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Von der Alchemie zum Alltag

Gerade in Zeiten, in denen Teile der Gesellschaft Naturwissenschaften skeptisch begegnen, ist der Bildungsauftrag von Musuen aktueller denn je.

20.03.2024 - Die Chemieausstellung des Deutschen Museums weckt Neugier über spannende Alltagsphänomene

Vor rund 100 Jahren bezog das Deutsche Museum das Ausstellungsgebäude auf der Museumsinsel in München. Seitdem wurde es immer wieder erweitert, aber nie wirklich saniert. Bundespräsident Horst Köhler rief 2006 die Zukunftsinitiative für das Museum ins Leben. Derzeit werden etwa 750 Mio. EUR investiert, um Ausstellungen und Gebäude auf den neuesten Stand zu bringen. Aktuell können Besucher 20 Ausstellungen und etwa 8.000 Exponate auf einer Fläche von 20.000 m2 erkunden (vgl. Grafik).

Ein Highlight darunter ist die neu gestaltete Ausstellung zum Thema Chemie. Andrea Gruß überzeugte sich vor Ort und sprach mit Chemie-Kuratorin Susanne Rehn-Taube über Ziele und Wirkung der Ausstellung.

CHEManager: Frau Rehn-Taube, wie schreitet des Sanierungsprojekt des Deutschen Museums voran?

Susanne Rehn-Taube: Anfang des 21. Jahrhunderts standen wir vor großen Sanierungsaufgaben. Allen voran der Brandschutz, der für das gesamte Haus erneuert werden musste. Sprinkleranlagen wurden installiert, Fluchtwege verkürzt, neue Treppenhäuser eingebaut. Damit einher geht eine komplette Modernisierung der Bausubstanz. Die Statik wird geprüft; Elektrik und Lüftungen neu gemacht. Schließlich wurden auch die Ausstellung selbst und die Besucherführung neugestaltet.

Der erste Teil der Modernisierung begann 2015 und wurde im Jahr 2022 abgeschlossen. Seitdem können Besucher wieder 20 Ausstellungen erkunden, darunter auch die Chemie. Die zweite Realisierungsphase soll im Mai 2028 zum 125-jährigen Jubiläums des Museums abgeschlossen werden.

Noch steht nicht fest, welche der derzeit geschlossenen Ausstellungen wiederkommen werden. Die Energietechnik mit der beliebten Starkstromvorführung gehört mit Sicherheit dazu; auch die Physikausstellung wird neu gemacht. Bei anderen Ausstellungen hängt es von der Finanzierung ab.

Die Investitionszyklen von Museen scheinen mit denen im Chemieanlagenbau vergleichbar. Wann wurde die Chemieausstellung zuletzt erneuert?

S. Rehn-Taube: Die letzte Chemie­dauerausstellung wurde 1972 eröffnet, im Jahr der Olympiade. Bereits in den 1990er Jahren gab es Gespräche zur Neugestaltung. 2008 stand der Sponsoringvertrag mit der Initiative „Chemie im Dialog“ und 2009 wurde die Chemieausstellung dann für die Neugestaltung geschlossen. Aufgrund der zentralen Sanierungsarbeiten ab 2009 verzögerte sich das Chemie-Projekt jedoch und die Ausstellung war für 13 Jahre geschlossen, bis zur Wiedereröffnung im Juli 2022.

Sie haben gemeinsam mit Ihrem Team die neue Chemieausstellung entwickelt. Welches Konzept liegt ihr zugrunde?

S. Rehn-Taube: Grundkonzept ist die spannende Chemie im Alltag. Wir wollen den Blick der Besucher auf Alltagsphänomene lenken und sie neugierig machen auf den chemischen Hintergrund. Dazu zeigen wir beispielsweise ein Stück Fleisch, das sich beim Braten verändert und provozieren die Frage: Was hat das mit Chemie zu tun?

 

Wir wollen den Blick der Besucher auf Alltagsphänomene lenken
und sie neugierig machen auf den chemischen Hintergrund.

 

Wir klären auf, wie sich Proteine und Wassergehalt des Fleischs beim Erhitzen verändern und vermitteln dabei auch, dass Chemie überall in unserem Alltag stattfindet und jeden jederzeit betrifft.Das ist die grundsätzliche Herangehensweise. So beantworten wir Fragen wie: Was passiert beim Kochen? Was passiert mit Kosmetik auf der Haut? Wie funktioniert eine Batterie? Und wir haben Themeninseln, zum Beispiel zu Freizeit, Mode und Sport, an denen wir Alltagsprodukte aus Chemiefasern oder Kunststoffen als Vehikel nutzen, um über Polymerisation, Farbstoffe oder die Wirkung von Klebstoffen aufzuklären

Welche Publikum wollen Sie ansprechen?

