Standorte & Services

Die Entwicklung der Chemieparks – Eine Bestandsaufnahme

Von der Entstehung bis zu aktuellen Herausforderungen der deutschen Chemiestandorte

01.05.2018 -

Seit sich die großen Chemiekonzerne vorrangig auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und Randaktivitäten abspalten bzw. an private Investoren verkaufen, entstehen aus vielen ehemals von einem Unternehmen betriebenen Chemiestandorten Industrieparks mit mehreren Unternehmen. Diese stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an den Infrastrukturbetreiber. Das Faszinierende an Chemieparks (als Synonym für alle Formen von Standorten mit mehreren Nutzern) ist die Tatsache, dass dort die gesamten Herausforderungen der chemischen Industrie einerseits und die Herausforderungen an Standorte andererseits fokussiert zusammentreffen.

Ein kurzer Rückblick: Im Jahr 2016 ist das Standardwerk „Chemiestandorte - Markt, Herausforderungen und Geschäftsmodelle“ veröffentlicht worden; Herausgeber des bei Wiley erschienenen Buchs ist Carsten Suntrop. 2017 war das Jahr des 25-jährigen Jubiläums des CHEManager; die Branchenzeitung hat von Anfang an die Neugründung der deutschen Industrieparks verfolgt. 2017 war auch das Jahr des 20-jährigen Bestehens des Industrieparks Höchst; gegründet 1997. 2018 ist das Jahr des 125-jährigen Bestehens des Industriestandortes Bitterfeld-Wolfen; der Industriepark gleichen Namens wurde bereits 1994 gegründet.

Wiedervereinigung und Konzernzerschlagung

Den Gründungen des Industrieparks Höchst sowie von Bitterfeld-Wolfen lagen massive Veränderungen zu Grunde, die man heute als Disruptionen bezeichnen würde. Bei Bitterfeld-Wolfen war es die Wiedervereinigung, die zur Zerstörung der Industriestrukturen der ehemaligen DDR führte, woraus sich dann nicht nur in Sachsen-Anhalt neue Strukturen entwickelten. Der Industriepark Höchst verdankt seine Entstehung der Aufspaltung des deutschen Traditionsunternehmens Hoechst AG, einer unternehmerischen Disruption, die aus dem 1863 gegründeten Chemiewerk einen modernen Multi-User-Standort gemacht hat.

Nach diesen „musterbildenden “ Anfängen, entstanden viele Industrie-und Chemieparks in Deutschland und im angrenzenden Ausland; um die 100 sollten es derzeit sein. Die Anfangszeit ist vorbei und die Parks stehen heute vor neuen strategischen Herausforderungen.

Herausforderungen für Standortbetreiber

George M. Whitesides hat in seinem Essay zum 150. Geburtstag der BASF (2015 in der Zeitschrift Angewandte Chemie erschienen) die grundlegenden Themenbereiche der chemischen Industrie und ihrer Standorte sehr umfassend dargestellt. Je mehr Nutzer ein Chemiepark hat, desto mehr ist man dort vielen unterschiedlichen Formen der Umsetzung dieser Herausforderungen ausgesetzt und muss für die Zukunft des eigenen Chemieparks Antworten finden. Sehr pointiert kann man sagen, dass Chemieparks überleben, wenn sie für sich und ihre Nutzer die Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen Umfeld immer wieder neu unter Beweis stellen.

Ernst Grigat, ehemaliger Chempark-Leiter und heute Geschäftsführer der Metropolregion Rheinland, hat in seinem Beitrag für das Buch „Chemiestandorte“ verdeutlicht, dass die Chemieparkbetreiber ihre Entwicklungsstrategien von ihrem Rollenverständnis her definieren müssen; bis hin zur völligen Umwidmung. Um konkreter zu werden, sei ein Blick auf Offenbach und Frankfurt gestattet, wo der Autor die Verhältnisse aus eigenem Erleben kennt.

Ein Chemiepark in Offenbach wurde geschlossen und zurückgebaut, nachdem der Hauptnutzer seine Produktion stillgelegt hatte. Seit der Rückgabe an den Grundstückseigentümer sind einige Jahre ins Land gegangen. Die Neunutzung wird zwischen den Stakeholdern verhandelt. Reiner Conrad hat diesem Industriestandort kürzlich mit „Das Oehlerwerk in Offenbach“ ein Denkmal gesetzt.

