Strategie & Management

Chemieindustrie im Wandel

Diversifizierung und Digitalisierung bieten Wachstumschancen für die Chemieindustrie

15.04.2014 -

Die aktuelle Accenture-Studie „Chemicals in Transitions" untersucht die Wachstumschancen für die globale Chemieindustrie. Auf Basis von Unternehmensdaten und Marktberichten wurden die Trends in der Branche in Bezug auf Spezialisierung, Zukäufe und Investitionen in Forschung & Entwicklung analysiert. Dr. Andrea Gruß befragte Dirk Appelhoff, Geschäftsführer des Bereichs Chemieindustrie bei Accenture, zu den Ergebnissen der Studie.

CHEManager: Wo sehen Sie Chancen für die deutsche Chemieindustrie?

D. Appelhoff: Die deutsche Chemieindustrie ist stark aufgestellt und vor allem im Ausland erfolgreich; 60 % ihres Umsatzes werden durch Exporte generiert. Nach zwei wachstumsstarken Jahren 2010 und 2011 nach der Wirtschaftskrise ist die Branche zuletzt allerdings nur noch leicht gewachsen. Dabei profitiert die Chemieindustrie ganz wesentlich von Innovationen für andere Branchen, etwa dem Einsatz von Leichtbaumaterialien in der Automobil- und Flugzeugindustrie, der Nachfrage nach energieeffizienten Gebäuden oder dem wachsenden Gesundheitsmarkt. Weiterhin ist die große Nachfrage im Ausland ein wichtiger Wachstumstreiber, bedingt beispielsweise durch den stark wachsenden Bedarf an Agrarchemie in Schwellenländern. Lediglich die weiter steigenden Energiepreise in Deutschland und Europa dämpfen den Optimismus, zumal hier noch keine klare Linie in der Energiepolitik der neuen Bundesregierung erkennbar ist. Das verunsichert viele in der Branche natürlich.

Investieren Ihrer Meinung nach deshalb viele deutsche Chemieunternehmen immer mehr in Produktionsstätten im Ausland?

D. Appelhoff: Die Tatsache, dass der Anteil von Direktinvestitionen im Ausland steigt, kann man nicht von der Hand weisen. Allerdings sind die Energiekosten nicht der wesentliche Treiber für diese Entwicklung. Die deutsche Chemieindustrie profitiert stark vom steigenden Konsum in den Schwellenländern und dem allgemeinen Wirtschaftswachstum dort. Deshalb ist es nur konsequent, auch Produktionsstätten vor Ort zu errichten, wo etwa Baustoffe oder Düngemittel für den lokalen Markt produziert werden. Eine andere spannende Entwicklung ist aber, dass immer mehr Chemiefirmen aus den westlichen Industrieländern auch ihre F&E-Aktivitäten in die Schwellenländer verlagern. Das tun sie zum einen, um näher an den Märkten und den Kunden zu sein. Denn auch in einer globalisierten Wirtschaft sollte die Bedeutung von lokaler Innovation, die auf die speziellen Anforderungen vor Ort eingeht, nicht unterschätzt werden. Zum anderen gibt es gerade in China mittlerweile auch viele gut ausgebildete Spezialisten in der Forschung, was angesichts des Fachkräftemangels in Europa ein weiterer Grund ist, die F&E-Aktivitäten dorthin zu verlagern.

Wo sehen Sie vor diesem Hintergrund die wichtigsten Wachstumsregionen für die Chemieindustrie?

D. Appelhoff: Die Schwellenländer bleiben sicher eine wichtige Wachstumsquelle, gerade angesichts der schwachen Nachfrage in Europa. Allerdings wird die dortige Chemieindustrie immer stärker zur ernsthaften Konkurrenz für innovationsstarke Unternehmen aus dem Westen. Schon heute werden mehr als die Hälfte aller Chemiepatente in China angemeldet. Das ist nicht zuletzt ein Resultat der staatlichen Förderung des Bildungs- und Forschungssektors in China. Während bei uns Innovationen eher aus dem Unternehmen heraus entstehen, findet die Forschung dort vor allem an den Universitäten statt. Allerdings sollten die jüngsten Marktturbulenzen in den BRIC-Staaten auch als Warnzeichen verstanden werden, dass der Aufschwung dort nicht von Ewigkeit sein wird. Deswegen ist es wichtig, neben der geographischen Expansion auch das Wachstum in neuen Geschäftsbereichen ins Auge zu fassen. Um den ökonomischen Zyklen zu entkommen, müssen die Chemieunternehmen sich diversifizieren und ihr Angebot in den derzeitigen und zukünftigen Wachstumsbranchen ausbauen.

