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Überwindung der Coronakrise wird einige Zeit brauchen

Strukturwandel in der Branche wird durch die von der Covid-19-Pandemie ausglösten Krise beschleunigt

16.12.2020 - Die Deutsche Chemie- und Pharmaindustrie schließt ein schwieriges Jahr im Kampf gegen die Coronakrise mit deutlichem Umsatzrückgang ab.

Die wirtschaftliche Bilanz der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie im Pandemiejahr 2020 fällt durchwachsen, aber insgesamt trüb aus. Nach der Achterbahnfahrt durch die vier Quartale steht unter dem Strich ein Minus von 3 % bei der Produktion und ein Minus von 6 % beim Umsatz im Vergleich mit 2019, wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) heute bei seiner digitalen Pressekonferenz zur Jahresbilanz der chemisch-pharmazeutischen Industrie informierte. 

Themen der Konferenz, zu der VCI-Präsident Christian Kullmann aus Essen zugeschaltet war, waren die wirtschaftliche Bilanz der Branche in Deutschland in diesem Jahr, die Prognose für 2021 und der Vorschlag des VCI , was aus Sicht der Branche nötig ist, um in Deutschland Investitionen zu beflügeln und den Green Deal der EU zu einem Sustainable Deal aufzuwerten.

Die Prognose des VCI für 2021 – ein Produktionswachstum um 1,5 % und ein Umsatzwachstum um 2,5 % – basiert aufgrund der unsicheren Entwicklung der Covid-19-Pandemie dann wohl auch eher auf dem Prinzip Hoffnung, denn auf verlässlichen Fakten. Das Jahr 2021 beginnt durch den erneuten Shutdown in Deutschland und vielen anderen Ländern, die deutsche Chemieprodukte importieren, unter denkbar schlechten Vorzeichen.

Produktion und Umsatz: Das Jahr 2020 war für die chemisch-pharmazeutische Industrie von einem kräftigen Auf und Ab in den vier Quartalen geprägt. Die globale Coronakrise belastete viele Unternehmen stark: Der Umsatz in Deutschlands drittgrößter Branche ging insgesamt um 6 % auf 186,4 Mrd. EUR zurück.

Unter dem coronabedingten Auftragsmangel litt das Auslandsgeschäft in nahezu allen Exportmärkten (-6,5 %) ebenso wie der Umsatz im Inland (-5,5 %). Infolge der schwächeren Nachfrage ging die Produktion 2020 insgesamt um 3 % zurück. Dabei mussten sämtliche Sparten Einbußen hinnehmen. Die Spannweite reichte von einem nur geringen Produktionsrückgang bei Pharma (-0,5 %) bis zu einem Minus von 6,5 % bei Polymeren.

Einziger Lichtblick im Krisenjahr: Das Beschäftigungsniveau der Branche bleibt stabil bei 464.000 Mitarbeitenden.

Prognose 2021: Zum Ende dieses Jahres ist die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen weitgehend stabil geblieben. Zugleich hat sich laut ifo-Konjunkturtest auch die aktuelle Geschäftslage verbessert. „Die Stimmung in unseren Unternehmen ist nun mehrheitlich zuversichtlich“, sagt Kullmann. „Mehr als die Hälfte rechnet für das nächste Jahr mit einem Umsatzplus im In- und Ausland.“ Für 2021 geht der VCI daher für die chemisch-pharma-zeutische Industrie von einer Zunahme sowohl der Produktion (+ 1,5 %) wie auch des Umsatzes (+ 2,5 %) aus.

Die aktuelle Mitgliederumfrage des VCI zeigt zudem, dass die Überwindung der Krise in vielen Unternehmen noch einige Zeit brauchen wird: Lediglich 17 % der Betriebe sind zuversichtlich, in diesem Jahr das Vorkrisenniveau erneut zu erreichen. 25 % erwarten, den Rückgang bis Ende 2021 aufholen zu können. Die Mehrheit der befragten Unternehmen - 47 % - geht davon aus, die Krise frühestens im Jahr 2022 überwunden zu haben. 11 % der Unternehmen wollten sich dazu nicht festlegen.

Investitionen mobilisieren: Nothilfen und Konjunkturprogramme des Staates gegen die Coronakrise können aus Sicht des VCI notwendige Weichenstellungen in Brüssel und Berlin für nachhaltige Investitionen in Deutschland und der EU nicht ersetzen. Die Aufgabe verlangt vielmehr ein langfristig orientiertes Transformations­programm, das Maßnahmen auf drei Ebenen gleichzeitig in den Blick nehmen muss: national, europäisch und geopolitisch. Das EU-Projekt Green Deal kann so zu einem Sustainable Deal aufgewertet werden.

