Strategie & Management

Chemiekonjunktur – Lockdowns belasten Chinas Wirtschaft

Im Jahr 2022 erwartet China ein Wirtschaftswachstum von nur noch 3,5 % Die Wachstumsabschwächung Chinas dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen.

13.06.2022 - Die Null-Covid-Strategie der Regierung zwang auch die Chemieindustrie Chinas, ihre Produktion kräftig zu drosseln. Im April 2022 sank die Produktion um 4,7 % im Vergleich zum Vormonat.

Die chinesische Wirtschaft ist zuletzt ins Stocken geraten. Zu Beginn des Jahres schien es, als könne die chinesische Wirtschaft die Folgen ihrer Energiekrise überwinden. Noch im vergangenen Jahr mussten zahlreiche Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden, was in Teilen der Industrie zu kurzfristigen Ausfällen der Stromversorgung führte. Im ersten Quartal 2022 stieg das Bruttoinlandsprodukt im Land der Mitte mit 1,3 % im Vergleich zum Vorquartal kräftig. Die Industrieproduktion lag im ersten Quartal sogar um rund 6 % höher als in den vorangegangenen drei Monaten. Allerdings brach die Industrieproduktion zuletzt ein. Sie sank im März um 4 % und im April um 9 %. Der kräftige Rückgang betraf nahezu alle Branchen des verarbeitenden Gewerbes. Am stärksten traf es die Automobilindustrie. Ihre Produktion lag im April fast 32 % niedriger als noch ein Jahr zuvor (Grafik 1).

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Hauptgrund für den Produktionseinbruch in der Industrie ist die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung. Aufkeimende Infektionsherde werden entschlossen mit scharfen Lockdowns bekämpft. Um eine Verbreitung der Omi­kron-Variante in der Wirtschaftsmetropole Schanghai zu verhindern, verhängten chinesische Behörden Anfang April drastische Einschränkungen. Das öffentliche Leben stand nahezu zwei Monate still. Geschäfte und Fabriken wurden geschlossen, Menschen durften ihre Häuser nicht verlassen. Das traf Industrie und Dienstleistungssektor gleichermaßen. Zudem brach der private Konsum ein. Auch Logistik und Lieferketten wurden erheblich belastet – nicht nur innerhalb Chinas, sondern gerade auch im Ausland. Hunderte Schiffe warteten vor dem Hafen Schanghais auf ihre Abfertigung. Zwar wurden mittlerweile aufgrund der sich verbessernden Infektionslage die Einschränkungen in Schanghai Schritt für Schritt wieder gelockert, von einer Normalisierung ist man allerdings noch ein gutes Stück entfernt. 

Anders als viele Länder in Europa war China nicht von kriegsbedingt explodierenden Energiepreisen betroffen. Dennoch stiegen auch hier die Preise für Öl, Gas und Kohle. Die Versorgung ist aber nicht gefährdet. Zum einen beteiligt sich China nicht an den westlichen Sanktionen gegen Russland nach dem Angriffskrieg in der Ukraine. Zum anderen hat China sich auf den Weltmärkten rechtzeitig ausreichend Flüssiggas (LNG) gesichert. Es besteht eine enge Partnerschaft zwischen Peking und Moskau. Beide Länder möchten die „Hegemonialstellung“ der USA beenden. Befürchtungen bestehen, dass Russland große Mengen an Öl und Gas, welche eigentlich für Europa bestimmt waren, nach China exportiert. Damit würden die Sanktionen des Westens deutlich an Schlagkraft verlieren. Dies scheint sich bislang allerdings nicht zu bewahrheiteten. Beim Gas fehlen hierfür die erforderlichen Pipelinekapazitäten. Beim Öl ist der Seeweg für Tanker durch Staus vor vielen Häfen Chinas erschwert. 

Kräftiger Dämpfer für Chinas Chemiegeschäft

Chinas Chemieindustrie wuchs in den letzten Jahren kräftig: Im Jahr 2021 konnte die chemisch-pharmazeutische Industrie Chinas nach dem Pandemiejahr 2020 die Produktion um 12,3 % ausweiten. 2020 legte die Produktion – trotz Pandemie – um 3,2 % zu. In den letzten zehn Jahren stieg die Produktion jährlich im Schnitt um 8,4 %. Von konjunkturellen Schwankungen abgesehen, hat sich das Wachstum im chinesischen Chemiegeschäft aber kontinuierlich abgeschwächt.

