Strategie & Management

Die Unsichtbarkeit der Chemie

GDCh-Präsident Thomas Geelhaar will die Chemie als zentrale Wissenschaft besser positionieren

11.08.2015 -

Dr. Thomas Geelhaar, Sprecher der Chemieforschung bei Merck, ist seit Januar 2014 Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). In seiner zweijährigen Amtszeit will er die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Hochschule bei Zukunftsthemen verbessern, die Positionierung der GDCh zu Themen wie Energie, Rohstoffe und nachhaltige Chemie intensivieren und die Akzeptanz der Chemie in der Gesellschaft erhöhen. Im Vorfeld des GDCh-Wissenschaftsforums Chemie 2015, das vom 30. August bis zum 2. September 2015 in Dresden stattfinden wird, sprach Dr. Michael Reubold mit Dr. Geelhaar über die bisher angestoßenen Initiativen und die dabei erzielten Fortschritte. Der GDCh-Präsident zieht eine gemischte Zwischenbilanz.

CHEManager: Herr Dr. Geelhaar, Sie haben sich für Ihre zweijährige Amtszeit, von der nun drei Viertel vergangen sind, einige Themen vorgenommen. Pauschal gefragt: Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Dr. T. Geelhaar: Für mich persönlich - so viel kann ich jetzt schon sagen - ist es eine sehr horizonterweiternde Betätigung, die Chemie bei einer solch großen Gesellschaft wie der GDCh mit 31.000 Mitgliedern einmal von innen kennen zu lernen. Ich bin auch dankbar für die Möglichkeit, interdisziplinär zu agieren, beispielsweise auf Ebene der Präsidenten der anderen mathematischen und naturwissenschaftlichen Gesellschaften. Daneben hat mich doch sehr interessiert, die Aspekte Wissenschaft und Industrie stärker zu beleuchten. Und als Hauptthema, das man sich ja für seine Amtszeit gerne gibt, hatte ich „Chemie und Gesellschaft“ gewählt.

Wenn Sie mich jetzt nach der Zwischenbilanz nach drei Vierteln der Amtszeit fragen, würde ich sagen, dass ich in der Diskussion intern aber auch nach außen hin schon einiges habe anstoßen können. Das, was in dem zurückliegenden Zeitraum realistisch ist, haben wir erreicht, wenn man berücksichtigt, dass wir in der GDCh ehrenamtlich tätig sind und die Mitglieder zuerst einmal in ihren Fachdisziplinen aktiv sind. Aber es bleibt noch viel zu tun. Deswegen fällt meine Bilanz gemischt aus.

Die von Ihnen angestoßenen Initiativen werden aber über Ihre Amtszeit hinaus weitergeführt, zum Beispiel die Arbeitsgemeinschaft „Chemie und Gesellschaft“, mit der Sie gleich mehrere Themen besetzt haben. Welche Aspekte beleuchtet die AG?

Dr. T. Geelhaar: Ja, die AG „Chemie und Gesellschaft“ soll weit über das Ende meiner Amtszeit am Jahresende 2015 Bestand haben und ihre Arbeit langfristig fortführen. Kurz gesagt hat die AG das Motto „Chemie im Dialog mit der Gesellschaft – Information, Faszination, Kontroversen“. Wir sehen trotz vielfältiger Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation für die GDCh Handlungsbedarf, die Perspektive der Chemie insbesondere zu kontrovers diskutierten Themen einzubringen. Dabei wollen wir auch die großen Herausforderungen Energieversorgung, Klimawandel und Wandel der Rohstoffbasis thematisieren. Und wir wenden uns insbesondere auch an die nächste Generation, um Faszination für die Chemie zu wecken.

Das sind große Vorhaben. Wie haben Sie diese Aspekte in der AG verankert?

Dr. T. Geelhaar: Um verschiedene Schwerpunkte setzen zu können, haben wir fünf Themen tituliert und in eigene Arbeitsgruppen eingebracht. Ein Thema heißt „Chemie ist…“. Damit möchten wir das Interesse an der Chemie wecken und in unterschiedlichen Medien und Formaten Sachverhalte der Chemie im Bezug zum Alltag erklären. Dies soll dazu beitragen, dass neue Technologien, bei denen die Chemie eine Rolle spielt, in der Öffentlichkeit sachbezogen diskutiert werden.

