Strategie & Management

Strategisches Technologiemanagement

Bewertung und Auswahl von Technologien und Start-ups für eine nachhaltigere Chemieindustrie

14.10.2020 - Das Ziel des strategischen Technologiemanagements besteht darin, mit den sich abzeichnenden technologischen Veränderungen Schritt zu halten und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Industrie stellt etablierte Unternehmen vor große Herausforderungen. Investitionen in nachhaltige Technologien und Start-ups bieten hierbei Möglichkeiten, um proaktiv auf diesen Wandel zu reagieren. Derartige neu aufkommende Technologien gehen allerdings mit Unsicherheiten einher, da sie im Wettbewerb zu den herkömmlichen, etablierten Technologien stehen und häufig außerhalb des Kompetenzportfolios liegen. Meist sind Start-ups die Treiber nachhaltiger Technologien, da sie weitaus agiler auf den Wandel reagieren können. Durch gezielte und systematische Investitionen in nachhaltige Technologien und Start-ups, können etablierte Unternehmen die großen Herausforderungen in Chancen umwandeln und somit vom Wandel profitieren.

Nachhaltigkeit und ein Wandel hin zu einer nachhaltigeren Industrie ist nicht nur zu einem Mantra für das 21. Jahrhundert geworden, sondern treibt auch zunehmend das strategische Technologiemanagement auf Unternehmensebene voran. Eta­blierten Unternehmen fehlt jedoch häufig noch eine klare Strategie, insbesondere wenn es um strategisches Technologiemanagement im Bereich Nachhaltigkeit geht.

Strategisches Technologiemanagement
Das Ziel des strategischen Technologiemanagements besteht darin, mit den sich abzeichnenden technologischen Veränderungen Schritt zu halten und wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei umfasst strategisches Technologiemanagement sowohl die Betrachtung von internen Ressourcen und Fähigkeiten als auch von externen Akteuren wie Wettbewerbern oder Start-ups. Entscheidend ist dabei die Wechselwirkung von Technologie und Strategie. Die Unternehmensstrategie beeinflusst, welche Technologien in Zukunft genutzt und verfügbar sein werden. Gleichzeitig können dynamische Veränderungen der Technologien, die strategischen Entscheidungen von Managern leiten.

„Die Unternehmensstrategie beeinflusst,
welche Technologien in Zukunft genutzt
und verfügbar sein werden.“


Möchte ein Unternehmen seine Strategie nachhaltiger ausrichten, müssen also sowohl die Strategie als auch die Technologien auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Häufig fehlen jedoch noch klare Strategien und Kompetenzen, um sich als Unternehmen erfolgreich für einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit aufzustellen. Klare Kriterien zur Bewertung von nachhaltigen Technologien und Start-ups können dabei helfen, die Nachhaltigkeitsstrategie systematisch aufzubauen und fehlende Kompetenzen auszugleichen.

Bedeutung für die Chemieindustrie
Nachhaltigkeit beschreibt die Möglichkeit, die Bedürfnisse der Gegenwart zu erfüllen, ohne dabei die Möglichkeiten künftiger Generationen zu beeinträchtigen. Damit stehen die ursprünglichen Geschäftsmodelle der Chemieindustrie, die häufig auf der Nutzung fossiler Ressourcen basieren, im Gegensatz zu den Prinzipien der Nachhaltigkeit. Diesen Herausforderungen stellen sich viele Unternehmen in der Chemieindustrie bereits durch die Verwendung biobasierter Ressourcen, Ressourcenrückgewinnung oder Kaskadennutzung. Da nachhaltige Technologien mit vielen Unsicherheiten einhergehen, haben bisher nur wenige den Sprung in die Marktanwendung geschafft. Auch Investitionen in nachhaltige Start-ups, die diese Technologien vorantreiben, sind mit Unsicherheiten behaftet, da klare Standards und Normen zur Bewertung von Nachhaltigkeits­aspekten fehlen (s. Grafik).

Das Fehlen dieser Standards stellt eine besondere Hürde dar, da es sich bei nachhaltigen Technologien häufig um systemische Innovationen handelt, die eine Umstellung aller Prozesse über das ganze System hinweg erfordern. Dies setzt einen starken Austausch zwischen den Akteuren voraus. So Bedarf bspw. die Kaskadennutzung aus Agrarnebenströmen die Vernetzung von verschiedenen Industrien, wie der Chemie-, Biotechnologie-, Agrar- und Lebensmittelindustrie. Dieses Beispiel zeigt, dass das eigene Wissen innerhalb einer Branche oder gar eines Unternehmens oft nicht ausreicht, um nachhaltige Technologien im Ganzen verstehen und bewerten zu können.

