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Lieferkettenprobleme in China: Ursachen und Auswirkungen auf die globale Chemieindustrie

02.06.2022 - Derzeit sind die Chemieproduktion in China und vor allem der Export von Chemikalien aus China stark gestört. Dies ist eine direkte Folge der von der chinesischen Regierung verhängten, drastischen Anti-Covid-Maßnahmen, aber es gibt noch weitere Hindernisse, die Chemieexporte aus China einschränken.

Die chinesischen Umweltschutzgesetze wurden in den letzten Jahren kontinuierlich verschärft. Das alte Primat des Wirtschaftswachstums und der Planerfüllung um jeden Preis ist längst nicht mehr gegeben. Regierungsbeamte werden mittlerweile maßgeblich nach ihren Erfolgen im Umweltschutz bewertet. Davon sind vor allem viele kleinere Chemieunternehmen betroffen, die sich zum Beispiel auf die Herstellung von Fein- und Spezialchemikalien konzentrieren.

Um einen Eindruck vom Ausmaß des Problems zu vermitteln: In der Provinz Jiangsu – der Provinz mit der zweitgrößten Chemieproduktion in China – wurden in den letzten Jahren etwa die Hälfte der Chemieunternehmen oder etwa 2.000 Betriebe geschlossen. Da die Verlagerung der Chemieproduktion in die Chemieparks weiter voranschreitet, sind weitere Schließungen wahrscheinlich. Und obwohl viele der geschlossenen Feinchemikalienhersteller klein sind, sich auf das untere Ende des Marktes konzentrieren und ältere Technologien verwenden, tragen sie immer noch zu einem erheblichen Anteil der chinesischen Chemieexporte bei.

Für einen westlichen Kunden beschaffen wir spezifische, halogenierte Aromaten. In den letzten vier Jahren ist die Anzahl aktiver, chinesischer Hersteller von 10 auf 4 geschrumpft. Mit der Markteinschränkung sinkt die Liefersicherheit und steigen die Preise.

Die staatliche Regierungspolitik unterstützt zu einem gewissen Grad die abnehmende Bedeutung des Exports für chinesische Chemieunternehmen. Da wäre zum Beispiel die „Dual Circulation“-Politik zu nennen, die im Wesentlichen eine stärkere Ausrichtung auf den Binnenmarkt und geringere Abhängigkeit vom Außenhandel anstrebt oder die politische Unterstützung bei der inländischen Produktion von High-End- und Spezialchemikalien statt des, zum Teil exportgetriebenen, Kapazitätsaufbaus für Basischemikalien.

Tatsächlich sind die aktuell besonders starken Unterbrechungen der Chemikalienexporte hauptsächlich auf Anti-Covid-Maßnahmen zurückzuführen. Diese Maßnahmen wirken sich auf verschiedenen Wegen auf die Chemikalienexporte aus:

  • Arbeitskräfte:
    Die meisten Arbeiter in den von Lockdowns betroffenen Gebieten, die etwa 25 % der Gesamtbevölkerung Chinas und einen höheren Anteil der städtischen Bevölkerung betreffen, sind gezwungen, zu Hause zu bleiben und können daher nicht in Chemiefabriken arbeiten. Dies gilt übrigens auch für einen der beiden Autoren, der sich von Mitte März bis Ende Mai in Schanghai im Lockdown befand, obwohl dies zugegebenermaßen keine Auswirkungen auf die chinesische Chemieproduktion oder den Export hatte. Während einigen Fabriken eine Sondergenehmigung für die Arbeit unter „Closed-Loop“-Bedingungen erteilt wurde, garantiert selbst dieses System aufgrund der Schließung von Lieferanten und logistischen Problemen keine ununterbrochene Produktion. „Closed-Loop“ Bedingungen heißt übrigens, dass die Arbeiter an ihren Arbeitsplätzen isoliert werden und auch dort leben und schlafen müssen.
  • Hafenkapazität:
    Im Mai 2022 berichtete die Regierung, dass sich der Containerumschlag des Hafens von Schanghai erholt und 82,4 % des Volumens von April 2021 erreicht habe. Das eine Verringerung um mehr als 17 % als Zeichen der Erholung angesehen wird, ist ein Hinweis auf den Ernst der Lage. Die Wartezeit für Exportcontainer im restlichen China ist Anfang Mai im Vergleich zu Mitte März um 22 % gestiegen. Das Problem baut sich gerade auf und wird uns noch einige Monate in den Herbst und Winter hinein erhalten bleiben, bis sich die Hin- und Rückfrachten wieder einpendeln.
     