In der Arbeitsgruppe „Große Herausforderungen – Zukunft Chemie“ geht es darum, dass sich die Chemie über ihre klassischen Gebiete hinaus und mit dem Leitfaden „Nachhaltige Chemie“ für neue Lösungen zu Ernährung, Gesundheit und Lebensqualität einsetzen sollte. Insbesondere sollte sich die Chemie den Themen „Wandel der Rohstoffbasis“, „Energieversorgung der Zukunft“ und „Klimawandel“ widmen und damit ihren Beitrag zur globalen Nachhaltigkeit deutlich machen. Diese Themen haben wir Mitte Juli auch im Deutschen Museum München im Rahmen einer derzeit laufenden Sonderausstellung bei einer Diskussionsveranstaltung unter dem Motto „Chemie und Anthropozän“ beleuchtet.

Das dritte Thema heißt „Wissenschaftskommunikation – Neue Technologien – Akzeptanz“ und befasst sich mit der Wahrnehmung der Chemie in der Öffentlichkeit. Mehr Wissenschaftskommunikation bedeutet nicht automatisch mehr Akzeptanz für neue Technologien, aber Information und Kommunikation sind eine notwendige Voraussetzung für einen Dialog, der zu mehr Technikaufgeschlossenheit und Risikomündigkeit führen kann.

Auf Ebene der chemischen Industrie, in der Sie ja arbeiten, gibt es diesen Dialog bereits. Hat sich die Wissenschaft Chemie zu lange im viel zitierten Elfenbeinturm eingeschlossen?

Dr. T. Geelhaar: Ich glaube gar nicht, dass man der Wissenschaft vorwerfen kann, dass sie sich zu sehr in den Elfenbeinturm zurückzieht. Das belegen zahlreiche Veranstaltungen wie der „Tag der offenen Tür“, die „Lange Nacht der Wissenschaften“, Science Slams und eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen in vielen Städten, bei denen die Chemie vertreten ist. Aber wenn sogar der Bundespräsident Joachim Gauck wie kürzlich bei der Fraunhofer-Jahrestagung die Wissenschaft dazu aufruft, die Kommunikation mit der Gesellschaft stärker zu führen, um komplexe Themen zu erklären, dann ist das schon ein starker Appell, den ich für die GDCh aufgreifen möchte. Auch Staatssekretär Georg Schütte vom Bundesforschungsministerium hat unlängst bei einer BASF-Veranstaltung genau diesen Punkt angemahnt und an die Wissenschaft – und zwar gemeinsam als Industrie und Akademia – appelliert, stärker nach draußen zu gehen.

Wie kann das gelingen, haben Sie konkrete Lösungen?

Dr. T. Geelhaar: Ein Hauptanliegen ist mir, dass wir in der GDCh nicht nur wie in der Vergangenheit das übliche „Wissenschaftsmarketing“ in den Vordergrund stellen, sondern eher den Dialog. Wir sollten uns nicht nur auf das Erklären der Erfolge der Chemie beschränken, sondern auch Themen aufnehmen, die in der Gesellschaft oder zwischen Industrie und Akademia kontrovers diskutiert werden.

Nehmen wir das Thema Nachhaltigkeit und die von IG BCE, VCI und BAVC gestartete Initiative „Chemie hoch 3“. Da sind die GDCh und andere wissenschaftliche Organisationen der Chemie bislang nicht auf Augenhöhe vertreten gewesen, obwohl wir den Anspruch haben, den Dialog zum Thema Nachhaltigkeit zwischen Industrie, Wissenschaft und Gesellschaft für die Chemie insgesamt zu führen. Das muss sich ändern!

Das bringt uns wieder zur AG „Chemie und Gesellschaft“. Die beiden noch nicht genannten Themen zielen ebenfalls auf den Dialog und die Öffnung der Chemie zur Gesellschaft ab.

Dr. T. Geelhaar: Die vierte Arbeitsgruppe „Chemie – Transdisziplinarität – Sprache“ beschäftigt sich mit dem Thema „Faszination Chemie“. Damit verbinden wir die Hoffnung, in Hinblick auf das Interesse der Gesellschaft zu unseren Nachbardisziplinen Biologie und Physik aufzuschließen.

Ich stelle mir zum Beispiel die Frage, warum wir in der Chemie nicht in einer Art und Weise wie die Physik und Biologie in der Lage sind, das herauszuarbeiten, was uns heute als Wissenschaft bewegt. Wenn uns das nicht gelingt, sehe ich unter Umständen die Gefahr, dass die Biologie beispielsweise das Thema Biochemie übernimmt oder die Physik Themen wie Nanotechnologie vereinnahmt, obwohl dies in erster Linie Chemie- und Materialthemen sind. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen spannende Themen aufgreifen und uns dabei einer verständlicheren Sprache bedienen sowie auch eine größere Bereitschaft zur Transdisziplinarität zeigen.