S. Rehn-Taube: Natürlich soll sich niemand ausgeschlossen fühlen, aber Jugendliche, junge Erwachsene und Familien mit Kindern sind ganz klar im Fokus. Deswegen haben wir die Exponate zur modernen Chemie auch sehr poppig gestaltet, wie zum Beispiel das bunte Periodensystem. Zudem gibt es auf jedem Bereich ein Paneel, an der die Essenz nochmal aufbereitet wird für Familien mit Kindern, mit einfachen Vorlesetexten oder einem interaktiven Memory- oder Computerspiel.

Welche weiteren Inhalte zur Chemie erwarten die Besucher?

S. Rehn-Taube: In der Ausstellung zur Chemiehistorie befinden sich die Nachbauten von drei Laboratorien, ein Alchemielabor, ein Labor aus der Zeit von Antoine de Lavoisier und das Labor von Justus von Liebig. Hier ist der Zugang weniger interaktiv, aber durch die aufwändig gestalteten, lebensgroßen Dioramen können sich die Besucher sehr gut in die Zeit hineinversetzen. Ergänzt wird Ausstellung durch ein Labor mit Workshops für Schulklassen und Besucher, zum Beispiel zu den Themen Alchemie, Lebensmittelanalytik oder Kunststoffe. Und in unserem Hörsaal bieten wir regelmäßige Experimentalvorträge mit Showeffekt an, ähnlich wie sie Chemiker von Faschings- oder Weihnachtsvorlesungen an einer Uni kennen.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Konzeption einer Chemieausstellung in Bezug auf Sicherheit?

S. Rehn-Taube: In der Tat müssen wir in der Chemie hier genauer hinschauen als in anderen Bereichen. Wir überlegen uns, unter welchen Bedingungen stellen wir ein Exponat aus und in welchem Umfeld. Das Fachgebiet im Museumsbereich dazu heißt präventive Konservierung. Über die Vitrine mit den historischen Farbstoffen und Pigmenten oder dem giftigen DDT-Exponat hatte ich im Vorfeld mit einer Restauratorin viele Gespräche über mögliche Gefahren für Mensch und Exponat. Natürlich werden die Substanzen in geschlossenen Gefäßen gelagert. Zusätzlich arbeiten wir mit Absorbermaterialien und einige Vitrinen werden belüftet.

Zeigen Sie auch chemische Reaktionen in der Ausstellung?

S. Rehn-Taube: In der Vorgängerausstellung aus den 1970er Jahren gab es viele sogenannte Druckknopf-Experimente. Das waren große Schaukästen, an denen der Besucher einen roten Knopf drückte und damit eine chemische Reaktion startete. Zwei Flüssigkeiten liefen zusammen und veränderten ihre Farbe, zum Beispiel aufgrund eines Komplexbildners oder des Umschlags eines Indikators bei einer Säure-Base-Reaktion.

Das war damals revolutionär, weil der Besucher wirklich mit einem Knopfdruck Chemie machen konnte. Mit der Zeit hat sich der Zugang des Publikums zu diesen Experimenten verändert. Besucher haben oft die Chemie dahinter nicht verstanden und es gab keinen Alltagsbezug. Sie verließen die Ausstellung mit der bloßen Erkenntnis: Die Chemie verändert Farben. Deshalb haben wir uns von den Experimenten auf Knopfdruck verabschiedet. In der aktuellen Ausstellung gibt es lediglich eine interaktive Reaktion: eine galvanische Zelle, bei der Besucher mit einer Kurbel Elektroden in Kupfer- und Zinksulfat-Lösungen tauchen und mit dem entstehenden Stromfluss ein Motor betrieben wird.

Welches Exponat ist Ihr persönliches Highlight?

S. Rehn-Taube: Ich habe zwei Lieblingsexponate, ein berühmtes und ein unscheinbares. Eines ist der Tisch mit Originalgeräten, mit denen Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann im Jahr 1938 zum ersten Mal eine Kernspaltung nachgewiesen haben. Ich habe selbst hierzu geforscht und dabei festgestellt, wie Wissenschaftsgeschichte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unterschiedlich betrachtet und interpretiert wird. Ich kann nur jedem Chemiestudierenden ans Herz legen, sich auch ein bisschen mit Wissenschaftsgeschichte zu beschäftigen.
Bei dem zweiten Exponat handelt es sich um ein linksgedrehtes Schneckenhaus einer Weinbergschnecke.

Wir nutzen es gemeinsam mit einem rechtsgedrehten Schneckenhaus, um das Phänomen von Spiegelbildisomeren in der organischen Chemie zu veranschaulichen. Geschätzt kommen auf ein linksgedrehtes 40.000 rechtsgedrehte Schneckenhäuser. Es ist also eine absolute Seltenheit, die man nicht kaufen kann. Ich hatte Glück und konnte einen Chemieprofessor überzeugen, es dem Museum für die Sammlung zu überlassen.