Die Lockdown-Maßnahmen zwangen zuletzt auch die Chemieindustrie ihre Produktion kräftig zu drosseln. Im März sank die Chemieproduktion (ohne Pharma) um 2,3 % gegenüber dem Vormonat. Der Abwärtstrend setzte sich im April fort. Die Produktion ging um 4,7 % gegenüber März zurück. Die Pharmaproduktion entwickelte sich ähnlich und sank im März und April. Der Rückgang im April fiel mit minus 11,4 % deutlich stärker aus als noch im März (-0,1 %) (Grafik 2).
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China: weltweit größter Chemiemarkt

China ist der weltweit der größte Markt für chemisch-pharmazeutische Erzeugnisse. Mit mehr als 2,1 Bio. EUR (2021) entfallen auf China rund 40 % des Weltchemiemarktes. Zum Vergleich: Deutschlands Anteil lag 2021 etwa bei 3,5 %. Auch für deutsche Chemieunternehmen ist der chinesische Markt attraktiv. Die Direktinvestitionen deutscher Chemieunternehmen in China beliefen sich 2019 auf rund 7,7 Mrd. EUR. Insgesamt waren 237 Tochtergesellschaften deutscher Chemieunternehmen in China tätig. Zusammen erwirtschafteten sie einen Umsatz von rund 27 Mrd. EUR und beschäftigten 56.000 Mitarbeiter.

Die chinesische Chemie ist vor allem auf die Produktion von Spezialchemikalien und Pharmazeutika spezialisiert. Zusammen machen beide Sparten mehr als 56 % des Umsatzes der chinesischen Chemie­industrie aus. Auch die Sparten Petrochemikalien und Polymere erwirtschafteten einen erheblichen Teil des Umsatzes der Branche (Grafik 3).
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Die chemisch-pharmazeutische Industrie in China gibt viel Geld für innovative Anlagen aus. 2020 beliefen sich die Investitionen auf fast 115 Mrd. EUR. Im weltweiten Vergleich investierte niemand so stark in seine Chemieindustrie wie China. Die Investitionen lagen 2020 mehr als 3,6-mal so hoch wie in den USA, die im weltweiten Ranking auf Platz zwei nach China stehen. Die Branche folgt damit der Entwicklungsstrategie der kommunistischen Partei. Die wissenschaftlichen und technologischen Fähigkeiten des Landes sollen weiter fokussiert werden. China soll zum innovativsten Land der Welt aufsteigen. Außerdem soll der chinesische Binnenmarkt weiter gestärkt werden. Ziel ist es, weniger anfällig für Handels- und Technologiekonflikte, bspw. mit den USA, zu sein. Die Unabhängigkeit von anderen Ländern wird durch eine heimische Produktion mit technologischer Eigenständigkeit gestärkt. 

Ausblick: Belebung erst in der zweiten Jahreshälfte 

Wegen der Lockdowns wird das chinesische Bruttoinlandsprodukt  im zweiten Quartal rückläufig sein. Der Rückgang in der Industrie wird dabei noch stärker ausfallen. Auch das Chemiegeschäft wird sich zum Sommer weiter abkühlen. Zum einen setzten die strengen Lockdowns auch den Chemieunternehmen zu. Zum anderen wird die Nachfrage nach chemischen Produkten aufgrund der Produktionsdrosselungen vieler Kundenindustrien vor allem in der ersten Jahreshälfte weiter sinken. Mit regionalen Lockdowns muss weiterhin gerechnet werden – auch in Schanghai oder anderen Metropolen Chinas. Aktuell werden strenge Regeln in Peking durchgesetzt, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Eine baldige Abkehr der chinesischen Regierung von der Null-Covid-Strategie ist trotz der negativen Auswirkungen für Mensch und Wirtschaft aktuell nicht in Sicht. Allerdings kann durch die Maßnahmen das Infektionsgeschehen so weit gedrückt werden, dass Lockerungen möglich sind. Dann sollte auf einen deutlichen Einbruch eine ebenso kräftige Erholung folgen. So wie es bereits 2020 zu beobachten war. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) erwartet deswegen nach dem schwachen zweiten Quartal insbesondere in der zweiten Jahreshälfte eine höhere Wirtschaftsdynamik. Zumal die Staatsführung die Wirtschaft kräftig stimulieren wird, um ihr Wachstumsziel zu erreichen. 

Das selbstgesteckte Wachstumsziel von 5,5 % für das Jahr 2022 wird aber aufgrund der schwachen bisherigen Jahresbilanz voraussichtlich nicht erreicht werden. Prognostiziert wird ein Wachstum von 3,5 %. Entsprechend schwach dürfte daher in diesem Jahr die Chemienachfrage zulegen können. Der VCI rechnet 2022 nur noch mit einem Produktionsplus der chemisch-pharmazeutischen Industrie Chinas von 4,5 % (Grafik 4).
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Die Wachstumsabschwächung Chinas dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Der demografische Wandel in China, die Neuausrichtung der globalen Wirtschaft seit dem Krieg in der Ukraine, Menschenrechtsverletzungen, mögliche Sanktionen und das Festhalten an der strikten Coronapolitik machen China weniger attraktiv für ausländische Firmen. Das gilt auch für das Chemiegeschäft.


Henrik Meincke, Chefvolkswirt, Verband der Chemischen Indus­trie e.V., Frankfurt am Main
 

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