Und das fünfte Thema „Bildung und Faszination“ zielt darauf ab, chemisches Wissen von allgemeiner Bedeutung in die Gesellschaft, insbesondere in die nächste Generation hineinzutragen. Die zielgruppenspezifische Ansprache der Jüngeren soll das Verständnis chemischer Sachverhalte und zukünftiger Entwicklungen verbessern sowie Faszination für die Chemie schaffen.

Milliarden Menschen profitieren von technologischen Innovationen, die erst durch Chemie möglich sind. Warum schafft es die Chemie nicht, der Öffentlichkeit diese Faszination zu vermitteln?

Dr. T. Geelhaar: Ich unterstreiche hundertprozentig, dass erst die Chemie das möglich macht, was wir alles kennen. Nur gibt es heute beispielsweise die Themen Materialwissenschaften, Nanotechnologie, Biotechnologie, Life Sciences, die ohne das Stichwort Chemie auskommen. Und diese – ich nenne sie einmal – „Folgetechnologien“ haben dazu geführt, dass es weniger sichtbar ist, dass die Chemie Innovationen auf diesen Gebieten erst ermöglicht.

Wir leben in einer Welt, in der neue Marken eine solche Macht haben, bestehende Wertschöpfungsketten in Frage zu stellen. Dabei hat es eine traditionell produzierende Industrie wie die Chemieindustrie nicht leicht, ihre Bedeutung - beispielsweise für die Technologiesprünge bei Smartphones - sichtbar zu machen, weil die Apples und Sonys dieser Welt es gar nicht deutlich sagen wollen, was da drin ist. Obwohl es kein anderes Produkt gibt, in dem so viel Chemie steckt! Von den Flüssigkristallen in den Displays über das Gorillaglas der Touchscreens bis zu den Lithium-Ionen-Akkus und alle anderen Hightech-Materialien für die Elektronik und die Gehäuse finden Sie in der aktuellen Handy-Generation fast das gesamte Periodensystem der Elemente, aber das wissen die wenigsten der Milliarden Nutzer.

Diese Unsichtbarkeit der Chemie ist, glaube ich, der Hauptpunkt, wo wir ansetzen und gegensteuern müssen. Das erkennen auch unsere Kollegen in den USA oder England. So hat die American Chemical Society die Initiative „Chemistry Central Science“ gestartet, mit der deutlich gemacht werden soll, dass die Chemie die zentrale Wissenschaft ist. Ich gehe sogar noch weiter und sage, dass die Chemie an der Schnittstelle zur Biologie, zur Physik, zu den Geowissenschaften, zu den Gebieten Gesundheit und Ernährung, Information und Kommunikation und anderen Themen wie Klimawandel, Energieerzeugung und Ressourcennutzung die entscheidende Wissenschaft ist.

Bei den „Zukunftsthemen“ Energie, Rohstoffe und Klimawandel wollen Sie die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Hochschulen verbessern. Ist Deutschland nicht Vorreiter bei der Vernetzung von akademischer und industrieller Forschung?

Dr. T. Geelhaar: Industrie und Hochschule kooperieren natürlich in Deutschland, das ist keine Frage. Es gibt sehr gute Beispiele für diese Zusammenarbeit. Wir haben auf der einen Seite viele punktuelle Kooperationsprojekte und auf der anderen Seite die Spitzencluster. Aber mein Hauptkritikpunkt betrifft nicht die gemeinsame Forschung, sondern den Transfer aus der Forschung in den Markt, speziell in der Chemie. Vergleichen Sie einmal die Zahl der Ausgründungen mit der anderer Länder. Sie finden zum Beispiel in Israel, England oder den USA eine ganz andere Start-up-Kultur als in Deutschland. Da haben wir einen Nachholbedarf! Sicher, in Berlin, Heidelberg oder München haben wir starke Ausgründungen, aber gemessen an den Möglichkeiten, die wir in Deutschland hätten, ist das Niveau zu niedrig.

