Strategie & Management

Unternehmensziel Klimaneutralität

Lanxess minimiert Emissionen durch Innovationen bei Prozessen, Technologien und Governance

21.04.2020 -

Lanxess hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Bis 2040 will der Spezialchemiekonzern klimaneutral werden. Unter anderem soll der Forschungsfokus auf klimaneutrale Prozess- und Technologieinnovationen verstärkt werden. Was das Kölner Unternehmen noch tut, um Emissionen und Wachstum zu entkoppeln und das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, erfragte Michael Reubold bei Hubert Fink, der im Lanxess-Vorstand für die Bereiche Produktion, Technologie, Sicherheit und Umwelt zuständig ist.

CHEManager: Herr Fink, Klimaschutz ist ja kein ganz neues Thema. Wie lange beschäftigt sich Lanxess bereits damit? 

Hubert Fink: Von Anfang an! Seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 2004 bis ins vorletzte Jahr 2018 hat der Konzern den Ausstoß von Treibhausgasen halbiert – von rund 6,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten – kurz: CO2e – auf etwa 3,2 Millionen Tonnen CO2e. Damit sind wir auf dem Weg zur Klimaneutralität bereits ein gutes Stück vorangekommen. Diesen Weg werden wir konsequent weiter gehen.  
„Ich bin überzeugt, dass unser Ziel „klimaneutral bis 2040“
– so ambitioniert es klingen mag –sehr realistisch ist.“
  Wie ambitioniert sind die Ziele, wenn Sie vom heutigen Stand der klimaschädlichen Emissionen ausgehen? 

H. Fink: Ich bin überzeugt, dass unser Ziel „klimaneutral bis 2040“ – so ambitioniert es klingen mag – sehr realistisch ist. Wir streben an, unsere Treibhausgasemissionen bis 2040 auf unter 300.000 Tonnen pro Jahr zu senken – 95 % weniger als 2004 – und die verbleibenden 5 % zu kompensieren. Damit sehen wir uns im Wettbewerbsumfeld – in Deutschland und weltweit – ambi­tioniert positioniert. Wir werden uns diesem Ziel schrittweise annähern und die Schritte, die wir bereits zurückgelegt haben, bilden eine solide Basis für unsere Prognose.

Welche wesentlichen Schritte haben Sie denn bisher unternommen?
H. Fink: Einen substanziellen Beitrag zum bisher Erreichten hat zum Beispiel die konsequente Senkung des Lachgas-Ausstoßes bei der Produktion von Polyamid-Vorprodukten geleistet. Seit 2009 ist unsere Lachgas-Reduktionsanlage in Krefeld-Uerdingen in Betrieb. Das Projekt wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem im Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ und mit dem VCI Responsible Care Award NRW. Unser bereits vor Jahren gestecktes Ziel, die Energieeffizienz zu verbessern und so weltweit unsere Emissionen von CO2 und flüchtigen organischen Verbindungen – bezogen auf die Werte von 2015 – um ein Viertel zu reduzieren, haben wir bereits erreicht. Auch darüber hinaus haben wir an vielen Standorten weltweit und in vielen Einzelprojekten unsere Emissionen substanziell vermindern können. Lanxess unterstützt ebenso zahlreiche Initiativen gegen den Klimawandel, bringt Ideen und Expertise ein. Jüngstes Beispiel ist unsere Beteiligung an der gemeinsam vom Verband der Chemischen Industrie und dem Verein Deutscher Ingenieure errichtete Plattform Chemistry4Climate. Sie fasst die Kompetenzen ihrer Mitglieder zusammen und soll konkrete, konsensfähige Konzepte erarbeiten, um Klimaneutralität entlang von Wertschöpfungsketten zu erreichen, getreu dem Motto: „Was alle angeht, können nur alle lösen“. 

„Längst nicht überall ist das Bewusstsein für verantwortungsvollen
Klimaschutz hinreichend entwickelt, ganz zu schweigen von den
politischen Rahmenbedingungen.“

 
Unternehmen beschreiten unterschiedliche Wege, um ihre Klimaschutzziele zu erreichen. Welchen strategischen Ansatz verfolgt Lanxess?