Als zentralen Baustein für einen ökonomischen Aufbruch Deutschlands und eine erfolgreiche Transformation der gesamten Industrie hin zur Treibhaus­gasneutralität erachtet der VCI bezahlbare, erneuerbare Energie. „Nichts dient dem Klimaschutz mehr als ein günstiger Preis für grünen Strom“, betonte VCI-Präsident Kullmann. „Sowohl das aktuelle Umlagen- und Abgabensystem in Deutschland als auch der derzeitige EU-Beihilfenrahmen sind ungeeignet, um die Transformation zu begleiten.“ Um dauerhaft Schubkraft für die Wirtschaft zu erzeugen, müssten zudem Genehmigungsverfahren effizienter gestaltet werden. Die hohe Regulierungsdichte mache besonders mittelständischen Unternehmen zunehmend zu schaffen. Kullmann weiter: „Wenn das Zulassungsverfahren für Impfstoffe gegen das Coronavirus gefahrlos beschleunigt werden kann, sollte es auch an anderer Stelle möglich sein, Genehmigungsverfahren für Investitionen effektiver zu gestalten und dabei ein hohes Schutzniveau für Mensch und Umwelt einzuhalten.“

Mit Blick auf den Green Deal der EU fordert der VCI-Präsident, die anspruchsvolle Reformagenda besser auszubalancieren. „Es geht darum, nicht nur den Umweltschutz voranzubringen, sondern den Blick im notwendigen Dreiklang auch auf wirtschaftliches Wachstum und Soziales zu legen. Wir müssen Innovationen und Investitionen beflügeln, sonst kann Europa in der sich neu ordnenden Welt nicht bestehen.“ Die Verschärfung des Klimazieles von 40 auf 55 %, auf die man sich beim EU-Gipfel verständigt hat, müsse zwingend durch flankierende Maßnahmen begleitet werden, damit energieintensive Produkte weiter wettbewerbsfähig in Europa hergestellt werden können.  In diesem Zusammenhang warnt der VCI vor einer Fehlsteuerung Brüssels durch Einführung von Klimazöllen für Importe von CO2-intensiven Grundstoffen in die EU.

Abgesehen von mangelnder Kontrollierbarkeit und handelspolitischen Konflikten drohe auch ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in nachgelagerten Wertschöpfungsstufen. Der Chemie in Europa helfen nur komplexere Ausgleichsmodelle. Vor allem als Ersatz von bestehenden Ausgleichsmaßnahmen für steigende Klimaschutzkosten der europäischen Unternehmen können Klimazölle nicht dienen.

Der VCI plädiert stattdessen dafür, Klimaschutzgrenzen abzubauen, indem die EU auf einen globalen Preis für CO2 hinwirkt. Engere internationale Zusammenarbeit nutzt dem Klimaschutz mehr als ein Europa, das sich abschottet. Der Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen, die neuen Klimaschutzambitionen Chinas und das Bekenntnis Kanadas zur Klima­neutralität bis 2050 bieten diesem Weg in den G20 wieder mehr Aussicht auf Erfolg. „Es hat sich eine Tür geöffnet, Klimaschutz gemeinsam, global und mit abgestimmten Regeln politisch voranzubringen“, sagte Kullmann. „Diese Chance darf nicht ungenutzt bleiben.“

Das gilt auch für eine Wiederbelebung der Gespräche mit der Biden-Administration über transatlantischen Freihandel. „Es muss kein allumfassendes TTIP 2.0 sein. Aber Gespräche zwischen der EU und den USA über ein Freihandelsabkommen für Industriegüter sind im besten beiderseitigen Interesse.“ Der Abschluss des asiatisch-pazifischen Abkommens RCEP als größte Freihandelszone der Welt mit 15 Staaten, die 30 % der globalen Wirtschaftsleistung umfassen, erhöht aus Sicht des VCI auch für die EU die Notwendigkeit von strategischen Allianzen – in dieser Weltregion ebenso wie in Südamerika und Afrika. Daher appelliert der VCI an Brüssel, die Handelsabkommen der EU mit den ASEAN-Staaten, Australien und Neuseeland mit Hochdruck weiter zu verfolgen.

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