Inhaltlich sehe ich das speziell beim Thema Energie, bei dem wir noch nicht das Level erreicht haben, das der Bedeutung der Chemie angemessen wäre. Nehmen Sie das Thema Batterien: Wir sind Weltmeister in der Forschung, aber bei der Umsetzung in Geschäft hinken wir anderen Ländern hinterher. Diese Situation, die wir jetzt bei der Batterietechnologie für die Elektromobilität haben, gab es bereits bei den Themen Elektronik, Displays und Fotovoltaik, bei denen die Produkte trotz hervorragender Forschungsleistungen heute nicht in Deutschland gefertigt werden. Das zeigt, dass wir in Deutschland offensichtlich nicht willens sind, neue Themen in der Wertschöpfungskette so zu besetzen wie es erforderlich wäre, trotz beispielsweise der großen Anstrengungen in der nationalen Plattform Elektromobilität.

Vor dem Beginn des Schiefergas-Booms in den USA und der Zeit billigen Öls wurde der Wandel der chemischen Rohstoffbasis diskutiert. Liegt das Thema nun erst einmal auf Eis?

Dr. T. Geelhaar: Ungeachtet der derzeit ausreichend und günstig verfügbaren fossilen Rohstoffe müssen wir die Forschung bei solchen Themen wie erneuerbare Energien und natürliche Rohstoffe weiterbetreiben, auch in Hinblick auf die Verlangsamung des Klimawandels. Fossile Brennstoffe dürfen wir nicht weiter in die Atmosphäre bringen, sondern müssen Alternativen suchen und CO2 als Rohstoff betrachten und auch nutzen. Daran wird auch und gerade in Deutschland geforscht. Das Thema CO2 nehmen wir noch nicht ernst genug! Der Begriff der Dekarbonisierung wurde ja von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Klimagipfel auf Schloss Elmau noch einmal genannt. Als Chemiker sind wir mit dem Begriff nicht so glücklich. Robert Schlögl fordert uns deshalb auf, in Zukunft von Defossilierung zu sprechen.

Sie sprachen anfangs davon, durch einen verstärkten und offenen Dialog die Akzeptanz für neue Technologien in unserer Gesellschaft zu erhöhen. Sehen Sie eine Skepsis gegenüber neuen Technologien?

Dr. T. Geelhaar: Eine angebliche Skepsis oder gar Technikfeindlichkeit der Bevölkerung wird bei gewissen Themen ins Spiel gebracht, nur in vielen Fällen entspricht das nicht der Realität. Zwei Beispiele zeigen ein anderes Bild. Unter dem Namen NanoView hat das Bundesinstitut für Risikobewertung 2013 ein Forschungsprojekt zur Wahrnehmung der Nanotechnologie in der deutschen Bevölkerung und den deutschen Medien abgeschlossen, welches belegt, dass die Bevölkerung mehrheitlich die Chancen der Nanotechnologie sieht und kaum irgendwelche Risiken kennt.

Und die britische Royal Society of Chemistry hat kürzlich eine Studie zum Thema “Public Attitudes to Chemistry, Chemists and Chemicals” publiziert, deren wesentliche Botschaft ist, dass die Mehrheit der Briten – und ich glaube, dass das Ergebnis in Deutschland nicht anders ausfallen würde - der Chemie positiv gegenüber steht. Auch hierzulande sieht die Mehrheit der Bürger die Vorteile der Chemie und erkennt ihre Beiträge zu Themen wie Gesundheit, Ernährung, technologischem Fortschritt usw. an. Davon bin ich überzeugt.

Wir können doch auch nicht von einer Technikfeindlichkeit in der Gesellschaft sprechen, wenn wir uns alle sechs Monate bei renommierten Anbietern von Smartphones und Tablet-PCs in die Schlange stellen, um am Tag des Launchs das neueste Produkt zu kaufen. Das ist eher Technikbegeisterung!

Der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat einmal bei einem Symposium gesagt: „Die Gesellschaft war nie offener gegenüber neuen Technologien. Nutzt es doch! Was ihr machen müsst ist, das in der richtigen Sprache rüberbringen!“ Wer weiß denn, was für eine Technik im neuesten lüfterlosen Laptop drin ist, der erst durch die Einführung der 14-Nanometertechnologie bei Chips ermöglicht wird? Oder welche neuen Flüssigkristall-Modes in den neuesten Displays eingesetzt werden, damit der Energieverbrauch um 25 % sinkt? Das wissen selbst wir in der Chemie oft nicht. Es ist also ein Informationsproblem. Und es ist ein Problem, dass wir dieses Vorurteil, die Gesellschaft sei negativ eingestellt, weiterhin befeuern. Kompetente Studien bestätigen das nicht.

