Vertreibt die Energiewende die Chemie aus Deutschland?

Negative Nebeneffekte der Energiewende gefährden die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland

Presseartikel und Veröffentlichungen von Verbänden, Instituten und Unternehmen vermitteln derzeit den Eindruck, dass die hohen Strompreise in Deutschland zu einer De-Industrialisierung führen könnten. Als Triebkraft der Strompreissteigerungen werden häufig die Energiewende und die damit verbundene Gesetzgebung betrachtet, insbesondere das im Jahr 2000 eingeführte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Im Hinblick auf die Ziele, die die Politik mit der Energiewende erreichen wollte, ergibt sich ein zumindest ambivalentes Bild.

So ist der Stromverbrauch in Deutschland seit der Einführung des EEG nicht - wie politisch gewollt - gesunken, sondern seit dem Jahr 2000 um 5% gestiegen. Letztlich ist der wachsende Stromverbrauch in Deutschland auch Ausdruck des Wohlstands, der hohen Lebenserwartung sowie der Steigerung des Bruttoinlandprodukts der Volkswirtschaft. Und der Industrie kommt mit einem Anteil von 23% an der wirtschaftlichen Gesamtleistung und von 46% am Endenergieverbrauch die Funktion als Herz und Motor dieses Wohlstands zu. Das politische Ziel der Energieeinsparung greift deshalb zu kurz. Erst die Kombination von Einsparzielen und nachhaltigem Wirtschaftswachstum und das Erreichen einer Entkoppelung von Stromverbrauch und Wirtschaftswachstum machen Sinn.

Sicherheit der Energieversorgung hat nachgelassen

Das gleichfalls politisch gewollte Ziel der Sicherheit der Energieversorgung in Deutschland hat seit der Energiewende empfindliche Kratzer bekommen. Noch ist die Energieversorgung in Deutschland sehr stabil. Stromausfälle sind in Frankreich viermal, in Spanien siebenmal und in Kalifornien etwa siebzigmal häufiger als in Deutschland. Jedoch nimmt die Zuverlässigkeit der Stromversorgung rapide ab. 2003 gab es drei Netzeingriffe, 2012 bereits mehr als 1.200. Am 24. März 2013 kam es sogar beinahe zu einem Blackout.

Speicherungs- und Verstetigungsmöglichkeiten, auch auf der industriellen Nachfrageseite, werden derzeit intensiv beforscht und erprobt, sind aber im notwendigen Umfang technisch und kommerziell noch nicht einsatzfähig. Zudem entspricht die Ausbaugeschwindigkeit von Stromnetzen und -speichern nicht dem vergleichsweise schnellen Kapazitätszubau von Solarstrom- und Windenergieanlagen und dem Abbau der Kernkraftwerke.

Als Alternative gelten vor allem große, effiziente Gaskraftwerke.

Auch wenn Erdgas allgemein als der ökologisch verträglichste fossile Brennstoff betrachtet wird, rechnen sich die notwendigen Investitionen im derzeitigen Umfeld nicht. Stattdessen werden die Versorgungslücken mit unwirtschaftlichen und CO2-emmissionsintensiven Stromerzeugungsanlagen überbrückt. Steigende Emissionen laufen den Zielen der Energiewende zuwider.
Die nachlassende Energieversorgungssicherheit stellt vor allem für die energieintensive Chemieindustrie eine Herausforderung dar.

Kosten der Energieversorgung seit EEG-Einführung mehr als verdoppelt

Die Planungen und Prognosen aus dem Jahr 2000 sahen vor, die Förderung für Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2013 auf ein Volumen von jährlich 5,6 Mrd. € steigen zu lassen. Bis 2020 sollten sie auf 2,4 Mrd. € zurückgehen und in den Folgejahren schließlich ganz entfallen. In den Planungen ging man davon aus, dass die Primärenergiepreise steigen würden. Das hat sich als dramatisch falsch erwiesen. Nicht zuletzt durch das Erschließen unkonventioneller Gasvorkommen („Fracking") sind die weltweiten Energiekosten im freien Fall, nur in Deutschland nicht. Tatsächlich liegen die Förderungen viermal höher als im Jahr 2000 geplant und prognostiziert.

Die zusätzlichen Kosten werden an die Stromkunden weitergegeben. In Summe haben sich die Strompreise seit Einführung des EEG im Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die staatlichen Abgaben machen dabei mittlerweile mehr als die Hälfte des Strompreises aus. Dies gilt auch für die Industriestrompreise. Dort stiegen die Erzeugungs-, Transport- und Vertriebskosten in geringerem Maße an und gehen seit 2008 sogar jährlich um mehr als 6% zurück. Dies wird aber für die meisten Industriekunden durch die staatlichen Abgaben mehr als überkompensiert.

Wie ist die Chemische Industrie in Deutschland von der Energiewende betroffen?

Bei einem genaueren Blick auf die Entwicklung der Strompreise für einzelne deutsche Chemieunternehmen seit dem Jahr 2000 ergibt sich ein differenziertes Bild. Die Mehrheit der über 2.000 Chemiefirmen in Deutschland musste, wie die Verbraucher, Strompreiserhöhungen von 40-50% hinnehmen; und eine Besserung ist nicht abzusehen.

Es gibt aber viele Chemieunternehmen, die eigene Kraftwerke besitzen und daher von der Diskussion um EEG-Umlage und hohe Strompreise nicht direkt betroffen sind. Darüber hinaus werden etwa 52 Mrd. kWh/a an Strom extern zugekauft, was etwa einem Viertel des Gesamtenergieverbrauchs der Chemieindustrie in Deutschland entspricht, aber mit rund 3,6 Mrd. € mehr als 70% der Energiekosten der Chemiebranche ausmacht und von daher große Bedeutung für die internationale Kostenwettbewerbsfähigkeit besitzt.

