Strategie & Management

Konsolidierung, Risikominderung und Nachfrageverschiebung

Auswirkungen des Coronavirus auf die Strategie von Chemieunternehmen

19.04.2020 -

Wie die meisten globalen Branchen ist die chemische Industrie derzeit stark von der Covid-19-Pandemie betroffen. Die Auswirkungen waren zunächst in China sichtbar, als sich das neuartige Coronavirus dort ausbreitete. Chinas chemische Industrie kehrt inzwischen allmählich zu einer normaleren Situation zurück, da die Zahl der dortigen Infektionen zurückgegangen ist. Außerhalb Chinas ist die Industrie jedoch derzeit sehr stark betroffen.

Zum einen kommt es zu Störungen in der chemischen Produktion, zum anderen sinkt die Nachfrage nach Chemieprodukten. Um nur einige Beispiele aus China zu nennen: Die Betriebsraten für PTA (Terephthalsäure) gingen von 92% Ende Januar auf 71% im Februar zurück und erholten sich im März nur leicht auf 75%. Die Preise für Chemikalien wie Paracetamol, Penicillin und Vitamine stiegen rasch an. Da die Kunststoffexporte aus China in den ersten beiden Monaten des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16% zurückgingen, passten sich kunststoffbezogene Unternehmen durch eine Verringerung ihrer Kapazitätsauslastung an. Beispielhaft meldete der Kunststoffcompounder China XD Ende März eine Kapazitätsauslastung von nur 20%, erwartet jedoch einen Anstieg auf 70% bis Ende April und eine vollständige Auslastung bis Ende Mai.

Dies sind kurzfristige Effekte, die wahrscheinlich auf europäische und US-amerikanische Chemieunternehmen in ähnlicher Weise wirken werden. Bis zu einem gewissen Grad können sie als unvorhersehbare Folgen eines typischen Black Swan-Ereignisses abgetan werden. Wir glauben jedoch, dass das Coronavirus auch langfristige Auswirkungen auf globale Chemieunternehmen haben wird. Der Virusausbruch wird Trends fördern, die wiederum eine Anpassung der Strategien der Chemieunternehmen erfordern. Insbesondere drei Aspekte scheinen uns von hoher Relevanz zu sein: Konsolidierung, Risikominderung und Veränderungen in der Nachfrage.

Konsolidierung
Weltweit konsolidiert sich die chemische Industrie seit einigen Jahren, was den relativ reifen Status der Branche widerspiegelt. In den letzten zwei bis drei Jahren hat diese Konsolidierung auch China erreicht – die Anzahl der Chemieunternehmen dort erreichte im Jahr 2015 ihren Höhepunkt, geht seitdem jedoch um etwa 4% pro Jahr zurück, teilweise als Folge der verschärften Umweltgesetzgebung. Das Coronavirus wird wahrscheinlich zu einer Konsolidierung der Branche in viel größerem Umfang führen. Viele kleine und finanziell schwache Unternehmen werden in den nächsten Monaten um das Überleben kämpfen, da Umsatz und Produktion erheblich zurückgehen. Chemielieferanten, die sich auf besonders stark vom Coronavirus betroffene Branchen wie Automobilindustrie und Textilindustrie konzentrieren, sind am anfälligsten. Da die gesamtwirtschaftliche Aktivität jedoch abnimmt, werden bis zu einem gewissen Grad alle Chemieunternehmen betroffen sein.

Was bedeutet das für die Strategie der Chemieunternehmen? Schwache, kleine Unternehmen müssen nach starken Partnern suchen, ihre Verschuldung erhöhen und sich sogar zum Verkauf anbieten, um die Krise zu überstehen. China verzeichnet bereits einen Anstieg der Anfragen westlicher Chemieunternehmen, da chinesische Chemieunternehmen, die im Inland bereits wieder in Betrieb gehen, nun als potenzielle Käufer für bedrängte westliche Unternehmen angesehen werden. Auf der anderen Seite können Chemieunternehmen mit einer soliden Finanzlage die derzeit niedrigen Bewertungen und die prekäre Situation kleinerer Wettbewerber für ein opportunistisches Wachstum durch Akquisition nutzen.

„Chemieunternehmen mit einer soliden Finanzlage
können die derzeit niedrigen Bewertungen kleinerer Wettbewerber
für ein opportunistisches Wachstum durch Akquisition nutzen.“

Untersuchungen zu früheren Krisen zeigen im Allgemeinen, dass die stärksten Unternehmen viel weniger von Krisen betroffen sind und in einer solchen Periode häufig sogar ihre Branchenposition verbessern können. Es ist zu erwarten, dass dies auch für die chemische Industrie gilt. Selbst wenn ein starkes Chemieunternehmen keine Konkurrenten erwirbt, wird es dennoch von der Konsolidierung des Markts profitieren, da die unvermeidliche Schließung einiger der schwächsten Akteure die Umverteilung der Marktanteile unter den verbleibenden Unternehmen bewirkt.

In China haben die Banken bspw. die Kreditlinien einiger unabhängiger Ölraffinerien aufgrund von Coronavirus-induzierten Umsatzausfällen ausgesetzt. Dies macht diese Unternehmen sehr anfällig für Notverkäufe oder Schließungen. Die größeren Unternehmen und die staatlichen Raffinerien können dagegen möglicherweise von den Schwierigkeiten dieser unabhängigen Raffinerien profitieren.

Risikominderung
Seit China infolge des 13. Fünfjahresplans (2016-2020) seine Umweltvorschriften verschärft hat, sind die globalen Lieferketten gelegentlich gestört worden, bspw. bei Farbstoffen. Als Chinas führender Farbstoffhersteller Hubei Chuyuan mit einem weltweiten Marktanteil von 30% an einigen Farbstoffen im Jahr 2016 aus Umweltgründen geschlossen wurde, stiegen die Preise für Materialien wie H-Säure um mehrere hundert Prozent.

