22.03.2018
ThemenStrategie

Plädoyer für eine andere Mentalität

VFA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer lenkt den Blick auf den Nutzen heutiger Arzneimittel

  • Birgit Fischer im Gespräch mit Thorsten Schüller (Quelle: VFA)Birgit Fischer im Gespräch mit Thorsten Schüller (Quelle: VFA)
  • Birgit Fischer im Gespräch mit Thorsten Schüller (Quelle: VFA)
  • Birgit Fischer im Gespräch mit Thorsten Schüller (Quelle: VFA)

Gesundheit ist bezahlbar und hat einen hohen Nutzen, wenn nicht nur die Kosten eines einzelnen Arzneimittels, sondern auch die positiven gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekte betrachtet werden. Diese Meinung vertritt die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Birgit Fischer, im Gespräch mit CHEManager-Autor Thorsten Schüller. Sie fordert eine stärkere Vernetzung der verschiedenen Sektoren in der Gesundheitsbranche und setzt auf die zunehmende Digitalisierung, um schlummernde Effizienzreserven heben zu können.

CHEManager: Frau Fischer, wir erleben eine Zeit der therapeutischen Durchbrüche: Hepatitis C kann geheilt werden, Brustkrebs ist kein Todesurteil mehr, die Gentechnologie öffnet den Weg zu neuen Therapien. Aber diese Arzneimittel sind oft extrem teuer. Haben wir die Grenze der Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems erreicht?

Birgit Fischer: Ich finde die Diskussion, wie sie in Deutschland geführt wird, überraschend. Es wird nicht an erster Stelle gesagt: Wow, ein Durchbruch! Wir haben neues Wissen und die Möglichkeit, eine Krankheit zu heilen. Stattdessen wird sofort gefragt: Wie teuer ist das, können wir das bezahlen? Die neue Therapie für Hepatitis C ist ein gutes Beispiel. Das war der größte Innovationssprung seit Jahren. Hepatitis C ist damit heilbar. Doch sofort brach eine Diskussion los über steigende Kosten und dass diese Therapie an die Grenzen des Systems führt. Dabei hat die weitere Entwicklung gezeigt, dass dem mitnichten so ist.

Immerhin kostete das Medikament anfangs um die 80.000 Euro.

B. Fischer: Der Preis ist rasch gesunken. Und das hatte einen Grund, der im positiven Sinne systemimmanent ist: Wettbewerb und Konkurrenzprodukte. Das führt immer dazu, dass Preise auch gesenkt werden. Der Preis alleine sagt ohnehin wenig: Er muss in ein Verhältnis zum Erfolg der Therapie gesetzt werden.

Was heißt das für die Kosten-Gesamtbetrachtung von Arzneimitteln?

B. Fischer: Über den ganzen Zyklus hinweg und unter Berücksichtigung des Patientennutzens werden Behandlungen nicht so viel teurer. Im Übrigen haben wir aktuell eine hohe Zahl an Patentabläufen. Damit findet zum Ende des Kreislaufs hin eine erhebliche Preisreduzierung bei Arzneimitteln statt. Das Horrorszenario, wir könnten das alles nicht mehr bezahlen, entbehrt damit jeder Grundlage.

Nichtsdestotrotz muss das mehrere Zehntausend Euro teure Krebsmedikament im Einzelfall bezahlt werden.

B. Fischer: Man könnte hier Zahlen sprechen lassen: Danach haben wir bei den Arzneimitteln keine Kostensteigerungen im gigantischen Umfang – trotz der medizinischen Erfolge in den vergangenen Jahren. 2016 sind die Arzneimittelkosten um vier Prozent gestiegen, im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent. Das liegt unterhalb der Steigerungsraten im gesamten Gesundheitsbereich. Zudem liegt der Anteil der Arzneimittelkosten seit Jahren konstant bei 16 Prozent. Das zeigt, dass die punktuelle Betrachtung in die Irre führt. Nötig ist vielmehr eine Gesamtbetrachtung.

Wie sollte die aussehen?

B. Fischer: Es ist doch erstaunlich, welche Gesundheitserfolge erzielt werden und wie dies zur Lebensqualität und zur Produktivität der Gesellschaft beiträgt. Wenn es eine Lösung für die Probleme, die durch die demographische Entwicklung entstehen, gibt, ist das doch kein Manko, sondern ein riesiger Erfolg.

Wenn bei Gesundheitsfragen nicht die wirtschaftlichen Aspekte mit berücksichtigt werden, also Aspekte „wie halten wir Unternehmen hier am Standort?“ oder „wie sichern wir Forschung und Entwicklung in Deutschland?“, dann wird wiederum eben diese Gesundheitsversorgung gefährdet. Es ist deutlich zu kurz gesprungen zu sagen, dass einzelne Arzneimittel zu viel kosten. Sie bleiben nämlich nur bezahlbar, wenn die sozialen Sicherungssysteme gut ausgestattet sind – und das wiederum wird über den wirtschaftlichen Wohlstand erreicht. Im Grunde ist der wirtschaftliche Wohlstand der größte Freund der sozialen Sicherungssysteme.