H. Fink: Wir setzen vor allem auf drei Schlüsselbeiträge: Wir werden Großprojekte initiieren, die mit einer wesentlichen Reduktion von Treibhausgasemissionen einhergehen: So entsteht an unserem belgischen Standort Antwerpen derzeit eine Anlage zur Reduktion von Lachgas ähnlich wie in Krefeld. Sie soll noch in diesem Jahr in Betrieb gehen und senkt unsere jährlichen Emissionen auf einen Schlag um rund 150.000 Tonnen CO2e. Nach Installation einer zweiten Ausbaustufe im Jahr 2023 wird der CO2e-Ausstoß um weitere 300.000 Tonnen sinken.  Ein anderes Beispiel ist die Energieversorgung unserer indischen Standorte, die wir derzeit vollständig auf regenerative Quellen umstellen, sprich: Biomasse und Solarenergie statt Kohle und Gas. Dadurch sinkt der CO2e-Ausstoß ab 2024 um weitere 150.000 Tonnen. Im brasilianischen Porto Feliz sind wir mit diesem Konzept bereits seit einem Jahrzehnt erfolgreich. Dort betreiben wir ein hocheffizientes Kraftwerk in Kraft-Wärme-Kopplung ausschließlich mit Biomasse, z. B. mit Resten der lokalen Holzverarbeitung. In Summe investieren wir in diese und weitere Großprojekte rund 100 Millionen Euro und senken damit den CO2e-Ausstoß bis 2025 insgesamt um 800.000 Tonnen.  Außerdem wollen wir Emissionen und Wachstum entkoppeln. Lanxess will weiter wachsen, aber trotz steigender Produktionsmenge soll der Ausstoß von Treibhausgasen in den Geschäftsbereichen sinken. Neben technischen Effizienzmaßnahmen kommen hier veränderte Governance-Instrumente ins Spiel: So wird der CO2e-Fußabdruck zum Entscheidungskriterium bei Investitionen und Akquisitionen. Bereiche, die ihre Treibhausgasemissionen stark senken, haben so einen direkten finanziellen Vorteil. Darüber hinaus führen wir die CO2e-Reduktion als Bewertungskriterium im Vergütungs-Bonussystem ein – nicht nur für Vorstandsmitglieder, sondern für alle Führungskräfte. Klimaschutz wird damit bald noch fester in der Unternehmenskultur verankert sein.  Last but not least werden Prozess- und Technologieinnovationen wichtige Beiträge leisten: Wir überarbeiten kontinuierlich bestehende Produktionsverfahren, nicht nur in puncto Produktivität, sondern eben auch hinsichtlich der Treibhausgasemissionen. Praktisch bedeutet das: Lanxess wird seine Verbundstrukturen kontinuierlich verbessern, etwa den Wärmeaustausch zwischen Betrieben intensivieren oder die Logistikprozesse weiter optimieren. Bestimmte Verfahren müssen erst noch entwickelt oder in den großtechnischen Maßstab übertragen werden.

Können Sie hierfür Beispiele nennen?

H. Fink: Insgesamt richten wir unsere Entwicklungsprojekte auf klimaneutrale Prozesse, Technologien und Produkte aus. Ein Beispiel dafür ist unsere Kooperation mit Standard Lithium am US-amerikanischen Standort El Dorado, an dem Lanxess heute in mehreren Anlagen bromhaltige Produkte, zum Beispiel Flammschutzmittel, aus Sole herstellt. Das in dieser Sole ebenfalls enthaltene Lithium könnte – ein geeignetes Extraktionsverfahren vorausgesetzt – Grundlage für „grünes“ Lithium und somit klimaschonend herzustellende Li-Ionen-Akkus werden. Ein solches Verfahren dürfte deutlich energieeffizienter sein als die heute überwiegend praktizierte Gewinnung von Lithium aus Salzseen. Derzeit sammeln wir dort in einer Pilotanlage wichtige Erfahrungen, die schon in wenigen Jahren zum Beispiel die Elektromobilität unter Klimaschutzaspekten noch attraktiver machen könnten. 

Wenn Sie die CO2-Bilanz zum Kriterium für künftiges Wachstum machen, werden Aktionäre und sonstigen Stakeholder damit einverstanden sein? 

