Chemie & Life Sciences

Feinchemie braucht Innovationen

Das Alleinstellungsmerkmal eines neuen Produktes ist das A und O in der Feinchemiebranche

05.02.2018 -

Ferak Berlin ist ein vor 64 Jahren gegründetes mittelständisches Feinchemieunternehmen, das sich als Hersteller, Dienstleister und Lieferant für die Chemie-, Pharma- und Elektronikindustrie einbringt. In den Bereichen organische Syntheseentwicklung, Wirkstoffproduktion und Analytik konnte das Unternehmen in den letzten Jahrzehnten viele Kunden gewinnen und die Marktstellung ausbauen. Zur derzeitigen Situation des Unternehmens, aber auch der Feinchemiebranche insgesamt befragte CHEManager den geschäftsführenden Gesellschafter Thomas Gründemann. Das Gespräch führte Corinna Matz.

CHEManager: Herr Gründemann, 2016 war für Ferak das erfolgreichste Geschäftsjahr in Ihrer Firmengeschichte? Worauf führen Sie das gute Ergebnis zurück?

T. Gründemann: Das Ergebnis beruht auf einigen neuen Produkten. Besonders herausragend sind dabei unsere Wirkstoffe und ein neuer Virus-Inaktivator. Es handelt sich dabei um einen chemischen Virus-Inaktivator, der erstmalig Doppelstrang-DNA- und RNA-Viren inaktiviert. Das Produkt wurde von uns entwickelt und von Novartis patentiert. Produziert werden alle Produkte grundsätzlich in Berlin.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Novartis bei den Virus-Inaktivatoren?

T. Gründemann: Wir produzieren seit über 20 Jahren chemische Virus-Inaktivatoren. Es handelt sich dabei um Moleküle, die das Virus an einer bestimmten Stelle selektiv angreifen und inaktivieren können. Die Tatsache, dass unsere älteren Produkte die Doppelstrang-DNA- und RNA-Viren nicht inaktivieren, hat mich auf die Idee gebracht, nach einem neuen Molekül zu suchen. Damals hatte ich nach einem kompetenten Partner gesucht und diesen mit Novartis in Marburg gefunden. In einer langjährigen Kooperation haben wir nun diesen neuen Inaktivator entwickelt.

Werfen wir einen Blick auf den deutschen Feinchemiemarkt. Wie sind die Bedingungen für kleinere, innovationsgetriebene Unternehmen, wie Ferak?

T. Gründemann: Ich glaube, dass man Innovation, wenn man das richtige Team dahinter hat, in Deutschland sehr gut umsetzen könnte, wenn man nicht oftmals an der Regulierungswut verzweifeln würde und damit wichtige Ressourcen im Betrieb gebunden werden. Ich bin überzeugt davon, dass man mit gut ausgebildeten Kollegen und der typisch deutschen Tugend, nur mit dem besten Ergebnis zufrieden zu sein, eine Innovation erkennen, Produkte verbessern und dem Kunden einen tatsächlichen Mehrwert bieten kann. Das heißt also für uns, dass wir alle unsere Produkte selbst entwickeln, das Scale-up übernehmen und selbst produzieren. Damit sind unsere Produkte einzigartig, nicht nur in ihrer Qualität, sondern auch in der Dokumentation.

Wo steht Deutschland beim Thema Innovation im Vergleich zu anderen Ländern?

T. Gründemann: In speziellen Fachgebieten, zum Beispiel bei den Virus-Inaktivatoren, ist Deutschland ganz klar vorne mit dabei. Bei anderen Industriezweigen, wie der Biotechnologie, glaube ich, dass andere Länder weiter voraus sind. Aber im Grunde ist es schwer, hier eine richtige Einschätzung zu geben, zumal Innovation ein sehr weit gedehnter Begriff ist. Ich definiere es für mich über Produkte, die einmalig und mit keinem anderen Produkt auf dem Markt vergleichbar sind. Das Alleinstellungsmerkmal eines Produkts bleibt für mich ganz klar das A und O.

Ist die Innovation Ihrer Meinung nach auch der treibende Faktor für das Überleben der Feinchemie in Deutschland?

T. Gründemann: Ja, die Entwicklung einmaliger Produkte war schon immer der treibende Faktor und wird es auch immer sein. Die Chemie bietet mit knapp einer Milliarde organischer und anorganischer Verbindungen ein riesiges Potenzial. Zur Weiterentwicklung hat man daher gute Möglichkeiten. Es bedeutet aber auch, dass man unter Umständen viele Jahre an der Entwicklung arbeiten muss. Wirklich innovative Produkte fallen ja nicht vom Himmel.

Wie groß ist die Gefahr der Abwanderung der chemischen Industrie nach Asien?

T. Gründemann: Ich beobachte seit über 20 Jahren, dass die europäische chemische Industrie sich weit nach Asien begeben hat. Viele produzierende Einheiten sind geschlossen worden, Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Großkonzerne sprinten dabei voraus, vielleicht auch, um sich selbst zu schützen. Alle EU-Regularien, die die chemische Industrie betreffen, haben es enorm schwer gemacht, hier eine vernünftige Arbeit zu leisten. In vielen Fällen muss man sich fragen, ob es überhaupt noch Sinn macht, eine Innovation in Deutschland zu entwickeln oder ob es doch besser ist, nach Asien zu gehen.