Was wir brauchen, ist eine andere Mentalität: Eine realistische Einschätzung der Chancen, Potenziale und Entwicklungen. Und Politik darf nicht nur kritisieren, was medizinischer Fortschritt für die Beitragszahler kostet, sondern sie muss auch fragen, welche Fortschritte und Auswirkungen das für die Gesellschaft hat. Ein erster Schritt wurde mit dem Pharmadialog getan. Er zeigt, dass es ganz allmählich eine Offenheit für diese Fragestellung gibt.

Wäre es eine Lösung, wenn der Staat selbst Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel betreibt, um Fragen nach den Kosten aus dem Weg zu gehen?

B. Fischer: Diese Frage wird mir häufig gestellt. Sie scheint wie ein Rettungsanker in der Kostendiskussion zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nehmen Sie das Beispiel DDR – da gab es nicht ein Arzneimittel, das dort erforscht und entwickelt wurde. Ich glaube, dass Forschung und Entwicklung darauf angewiesen sind, dass es Wettbewerb und Investoren gibt. Der Staat hat hingegen die Aufgabe, die Regeln für die Gesellschaft zu setzen. Das heißt auch, dass man reglementierend eingreift in wirtschaftliche Kreisläufe. Wenn der Staat alles selber machte und der Wettbewerb fehlte, würde der Innovations-Kreislauf ins Stocken kommen und der Fortschritt wäre eine Schnecke.

Und wie wäre es mit weniger Regulierung in dieser hoch regulierten Branche?

B. Fischer: Der Gesundheitsbereich wird immer ein regulierter Markt sein, weil es um die Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung der gesamten Bevölkerung geht. Das Ziel ist nicht die freiere Entwicklung der Branche. Das Ziel ist eine ganzheitliche Sicht, um sozial und ökonomisch ausgewogen zu agieren. Es spricht also nichts gegen Regulierung. Es spricht aber viel gegen unbedachte, unkontrollierte Regulierung, die in einen Kreislauf einbricht, ohne die Folgen zu überschauen.

Was meinen Sie damit?

B. Fischer: Es gibt Äußerungen wie: „Es interessiert mich nicht, ob Forschung hier in Deutschland stattfindet oder nicht.“ Tatsache ist, dass wir heute bei der klinischen Forschung weltweit die Nummer 2 nach den USA sind. Wir haben gewachsene Strukturen zwischen Industrie, Grundlagenforschung und Instituten sowie eine dichte Forschungslandschaft. Diese Stärke gefährdet man mit solchen Äußerungen.

Wer sagt das?

B. Fischer: Konkret der GKV-Spitzenverband.

Sie haben den Forschungsstandort Deutschland erwähnt. Wie steht der im internationalen Vergleich da?

B. Fischer: Im Grundsatz gut. Es gibt aber ein konkretes Anliegen, die steuerliche Forschungsförderung, die in allen anderen Ländern wettbewerblich eingesetzt wird. Deutschland tut sich dagegen unglaublich schwer, hier einen Einstieg zu finden.

Wie sollte diese Förderung aussehen?

B. Fischer: Die laut Koalitionsvertrag geplante steuerliche Forschungsförderung konzentriert sich auf kleinere und mittlere Unternehmen. Das ist aus unserer Sicht zu wenig, denn die großen forschenden Pharmaunternehmen stehen im internationalen Wettbewerb und helfen Deutschlands angestrebte Forschungsquote zu sichern. Zudem ist die geplante steuerliche Forschungsförderung im Koalitionsvertrag finanziell nicht hinterlegt. Damit ist die Gefahr groß, dass sie wie in den vergangenen Legislaturperioden nur eine Willensbekundung bleibt und nicht realisiert wird. Überhaupt mal einen Einstieg zu finden, wäre das Entscheidende.

Was zeichnet die Stärke des hiesigen Forschungsstandortes aus?

B. Fischer: Unter anderem die Tatsache, dass 19 von 42 Mitgliedsfirmen des VFA in Deutschland Labors für Wirkstoff- oder galenische Forschung haben.

Allerdings gab es schon mal mehr Pharmaunternehmen in Deutschland.

B. Fischer: Natürlich gibt es viele Veränderungen in der Branche. Unternehmen fusionieren oder werden aufgekauft. Es wird immer danach gefragt, welche deutschen Unternehmen es hier gibt. Die Frage müsste eigentlich lauten: Welche Pharmaunternehmen haben wir hier, die die gesamte Wertschöpfungskette von Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb abdecken? Dabei ist es erstmal zweitrangig, wo sie ihren Hauptsitz haben. Die hier ansässigen Pharmaunternehmen investieren jährlich 5,5 Mrd. EUR in Forschung und Entwicklung. Das sind 15 Mio. EUR täglich!

