Standorte & Services

Starke Chemiestandorte als Erfolgsfaktoren in der Coronakrise

VCI mahnt wirtschaftliche Veränderungen nur schrittweise umzusetzen und radikaleren Lösungen eine Absage zu erteilen

08.06.2021 - "Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist bestens geeignet, Zukunftstechnologien zu entwickeln und die zentralen Fragen des Klimaschutzes zu lösen. Doch dafür braucht es eine leistungsfähige Industrie und keine populistischen Schnellschüsse", sagt Jürgen Vormann, Vorsitzender der Fachvereinigung Chemieparks im VCI.

Bleiben Sie gesund – wie oft haben wir alle uns gegenseitig diesen guten Wunsch mit auf den Weg gegeben, seitdem uns Corona vor nunmehr eineinhalb Jahren „kalt erwischt“ hat? Wenn man dieser Pandemie positive Aspekte abgewinnen möchte, dann gehört die Erkenntnis dazu, dass wir uns der Bedeutung der Gesundheit (nicht nur der eigenen) bewusster geworden sind und der Großteil der Bevölkerung mit Disziplin, Flexibilität und gegenseitiger Rücksichtnahme dazu beigetragen hat, dass wir in Deutschland diese schwierige Situation im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise glimpflich überstanden haben.

Das gilt auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland im Allgemeinen und die chemische und pharmazeutische Industrie im Besonderen. Corona hat für viele Branchen und Firmen erhebliche Auswirkungen mit sich gebracht. Doch den meisten deutschen Chemie- und Pharma­unternehmen ist es gelungen, Umsatzrückgänge zu verkraften, Lieferketten zu stabilisieren und Produktionsausfälle zu vermeiden – Letzteres vor allem aufgrund gut durchdachter Infektionsschutzkonzepte und Dank der vorbildlichen Disziplin und des großen Engagements der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

An allen großen Standorten konnte der Betrieb kontinuierlich aufrechterhalten werden. Chemieparks und Standortbetreiber haben sich auch in sehr schwierigen Zeiten als flexibel, leistungsfähig und kundenorientiert erwiesen – ein wichtiger Erfolgsfaktor für die produzierenden Chemie- und Pharmaunternehmen, die sich im globalen Wettbewerb behaupten müssen.

Erfolg hat Gründe. An vielen Chemie- und Pharmastandorten wurde und wird in die Infrastruktur investiert, in Energieversorgung und Entsorgung, in Logistik und Sicherheit, und nicht zuletzt in die Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber auch in Digitalisierung, Effizienzsteigerung und bedarfsorientierte Servicekonzepte, die auf Markt- und Kundenanforderungen ausgerichtet sind und flexibel angepasst werden können. Diese Anstrengungen haben sich in den letzten Monaten ausgezahlt.

Deutschland hat gesunde Unternehmen und starke Chemie- und Pharmastandorte. Damit das so bleibt, müssen die Rahmenbedingungen stimmen, vor allem im politischen und regulatorischen Bereich. Allerdings sind aktuell Entwicklungen zu befürchten, die eine dauerhafte Schwächung unserer Wettbewerbsfähigkeit als Wirtschaftsnation befürchten lassen und die weitaus gravierendere Folgen haben könnten als das Coronavirus.

Der European Green Deal und die ambitionierten Ziele, die von der Bundesregierung in Bezug auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit definiert werden, werden weitreichende Veränderungen mit sich bringen. Die EU will Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent machen und auch auf Bundesebene ist der Klimaschutz fest im Regierungshandeln verankert. Das ist natürlich auch für Industrieunternehmen relevant: Klimaschutzziele können in Deutschland und Europa nur im Schulterschluss von Politik, Industrie und Gesellschaft erreicht werden.

 

„Wenn Industriezweigen die Basis für wettbewerbsfähige Wertschöpfung entzogen wird, ist für den globalen Klimaschutz nichts erreicht.“

 

Die chemische und pharmazeutische Industrie in Deutschland und damit auch die Fachvereinigung der Chemieparks im VCI bekennt sich ausdrücklich zu den Nachhaltigkeitszielen. Wir wollen, können und werden langfristig nur erfolgreich sein, wenn wir ressourcenschonend produzieren und klimaschädliche Emissionen immer weiter reduzieren. Diese Themen sind für deutsche Chemie- und Pharmaunter­nehmen nicht neu, ganz im Gegenteil. Der effiziente und somit umweltschonende Umgang mit natürlichen Ressourcen ist schon aus rein ökonomischen Gründen Teil der Branchen-DNA, ebenso wie in anderen energieintensiven Branchen. Unsere Industrie und insbesondere die Chemieparks kann für sich in Anspruch nehmen, bei der Nutzenergieerzeugung schon seit Jahrzehnten ein Höchstmaß an Effizienz zu praktizieren, und das nicht nur, weil Energiekosten einen wesentlichen Teil der gesamten Produktionskosten darstellen und somit die Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich beeinflussen. Im Ergebnis hat z.B. die deutsche Chemische Industrie mit viel Innovationskraft und Beharrlichkeit eine Spitzenposition erreicht, wenn es um den schonenden Umgang mit fossilen Brennstoffen und Minimierung der CO2-Emissionen geht. Wir sind Weltmeister in Sachen Energieeffizienz.

