Strategie & Management

Nach Corona ist vor der Krise

Warum Pandemiepläne gerade jetzt gebraucht werden

17.07.2020 - Die Bedeutung von vernünftig definierten Prozessen und guter Vorbereitung war selten so klar sichtbar wie in den letzten Monaten.

„In ein paar Monaten werden wir einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen“, sprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der Hochphase der Corona-Pandemie. Und spätestens jetzt, ein paar Monate später, zeigt sich, wieviel Wahrheit in dieser Aussage steckt. Die Bereitschaft, Fehler zu machen, steigt, sowohl bei Politikern als auch beim einfachen Bürger. Abstandsregeln werden mehr und mehr missachtet und Hygieneschutzmaßnahmen vernachlässigt. Die Zahl der Infizierten fällt, der Glaube an die eigene Unverletzbarkeit steigt.

Die SARS-Pandemie 2002/2003 war das erste weltweite Auftreten des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS), das im November 2002 begann. Das Wort Pandemie war in aller Munde und es dauerte knapp zehn weitere Jahre, bis das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) im April 2012 erstmals bei Patienten auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen wurde. Spätestens da standen Forscher und Virologen im Rampenlicht und das Robert Koch-Institut skizzierte auf Grundlage der Erfahrungen mit den Coronaviren SARS-CoV und MERS-CoV bereits 2012 ein Pandemieszenario. Doch im April 2020 fragte das reichweitenstarken Internetportal web.de: „Krise verpennt?“ Es sei nun „praktisch genauso eingetreten wie 2012 vorausgesagt. Deutschland hätte genügend Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten."

Krise verpennt?

Tatsächlich waren 2012 Pandemiepläne geschrieben und mit Leben gefüllt worden, doch so recht gekümmert hat sich dann keiner, oft verstaubten die Pläne in der Schublade und verloren mehr und mehr an Aktualität. Aber schon acht Jahre später erreichte COVID-19 auch Deutschland, gekoppelt mit monatelangen Einschränkungen und ungewissem Ausgang. Unternehmen und Verbände, Krankenhäuser und Ministerien lernen schnell, mit eigenem Krisenmanagement Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Stabsarbeit wird zur Routine in deutschen Besprechungszimmern.

Aber nach dem Schock kommt schnell die Gewöhnung und die Ministerpräsidenten der Bundesländer scheinen sich überbieten zu wollen, wer am meisten Beschränkungen aufheben kann. Damit kommt der Alltag zurück in deutsche Bürostuben, alles wieder normal, alles bestens. Krisenmanagement und -kommunikation kann jetzt gefühlt jeder.

Genau jetzt muss sich aber noch intensiver mit Krisenmanagement und Pandemiekommunikation befasst werden. Die Bedeutung von vernünftig definierten Prozessen und guter Vorbereitung war deutschlandweit selten so klar sichtbar wie in den letzten Monaten. Gefragt sind maximale Transparenz und die Bereitschaft, unangenehme Themen anzusprechen, Krisensituationen durchzustehen und Diskussionen auszuhalten. Krisenkommunikation ist nicht hochglanzpoliert, sondern muss glaubhaft und nah an den Zielgruppen, den Kunden, Nachbarn, Journalisten, Politikern und nicht zuletzt nah an den eigenen Mitarbeitern sein. Denn sie sind die wichtigsten Öffentlichkeitsarbeiter des Unternehmens.

Vor der allseits befürchteten zweiten Welle ist der passende Zeitpunkt, sich endlich mit Pandemieplänen und Krisenmanagement zu beschäftigen, die eigenen Abläufe auf die Waage zu legen und Versäumtes nachzuholen. Was hat noch Bestand und wo haben sich Regeln geändert? Muss der Krisenstab trainiert oder ausgebaut werden? Wie aktuell ist das Krisenhandbuch?

Haben wir was gelernt aus SARS, MERS und COVID-19?

Unternehmen und Institutionen, Städte und Kommunen brauchen auch eine soziale Betriebserlaubnis – eine gesellschaftliche Akzeptanz und Reputation, die man sich erarbeiten muss. Proaktives Krisenmanagement bedeutet Mut, Struktur und Strategie, Entwicklungen müssen vorausgedacht, Handlungsoptionen abgewogen werden. Erst wenn der Krisenstab „vor die Lage kommt“ ist er bereit, auch unangenehme Entwicklungen zu antizipieren.

Somit ist ein pandemieresistentes Krisenmanagement gefragt. Und das fällt nicht vom Himmel – es muss ausführlich vorbereitet, implementiert und beübt werden. Der Pandemieplan von morgen sollte schon heute einen festen Platz im Krisenhandbuch haben. Und gerade die Pandemie erfordert einen erhöhten Kommunikationsbedarf, bei dem Kommunikationsstrategie statt wildem Aktionismus gefragt ist.

Die Zuständigkeit für diese Thematik wird gerne wie ein Schwarzer Peter weitergeschoben, dabei gibt es klare Verantwortlichkeiten: Jeder Geschäftsführer, jeder Standortleiter und jeder Bürgermeister sollte die Pandemieplanung ernst nehmen und darüber mit den eigenen Kolleginnen und Kollegen den offenen Austausch anstoßen. Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Werksärzte sind dabei ebenso gefragt wir Kommunikatoren oder Infrastrukturmanager. Sie müssen ihre Hausaufgaben machen und die eigene Organisation auf den Tag X – auf den neuen Infektionsherd – vorbereiten. Denn, man mag es leugnen oder verdrängen, mal wieder auf die lange Bank schieben oder einfach ignorieren: Nach Corona ist vor der Krise.

 

Zur Person

Hans-Georg Klose ist Experte für Krisenmanagement und Krisenkommunikation. Klose studierte Kommunikationswissenschaft und Geschichte in München. Journalistische Erfahrung sammelte er beim Bayrischen Rundfunk, dem Südwestfunk, dem ZDF und der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Von 1987 bis 1997 war Klose Pressesprecher der Hoechst AG. Von 1997 bis 2009 leitete er bei Clariant die Unternehmenskommunikation Deutschland und Europa. Seit elf Jahren hat er sich als selbstständiger Berater auf strategisches Krisenmanagement und Krisenkommunikation spezialisiert, begleitet präventive Maßnahmen in Unternehmen und unterstützt im Ereignisfall.

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