Die Digitalisierung verändert die Gesundheitsbranche. Tragbare Geräte messen Körperfunktionen, es gibt künstliche Intelligenz und große Mengen von Patientendaten. Inwieweit beeinflusst das die Gesundheits- und Pharmaindustrie in Deutschland?

B. Fischer: Hier schließt sich der Bogen zu der Frage nach den Kosten im Gesundheitswesen, denn die Digitalisierung erschließt erhebliche Effizienzreserven. Wir haben in Deutschland nach wie vor das Problem, dass der ambulante Sektor stark vom stationären Sektor und vom Reha-Bereich abgeschottet ist. Patientendaten werden nicht zwischen behandelnden Ärzten ausgetauscht. Stattdessen werden Doppeluntersuchungen gemacht, zum Teil auch Doppelbehandlungen, die nicht im Interesse der Patienten sind und viel Geld kosten. An diese Effizienzreserven muss man ran! Und dafür ist Digitalisierung das Instrument, das hilft neue Prozesse und Lösungswege zu entwickeln. Digitalisierung gibt auch dem Thema Prävention neuen Schwung: Apps, Gesundheitsinformationen und das Controlling des eigenen Gesundheitsverhaltens können einen erheblichen Beitrag für ein gesünderes Leben leisten.

Inwieweit sind hier die hiesigen Pharmaunternehmen dabei?

B. Fischer: Die Arzneimittelunternehmen befassen sich mit dem Thema Gesundheit und Versorgung, nicht allein mit dem Thema Krankheit. So hängt der Mehrnutzen eines Arzneimittels auch von zielgenauer Verordnung und sachgerechter Anwendung ab. Eine Frage ist, ob die richtigen Arzneimittel für den passenden Patienten zum richtigen Zeitpunkt verordnet werden? Erreichen die Patienten frühzeitig Fachärzte? An all diesen Fragen haben die Pharmaunternehmen ein hohes Interesse. Die Digitalisierung hilft, Wissen zu nutzen und Versorgungspfade einzuhalten. Und sie hilft, das Geld sinnvoll einzusetzen, unnötige Ausgaben zu vermeiden und die Effizienzreserven im Gesundheitssystem zu heben.

Können Sie diese Reserven beziffern?

B. Fischer: Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen stellte 2012 fest, dass ein beachtliches Potenzial zur Erhöhung von Effizienz und Effektivität in der Gesundheitsversorgung vorhanden ist. Und das Fraunhofer Institut (ISI) geht davon aus, dass durch die intelligente Vernetzung und Modernisierung des Gesundheitswesens Effizienzgewinne von zirka 9,6 Mrd. EUR sowie neue Wachstums- und Innovationsimpulse in Höhe von 2,6 Mrd. EUR pro Jahr in Deutschland möglich wären.

"In der digitalen Gesundheitsversorgung hinkt Deutschland im internationalen Vergleich eindeutig hinterher."

Google forscht im Bereich der Gesundheit, Tech-Firmen entwickeln immer neue Apps, Amazon will in den Pharmavertrieb und die Versicherung von Patienten einsteigen. Zeichnet sich im Gesundheitsmarkt ein Umbruch ab?

B. Fischer: Sicher ist, dass es neue Wettbewerber geben wird. Aber die Pharmaunternehmen bereiten sich darauf vor. Sie sehen, dass die Digitalisierung auch ihre Geschäftsmodelle verändert. Das Problem sind weniger die Unternehmen, sondern es ist das Regelwerk in Deutschland, das die Entwicklung bremst.

Was konkret meinen Sie?

B. Fischer: In der digitalen Gesundheitsversorgung hinkt Deutschland im internationalen Vergleich eindeutig hinterher. Das Mindeste, was umgesetzt werden müsste, ist eine elektronische Patientenakte. Wir brauchen eine bessere Koordination in der Versorgungspraxis, das heißt zwischen den Gesundheitssektoren, den Gesundheitsberufen und der Gesundheitswirtschaft. Bisher versucht jeder isoliert in seinem Bereich eine Weiterentwicklung zu forcieren. Das ist aber relativ planlos, weil es keine gemeinsame Ausrichtung in der Gesundheitspolitik gibt. Deshalb brauchen wir eine nationale E-Health-Strategie mit einem gemeinsamen Zielbild.

Gibt es Leuchttürme, die hier weiter sind?

B. Fischer: Estland beispielsweise. Das Land ist im Bereich der Digitalisierung des Gesundheitswesens sehr weit. Daran erkennt man auch die Problematik. Die Esten konnten ihr Gesundheitssystem neu aufbauen und mussten nicht etwas Altes über Bord werfen beziehungsweise einen Veränderungsprozess organisieren. Unser Handycap ist, dass unsere etablierten Systeme einer zukünftigen Entwicklung entgegenstehen. Wir müssen einen Wandel organisieren, und das ist schwieriger, als etwas neu zu gestalten.

 

 

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