Dabei mag der Handlungsdruck, der mit politisch-regulatorischen Vorgaben verbunden ist, manchmal auch hilfreich gewesen sein. Dennoch genügt es nicht allein, ambitionierte Klimaschutzziele zu definieren, ohne gleichzeitig

  • die entsprechenden Voraussetzungen für deren Erreichung sicherzustellen
    (Stichwort 1: Verfügbarkeit ausreichender Nutzenergiemengen aus nachhaltigen Quellen zu global wettbewerbsfähigen Preisen für die Industrie;
    Stichwort 2: Verfügbarmachung dieser Nutzenergiemengen an den Orten, an denen der Bedarf besteht durch Schaffung entsprechender Leitungs- und Anschlusskapazitäten) und
  • im Idealfall dann auch in den wesentlichen globalen Wirtschaftsregionen auf möglichst einheitliche Rahmen- und damit auch einheitliche Wettbewerbsbedingungen hinzuwirken. Die ökologischen Ziele in Deutschland und in Europa müssen mit den ökonomischen und den sozialen Zielen unter Aufrechterhaltung der globalen Wettbewerbsfähigkeit in eine Balance gebracht werden. Wenn energieintensiven Industriezweigen in Deutschland und Europa die Basis für wettbewerbsfähige Wertschöpfung entzogen wird und ganze Branchen nur noch in anderen Regionen der Welt produzieren können, ist für den globalen Klimaschutz nichts erreicht, im Gegenteil. Mit Blick auf die bevorstehenden politischen Weichenstellungen in Deutschland ist es wichtig, dass dieser Erkenntnis auch in einem Koalitionsvertrag Rechnung getragen wird, ganz gleich, welche Parteien diesen Vertrag abschließend werden.

Die aktuelle Entwicklung suggeriert derzeit eine wirtschaftliche Erholung mit wieder deutlich steigenden Wachstumsraten. Doch wir sollten uns nicht täuschen lassen: Die langfristigen Pandemiefolgen für die deutsche und europäische Wirtschaft – sozusagen die wirtschaftlichen Long-Covid-Auswirkun­gen – sind noch nicht wirklich gut abschätzbar. Massive staatliche Konjunkturprogramme in allen Teilen der Welt erzeugen Effekte, deren Lang- und Fernwirkungen schwer kalkulierbar sind und die am Ende des Tages auch bezahlt werden müssen.

 

„Deutschland hat gesunde Unternehmen und starke Chemie- und Pharmastandorte.“

 

Vielleicht bewirkt Corona mittel- und langfristig auch ein Umdenken, wenn es um Produktions- und Lieferketten geht, die sich während der Pandemie zum Teil als fragil erwiesen haben. Es kann sich lohnen, bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten zumindest nicht komplett in andere Regionen der Welt zu verlagern, selbst wenn dort bspw. Energie- und Rohstoffkosten deutlich niedriger sind. Aber natürlich gilt: Ein solches Umdenken wird nur stattfinden, wenn die Rahmenbedingungen für europäische und speziell deutsche Industriestand­orte nicht schlechter werden, wenn das Ungleichgewicht bei den wichtigen Kostenblöcken nicht noch größer wird.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist bestens geeignet, um Zukunftstechnologien zu entwickeln und umzusetzen, mit denen die zentralen Fragen des Klimaschutzes, der Energieversorgung und -speicherung, der Mobilität, der Ernährung der Weltbevölkerung oder des Recyclings von Kunststoffen zukunftsorientiert gelöst werden können. Doch dafür brauchen wir eine leistungsfähige Industrie in Deutschland, mit Forschung, Entwicklung und Produktion. Wir müssen auf dem Weg zum klimaneutralen Kontinent marktwirtschaftliche Such- und Auswahlmechanismen anwenden, Brückentechnologien ermöglichen, Veränderungen schrittweise umsetzen und durch Übergangsphasen eine kontinuierliche Transformation gestalten – auch wenn der vielzitierte „Mainstream“ nach schnelleren, radikaleren Lösungen verlangt und die Politik leicht in Versuchung gerät, diesem Verlangen durch populistische Schnellschüsse Rechnung zu tragen.

Dies erfordert von uns allen, dass wir uns noch stärker als in der Vergangenheit als Unternehmen und als Unternehmer in die politische und gesellschaftliche Diskussion einbringen: Damit wir gehört werden und damit wir unseren Beitrag dazu leisten, dem Guten das vielleicht Bessere gegenüberstellen zu können.

Kontakt

VCI - Verband der Chemischen Industrie e.V

Mainzer Landstr. 55
60329 Frankfurt
Deutschland

+49 69 2556 0
+49 69 2556 1471

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