03.05.2017
ThemenLogistik

Digitalisierung in der Pharmalogistik

Die Pharma-Supply Chain mit neuartigen Cloud-Lösungen aufmischen

  • Digitalisierung in der PharmalogistikDigitalisierung in der Pharmalogistik
  • Digitalisierung in der Pharmalogistik
  • Nane Kieser, Lehrstuhl für Logistikmanagement, Universität St.Gallen
  • Natascha Widmann, Lehrstuhl für Logistikmanagement, Universität St.Gallen
  • Daniel Thommen, Lostnfound

Der Kostendruck hat inzwischen auch die Pharmabranche erreicht: Arzneimittel werden in Anbetracht von Arbeitsteilung und Globalisierung rund um die Welt an den jeweils kostengünstigsten Standorten produziert. Dies hat eine hohe Logistikintensität insbesondere in der Distribution pharmazeutischer Produkte zur Folge. Um die produktionsbedingten Kostenvorteile nicht zu gefährden, ist ein erheblicher Effizienzdruck für die Pharmalogistik entstanden. Letztere unterliegt strengen Vorschriften, die eine hohe Qualität und Sicherheit bei der Durchführung logistischer Prozesse sicherstellen sollen.

Sämtliche Akteure in Pharma Supply Chains sind dazu angehalten, die Vorgaben der Good Distribution Practice (GDP) umzusetzen. Die Hersteller haben eine hohe Erwartungshaltung gegenüber ihren Logistikdienstleistern, die spezifischen Standards – bspw. die Einhaltung von Temperaturkorridoren oder Hygienevorschriften – (mehr als) zu erfüllen. Die Überprüfung der Einhaltung dieser Vorgaben (Compliance) erfordert stringente Kontrollen. Logistikdienstleister müssen sich daher immer wieder Qualifizierungen und Audits unterziehen. Somit stellen die gesetzlichen Vorschriften und Richtlinien bedeutende Kostentreiber bei der Distribution von pharmazeutischen Produkten dar, wodurch die Pharmabranche fast ausschließlich von Großunternehmen bedient wird.

Besonders klein- und mittelständische Logistikdienstleister werden hier vor gro8e Herausforderungen gestellt, da die erforderlichen Investitionen sowie die Rekrutierung von geeignetem Personal angesichts niedriger Margen kaum zu stemmen ist. Die strikten Reglements erschweren diesen Logistikdienstleistern den Eintritt in den Transportmarkt: Es werden kostenintensive Spezialfahrzeuge benötigt, eigene Distributionsnetzwerke sind in der Regel nicht vorhanden und müssen daher aufgebaut werden. Ferner bringt die interkontinentale Beförderung von pharmazeutischen Erzeugnissen eine erhebliche Komplexität bei der Gestaltung und Umsetzung einer adäquaten logistischen Prozesskette mit sich.

Grund dafür ist die Vielzahl an einzubindenden Akteuren sowie die erforderliche Einbindung der Luft- oder Seefracht.

In der Folge konzentrieren sich klein- und mittelständische Logistikdienstleister im Bereich der Pharmalogistik (Outbound) oftmals auf den Betrieb von Lagerhäusern, da hier lediglich punktuelle Investitionen anfallen.

Informationsfluss stockt noch

Derzeit bestehen noch diverse Medienbrüche entlang der pharmazeutischen Wertschöpfungskette, die einem durchgängigen Informationsfluss entgegenstehen. Daraus ergeben sich insbesondere im Supply Chain Management verschiedene Effizienzverluste aufgrund fehlender Planungs- und Steuerungsinformationen. Eine weitere Schwierigkeit stellt die Nutzbarmachung sowie Bereitstellung der generierten Informationen dar. So entstammen die erfassten internen und externen Daten häufig aus Quellen, die oftmals nicht mit anderen Systemen kompatibel sind.

Da Pharmaunternehmen zunehmend mit Versicherungen oder Dienstleistern kooperieren, entstehen immer größere Datenmengen mit gleichzeitig zunehmender Datengranularität. Ein Grund für dieses Phänomen ist die in der Pharmabranche geforderte lückenlose Nachverfolgbarkeit, die u.a. der Distribution gefälschter Medikamente entgegenwirken soll. Bestehende IT-Plattformen in der pharmazeutischen Industrie stehen der Kooperation mit Datenspezialisten entgegen, die aber eine wichtige Voraussetzung darstellen, um die Echtzeitdaten entlang der Supply Chain zu analysieren.

Neben der Zunahme der Datenmenge und -komplexität ist eine steigende digitale Durchdringung der physischen Warenwelt mit digitalen Technologien zu beobachten. Daraus ergeben sich vielfältige Potenziale für pharmazeutische Supply Chains. So lassen sich beispielsweise Warenflüsse in und zwischen Unternehmen durch digitale Lösungen (z.B. basierend auf einer Kombination aus Sensorik, Mobilfunk- oder Auto-ID-Technologien) effizienter und transparenter gestalten, sodass der Aufenthaltsort und die Temperatur der transportierten Güter jederzeit zurück zu verfolgen ist. Um solche Systeme einheitlich im Unternehmen zu integrieren, besteht kundenseitig vermehrt der Wunsch nach kompatiblen, flexiblen und individuell einsetzbaren digitalen Supply Chain-Lösungen.

