Forschung & Innovation

Pharma und der Ukraine-Krieg

Klinische Studien im Kriegsgebiet sind gestoppt, Lieferketten gestört, die Versorgung mit Medikamenten ist schwierig

18.03.2022 - Der Überfall Russlands auf die Ukraine stellt auch westliche Pharmaunternehmen vor große Herausforderungen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Produkten sind Arzneimittel von den westlichen Sanktionen gegen Russland ausgenommen. Dennoch zwingt der Krieg in der Ukraine auch die Pharmaunternehmen zum Handeln. Neben der Sorge um Mitarbeiter vor Ort beeinträchtigt der Konflikt vor allem klinische Studien. Auch der Bezug von Wirkstoffen und der Vertrieb in der Kriegsregion sind erschwert. Wirtschaftlich sind die Folgen für die meisten Firmen hingegen bislang verschmerzbar. Allerdings ist zu erwarten, dass die negativen Effekte mit zunehmender Dauer des Krieges steigen. CHEManager-Autor Thorsten Schüller hat sich bei den Unternehmen umgehört.

Es ist Dezember 2019, als der hessische Generikahersteller Stada mitteilt, durch die Übernahme der Pharmasparte des Unternehmens Biopharma zu einem „wichtigen Player im ukrainischen Pharmamarkt“ zu werden“. Die Firma beschäftigt mehr als 300 Mitarbeiter und hat eine Produktionsstätte in der Stadt Bila Tserkwa im Großraum von Kiew. Die Akquisition, so Stada damals, sei eine der bisher größten Finanzinvestitionen im ukrainischen Pharmasektor und zugleich eine der größten Auslandsinvestitionen in der Ukraine in jüngster Zeit. „Wir sehen großes Potenzial für den ukrainischen Markt“, stellte Stada-Chef Peter Goldschmidt fest.

Der gewaltsame Überfall Russlands auf die Ukraine hat diese Hoffnungen zumindest vorerst zunichte gemacht. Die dortigen Aktivitäten, sowohl Vertrieb als auch Produktion, wurden eingestellt. Man habe Angst um seine rund 440 Mitarbeiter in der Ukraine, teilte das Unternehmen in den ersten Kriegstagen mit. Man tue alles, was möglich sei, um seine Teams in der Region zu unterstützen und zu schützen.

Darüber hinaus verfügt das Unternehmen auch in Russland über eine 100%ige Tochter mit rund 2.100 Beschäftigten, Vertrieb und zwei Produktionsstätten. Die Produktion, so ein Sprecher laufe dort derzeit weiter.

Zahlreiche Aktivitäten in der Ukraine und in Russland

Stada ist vor allem mit seinem Ukraine-Engagement besonders von dem Krieg Russlands gegen seinen südwestlichen Nachbarstaat betroffen, aber bei Weitem nicht alleine in seiner Branche. Zahlreiche Pharmaunternehmen haben Aktivitäten in der Ukraine, aber auch im Land des Aggressors, Russland. Zwar spielen beide Regionen wirtschaftlich betrachtet für die Unternehmen meist eine untergeordnete Rolle; zudem sind Arzneimittel und medizinische Geräte von den Sanktionen der westlichen Staaten gegen Russland ausgenommen, um das Leben von Patienten nicht zu gefährden. Dennoch müssen die westlichen Gesundheitsunternehmen Aktivitäten auf Eis legen, reduzieren oder können sie nur unter erschwerten Bedingungen fortführen.

Das gilt für den Schweizer Pharmakonzern Novartis mit seinen rund 2.000 Mitarbeiter in Russland und einer Medikamentenproduktion in St. Petersburg ebenso wie für den US-Konzern Abbvie, der seit 2013 eine Niederlassung in der Ukraine besitzt, als auch für den Branchenriesen Pfizer, der in der Ukraine etwa 100 Menschen beschäftigt. Auch der US-Konzern Merck, der britische Pharmariese GlaxoSmithKline (GSK), Frankreichs Sanofi sowie Takeda und Astellas aus Japan sind in Russland beziehungsweise der Ukraine aktiv. Angesichts der zunehmenden Drohkulisse Moskaus in den vergangenen Monaten haben viele dieser Unternehmen frühzeitig Notfallpläne geschmiedet. So erklärte etwa Novartis, man habe Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter ergriffen und „Business-Continuity-Pläne“ aufgestellt. „Robuste Pläne“ gibt es auch bei Roche, sagte ein Sprecher des Pharmakonzerns.

Auf Anfrage von CHEManager teilte das Darmstädter Pharmaunternehmen Merck mit, dass das eigene Geschäft in Russland vergleichsweise klein sei, noch kleiner das in der Ukraine. In Russland beschäftigt Merck mehr als 400 Mitarbeiter, es gibt dort keine Produktion oder Forschung- und Entwicklung. Der Vertrieb der Merck-Produkte in der Ukraine erfolgt nach den Worten eines Sprechers in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Um die Versorgung der Patienten mit Medikamenten sicherzustellen, habe das Unternehmen unter anderem die lokalen Vorräte aufgestockt. Im Übrigen würden die Patienten in der Region weiter mit dringend benötigten Medikamenten versorgt. Ebenso würden die direkten Kunden in den Bereichen Pharma, Biotechnologie und klinische Diagnostik weiter beliefert, um die Herstellung medizinischer Produkte zu ermöglichen.