Bewertung und Auswahl
Auf Unternehmensebene erfolgt die Bewertung und Auswahl von Technologien in der Regel basierend auf verschiedenen Kriterien, wie dem Reifegrad, der Innovationsfähigkeit oder der Anwendungsmöglichkeiten einer Technologie. Eine im Mai 2020 durch den Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement der Universität Bonn durchgeführte Diskussionsrunde mit Unternehmen der industriellen Biotechnologie zeigt, dass in der Bewertung von nachhaltigen Technologien weitere Kriterien in Betracht gezogen werden. Zunehmend spielt das Kriterium der Nachhaltigkeit, welches meist durch sog. Life-Cycle-­Assessments erfasst wird, eine wichtige Rolle in der Technologiebewertung. Dabei werden verschiedene Umweltwirkungen, wie bspw. die CO2-Emissionen oder der Wasserbedarf über den gesamten Lebenszyklus eines entstehenden Produkts betrachtet. Bei der Auswahl einer nachhaltigen Technologie ist zudem entscheidend, ob eine nachhaltigkeitsorientierte Positionierung von entstehenden Produkten, Prozessen oder Dienstleistungen durch die neue Technologie ermöglicht wird. Außerdem ist es relevant, ob die Nachhaltigkeitsaspekte für den Kunden kommunizier- und sichtbar sind. Regulatorische Maßnahmen wie rechtliche Rahmenbedingungen, Standardisierungen oder Zertifikate können die Kommunikation dabei unterstützen und dienen somit als weitere Bewertungskriterien.

„Entschließt sich ein Unternehmen durch Kooperationen
mit Start-ups externes Wissen zu generieren,
sind auch hierbei systematische Bewertungs-
und Auswahlkriterien notwendig.“


Entschließt sich ein Unternehmen durch Kooperationen mit Start-ups externes Wissen zu generieren, sind auch hierbei systematische Bewertungs- und Auswahlkriterien notwendig. Dabei spielen neben dem Produkt bzw. der Technologie auch Aspekte wie die kaufmännische und technische Qualifikation der Gründer eine wichtige Rolle. Für eine erfolgreiche Kooperation mit Start-ups ist aber vor allem entscheidend, dass sich ein Unternehmen über das genaue Ziel der Kooperation im Klaren ist. Im Fokus können dabei sowohl finanzielle als auch strategische Aspekte stehen, die bspw. auf die Lösung von unternehmensinternen Problemen oder das Erkunden von neuen Geschäftsfeldern abzielen.

Ausblick
Auch im Bereich der Bewertung und Auswahl von Start-ups gibt es bereits Bestrebungen, Nachhaltigkeitsaspekte zu erfassen. Mögliche Kriterien können dabei die Einstellungen der Gründer zum Thema Nachhaltigkeit oder der ökologische und soziale Beitrag des Start-ups sein. Bislang ist allerdings noch unklar, welchen Einfluss diese Aspekte auf die tatsächliche Kooperationsentscheidung von Unternehmen haben. Im Rahmen einer Umfrage soll der Entscheidungsprozess in Unternehmen näher untersucht werden. Eine weitere aktuelle Studie beschäftigt sich mit dem systemischen Charakter von nachhaltigen Technologien aus Unternehmensperspektive. Besteht Interesse an der Teilnahme bzw. den Ergebnissen der zwei Studien, können Sie sich gerne an die Autorinnen wenden.

Autorinnen:
Carolin Block und Lucia Brandt, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen /Doktorandinnen und
Stefanie Bröring, Inhaberin des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement,
Landwirtschaftliche Fakultät, Universität Bonn

GDCh-Kurs
E-Learning: Strategisches Technologiemanagement

26. November und 27. November 2020
Online-GDCh-Kurs: 971/20
Leitung: Stefanie Bröring

Weitere Informationen und Anmeldung über:
Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), Fortbildung
Tel.: +49 69 7917 291
a.moosbauer@gdch.de
www.gdch.de/fortbildung

Kontakt

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität

Carl-Troll Str. 31
53115 Bonn
Deutschland

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