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Branchenübergreifende Synergien im Anlagenbau nutzen

Interview mit Bernhard Scherer und Rochus Hofmann von Zeppelin Systems

15.04.2013 -

Der Unternehmensname ist fest verbunden mit den Luftschiffen, die sich vor 100 Jahren in den Himmel hoben, aber die Tätigkeiten haben sich geändert: Der heutige Zeppelin-Konzern gliedert sich in fünf strategischen Geschäftseinheiten, zu denen auch der Anlagenbau gehört. Mit knapp 7.000 Mitarbeitern macht die Zeppelin Gruppe rund 2,5 Mrd. € Umsatz.

CHEManager befragte Bernhard Scherer (Vorsitzender) und Rochus Hofmann (Geschäftsführer) der Zeppelin Systems GmbH in Friedrichshafen über Aufgaben und Ziele des Anlagenbaus bei Zeppelin.

Das Gespräch führte Dr. Volker Oestreich.

CHEManager: Früher konnte Ihre Behälter fliegen, heute stehen sie fest auf dem Boden verankert: Was hat sich bei den Kernkompetenzen von Zeppelin in den letzten 100 Jahren geändert und wovon profitieren Sie heute noch?

Rochus Hofmann: Das erste Luftfahrtschiff LZ1 des Grafen Ferdinand von Zeppelin erhob sich am 02. Juni 1900 hier am Bodensee in die Lüfte. Mit 128m Länge, angetrieben von 2 Daimler-Benz-Motoren mit je 13,6PS war das eine technische Pionierleistung in der damaligen Zeit und der Beginn der Ära des Luftschiffbaus. Die großen Luftschiffe sind Geschichte, aber geblieben ist am Standort Friedrichshafen der Pioniergeist und die Bereitschaft, sich technischen Herausforderungen zu stellen.

Bernhard Scherer: Die „Zeppeliner" von heute sind gleichermaßen stolz auf ihre Geschichte und auf die heutigen Leistungen des Unternehmens. Zeppelin Systems hat mit der Luftfahrt nur noch wenig gemein. Aber der Industrie-Anlagebau ist eben auch eine sehr komplexe Ingenieuraufgabe und das verbindet uns noch heute mit der Geschichte des Firmengründers Graf Zeppelin, der einmal sagte: „Man muss nur wollen und daran glauben, dann wird es gelingen".

Wie ist Zeppelin Systems im Konzern integriert? Gibt es Synergien mit den andern Unternehmensbereichen?

Bernhard Scherer:
Zeppelin Systems ist eine von fünf strategischen Geschäftseinheiten und das Herzstück des Anlagenbaus im Zeppelin Konzern. Geführt wird der Konzern von der Zeppelin GmbH als Holding und darunter sind die strategischen Geschäftseinheiten angesiedelt, nämlich

  • Baumaschinen EU, also der Vertrieb und Service von Baumaschinen in der EU;
  • Bau- und Landmaschinen CIS, also der Vertrieb und Service von Bau- und Landmaschinen in den Staaten der früheren Sowjetunion;
  • Rental, das Vermietgeschäft von Baumaschinen und Ausrüstungen;
  • Power Systems mit Vertrieb, Projektleitung und Service von Industriemotoren;
  • Anlagenbau mit den Schwerpunkten Schüttguthandling und Aufarbeitung in den Bereichen Chemie, Kunststoff und Lebensmittel. Hier erzielen wir mit etwa 1300 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 300 Mio Euro.

Rochus Hofmann: Wir verstehen uns als mittelständischer Anlagenbauer mit hoher Flexibilität und direktem Einfluss unserer Ingenieure auf das Unternehmen. Gleichzeitig bietet uns die Integration in den Konzern die nötige Akzeptanz bei Großprojekten durch eine große Finanzierungsstabilität und wir profitieren von einem internationalen Netzwerk.

Was genau ist die Aufgabe von Zeppelin Systems, was ist Ihre Leistungspalette und wohin geht die Reise in den nächsten Jahren?

Bernhard Scherer: Wir haben uns in den letzten Jahren vom reinen Schüttgutspezialisten in der Silo- und pneumatische Fördertechnik zum Systemanbieter für Prozesslösungen in unseren Zielmärkten entwickelt. Längst gehören Prozesse wie Dosieren, Mischen, Kneten und thermische Verfahren zu unserem Angebotsspektrum. Auch haben wir neben dem Schüttguthandling den Bereich Liquides Processing in den Marktsegmenten Food und Nonfood mit in unser Angebotsspektrum aufgenommen.

Rochus Hofmann: Haben wir früher unsere Aufgabe darin gesehen, Rohstoffe in den Prozess zu bringen, so sind wir jetzt daran interessiert, immer mehr Prozess-Know-How in die Firma zu bringen und uns damit neue Geschäftsmöglichkeiten zu erschließen. Dazu gehört auch, dass wir die Fertigung auf die Baustelle verlagern können, wenn das Produkt zu groß für den Transport ist - zum Beispiel bei gasdichten Silos.