  • Lkw-Kapazität:
    Laut Online-Marktplatzbetreiber Freightos hat Schanghai seit Ende März rund 45 % seiner Lkw-Kapazität verloren. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Lkw-Fahrern aus Covid-Risikogebieten der Zugang verweigert wird. Infolgedessen ist der Transport der Chemikalien von den Produzenten zum Hafen oft der größte Engpass.
     
  • Regionale Konzentration der Chemieproduktion
    Der Großraum Schanghai, einschließlich der angrenzenden Provinzen Jiangsu und Zhejiang, ist eine der drei wichtigsten Produktionsregionen von Chemikalien für den Export. Zudem ist die Chemieproduktion für einzelne Segmente in China oft stark auf bestimmte Regionen konzentriert, was diese Segmente besonders anfällig für lokale Beschränkungen macht.

Die Lieferkettenprobleme in China wirken auf die globale Chemieindustrie gleich doppelt. Zum einen macht China laut CEFIC schon heute etwa 45 % des globalen Chemiemarktes aus, gegenüber 26 % im Jahr 2010. Zum anderen ist der globale Weltmarktanteil bei einigen Chemikalien, wie Vitamin C oder Antioxidantien, schon heute sehr viel höher. Mit 45 % Weltmarkt-anteil ist die Chemie für China von großer Bedeutung, wenn man es z.B. mit Chinas Beitrag zum globalen BIP von etwa 18 % vergleicht. Chinas Chemieindustrie ist nicht nur groß, sondern sie wächst auch mehr als doppelt so stark wie der Rest der weltweiten Chemie. Von 2010 bis 2020 ist die chinesische Chemieindustrie um jährlich mehr als 8 % gewachsen, verglichen mit 3,4 % pro Jahr im weltweiten Durchschnitt. Auch Chinas weltweiter Anteil an den Chemieinvestitionen ist von 41,6 % im Jahr 2010 auf 47,8 % im Jahr 2020 gestiegen und wird voraussichtlich auch weiter zunehmen. In der Tat erwartet CEFIC, dass China bis 2030 fast die Hälfte des globalen Chemiemarktes kontrolliert.

Allerdings ist China nicht der weltweit größte Exporteur von Chemikalien. Mit einem Anteil von 8 % an den weltweiten Exporten rangiert es hinter den USA und Deutschland. Und aufgrund höherer Importe insbesondere von Spezialchemikalien ist es insgesamt ein Nettoimporteur von Chemikalien. Um die aktuellen Probleme der Lieferketten zu verstehen, bedarf es daher einer etwas differenzierteren Analyse der Situation.

Bei einigen Chemikalien ist China der größte Produzent, aber auch der größte Verbraucher. Ein Beispiel ist PVC, bei dem Chinas Anteil von 42 % an der weltweiten Produktionskapazität nicht weit von seinem Anteil am weltweiten PVC-Verbrauch (43 %) entfernt ist. Auch der geschätzte chinesische Anteil an der weltweiten Adipinsäurekapazität von etwa 50 % dürfte nur geringfügig größer sein als Chinas Anteil am weltweiten Verbrauch.  

Bei anderen Produkten wie Silizium ist China sowohl ein großer Produzent (mit etwa 64 % der weltweiten Produktion) als auch ein großer Verbraucher und Exporteur. Tatsächlich kollidiert die Umsetzung der Pläne von US-Präsident Biden zur Förderung der Solarenergie derzeit mit dem Importverbot für Materialien aus China als Reaktion auf Chinas Xinjiang-Politik. Die USA leiden unter einem Mangel an nicht-chinesischem Silizium für Solaranwendungen. China ist weiterhin auch sowohl der größte globale Pestizidproduzent als auch der größte Pestizidexporteur.