Der Wettbewerber Boehringer Ingelheim hat seine Aktivitäten in Russland und der Ukraine nach eigenen Angaben im Jahr 1992 aufgenommen und zählt heute fast 800 Mitarbeiter in beiden Ländern, davon über 680 in Russland und 95 in der Ukraine. Eigene Produktionsstätten betreiben die Ingelheimer dort nicht.

GSK mit seinen 400 ukrainischen Mitarbeitern hat die Büros vor Ort geschlossen und operative Aktivitäten eingestellt. Die Lieferung wichtiger Produkte nach Russland werde aber soweit möglich fortgesetzt, um den Menschen weiter den Zugang zu wichtigen Therapien zu ermöglichen.

Sanofi hat in der Ukraine eine kommerzielle Präsenz und einen Vertriebsstandort. In Russland betreibt das französische Pharmaunternehmen eine Produktion überwiegend für den dortigen Markt sowie eine kommerzielle Präsenz.

Auch kleinere deutsche Pharma-Unternehmen sind in der Ukraine engagiert. So äußerte sich etwa der Geschäftsführer des mittelständischen Pharmaunternehmens Krewel Meuselbach mit Sitz im nordrhein-westfälischen Eitorf gegenüber der „Rhein-Sieg Rundschau“. An Arbeiten sei in der Niederlassung in Lwiw aktuell nicht zu denken, sagte demnach Geschäftsführer Thomas Quadt.

Nach Angaben der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade & Invest (GTAI) haben im Jahr 2020 die indische Spectrum Pharmatech Consultants und das ukrainisch-indonesische Joint-Venture Pravitna Genius Sel Pläne zum Bau von Werken angekündigt. Zudem verfüge Spectrum Pharmatech Consultants bereits über ein Werk in der Ukraine, den Hersteller Kusum Pharm in Sumy. Eine größere Übernahme auf dem ukrainischen Pharmamarkt fand außerdem 2015 statt. Damals übernahm die Schweizer Firma Acino das ukrainische Unternehmen Pharma Start.

Herausforderungen nehmen zu

Mit zunehmender Kriegsdauer nehmen auch die Herausforderungen in Logistik und Betrieb zu. „Wir wissen, dass der Luft- und Seeweg im Moment nur sehr begrenzte Transportmöglichkeiten bietet“, sagte Jospeh Wolk, Finanzchef  von Johnson & Johnson, nach einem Bericht des Wirtschaftsmagazins Barrons.

Angela Hwang, Präsidentin von Pfizers Biopharma-Sparte, erläuterte ihrerseits auf einer Investorenkonferenz, dass ihr Unternehmen bereits im Vorfeld des Konflikts einen Überschuss an Produkten nach Russland und in die Ukraine geschickt habe, um Probleme in der Lieferkette zu vermeiden. Pfizer tue nun das Gleiche in den Nachbarländern, um für eine Ausweitung des Konflikts vorbereitet zu sein.

Begrenzter Effekt auf den Umsatz

Wirtschaftlich sind die Ausfälle, die den Unternehmen durch den Krieg entstehen, für die meisten jedoch offenbar verschmerzbar. So entfallen beim US-Unternehmen Johnson & Johnson auf die Ukraine und Russland zusammen lediglich rund 1 % des Umsatzes. Beim irischen Medizintechnikunternehmen Medtronic summieren sich die Einnahmen aus beiden Staaten auf weniger als 1 % des Umsatzes, beim US-Pharmakonzern Merck & Co. sind es ebenfalls etwa 1 %. Pfizer-Chef Albert Bourla sagte, dass das Engagement des Unternehmens in Russland begrenzt sei und die finanziellen Auswirkungen des Kriegs auf das Ergebnis von Pfizer „sehr minimal“ sein werden.

Auch bei Boehringer Ingelheim sind die Umsätze aus Russland und der Ukraine im Verhältnis zum Gesamtkonzern zu vernachlässigen. So erwirtschaftete das Unternehmen im Jahr 2020 in der Ukraine rund 26 Mio. EUR, in Russland etwa 260 Mio. EUR. Bei Sanofi steht Russland mit 575 Mio. EUR für zirka 1,5 % des globalen Gesamtumsatzes in Höhe 37,7 Mrd. EUR.

Anders bei Stada: Das Bad Vilbeler Unternehmen beziffert sein Russlandgeschäft auf immerhin 14 % des Gesamtumsatzes, das Geschäft in der Ukraine mache rund 1 % aus. Ein Sprecher weist jedoch darauf hin, dass es das Erfolgsrezept des Konzerns ist und war, nie von einer Region, einem Land oder einem Blockbuster-Produkt abhängig zu sein. „Daher ist zu erwarten, dass wir die aktuellen wirtschaftlichen Probleme in Russland überstehen werden“.