Sehen Sie sich also als Schüttgut-EPC oder gar EPCM (Engineering, Procurement and Construction Management)?

Rochus Hofmann: In der Tat haben wir in den vergangenen drei Jahren besonders im Bereich der Kunststoff-Compoundierung mehrfach Projekte als EPC erfolgreich realisiert. Diesen Bereich wollen wir weiter ausbauen - auch in anderen Märkten wie Chemie und Nahrungsmittel. Nicht im Focus haben wir das Großanlagengeschäft. Hier wollen wir weiterhin Partner und Lieferant für die großen Planungsfirmen bleiben.

Vor drei Jahren haben Sie Reimelt Henschel übernommen und damit sowohl Ihr Leistungsspektrum als auch den Branchenfokus erweitert. Was waren die Ziele dieser Übernahme und bleiben die Standort in Rödermark und Kassel bestehen?

Rochus Hofmann: Die drei Bereiche Zeppelin (Schüttgut / Logistik), Reimelt (Food und Prozesstechnik) und Henschel (Mischtechnik) ergänzen sich perfekt. Besonders für Turn Key Anlagenprojekte sind wir mit eigenem Know How und eigenen Technologien und Produkten sehr gut aufgestellt. Wir haben damit einen direkten Einfluss auf die Schlüsselkomponenten in den Prozessen und sind weniger abhängig von Dritten.
Durch die Aufteilung der Kompetenzen ist die Zukunftsfrage der Standorte von ehemals Reimelt Henschel in Rödermark und Kassel klar mit ja beantwortet. Wir haben in Kassel und in Rödermark seit der Übernahme durch Zeppelin erheblich investiert. Die jeweiligen Entwicklungszentren für Food (Einweihung 2012) und Mischtechnik (Einweihung 2011) sind auf dem neusten Stand der Technik und bringen Produktinnovationen, die weltweites Interesse auslösen. Das zeigt die Auslastung mit Kundenversuchen aus der ganzen Welt.

Bernhard Scherer: Mit dem Einstieg in den Markt der Nahrungsmittel stabilisieren wir unser Gesamtgeschäft auch dadurch, dass die Konjunkturzyklen hier anders und generell weniger stark ausgeprägt sind. Reimelt war in der Lebensmittelindustrie schon immer im Gesamtprozess tätig, was uns auf dem Weg zum Systemanbieter für Prozesslösungen weiter unterstützt.
Themen wie die Rückverfolgbarkeit sind in der Nahrungsmittelbranche längst etabliert - jetzt profitieren wir auch in anderen Geschäftsfeldern von diesem Know-How, zum Beispiel bei Gummi zur Verwendung in der Reifenindustrie. Ein anderes Beispiel: Die Vermeidung von Kreuzvermischungen ist eine Spezialität von Reimelt; jetzt brauchen wir diese Technologie auch bei der Herstellung von Batteriemassen.

Wie passen der Ausbau der Internationalisierung und der gerade erfolgte Ausbau der deutschen Standorte zusammen?

Rochus Hofmann: Das passt absolut zusammen. Wir wollen hier am Standort in Friedrichshafen das Kompetenzzentrum für Entwicklung und Technologie im Nonfoodbereich erhalten und ausbauen, so wie wir das für den Foodbereich an unserem Standort Rödermark - ehemals Reimelt - mit den neuen Food Technologiezentrum umgesetzt haben. Last but not least betreiben wir am Standort Kassel - ehemals Henschel - das Entwicklungszentrum für Mischtechnik und Compoundierung.
Im Anlagenbau sind jedoch auch die Nähe zum Kunden und der Zugriff auf lokale Ressourcen in der Fertigung, im Engineering und beim Service äußerst wichtig. Deshalb stärken wir das Netz von internationalen Niederlassungen in Europa, Nord- und Südamerika und Asien und haben sie zu echten Engineering-Stützpunkten gemacht. Damit können wir uns regional auf unterschiedliche Vorschriften und Standards einstellen und erzielen Local Content, was zum Beispiel in China oder Brasilien absolut notwendig ist.
Unsere internationalen Kunden schätzen diese Kombination aus lokaler Präsenz gepaart mit der zentralen Kompetenz unserer Entwicklungszentren in Deutschland. Wichtig ist dabei die gute Zusammenarbeit der jeweiligen Niederlassungen mit den Kompetenzzentren in Deutschland.

Wie soll Ihr Unternehmen in zehn Jahre aussehen?

Bernhard Scherer: Wir wollen mit Zeppelin Systems die Umsatzschwelle von 500 Millionen Euro übersteigen, wobei die Profitabilität vor reinem Wachstum steht. Das erreichen wir durch unsere gute Position im globalen Wettbewerb, durch unsere Mitarbeiter und durch unsere Zielsetzung nach Nachhaltigkeit - sowohl für unser eigenes Wirtschaften als auch für unsere Prozesslösungen. So sehen wir zum Beispiel das Thema „Urban Mining" für Kunststoffe als ein wichtiges Geschäftsfeld der Zukunft an.

 

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