Provadis plädiert für engere Kooperationen mit Schulen

Interview mit Udo Lemke von der Provadis Hochschule über den Fachkräftemangel und Defizite im Bereich der Digitalisierung

  • Udo Lemke, Geschäftsführer der Provadis Hochschule über den Fachkräftemangel und Defizite im Bereich der DigitalisierungUdo Lemke, Geschäftsführer der Provadis Hochschule über den Fachkräftemangel und Defizite im Bereich der Digitalisierung

Die Arbeitslosenquote in Deutschland ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wende. Was für Arbeitnehmer hervorragende Nachrichten sind, ist häufig ein Problem für Unternehmen und Betriebe: Sie suchen händeringend nach Auszubildenden und Fachkräften. Auch die chemische Industrie ist davon nicht ausgenommen. Oliver Pruys sprach mit Udo Lemke, Geschäftsführer der Provadis Partner für Bildung und Beratung, über den Fachkräftemangel, die Gewinnung neuer Auszubildenden und Defizite im Bereich der Digitalisierung.

CHEManager: In Deutschland mangelt es an qualifizierten Fachkräften. Auch die chemische Industrie hat vermehrt Schwierigkeiten, Schlüsselpositionen zu besetzen. Hat die Branche ein Attraktivitätsproblem?

U. Lemke: Nein, dahingehend brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Für junge Leute ist die chemische Industrie mit ihren hervorragenden Verdienstmöglichkeiten und optimalen beruflichen Perspektiven ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Allein in Hessen beschäftigen die ca. 300 Unternehmen knapp 100.000 Mitarbeiter. Schulabgängern bietet die chemische Industrie eine solide Basis und beste Zukunftschancen, denn für die produzierenden und forschenden Unternehmen sind die hoch qualifizierten Fachkräfte in Deutschland ein unverzichtbarer Standortvorteil.

Und dennoch entscheiden sich immer weniger junge Menschen für eine Ausbildung im chemisch-pharmazeutischen Bereich. Woran liegt das?

U. Lemke: Eine Ursache liegt darin, dass der Anteil der Abiturienten unter den Schulabgängern seit vielen Jahren steigt. Etwa die Hälfte der eine Million Schüler, die pro Jahr ihren Schulabschluss macht, hat Abitur. Dadurch ist auch die Anzahl der Studienanfänger deutlich gestiegen. In der chemischen Industrie werden jedoch bei weitem nicht so viele Akademiker benötigt. Im Industriepark Höchst haben bspw. nur 20% der Mitarbeiter einen akademischen Hintergrund, 80% sind Facharbeiter. Das wird sich auch in Zukunft nicht grundlegend ändern. Hier passen also die Wünsche der Schulabgänger nicht zu den Bedürfnissen der Wirtschaft.

Wie sollte die Branche darauf reagieren?

U. Lemke: Viele Unternehmen bieten Duale Studiengänge an – ein Studium in Kombination mit einem Praktikum im Unternehmen als Trainee, einer Ausbildung oder auch berufsbegleitend. Das ist eine interessante Alternative für Abiturienten, die studieren, aber auch Praxiserfahrung sammeln möchten. Im Gegensatz zu einem Grundlagenstudium bieten sie eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis, kleinere Lerngruppen, starke Unternehmenspartner, praktische Projekte und ein breites theoretisches Wissen mit individueller Betreuung. Ferner erhalten die Studenten häufig für ihre Tätigkeit im Unternehmen eine Praktikumsvergütung, was sie gegenüber klassischen Studenten privilegiert. Das sind wichtige Erfolgsfaktoren für den Studienabschluss. Im Grundlagenstudium brechen je nach Studienfach knapp 30% der Studenten ihr Studium vorzeitig ab – dagegen liegt die Abbrecherquote in den dualen Studiengängen an der Provadis Hochschule bei gerade einmal 4%. Und die Chance auf einen Anschlussjob im Unternehmen ist auch gegeben, denn welches Unternehmen verzichtet gerne auf die jungen Menschen, die in den letzten 3,5 Jahren des Studiums zu einem wichtigen Bestandteil im eigenen Unternehmen geworden sind.

Und welchen Vorteil bieten die Dualen Studiengänge für die Unternehmen?

