Strategie & Management

Von der Konfrontation zur Sozialpartnerschaft

Arbeitgeberverband HessenChemie feiert 75-jähriges Bestehen

16.11.2022 - Seit über 50 Jahren gab es keinen Streik mehr in der Chemieindustrie, stattdessen wurden zukunftsfähige Tarifverträge ausgehandelt.

Die chemische Industrie ist für ihre gute Sozialpartnerschaft bekannt. Seit über 50 Jahren gab es keinen Streik mehr, stattdessen wurden zukunftsfähige Tarifverträge ausgehandelt, die die Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern regeln. Maßgeblich beteiligt an deren Entwicklung war auch der Arbeitgeberverband Chemie und verwandte Industrien für das Land Hessen, kurz HessenChemie, dessen Gründung auf das Jahr 1947 zurückgeht.

Andrea Gruß sprach mit Dirk Meyer, Hauptgeschäftsführer der HessenChemie, über Meilensteine der Verbandsarbeit und aktuelle Herausforderungen.

CHEManager: Herr Meyer, die Wurzeln der HessenChemie gehen auf das Jahr 1947 zurück. In welchem gesellschaftlichen und arbeitspolitischen Umfeld entstand die Vereinigung?

Dirk Meyer: Ausgangssituation war die Stunde Null nach dem Krieg. Eine Zeit, in der sich das Gemeinwesen erst wieder gründete und die Menschen sich darauf konzentrierten, den wirtschaftlichen Wiederaufbau anzugehen. Auch die chemische Industrie in Hessen und in Deutschland fasste langsam wieder Fuß und begann Schritt für Schritt, ihre Arbeit aufzunehmen. In diesem Kontext hatten sich zuerst die Gewerkschaften wieder gegründet. Im Jahr 1947 organisierten sich in Hessen dann auch die Unternehmen neu in Arbeitgeberverbänden, auch in der Chemiebranche. Gründungsmotivation war ein ‚schlagkräftiges Gegengewicht zu den Gewerkschaften‘ zu schaffen, so steht es im ersten Rundschreiben des Verbands. Wesentlich diplomatischer klang der Text dann in unserer Gründungssatzung: ‚Der Verein hat die Aufgabe, den Arbeitsfrieden zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu fördern und zu sichern‘.

Wie kann man sich die Verbands­arbeit in dieser Zeit vorstellen?

D. Meyer: Es ging dabei zum Beispiel um Fragen wie: Wo können wir Kohle beschaffen, um die Wohnungen der Fabrikarbeiter zu heizen? Oder: Wo in Wiesbaden kann der Verband beheimatet sein?

Am Anfang war das die Privatwohnung des ersten Geschäftsführers, dann ein Hotelzimmer und schließlich fand man eine Wohnung, in der die Geschäftsstelle eingerichtet wurde. Die Chemieunternehmen begannen damals, ihre Anlagen wieder in Gang zu setzen und unterstützten sich dabei untereinander, hierbei half ihnen der solidarische Zusammenschluss im Verband. Es waren grundlegende Bedürfnisse auf allen Seiten, die neu organisiert werden mussten, um wieder ins Wirtschaften hineinzukommen. Dies schuf die Voraussetzung für den Aufschwung in den 1950er Jahren.

Wer waren die Personen der ersten Stunde?

D. Meyer: Erster Vorstandsvorsitzender der HessenChemie war Edgar Jörg von der Zellstofffabrik Waldhof in Wiesbaden. Ein Visionär, der die Notwendigkeit der deutschlandweiten Bündelung der Arbeitgeber in der Chemie sowie der Arbeitgeber aller Branchen erkannte und sich auch dafür engagierte. Er war zugleich beteiligt an der Gründung des bundesweiten Arbeitgeberverbands Chemie (heute: BAVC) und der Vorläuferorganisation des Dachverbands der Arbeitgeber (heute: BDA).

Was waren rückblickend die wichtigsten Meilensteine in der Arbeit des HessenChemie?

D. Meyer: Nach den Jahren des Wiederaufbaus kam es in den 1960er Jahren zunehmend zu Spannungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft. 1971 gingen die Chemiearbeitnehmer vier Wochen in den Ausstand. Der Streik war eine Zäsur in der Historie der deutschen Chemieindustrie, der die Zusammenarbeit der Tarifparteien grundlegend verändern sollte. Die IG Chemie hat sich im Anschluss an diesen Arbeitskampf neu aufgestellt und auch die Arbeitgeberseite hat ihre Strategie überdacht. Beide Parteien wollten mehr miteinander sprechen – auch außerhalb von Tarifrunden – und haben dies zum Teil auch institutionalisiert, zum Beispiel durch Gründung des Unterstützungsvereins der chemischen Industrie, kurz UCI, im Jahr 1975. Die erste gemeinsamen Sozial­partnereinrichtung unterstützte unverschuldet arbeitslos gewordene Chemiebeschäftigte. In den Folgejahren haben sich schrittweise weitere Formen der Zusammenarbeit entwickelt – bis zu dem, was wir heute gelebte Sozialpartnerschaft nennen.

Welche weiteren Wegmarken gab es in der Verbandshistorie?