Wie schaffen es die kleinen und mittelständischen Unternehmen trotzdem weiter an Deutschland festzuhalten?

T. Gründemann: Unterstützung erfahren wir durch die CASID, einen als Verein eingetragenen Zusammenschluss deutscher Custom Manufacturer. Wir treffen uns einmal im Jahr, analysieren globale Markttrends und beraten uns gegenseitig über die aktuelle Gesetzeslage. Wir suchen Kontakt, um uns bei vielen alltäglichen Dingen und Fragestellungen zu helfen. Es ist das erklärte Ziel der CASID, Projekte auszutauschen, damit sie nicht nach Asien abwandern. Aber schlussendlich ist das Team im eigenen Hause der entscheidende Faktor der über Erfolg oder Nichterfolg entscheidet.

Können Sie die gegenseitige Unterstützung mit einem Beispiel verdeutlichen?

T. Gründemann: Ein mögliches Problem ist zum Beispiel, dass ein Kollege eine bestimmte Reaktion nicht durchführen kann, er aber unbedingt möchte, dass das Geschäft in Deutschland bleibt. In dem Fall kann er sich an einen CASID-Partner wenden, von dem er weiß, dass er die Möglichkeiten zur Durchführung im eigenen Betrieb hat.

Es geht bei uns nicht darum, Produkte oder gar wirtschaftliche Daten auszutauschen. Das dürfen wir auch gar nicht. Es geht um die Information untereinander, was der einzelne Betrieb leisten kann. Wir tauschen uns darüber aus, wer eine bestimmte Synthese durchführen oder wer die beste Analytik für ein bestimmtes Produkt anbieten kann. Dies ist ein großer Vorteil für unsere Kunden: Wenn wir ein Produkt selbst nicht anbieten können, können wir dem Einkäufer direkt den richtigen Ansprechpartner in einer anderen deutschen Firma nennen.

Sie haben die Gesetzeslage bereits angesprochen. Wie stehen Sie zu den Regulierungsmaßnahmen in Deutschland?

T. Gründemann: Ich beobachte – auch bei den CASID-Kollegen – eine zunehmende massive Regulierungswut des Gesetzgebers und damit einhergehend eine drastisch gestiegene Kontrollwut der Behörden. So kann man das sicherlich ganz klar formulieren. Die einzelnen Behördenvertreter argumentieren dann immer damit, dass die einzelnen Forderungen gar nicht so schlimm sind. Dramatisch wird es allerdings durch das Zusammenspiel vieler Anforderungen, also zum Beispiel REACh, GMP, der Bundesimmissionsschutz- und Störfallverordnung und so weiter. Ich betrachte tatsächlich den Standort Deutschland als totreguliert. Innovation, Wachstum und Investitionen werden durch die extreme Regulierung in Deutschland behindert. Man wird zum Beispiel in Berlin gerne von den zuständigen GMP-Behörden pauschal verdächtigt, nicht legal zu arbeiten, solange man nicht den Gegenbeweis, notfalls vor Gericht, antritt. Gleichzeitig fehlt vielen Behördenvertretern die dringend benötigte Fachkenntnis. Wie kann es aber sein, dass ein asiatischer Wirkstoffbetrieb ein GMP-Zertifikat für die Herstellung von 21 Wirkstoffen durch die Berliner GMP-Behörde vorzuweisen hat, während der gleiche Betrieb bereits vorher von der US Food and Drug Administration mit Warning Letter und einem Importverbot belegt wurde? Ein unhaltbarer Zustand!

Aber die Entwicklung von einmaligen Produkten – also Innovationen – ist das einzig probate Mittel um den Feinchemie- und Wirkstoffmarkt in Deutschland zu erhalten.

Das heißt, Sie sehen die Gesetzgebung als Hemmnis für Innovationen in Deutschland?

T. Gründemann: Ja, absolut. Ich bin selber jemand, der von den Mitarbeitern im Betrieb maximale Sicherheit und maximale Sauberkeit fordert – fördert und fordert. Gleichzeitig gibt es aber in der deutschen und EU-Gesetzgebung viele Dinge, die wir einfach nicht mehr nachvollziehen können. Der Hauptgedanke, der dabei immer im Hintergrund steht, ist der Verbraucherschutz. Das ist positiv zu sehen. Allerdings betrachte ich mit großer Sorge, dass die Menschheit versucht, jegliches Risiko auszuschließen. Betrachten Sie nur die immer wieder auftretende Diskussion über Impfungen im Kindesalter. Man kann daraus nur schließen, dass viele Eltern, die ihrem Kind eine Impfung verweigern, schlichtweg nicht mehr wissen, dass Millionen Kinder an Virusinfektionen in den letzten Jahrhunderten verstorben sind. Es gibt aber für jeden Verbraucher ein Risiko; ein Lebensrisiko besteht immer und überall. Daran können wir nichts ändern. Ich glaube, die chemische Industrie ist sehr bemüht, äußerst sichere Produkte herzustellen, sofern diese überhaupt in die Hände von Verbrauchern gelangen. Dass damit aber auch ein Produktrisiko einhergeht, ist unvermeidbar und immer schon so gewesen. Allerdings hätten wir ohne Innovation und neue Produkte heute noch die Pest.

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