In Frankfurt-Fechenheim hat sich der Standortbetreiber für eine Neuausrichtung entschieden und setzt sie derzeit um. Wie Wolfgang Böhm, Geschäftsführer der Allessa Produktion, ausführt: “Wir werden unter neuer Flagge ein modernes Parkkonzept umsetzen“.

In Frankfurt-Griesheim ist die zukünftige Ausrichtung für Außenstehende nicht ohne weiteres ersichtlich. Ein pointiertes Zitat eines Hauptnutzers macht die Situation aber deutlich: „Selbstzufrieden und anspruchslos.“

Sich schnell und entschieden am besten, was es am Markt gibt, zu orientieren; wettbewerbsfähige und innovative Angebote zu machen und dann noch gerne zu „dienen“, ist die Sache eines traditionellen Industrieparks nicht. Aus dem Gegebenen Besseres zu machen, in kleinen Schritten das Nötige zu tun, beherrscht den Alltag und ist auch lobenswert. Dennoch: „sie könnten viel mehr, wenn sie nur wollten.“ (Rafael Reiser, Geschäftsführer WeylChem, Griesheim).

Noch weiter westlich in Frankfurt besteht der Standort Höchst als „Flagship“-Chemiepark. Auch hier sind die Anforderungen der großen und kleinen Kunden, seien sie Gesellschafter oder nur Nutzer, unterschiedlich.

Das Ziel „Wettbewerbsfähigkeit“ treibt dabei alle Nutzer an. Diesem gemeinsamen Ziel sind die drei Industrieparks in Frankfurt ein großes Stück nähergekommen, als im März 2018 eine Vereinbarung mit der Stadt Frankfurt getroffen werden konnte, welche die Abstände zwischen Industrieparks und Wohngebieten regelt. Damit hat Frankfurt wie bereits Leverkusen eine zukunftsweisende Regelung getroffen, die den Parkbetreibern mehr Planungssicherheit gibt.

Herausforderungen der Chemischen Industrie

Die aktuellen und künftigen Herausforderungen für die Chemieindustrie können durch einige Schlagwörter beschrieben werden:

  • Zirkuläre Wirtschaft (als Teilaspekt der vom VCI vorgestellten „Chemie 4.0“-Studie)
  • Green Chemistry (z.B. biobasierte Rohstoffe)
  • Energiewende (z.B. Power-to-X)
  • Nutzung von CO2 als Rohstoff
  • Digitalisierung (mit den Konsequenzen Disruption und Transparenz)
  • Spezialisierung (z.B. auf Fasern wie an den Standorten Obernburg und Emmen)

Diese Herausforderungen könnten auch unter dem Stichwort „Industrial Symbiosis“, als weiterentwickeltem, zukunftsorientierten Verbundgedanken zusammengefasst werden. Hier bietet sich wieder Frankfurt als praktisches Beispiel an.

In räumlicher Nähe zum Standort Fechenheim wird eine Power-to-X-Versuchsanlage betrieben; eine zukünftige Zusammenarbeit mit dem dortigen Industriepark erscheint einem Außenstehenden im Lichte der Energiewende sinnvoll, auch wenn der Betrieb gerade ruht.  Frankfurt rühmt sich, Zentrum der Datenverarbeitung in Europa zu sein. Flächen für Datenverarbeitungszentren werden knapp. Abhilfe könnte also ein Industriestandort mit viel Freifläche und Stromkapazitäten schaffen. Organisationen wie z.B. die Dechema, die sich mit diesen Themen grundsätzlich auseinandersetzt, geben Impulse, die an diesen Standorten umgesetzt werden können.

Neben die technisch-naturwissenschaftlichen Herausforderungen treten die aus dem Marktumfeld resultierenden Herausforderungen. Dazu gehören die massiven Veränderungen durch große und kleine Transaktionen, die die Unternehmenslandschaft grundlegend verändern. Als Beispiele seien hier stellvertretend die Fusionen von Bayer und Monsanto, DuPont und Dow sowie Syngenta und ChemChina genannt. Sie werden sich – auch mit ihren weitreichenden kartellrechtlichen Auswirkungen – teilweise erst mittelfristig auf die Chemieparks auswirken und zu strukturellen Veränderungen führen.