Offene Architekturen sind gefordert, um eine nahtlose Anbindung an andere Supply Chain-relevante IT-Systeme sicherzustellen und eine Interoperabilität zu gewährleisten. Des Weiteren sind Produktsicherheit und Lieferzuverlässigkeit ununterbrochen gefordert. Ein Lösungsansatz für diese Herausforderungen ist die Nutzung offener Cloud-Lösungen. Sie bieten Unternehmen die Möglichkeit, sich nicht an einen Netzwerkanbieter und somit einen spezifischen Lösungsansatz zu binden.

Offene Schnittstellen ermöglichen eine permanente Verfügbarkeit relevanter Informationen für alle Prozessbeteiligten. Eine Steigerung der Transparenz über den Datenverkehr und ein höherer Nutzungsgrad der Daten für entscheidungsunterstützende Analysen werden durch die Integration entsprechender Formate und Lösungen erreicht. Dadurch müssen nicht mehr diverse Einzelsysteme herangezogen werden, sondern es können Gesamtlösungen unkompliziert integriert und verwendet werden. Beispielsweise lassen sich dann die Kühlketten verschiedener Kunden in der Pharmaindustrie gesamthaft kontrollieren, ohne verschiedene Informationssysteme zu nutzen.

Schlankere und transparentere Prozesse

Die vierte industrielle Revolution („Industrie 4.0“) verfolgt mitunter das Ziel, Planungs- und Entscheidungsprozesse durch untereinander vernetzte, auf dem Prinzip der Selbststeuerung bestehende Systeme oder Objekte, stetig zu verbessern. In der Pharmaindustrie stehen besonders die Vernetzung mit der Umwelt und damit der direkte Austausch mit den Kunden im Fokus. Unter dem Gesichtspunkt der Digitalisierung sind bisherige Geschäftsprozesse und -modelle der Pharmabranche schlanker und agiler auszugestalten, beispielsweise in Form von flexiblen Lieferantenmodellen.

Aufgrund der digitalen Vernetzung zwischen den Supply Chain-Akteuren können relevante Produktdaten, u.a. Serialisierungsnummern, untereinander ausgetauscht werden. Somit wird auch die Nachverfolgung von Sendungen sichergestellt. Weitere Chancen zur Erhöhung der Transparenz in der pharmazeutischen Wertschöpfungskette aufgrund der Digitalisierung sehen Experten in der Übertragung von GPS-Informationen in Echtzeit, die direkt auf mobile Endgeräte gesendet werden. Anhand der GPS-Daten können genaue Ankunftsdaten und Ladungsdetails von pharmazeutischen Produkten ermittelt werden, wodurch eine effiziente Warenabwicklung bei Empfang und Versendung gewährleistet wird. Allerdings muss zur Hebung dieser Potenziale eine (bestenfalls offene) cloudbasierte Softwarelösung verwendet werden, die für sämtliche Supply Chain-Akteure kompatibel anwendbar ist.

In der Praxis existieren verschiedene Anbieter von Track & Trace-Funktionen, die schon heute in der Lage sind, vielfältige Informationen zu erfassen und über Datenwolken bereitzustellen. Daraus ergibt sich für die Pharmabranche die Möglichkeit, Sendungen in Echtzeit zu verfolgen und Störungen zeitnah zu identifizieren. Problematisch ist aus aktueller Sicht, dass vorliegende Cloud-Lösungen i.d.R. nur einem begrenzten Teilnehmerkreis zur Verfügung stehen. Besonders unter KMUs des Logistikdienstleistungsgewerbes konnten sich solche Lösungen bislang noch nicht flächendeckend etablieren.

Offene Cloud-basierte IT-Lösungen gefordert

Die derzeit geringe Verbreitung integrierter, Cloud-basierter IT-Lösungen im Mittelstand lässt darauf schließen, dass die Sicherstellung eines durchgehenden Informationsflusses für klein- und mittelständische Logistikdienstleister bislang eine relativ große Herausforderung darstellt. Die informationstechnische Verbindung zu Versendern, Empfängern und Subunternehmen ist der nächste konsequente Schritt zur Optimierung der unternehmensinternen und -übergreifenden Abläufe im Kontext der digitalen Supply Chain. Die künftig angestrebte Zielsetzung ist daher, eine allgemein einsatzfähige offene Cloud-Lösung anzubieten, die auch bei klein- und mittelständischen Unternehmen in der Pharmabranche zur Anwendung kommen kann.

Offene Cloud-Konzepte sind gefragt, die flexibel und ohne großen Investitionsaufwand speziell auch für KMUs der Logistikdienstleistungsbranche auf Basis bestehender Transportmanagement- und ERP-Systeme einsetzbar sind. Die gezielte Bereitstellung von Informationen, z.B. auf Basis von Transportdaten, wie sie von Telematik-Systemen gegenwärtig erfasst werden, ist ein wichtiger erster Anknüpfungs- und Ausgangspunkt für die Implementierung eines digitalen Supply Chain Managements in der Pharmabranche.

Durch die digitale Vernetzung mit Geschäftspartnern auf Basis von offenen Cloud-Lösungen ergibt sich für mittelständische Logistikdienstleister die Chance, ihre Positionierung innerhalb der Pharmabranche zu stärken. Daher gilt es die Entwicklung und Etablierung von offenen Cloud-Lösungen durch Kooperationen von Wissenschaft und Industrie aktiv voranzutreiben.

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