Klinische Studien liegen auf Eis

Gravierender als die wirtschaftlichen Folgen wirkt sich der Krieg offensichtlich auf klinische Studien aus, die viele Pharmaunternehmen in den beiden Staaten durchführen. „Die Realität ist, dass diese Länder über große wissenschaftliche Fähigkeiten verfügen und ein Zentrum für Merck und andere Unternehmen darstellen“, stellte Caroline Litchfield, Finanzchefin des US-Pharmakonzerns Merck, fest. Angesichts des Krieges habe Merck die Aufnahme neuer Patienten in klinische Studien in Russland und der Ukraine pausiert. Auch Boehringer Ingelheim hat „fast alle klinische Studien in der Ukraine und in Russland vorübergehend ausgesetzt.“ Allerdings, so eine Sprecherin, werde das Unternehmen seine grundsätzliche Tätigkeit in Russland nicht einstellen, „da die Gesundheit und das Leben der Patienten von unseren Arzneimitteln abhängen, wo auch immer sie sich befinden mögen.“

Ähnlich bei Pfizer: Nach den Worten von Biopharma-Chefin Hwang hat der Konzern etwas mehr als 100 Studien in Osteuropa insgesamt und 27 in der Ukraine laufen. „Wir haben beschlossen, aus Gründen der Sicherheit und der Besorgnis aller Beteiligten eine Pause einzulegen“, so die Managerin.

Michael Severino, stellvertretender Vorsitzender und Präsident von Abbvie, erwartet in der derzeitigen Konfliktsituation bei den klinischen Studien seines Unternehmens „eine gewisse Störung in diesen Ländern“. Allerdings verfüge Abbvie „über ein breit gefächertes Netzwerk für klinische Studien mit globaler Reichweite.“

Bei Eli Lilly kommen knapp 5 % der Patienten, die in weltweite Phase-3-Studien aufgenommen werden, aus Russland oder der Ukraine. Finanzchef Anat Ashkenazi gibt zu verstehen, dass sein Unternehmen alles tue, „um eine Unterbrechung zu vermeiden“.

Das dänische Unternehmen Lundbeck räumt zwar Auswirkungen des Krieges auf laufende klinische Studien in Russland und der Ukraine ein, die waren aber zu Beginn des Krieges noch „überschaubar“. Mit den Attacken der Russen auf die Ukraine gebe es allerdings mittlerweile größere logistische Herausforderungen, Medikamente ins Land zu bringen, die für laufenden klinische Studien benötigt werden.

Auch Amgen führt in der Ukraine „in begrenztem Umfang“ klinische Studien durch, bei den Tests in Russland sei es „zu einigen Unterbrechungen“ gekommen. Die Rekrutierung neuer Patienten sei dort unterbrochen worden. Ähnlicher Tenor bei AstraZeneca und Astellas: die Rekrutierung neuer Patienten für einige Studien in der Ukraine und Russland wurde ausgesetzt beziehungsweise laufende Studien pausieren.

Auch die Biotechfirma Morphosys aus Planegg bei München führt in der Ukraine wie auch in Russland klinische Studien durch. Ein Sprecher erklärte auf Anfrage, man arbeite eng mit Organisationen vor Ort zusammen, um die Medikamenten-Versorgung und Weiterführung der laufenden Studien zu gewährleisten.

Einfluss auf Arzneimittelversorgung in Deutschland

Im Zusammenhang mit dem Krieg stellt man sich beim Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) die Frage, welche Auswirkungen dieser auf die Arzneimittelversorgung in Deutschland haben könnte. Zwar wird damit gerechnet, dass die meisten Mitgliedsunternehmen, die Geschäftsbeziehungen in die Ukraine und Russland unterhalten, kurzfristig keine negativen Auswirkungen auf die Versorgung in Deutschland erwarten. Allerdings könnten gesperrte Transportwege für Deutschland zum Problem werden. Außerdem würden für den Import von getrocknetem Pflanzenmaterial als Rohstoff für pflanzliche Arzneimittel sowohl aus Russland als auch aus der Ukraine Störungen in der Lieferkette befürchtet, sollte der Konflikt länger andauern.

Zudem befürchten die Unternehmen laut BAH mittelbare Auswirkungen wie Einschränkungen der Produktion aufgrund der Abhängigkeit von Gas für die Energieversorgung, finanzielle Auswirkungen auf den Zahlungsverkehr mit russischen Unternehmen sowie Logistikprobleme wegen gesperrter Transportwege. Wirtschaftlich dürften sich die Auswirkungen an den Energiemärkten und damit die zu erwartenden Preissteigerungen auch für Rohstoffe, Zwischenprodukte und Logistik bemerkbar machen – nicht zu vergessen sei die Abwertung des Rubels.

Kein genereller Rückzug

Ungeachtet aller Herausforderungen aufgrund des Krieges zeigen bislang offenbar keine oder nur wenige Pharmaunternehmen Tendenzen, sich aus Russland zurückzuziehen. „Wenn unsere Produkte nicht zu den bedürftigen Patienten gelangen, werden Menschen sterben oder schwerwiegende Folgen erleiden", fasst Joseph Wolk, Finanzchef von Johnson & Johnson, die Situation zusammen. 

Thorsten Schüller, CHEManager

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