Neben den Fusionen können auch strategische Beweggründe wie das Best-owner-Prinzip, Fokussierung auf das Kerngeschäft, Schuldenreduzierung oder eine Kombination der Themen zu Veränderungen der Betreiberstrukturen führen.

Veränderung der Eigentümerstrukturen

2016 war das Jahr, in dem der Energiekonzern Nuon nach der Änderung seiner Strategie vier Industrieparks in Deutschland und den Niederlanden veräußerte. Als Käufer kamen Unternehmen zum Zug, die als Betreiber von Industrieparks neu ins Geschäft eingestiegen sind, aber als Dienstleister bereits mit Chemieparks vertraut waren, nämlich Veolia und Getec (das Magdeburger Unternehmen erwarb den niederländischen Standort Emmen).

Aus den CHEManager-Interviews mit Volker Schulz, bis zum 31. März CEO der Getec Heat & Power und seit 1. April 2018 Mitglied im Industriebeirat des Unternehmens, kann man die Beweggründe aus erster Hand erfahren: „Vor dem Hintergrund steigender und sich verändernder Herausforderungen ist der Bedarf an innovativen Lösungen für Unternehmen, die in energieintensiven Bereichen aktiv sind – und dazu gehört die Chemie definitiv – vorhanden und wird weiter wachsen. Wir wollen und werden in diesem Markt mitmischen.“ Und: „Die Übernahme des Industrieparks in Emmen war nur der erste Schritt. Wir haben inzwischen dieses Geschäft in einen eigenen Bereich institutionell etabliert mit dem Ziel, hier deutlich in den nächsten Jahren zu wachsen.“ (lesen Sie auch das Nachgefragt-Interview mit Volker Schulz auf Seite XY dieser Ausgabe).

Königsdisziplin Neuansiedlung

Neuansiedlungen, die sofort zu Kostenübernahmen führen, sind die Wunschvorstellung aller Industrieparkentwickler. Dazu müssen aber alle Bedingungen passen. Um wieder Frankfurt als Beispiel zu bemühen: Dort konkurrieren drei Chemieparks und mehrere Industriegebiete um Neuansiedlungen. In letzter Zeit haben sich einige Mittelständler dort nicht angesiedelt. Dabei spielten nicht nur Kosten eine Rolle, sondern auch die Tatsache, dass kein Eigentum erworben werden konnte.

Auch hier gibt es Beispiele der Flexibilität, z.B. den niederländischen Standort Emmen, wo die Nutzer gleichzeitig Eigentümer des Geländes werden können.

Eine besondere Ansiedlungsform, die Geduld erfordert, sind Start-ups und kleine Unternehmen. Stellvertretend seine hier das Technologiezentrum in Bitterfeld-Wolfen, die Provadis in Höchst sowie Emmen mit seiner besonderen Offenheit für Start-ups und der sehr praktischen Zusammenarbeit mit den lokalen Hochschulen genannt. BASF hat in Emmen den Filamentehersteller Innofil3D erworben und führt das Unternehmen dort fort.

Für diese Art der Unternehmen muss das Umfeld nicht nur in technischer Hinsicht stimmen, auch die Mentalität der Ansiedler muss dazu passen. Bei einer Veranstaltung in Bitterfeld-Wolfen hat der Geschäftsführer des Chemieparks, Michael Polk, spontan einer Idee eines Start-up-Vertreters für einen Hackathon – einem modernen Konzept, bei dem Innovationen entstehen, Lösungen erarbeitet oder Produkte entworfen werden – zugestimmt.

Schlussfolgerung

Die genannten Beispiele zeigen: Wenn es Parkbetreibern in Zusammenarbeit mit ihren industriellen Kunden gelingt, die Herausforderungen zu meistern und damit die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Kunden zu fördern und zu erhalten, haben sie eine Zukunft. Voraussetzungen dafür sind Offenheit für Veränderungen, Zusammenarbeit auf neuen Wegen, Geduld und Zeit sowie last-but-not-least finanzielle Ressourcen.

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