H. Fink: Klimaschutz und Wachstum sind keine Gegensätze, das habe ich bereits betont. Im Gegenteil: Klimaschutz ist ein Business Case. Er ist ein Treiber für Innovationen und deren Realisierung macht unsere Anlagen und unser Geschäft zukunftssicher. Das ist definitiv im Interesse unserer Aktionäre, Mitarbeiter und Kunden. Darüber hinaus ist Klimaschutz unbestritten zu einem gesellschaftlichen Auftrag geworden und damit zu einer Voraussetzung für die Akzeptanz unseres unternehmerischen Handelns. Vor diesem Hintergrund bin ich mir der Unterstützung unserer Stakeholder gewiss.   
„Auch bei engagierter Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen
darf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie nicht
auf der Strecke bleiben.“

 
Welche Rolle spielt die Politik für das Erreichen Ihrer Klimaschutzziele? Sind Sie zufrieden mit den gegenwärtigen Rahmenbedingungen speziell in Deutschland? 

H. Fink: Industrie und Politik tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht werden. Auch bei engagierter Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen darf jedoch die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie nicht auf der Strecke bleiben. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist eine klimafreundliche Energiepolitik. Kurzfristig brauchen wir wettbewerbsfähige Energiepreise und langfristig werden wir Klimaneutralität nur erreichen können, wenn regenerative Energien zuverlässig, in ausreichendem Maße und zu industriegerechten Preisen verfügbar sind. Eine „Ökostromlücke“, wie sie jüngst für das Jahr 2030 prognostiziert wurde, wäre fatal.  Wir anerkennen zudem ausdrücklich die Fortschritte in puncto Genehmigungsverfahren, denn neue Technologien brauchen Akzeptanz. Dennoch: Solche Abläufe müssen weiter vereinfacht und beschleunigt sowie die Finanz- und Steuerstruktur für Zukunftsinvestitionen verbessert werden. Mit diesen Zielen vor Augen werden wir den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern fortsetzen.
  Wie unterscheidet sich die Situation in Sachen Klimaschutz an den deutschen im Vergleich zu Ihren internationalen Standorten? 

H. Fink: Noch längst nicht überall ist das Bewusstsein für verantwortungsvollen Klimaschutz hinreichend entwickelt, ganz zu schweigen von den politischen Rahmenbedingungen. Nach wie vor haben Europa und auch die europäische chemische Industrie einen Vorsprung, nicht nur technologisch, sondern auch hinsichtlich dieses Bewusstseins. Andere Regionen ziehen jetzt nach, hier ist insbesondere China zu nennen. In anderen Teilen Asiens und Ozeaniens und auf dem amerikanischen Kontinent hat sich diese Erkenntnis leider noch nicht überall durchgesetzt. Indem wir lokale Initiativen für Umwelt- und Klimaschutz unterstützen, wollen wir einen Beitrag zu dieser Bewusstseinsbildung leisten und zugleich mit gutem Beispiel voran gehen, denn Emissionen machen nicht an den Grenzen von Ländern oder Kontinenten Halt.  Es ist entscheidend, dass letztlich auf globaler Ebene vergleichbare Anstrengungen unternommen und gleiche Spielregeln für alle geschaffen werden, auch und besonders beim Klimaschutz. Darauf sind wir als Industrieunternehmen angewiesen, wenn wir nicht nur unsere eigenen Emissionen bis zur Klimaneutralität senken wollen, sondern dabei international wettbewerbsfähig und damit wirtschaftlich erfolgreich bleiben wollen.

ZUR PERSON
Hubert Fink (Jahrgang 1962) studierte Verfahrenstechnik an der RWTH Aachen. Nach der Promotion 1988 schloss er 1992 ein Zusatzstudium als Diplom-Wirtschaftsingenieur ab. Fink trat 1988 bei Bayer ein. Nach Aufgaben in der Produktion, im Anlagenbau und in der Konzernverwaltung übernahm er 2002 Bereichsverantwortung im Teilkonzern Bayer Polymers. Im Zuge der Neugründung von Lanxess wurde Fink 2004 Leiter der Business Unit Semi-Crystalline Products. Seit 2011 leitet er die Business Unit Advanced Industrial Intermediates. Seit Oktober 2015 ist Fink Mitglied des Vorstands und u.a. für die Bereiche Produktion, Technologie, Einkauf, Logistik, Sicherheit und Umwelt sowie das Tochter­unternehmen Saltigo zuständig.

 

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