U. Lemke: Ein großer Vorteil ist die optimale Verknüpfung von Theorie und Praxis. Die Studierenden wenden ihr theoretisch erworbenes Wissen direkt im Arbeitsalltag an. Außerdem verfügen sie direkt nach ihrem Abschluss bereits über mehrere Jahre relevante Berufserfahrung – das ist für Studenten gerade in einem naturwissenschaftlichen Grundlagenstudium nicht möglich. Zudem haben die Unternehmen und die Studierenden länger Zeit, sich gegenseitig kennenzulernen.

Doch auch für die Dualen Studiengänge muss das Interesse der Schulabgänger erst geweckt werden. Wie kann es der Branche gelingen, in Zukunft mehr Talente zu gewinnen?

U. Lemke: Hierfür ist es essentiell, schon lange vor dem Schulabschluss anzusetzen und die Berufsorientierung zu unterstützen. Dabei müssen wir natürlich auch mit den Schulen zusammenarbeiten, um frühzeitig für die naturwissenschaftlich-technischen Berufe zu werben. Provadis ist hier bereits vielfältig aktiv, mit unterschiedlichen Veranstaltungen und Kooperationspartnern. Wir sprechen auch ganz gezielt die Berufsorientierungslehrer an den Schulen an, um sie über die vielfältigen Karrieremöglichkeiten in unserer Branche aufzuklären. Nur so können sie das auch an die Schüler weitergeben.

Immer mehr Ausbildungsbetriebe und Hochschulen klagen darüber, dass Schulabgänger heutzutage nicht mehr auf die Ausbildung und das Studium vorbereitet seien. Konnten Sie diesen Trend auch beobachten?

U. Lemke: Grundsätzlich machen die Schulen einen besseren Job als es ihnen häufig unterstellt wird. Dennoch haben seit den 90er Jahren immer mehr Schulabgänger Defizite im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften. Das können wir bei Provadis aber gut ausgleichen. Dagegen beobachten wir in den letzten Jahren auch Defizite im Verhalten und der Persönlichkeit. Klassische Tugenden wie Pünktlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Motivation und Respekt sind für die Industrie noch immer wichtig.

Die Schulabgänger von heute sind mit Smartphone & Co aufgewachsen. Dennoch fehlen ihnen in diesem Bereich Kompetenzen?

U. Lemke: Natürlich verfügen die jungen Menschen heutzutage über eine grundsätzliche Bedienkompetenz mobiler Endgeräte wie Smartphones, das steht außer Frage. Im Umgang mit weiteren digitalen Geräten wie stationären PCs im Betrieb oder Standard-Anwendungen wie MS-Office fehlt es jedoch häufig an Kenntnissen, die wir dann nachschulen müssen. Das betrifft das Computerbasis- und Anwendungswissen für den betrieblichen Alltag, aber auch die Medienkompetenz, die notwendig ist, um die unterschiedlichen Medienformate reflektiert zu nutzen. Zukünftig werden durch die Digitalisierung, die alle Lebensbereiche umfasst, mehr Kenntnisse nötig. Prozesse und Arbeitsweisen verändern sich, demzufolge auch die Studiengänge und die Berufsbilder – hier sind wir gerade mitten in der Veränderung. Dieses erfordert nicht nur bei Jugendlichen, sondern bei uns allen Lernbereitschaft.

Wie gehen Sie bei Provadis damit um?

U. Lemke: Die Vermittlung von Digitalkompetenz ist ein fester Bestandteil der Ausbildung und der Studiengänge bei uns. Dabei geht es insbesondere um Spezialkenntnisse, die die Berufe in der chemischen Industrie bereits heute und zukünftig in einem noch stärkeren Maße fordern. In den Betrieben und der Forschung hält die Digitalisierung unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ immer stärker Einzug und verändert die Arbeitswelt und ihre Anforderungen grundlegend. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind Fachkräfte mit Qualifikationen in diesem Bereich überlebenswichtig.

Daher haben wir im vergangenen Jahr die Arbeitsgruppe „Provadis 4.0“ gegründet, die sich unter anderem genau damit befasst: Wie können wir die jetzigen und zukünftigen Fachkräfte in Sachen Digitalisierung qualifizieren? Wie können wir die Digitalisierung nutzen, um unsere Lernkonzepte zum Nutzen der Studierenden und Auszubildenden, aber auch in der Weiterbildung, zu gestalten? Im Kern geht es um die Frage, wie wir die zukünftige Generation auf die Veränderungen vorbereiten, die durch Digitalisierung, aber auch andere Entwicklungen in der Industrie und Wirtschaft in einer globalisierten Welt auf uns zukommen.

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