Störungen aufgrund des Coronavirus betreffen eine viel größere Anzahl von Chemikalien, die von viel größerer Bedeutung sind als Farbstoffe, wie zum Beispiel Arzneimittel. Im Jahr 2019 importierten die USA 95% ihres Ibuprofens, 91% des Hydrocortisons, 70% des Paracetamols und 40-45% des Penicillins aus China. Für Agrochemikalien warnten indische Medien, dass die Produktion einiger indischer Unternehmen gefährdet sein könnte, wenn die virusbedingten Verzögerungen der Lieferung von Agrochemikalien aus China anhalten.

„Globale Chemieunternehmen müssen
ihr Lieferantennetzwerk erweitern.“

Noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie versuchten viele Chemieunternehmen, ihre Abhängigkeit von der Beschaffung aus einem einzigen Land (in den meisten Fällen aus China) zu verringern. Ein deutscher Hersteller von Spezialchemikalien vermeldete bspw. eine stark erhöhte Zahl von Anfragen von Kunden, die derzeit Chemikalien aus China beziehen.

Indische Spezialchemieunternehmen positionieren sich ebenfalls als Alternativen zu China. Angesichts der Tatsache, dass sich die Situation in China bereits verbessert, erscheint es ironischerweise derzeit nicht ratsam, sich ausschließlich auf die Vermeidung von China als Lieferant zu konzentrieren. Das Grundkonzept, eine hohe Abhängigkeit von einer einzigen Quelle (sei es ein Unternehmen oder ein ganzes Land) zu verringern, gilt jedoch weiterhin.

Globale Chemieunternehmen müssen ihr Lieferantennetzwerk erweitern, und es ist wahrscheinlich, dass die Jahresberichte der Chemieunternehmen für das Jahr 2020 umfangreiche Abschnitte zur Reduzierung des Lieferantenrisikos bei unvorhergesehenen Ereignissen wie der Coronavirus-Pandemie enthalten werden. Während viele der bisherigen Bemühungen, das Risiko einer übermäßigen Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten oder Ländern zu verringern, aufgrund der damit verbundenen Kostensteigerungen letztlich ohne praktische Auswirkungen blieben, könnte die aktuelle Situation die Unternehmen viel eher bereit machen, diese Mehrkosten zu akzeptieren.

Nachfrageverschiebung
Die vielleicht interessanteste strategische Frage für Chemieunternehmen ist, ob das Coronavirus zu einer langfristigen Verschiebung der Nachfrage führen wird. Kurzfristige Verschiebungen sind sehr wahrscheinlich, da die Regierungen versuchen, die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Ausbruchs des Coronavirus zu mildern. Um bspw. die Industrie angesichts des Virus zu unterstützen, hat China kürzlich die Subventionen und Steuererleichterungen für den Kauf von Fahrzeugen mit neuer Energie für zwei Jahre verlängert - eine gute Nachricht für Chemielieferanten für diese Produkte.

China kündigte außerdem an, die Umweltaufsicht der Unternehmen zu ändern, um die durch die Coronavirus-Epidemie gestörte Produktion wieder aufzunehmen, damit die Unternehmen mehr Zeit für die Behebung von Umweltproblemen haben (wobei jedoch betont wird, dass die Gesamtstandards nicht gesenkt werden). Und China erhöhte die Exportsteuervergünstigungen für viele chemische Produkte, einschließlich einer derartigen Vergünstigung in Höhe von 13% für Ethylen, Propylen und Ethylenglykol. Ziel der Maßnahme ist es, den Druck auf die vom Coronavirus-Ausbruch betroffenen Unternehmen zu verringern.

„Wird der Schwerpunkt auf der Rekonstruktion
der Wirtschaft in den Zustand vor Covid-19 liegen
oder wird es grundlegende Änderungen geben?“

Die chemische Industrie in anderen Ländern wird vermutlich von ähnlichen Konjunkturmaßnahmen profitieren, die sich direkt an die Industrie selbst oder an wichtige Kundensegmente richten. In den USA wurden bereits Anreize in Höhe von 2 Billionen USD genehmigt, um die Wirtschaft zu stützen. Durch die Bereitstellung solcher Hilfe, die sich positiv auf einen Großteil der Wirtschaft auswirkt, soll verhindert werden, dass die Nachfrage auf ein seit 2008 nicht mehr gesehenes Niveau sinkt.

Diese kurzfristigen Verschiebungen dürften jedoch für die langfristige Strategie nicht von hoher Relevanz sein. Andere Probleme können sich als dauerhafter herausstellen. Bspw. werden Einwegkunststoffe derzeit als hochhygienische Materialien beworben – die Idee der Kreislaufwirtschaft tritt dabei in den Hintergrund. Wird diese Präferenz für Einwegmaterialien Bestand haben, wenn das Coronavirus eingedämmt worden ist? Wird im Angesicht der akuten Bedrohung menschlichen Lebens durch das Virus das längerfristige Problem der globalen Erwärmung nach dem Abklingen der Pandemie wiederum als eine Frage von Leben und Tod angesehen werden? In einigen Regionen der Welt gibt es bereits positive Anzeichen für eine geringere Luftverschmutzung infolge der Pandemie. Wie wird sich dies auf die Nachfrage nach Autos, Kunststoffen oder anderen Produkten auf chemischer Basis auswirken? Wird der Schwerpunkt auf der Rekonstruktion der Wirtschaft in den Zustand vor Covid-19 liegen oder wird es grundlegende Änderungen geben? Die Erfolgsstrategie für Chemieunternehmen hängt davon ab, die richtigen Antworten auf diese Fragen zu finden.

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