Welchen gesellschaftlichen Bildungsbeitrag leisten Museen?

S. Rehn-Taube: Gerade in Zeiten, in denen Teile der Gesellschaft Naturwissen­schaften skeptisch gegenüberstehen, ist unser Bildungsauftrag aktueller denn je. Mit jeder Generation gibt es neue Technologien. Wir klären über diese Technologien auf und zeigen: Wo kommen sie her? Wie haben sie sich entwickelt? Denn nur, wer ungefähr weiß wie etwas funktioniert, kennt auch die Auswirkungen einer Technik auf zukünftige Generationen. Es gibt einige technische Museen, die diesen Bildungsauftrag erfüllen, aber tatsächlich nur wenige mit einer reinen Chemieausstellung.

 

Mit jeder Generation gibt es neue Technologien.
Wir klären über diese Technologien auf und zeigen:
Wo kommen sie her?

 

Darüber hinaus unterstützen wir als außerschulischer Lernort einen guten naturwissenschaftlichen Unterricht. Untersuchungen ergeben, dass Kinder schlechter in Deutsch und Mathe sind als noch vor einigen Jahren. Da mag es auf den ersten Blick richtig erscheinen, in zusätzliche Deutsch- und Mathestunden zu investieren. Ich finde es jedoch schwierig, dass dabei die Naturwissenschaften hinten runterfallen. Wir müssen den Schülern auch etwas mitgeben, worüber sie sprechen können. Mit einem guten naturwissenschaftlichen Unterricht fördern wir die Sprachkompetenz von Schülern. Dabei können wir Lehrkräfte unterstützen. Sie kommen in unser Besucherlabor oder mit ihren Seminar- und Projektgruppen, die hier vor Ort ein spezielles chemisches Thema recherchieren.

Bildung für nachhaltige Entwicklung will Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigen. Welchen Beitrag leistet Ihre Chemieausstellung hier?

S. Rehn-Taube: Mit unseren Exponaten wecken wir die Neugier der Besucher und regen sie an, die Texte zu lesen und ins Denken zu kommen. Unser Anspruch ist es, sowohl einen wissenschaftlichen als auch einen sozialen Kontext herzustellen und auch auf die Ambivalenz in der Chemie hinzuweisen. Was sind die Vorteile, was die Nachteile einer Entwicklung? Dabei vermeiden wir Greenwashing, übertreiben aber auch nicht die Nachteile. Und wir hoffen natürlich, dass sich die Besucher nach ihrem Aufenthalt bei uns sicherer in der Naturwissenschaft Chemie fühlen.

Welche Bilanz ziehen Sie eineinhalb Jahre nach Start der Ausstellung? Was ist gelungen? Was möchten Sie ändern?

S. Rehn-Taube: Unsere Besucher loben das niederschwellige und gut verständliche Angebot. Viele Menschen verbinden mit Chemie, sie ist giftig, kompliziert und schwer zu verstehen. Mit der Ausstellung ist es uns gelungen, die Scheu und Vorurteile gegenüber der Chemie abzubauen. Die Medienstationen würde ich heute teilweise anders gestalten. Ein Touchscreen mit Animationen, Filmen und Bildmaterial als reine Informationsquelle wirkt zunehmend unmodern. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr interaktive Angebot im Hörsaal oder im Besucherlabor, zum Beispiel anlässlich der Verleihung eines Nobelpreises oder um aktuelle Entwicklungen aufzugreifen. Leider scheitert das bislang am Personal. Wie überall in der Museumswelt sind unsere personellen Mittel gering.

Welche Aktivitäten planen Sie für die Zukunft?

S. Rehn-Taube: Wir würden gerne den Austausch mit Experten aus der Chemieindustrie vertiefen. Was bewegt die Branche? Was sind die großen Themen? Wer immer Lust hat, mit uns in Kontakt zu treten, ist herzlich willkommen. Unser Hörsaal bietet Raum für 80 Personen, ein idealer Ort für Betriebsausflüge oder Symposien.

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ZUR PERSON
Susanne Rehn-Taube ist seit 2005 Kuratorin für Chemie am Deutschen Museum in München. Sie konzipierte die Ausstellung Chemie und ist für die Digitalisierung der chemischen Sammlung verantwortlich. Im Zuge ihrer Arbeit forscht sie zur Chemiegeschichte und setzt sich mit der Rolle der Frau in der Chemie damals wie heute auseinander. Die promovierte Chemikerin ist Mitglied des Vorstands der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Rehn-Taube studierte Chemie an der LMU München und promovierte dort am Institut für Organische Chemie.

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