Die reinen Stromerzeugungskosten sind mit etwa 4,5 Ct/kWh für die Chemische Industrie günstiger als in der Vergangenheit. Die erhöhte Wettbewerbsintensität unter den deutschen Stromerzeugern hat zu geringeren Strom-Großhandelspreisen geführt. Zwar ist die Abgabenlast mit 2,5 Ct/kWh deutlich höher als im Jahr 2000, aber die Entlastung auf der Großhandelspreisseite ist höher als die Mehrbelastung. Allerdings gilt dieses noch günstige Bild nur für etwa 180 besonders energieintensive Chemiefirmen, die über Ausnahmeregelungen entlastet werden. Neben der größten Entlastung durch das EEG sorgen Eigenstromprivilegien, Befreiungen von der Konzessionsabgabenverordnung, Begünstigungen von Großverbrauchern bei der Stromnetzentgeltverordnung und Kraftwärmekopplungsumlage, Überschüsse an Emissionszertifikaten und diverse Energie- und Stromsteuervergünstigungen dafür, dass die Ausnahmeregelungen sehr komplex, administrativ aufwändig, wettbewerbsverzerrend und darüber hinaus häufig diametral im Widerspruch zu den ursprünglichen politischen Zielen stehen.

Ohne diese Entlastungen wären die Stromkosten dieser energieintensiven Chemiebetriebe schon heute um mehr als 3 Mrd. € oder 6 Ct/kWh teurer und damit nicht wettbewerbsfähig. Ohne diese Entlastung wäre z.B. Chlor um 20% und der Kunststoff PVC „Made in Germany" um 25% teurer als heute. Schon jetzt ist die Unsicherheit deutlich sichtbar. Investitionen gehen zunehmend in die schiefergasbasierte US-Wirtschaft oder in die asiatischen Wachstumsmärkte, vor allem nach China. Betroffen sind die Wurzeln der Chemieindustrie in Deutschland, vor allem der Chlorverbund und die Raffinerie-Cracker-Kunststoffindustrien, die eine Voraussetzung für die wertschöpfende Weiterverarbeitung vor Ort sind. Die Bedrohung ist sehr real. Schon heute beziehen Firmen Ethan und leichte Naphthacracker-Rohstoffe aus den USA statt aus der benachbarten Raffinerie und einige Firmen fangen an, Ethylendichlorid (EDC) zur PVC-Herstellung zu importieren statt es in Deutschland herzustellen. Der Import dieser energieintensiven Rohstoffe ist nur der Vorbote eines kompletten Zerfalls des europäischen Petrochemie-Verbundes.

Die Investitionsquote der chemischen Industrie in Deutschland liegt bei unter 85%, deutlich unter den Abschreibungen. Das bedeutet, dass die deutschen Standorte sukzessive ausgedünnt werden und Investitionsentscheidungen außerhalb Deutschlands und Europas stattfinden. Bei gleichbleibenden Voraussetzungen dürfte die Investitionsquote bis 2020 auf 65% und bis 2050 auf 20% sinken. Damit würde sich die Zahl der Chemiestandorte in Deutschland bis 2050 auf weniger als die Hälfte reduzieren.

Zwar profitiert die deutsche Chemische Industrie nicht unerheblich von der Energiewende, denn sie macht Photovoltaik, Windkraftanlagen sowie Netzwerk- und Speichertechnik häufig erst möglich. Und tatsächlich lässt sich in Deutschland die Entstehung eines Energie-Kompetenzclusters beobachten. Aber der Zugewinn an Beschäftigung und Wohlstand durch die alternativen Energietechnologien in Deutschland wird nicht ausreichen, um die Reduktion energieintensiver Aktivitäten und vor allem der Folgestufen der Chemieindustrie in Deutschland im Falle nicht wettbewerbsfähiger Strom- und Energiekosten zu kompensieren.

Fazit

Eine De-Industrialisierung der deutschen Chemieindustrie würde sich nicht durch plötzliche Insolvenzen oder flächendeckende Standortschließungen, sondern durch einen sukzessiven Abbau der Aktivitäten vollziehen. International nicht wettbewerbsfähige Strom- und Energiekosten würden diesen Prozess deutlich beschleunigen. Die Energiewende und insbesondere das EEG haben ungewollte, negative Nebeneffekte mit sich gebracht, die zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland dringend korrigiert werden müssen.

Ein wichtiger Schritt zu einer höheren Effizienz der Energiewende wurde mit dem 2005 eingeführten Zertifikate-Handel ETS etabliert; ein effektives und effizientes Marktsystem, in dem die Marktteilnehmer selbst die Kosten optimieren. Demgegenüber hat das EEG in vielen Fällen zu einer Subventionsabschöpfungsstrategie geführt, bei der die politischen Ziele bewusst missachtet wurden, um die maximale Subventionsunterstützung zu erhalten.

Es ist fraglich, ob das klassische Modell der Energiewirtschaft die Herausforderungen meistern kann. Ein europäischer Kapazitätsmarkt für Stromerzeugungsanlagen könnte das Problem der Rentabilität konventioneller Erzeugungsanlagen zumindest wirtschaftlich entschärfen, und damit zu einer ökologischeren, wirtschaftlich sinnvolleren und gesellschaftlich akzeptierten Herstellung der dringend benötigten Grundlast beitragen. Ein überarbeitetes EEG, das sich an einem solchen Kapazitätsmarkt orientiert und die Nutzung und den Technologiewettbewerb zwischen Erzeugung und Speicherung betont, sowie auf Chancengleichheit, Wettbewerbsfähigkeit, Kosten, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit setzt, könnte wieder ein stabiles Gleichgewicht bringen und wichtige ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Impulse setzen.

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