Das Motto des GDCh-Wissenschaftsforums Chemie 2015, das Ende August in Dresden stattfinden wird, lautet „Chemie verbindet“. Was assoziieren Sie damit?

Dr. T. Geelhaar: Damit assoziiere ich drei Aspekte. Die Chemie ist ja per se die Wissenschaft, die neue Moleküle herstellt. Chemie verbindet also bestehende Ausgangsprodukte zu neuen Produkten, die bei verschiedensten Anwendungen Fortschritte ermöglichen. Mit dem Verbinden assoziiere ich das Trennen. Denn die Ausgangsstoffe für neue Verbindungen müssen zuvor aus Rohstoffen abgetrennt werden. Und der dritte Aspekt, den ich nennen möchte, ist das, was ich schon zum Thema Chemistry Central Science gesagt habe: Chemie ist die verbindende Wissenschaft, die als einzige in der Lage ist, die großen Herausforderungen der Gesellschaft zu lösen, wenn sie noch enger den Schulterschluss mit Biologie und Physik - und hier insbesondere mit den Ingenieurwissenschaften, also dem Engineering – macht. Die Verbindung von Chemie und Engineering wird immer wichtiger - ganz gleich ob in der Medizin oder der Materialwissenschaft. Kleinste Mengen an Substanzen oder winzigste Strukturen, die letztendlich in Hightech-Engineering-Devices in die Anwendung gehen, erfordern in Zukunft, dass die Entwicklung extrem interdisziplinär vonstatten gehen muss. Und das ist übrigens auch das, was Prof. George Whitesides in seinem Essay „Reinventing Chemistry“ massiv fordert.

In dem erwähnten Essay, das im Original in der „Angewandten Chemie – International Edition“ und auszugsweise in CHEManager International erschienen ist, fordert Prof. Whitesides, die Chemie neu zu definieren. Teilen Sie diese Meinung?

Dr. T. Geelhaar: Ich teile die Meinung von Prof. Whitesides ausdrücklich! Ich habe mit ihm auch oft über diese Thematik diskutiert und sehe genau wie er die Problematik, dass wir in der Forschung das Problemlösen wieder besser umsetzen müssen. Er hat es in seinem bei Stokes angelehnten Vier-Quadranten-Modell formuliert. Whitesides sagt, dass wir in der akademischen Forschung - neben der Grundlagenforschung zur Vermehrung des Wissens - schwerpunktmäßig inkrementelle Verbesserungen schaffen. Die Industrie fokussiert sich sehr stark auf schnelle Erfolge und bringt deswegen auch nicht ständig Durchbruchinnovationen, wie es z.B. die Flüssigkristalle waren, hervor. Dieser Fokus auf einfache Problemlösungen wird im sogenannten Edison-Quadranten charakterisiert, wohingegen im Pasteur-Quadranten durch die enge Zusammenarbeit von Grundlagenforschung und angewandter, industrieller Forschung bahnbrechende, gesellschaftlich relevante Problemlösungen entwickelt werden. Und die Schlüsselbotschaft ist, dass das wieder passieren muss. Und das ist nur durch ein Zusammenrücken der Chemie, der Ingenieurwissenschaften und der entsprechenden Anwendung möglich.

Ich fand es sehr interessant, im Zusammenhang mit Innovationen einen Blick auf die Zahlen zu werfen. Wie viele neue Chemikalien haben wir denn in den letzten 20 Jahren synthetisiert? Vor 20 Jahren hatten wir 15 Millionen CAS-registrierte Verbindungen, heute haben wir 160 Millionen! Das heißt, wir haben 145 Millionen neue Materialien dazu gewonnen, eine Steigerung um den Faktor 10! Aber welche dieser neuen Verbindungen und Verbindungsklassen sind denn so wichtig, dass sie die großen Herausforderungen und Probleme lösen würden? Trotz dieses enormen Zugewinns an Materialien müssen wir beispielsweise beim Thema Energieforschung noch geeignete Katalysatoren für die künstliche Fotosynthese entwickeln, weil wir viele Grundlagen noch nicht richtig verstanden haben. Der Punkt ist, dass wir uns auf diese wichtige Thematik fokussieren sollten, in enger Verzahnung von wissenschaftlicher und anwendungsorientierter Forschung Problemlösungen für die künftigen großen Herausforderungen auf den Gebieten Energie, Ressourcen und Klima sowie Gesundheit und Ernährung zu erschaffen.

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