoffdioxidmanagement schaffen wir also die Voraussetzung für unser weiteres Wachstum.

In welchem Kontext stehen die geplanten Klimaschutzmaßnahmen mit dem weiteren, nicht-finanziellen Ziel von BASF, weltweit eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit zu erzielen?

M. Brudermüller: Ich bin überzeugt, dass Geschäftstätigkeiten von Unternehmen generell ganzheitlich betrachtet werden müssen, mit all ihren positiven und auch negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Mit unserem Value-to-Society-Ansatz schaffen wir mehr Transparenz über Beiträge, die BASF leistet und über Auswirkungen unserer Tätigkeit. Wir möchten nicht nur unseren Ertrag, sondern insgesamt unseren positiven Beitrag für die Gesellschaft erhöhen und die negativen Auswirkungen der Geschäftstätigkeit minimieren. Deshalb ist Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie fest verankert, beispielsweise bei Investment-Entscheidungen, bei unserem Portfoliomanagement und eben auch bei Innovation. Kompetente und engagierte Mitarbeiter sind dabei der Schlüssel, um die neue Strategie erfolgreich umzusetzen. BASF wird den Mitarbeitern die nötigen Mittel, Kompetenzen und Freiheiten an die Hand geben, damit sie den Kunden bestmögliche Leistungen bieten können. Über die internen Kanäle erhalte ich viel positives Feedback aus dem Unternehmen zu unserem entschlossenen Vorangehen bei Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Dieses Engagement trägt sicherlich in Zukunft zur Identifikation mit BASF bei und damit auch zur Zufriedenheit unserer Mitarbeiter.


Zur Person
Martin Brudermüller
wurde 1961 in Stuttgart geboren. Er studierte Chemie an der Universität Karlsruhe und erhielt dort 1985 sein Diplom. Nach der Promotion, die er 1987 in Karls­ruhe abschloss, absolvierte er einen Postdoc-Aufenthalt an der University of California, Berkeley, USA. Er trat 1988 in das Ammoniaklabor der BASF ein. Seit 2006 gehört er dem Vorstand des Unternehmens an, dessen Vorsitz er im Jahr 2018 übernahm.

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