D. Meyer: Eine weitere Zäsur war sicherlich die Zerschlagung der Hoechst AG ab Mitte der 1990er Jahre. Der Weltkonzern mit über 160.000 Mitarbeitern zerfiel bis Anfang der 2000er Jahre in viele einzelne Nachfolgeunternehmen, was auf die Arbeit unseres Verbands enorme Auswirkungen hatte. Die Unternehmen waren im Umbruch und es gab eine Reihe an Arbeitsrechtsprozessen. Und statt eines großen Unternehmens hatten wir nun viele, etwas kleinere Unternehmen als Mitglieder. Am Ende ist es gelungen, dass alle Nachfolgeunternehmen des Hoechst-Konzerns Mitglied des Arbeitgeberverbands wurden und dies zum Großteil bis heute geblieben sind.

Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?

D. Meyer: Die 1990er Jahre waren auch eine Zeit, in der der Flächentarifvertrag stark in der Kritik stand. Die Chemietarifparteien entwickelten hierauf erste kluge Antworten. Die Flexibilisierung des Flächentarifvertrags durch Öffnungsklauseln hat dazu geführt, dass wir bis heute eine hohe Tarifbindung haben. Es gibt zum Beispiel einen tariflichen Arbeitszeit- und Entgeltkorridor, der es Unternehmen ermöglicht, aus wirtschaftlichen Gründen vom Standard abzuweichen, oder eine Öffnungsklausel bei der Jahresleistung, die erfolgsabhängig ausgestaltet werden kann. Auf diese Weise können wir die unterschiedlichen Bedürfnisse und die Differenzierung in der Branche besser auffangen. Denn unsere Mitgliedsunternehmen sind nicht nur unterschiedlich groß, sie haben auch verschiedene inhaltliche Schwerpunkte: Ein Pharmaunternehmen funktioniert anders als ein Produzent in der Basischemie.

 

 

„Wir müssen lernen, uns wieder anzustrengen
und zu ertragen, auch das Unbequeme auszusprechen.“

- Dirk Meyer, Hauptgeschäftsführer, HessenChemie

 

 



Was macht die Arbeit der HessenChemie heute aus?

D. Meyer: Es gibt drei Grundpfeiler, die den Verband prägen: Zum einen das Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft, dann die Tarifautonomie und drittens die gelebte Sozialpartnerschaft zwischen den Tarifparteien zum Wohle der Unternehmen und der Beschäftigten. Wir verstehen uns als Dienstleister für die chemisch-pharmazeutische und kunststoffverarbeitende Industrie und Berater in allen Fragen der Tarif-, Sozial-, Bildungs- und Rechtspolitik in Hessen. Weitere Schwerpunkte unserer Verbandsarbeit liegen auf den Themen Europa, Nachhaltigkeit und Demografie. Auch hat der Bereich der Kommunikation ein deutlich größeres Gewicht erhalten. Vieles hat sich, insbesondere in den vergangenen zehn Jahren, digitalisiert und wird sich noch weiter digitalisieren.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für die Chemie­industrie?

D. Meyer: Wir befinden uns mitten in der Transformation unserer Branche hin zur klimaneutralen Produktion, und die damit verbundenen Herausforderungen wären allein schon historische Aufgabe genug. Daneben haben wir jetzt mit den Folgen der Demografie zu kämpfen und stehen hier im Wettstreit mit anderen Branchen um die knappen Fachkräfte. Darüber hinaus müssen wir die aktuellen Krisen bewältigen, denn die Pandemie und vor allem der Krieg in Europa beeinträchtigen die Lieferketten und verteuern Energie und Rohstoffe – ein maximaler Stresstest für unsere energieintensive Branche. Derzeit fließen große Summen für die Energiebeschaffung ins Ausland, ohne hierzulande wertschöpfend zu sein. Dadurch verlieren wir an Wohlstand. Das trifft für die Bürger zu, aber auch für Unternehmen.

Was können wir tun?

D. Meyer: Wir müssen lernen, uns wieder anzustrengen und zu ertragen, auch das Unbequeme auszusprechen – und es im Zweifelsfall auch umzusetzen, wenn es notwendig ist. Dies gilt für die Energiewende, wie für die Bildung und die Balancierung des Sozialstaats. Das unterscheidet uns jetzt von vorangehenden Generationen, in denen es darum ging, den Wohlstand zu mehren. Jede Generation sollte es besser haben als die zuvor. Aktuell erleben wir einen exogenen Schock und verlieren an Wohlstand und an Selbstverständlichkeiten. Doch ich traue es uns als Gesellschaft und als Wirtschaft zu, dass wir uns aus der Krise herausarbeiten. Eine organisierte Streitkultur und Debatte sowie eine gelingende Sozialpartnerschaft können dabei einen maßgeblichen Beitrag für unseren zukünftigen Wohlstand leisten.

Das Interview mit Dirk Meyer führte Andrea Gruß, CHEManager.

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14. Wiesbadener Gespräche zur Sozialpolitik
Unter dem Motto „Arbeit gestalten – 75 Jahre HessenChemie“ lädt der Arbeitgeberverband am 29. November 2022 zu den 14. Wiesbadener Gesprächen zur Sozialpolitik ins Kurhaus Wiesbaden ein. Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft nehmen die Entwicklung der Chemiesozialpartnerschaft der vergangenen Jahrzehnte aus unterschiedlichen Blickwinkeln in den Fokus und geben einen Ausblick auf die Arbeitsbedingungen der Zukunft: Wie wird sich die Einstellung zur Arbeit wandeln? Was bedeutet das für die Führungskultur und eine Zusammenarbeit in Teams?
Anmeldung über: www.hessenchemie.de/termine

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