Bei etlichen Chemikalien ist China der mit Abstand größte globale Produzent und produziert vor allem für den Export. Beispielsweise ist China der größte Produzent von Vitamin C mit einem Produktionsanteil von mehr als 80 %. Bei Antibiotika überstieg Chinas Exportwert im Jahr 2020 (3,98 Mrd. USD) den Wert der vier nächstgrößten Länder zusammen (3,68 Mrd. USD, Länder Schweiz, Italien, Indien und Belgien, Quelle OECD). Außerdem stellen chinesische Hersteller schätzungsweise rund 40 % aller weltweit verwendeten Pharmawirkstoffe (Active Pharmaceutical Ingredients, APIs) her, ein Wert, der den chinesischen Anteil am Weltverbrauch sicherlich weit übersteigt und somit auf hohe Exporte hindeutet. Gleiches gilt für einige nachgelagerte Produkte mit bedeutendem Chemikalieneinsatz. Zum Beispiel stammen 90 % der weltweiten Produktionskapazität von PVC-Handschuhen aus China, und 90 % der in China produzierten PVC-Handschuhe sind für den Export bestimmt.

Tatsächlich ist die weltweite Abhängigkeit von Lieferungen aus China bei einigen grundlegenden Fein- und Spezialchemikalien größer als bei Massenchemikalien, da Skaleneffekte zunehmend einen großen Teil der globalen Produktionskapazität nach China verlagert haben. Beispielsweise gibt es in Europa und anderen Teilen der Welt ein großes Angebot an Polymerharzen, aber einen Mangel an kleineren Kunststoffkomponenten wie Additiven (z.B. Antioxidantien) und Glasfasermatten. Diese Bereiche, die traditionell aus Sicht der Versorgungssicherheit als sicher angesehen wurden, rücken nun in den Fokus. Ohne Versorgung mit Additiven ist die Kunststoffcompoundierung nicht möglich. In Folge sinkt die Nachfrage nach Basisharzen, während Kundenindustrien wie die Automobilindustrie unter Lieferengpässen bei compoundierten Polymeren leiden. Während sich China also auf das Wachstum bei Spezialchemikalien konzentriert, haben Compoundeure und Masterbatch-Hersteller in Europa Mühe, ihren Bedarf zu decken.

Als Folge dieser Schwierigkeiten suchen Unternehmen, die für ihre Produktion auf Importe aus China angewiesen sind, nach Auswegen. Einige kurzfristige Maßnahmen umfassen die Umleitung von Waren von Schanghai zu anderen chinesischen Häfen wie Ningbo, die Nutzung von Schienenfracht anstelle von Lkw und frühzeitigere Bestellungen. Langfristig überdenken ausländische Unternehmen ihre Investitionen in China. Das gilt nicht nur für die chemische Industrie, sondern noch mehr für ihre Kundenindustrien. Apple will zum Beispiel die Produktion in Indien und Vietnam steigern, um die Abhängigkeit von China zu verringern, wo derzeit mehr als 90% der Apple-Produkte hergestellt werden. Sicherlich werden einige Chemieunternehmen diesem Ansatz folgen.

In der Tat herrscht Optimismus sowohl bei indischen als auch bei ausgewählten westlichen Produzenten von Spezialchemikalien, da sie Chancen sehen, chinesische Lieferanten zu ersetzen. Und da China seine Null-Covid-Haltung voraussichtlich erst nach dem Parteitag im Herbst aufgeben wird, dürfte das Risiko plötzlicher Schließungen, Produktionsunterbrechungen und anderer Störungen noch einige Zeit bestehen bleiben. Keine schlechte Zeit also für Unternehmen, die von Chemikalienexporten aus China abhängen, um an Backup-Plänen zu arbeiten.

Autoren:
Wolfgang Falter, Partner, ChemAdvice
Kai Pflug, CEO, Management Consulting – Chemicals

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