Welche Segmente bewerten Sie als besonders vielversprechend?

D. Appelhoff: Die Spezialchemie ist ein großer Wachstumsbereich, genauso wie die pharmazeutische Chemie, Spezialpolymere und die Agrarchemie. In all diesen Bereichen haben wir in den letzten Jahren auch vermehrt Übernahmen von kleinen, hoch spezialisierten Firmen durch die Großen der Branche gesehen. Hier zeigt sich, dass diese Firmen sehr aktiv an einer Diversifikation ihres Portfolios arbeiten. Diese Verbreiterung des Angebotsspektrums hilft der Chemieindustrie aber auch dabei, sich als Innovationstreiber in anderen Industrien zu etablieren.

Die Chemiebranche setzt seit jeher einen starken Fokus auf Innovationen. Muss sie sich angesichts der wachsenden Konkurrenz aus den Schwellenländern neu ausrichten?

D. Appelhoff: Ja, die Chemie ist wie ein Zahnrad im Uhrwerk der Innovation in einer Reihe von anderen Branchen, sie ermöglicht dort viele Neuentwicklungen erst. Dabei setzt sie auch immer tiefer im dortigen Innovationsprozess an, weil Forschung und Entwicklung komplexer werden und die Zahnräder noch genauer ineinander greifen müssen. Das bietet große Chancen für stärkeres, profitableres Wachstum, erfordert aber andererseits auch sehr viel speziellere Kenntnisse der Prozesse in diesen Branchen. Ein Weg, dorthin zu kommen, ist, wie schon beschrieben, durch M&A. Dennoch ist es wichtig, den Aufbau solch spezieller Kompetenzen im Unternehmen gezielt voranzutreiben, um ein wirklicher Innovationspartner für andere Industrien zu werden. Gerade bei der Nanotechnologie und Mikroelektronik, aber auch bei Biotechnologie, Photonik und Hochleistungsmaterialien, wie etwa neuartigen Beschichtungen oder Leichtbaustoffen, etablieren sich Chemiefirmen als starke Innovatoren über die Branchengrenze hinaus. Wichtig ist zudem, dass die Chemiehersteller ein Verständnis dafür entwickeln, welche Bedürfnisse die Endkunden in den anderen Industrien haben, also z.B. beim Autokauf oder der Nutzung von Unterhaltungselektronik. Nur wer die Trends im Markt früh versteht, kann Innovationen rechtzeitig vorantreiben.

In Ihrer Studie nennen Sie die Digitalisierung im Kontext mit Innovationen in der Chemiebranche. Welcher Zusammenhang besteht hier?

D. Appelhoff: Zum einen entstehen durch Digitalisierung neue Geschäftsmodelle für die Chemieunternehmen. Ein gutes Beispiel sind die Agrarchemiehersteller, die sich heute sehr ernsthaft mit der Präzisionslandwirtschaft auseinander setzen. Das bedeutet nichts anderes, als den Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln oder die Setzabstände sehr genau an die individuelle Bodenbeschaffenheit anzupassen. Das hilft den Ertrag zu steigern, bei reduziertem Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Hier spielt die Auswertung von Daten eine große Rolle, die durch in Landwirtschaftsmaschinen integrierte Sensoren gewonnen werden, aber auch vorhandene Daten, etwa für das Wetter, sind wichtig. Auf den ersten Blick bedeutet das natürlich, dass der Absatz von agrarchemischen Produkten sinkt. Dennoch können Chemieunternehmen von dieser Entwicklung profitieren, indem sie sich als Lösungsanbieter profilieren, die dem Bauern bei der Ertragssteigerung helfen. Sie decken also einen viel größeren Teil der Wertschöpfungskette ab, was die Profitabilität steigert.

Und wie können Chemieunternehmen von der Digitalisierung profitieren?

D. Appelhoff: Bei F&E gewinnt die Digitalisierung ebenfalls sehr stark an Bedeutung, etwa bei der Simulation neuer Materialien oder der Analyse von gewonnen Forschungsdaten. Ein weiterer Vorteil ist, dass digitale Daten - die ja gerne auch als Erdöl des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden - aus den Kundenindustrien genutzt werden können, um durch deren Analyse neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das ist in anderen Branchen unter dem Stichwort ‚Big Data' ja bereits ein großer Trend. Die Chemieunternehmen werden also zukünftig viel stärker in digitale Kompetenzen und die IT-Infrastruktur investieren müssen, um eine hohe Innovationsgeschwindigkeit zu erreichen.

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