Strategie & Management

Die Zeit drängt: Warum die Chemieindustrie schnell auf einen „Nature positive“-Kurs umschwenken muss

06.12.2023 - Regierungen, Investoren und Kunden erwarten von der Chemieindustrie mehr Einsatz für den Naturschutz. Schon bald wird das Leitbild „Nature positive“ in Form von gesetzlichen Vorgaben stark an Bedeutung für unternehmerische Entscheidungen gewinnen. Der „Nature Strategy Readiness“-Index von Oliver Wyman zeigt: Es gibt noch viel zu tun.

Die CO₂-Bilanz auf Null drücken – „Net zero“ ist für die meisten Unternehmen heute ein selbstverständliches und grundlegend in der Strategie verankertes Ziel. Doch die Anforderungen beim Einsatz für die Umwelt steigen. „Nature positive“ lautet ein neues Leitbild, auf das sich die Wirtschaft zusätzlich einstellen muss. Es geht darum, mit unternehmerischem Handeln einen positiven Effekt auf die Natur auszuüben. Wie beim Klimaschutz wird es auch für Naturschutz bald strenge gesetzliche Vorschriften geben. Entscheidender Unterschied: Die Regulatorik wird schneller in Kraft treten als beim Klimaschutz. Es ist also rasches Handeln gefordert, Zögern könnte teuer werden.

Grundwasser schützen, Artenvielfalt fördern, Landverbrauch stoppen: Der 2022 verabschiedete und noch auf Freiwilligkeit basierende Globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal weist den Weg. 196 Staaten haben sich in dieser Vereinbarung dem Ziel verschrieben, bis 2030 den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen und den Trend umzukehren. Gelingen kann das nur mit einer ganzheitlichen Nachhaltigkeits-Strategie, die Klima- und Naturschutz miteinander verbindet – denn die Wechselwirkungen sind groß. Allerdings haben sich heute erst fünf Prozent der 500 weltweit größten Unternehmen ein Ziel für Biodiversität gesetzt. Die Verantwortung der chemischen Industrie ist besonders groß. Die Branche liefert unverzichtbare Materialien für 95 Prozent aller Produkte, die weltweit erzeugt werden.  

Wie weit die internationale chemische Industrie beim Einsatz für den Naturerhalt ist, haben wir bei Oliver Wyman mit dem „Nature Strategy Readiness“-Index auf Basis öffentlich zugänglicher Daten ermittelt. Mithilfe von fünf Kategorien wird natur-positives Verhalten messbar. Zunächst prüfen wir, inwieweit Bewusstsein für das Thema Natur im Unternehmen herrscht und ob der Ressourcenverbrauch erhoben wird – etwa mit Blick auf Land- oder Trinkwassernutzung. Im folgenden Schritt untersuchen wir, ob eine Strategie mit konkreten Zielen für eine natur-positive Transformation besteht. Der nächste Punkt betrifft die Governance – gibt es etwa eine für Naturschutz zuständige Unternehmenseinheit? Anschließend geht es darum, ob sich Unternehmen auf Standards verpflichten und diese selbst mit vorantreiben. Fünftens werden Partnerschaften beleuchtet, so etwa mit NGOs oder Naturschutz-Initiativen. 

25 amerikanische und europäische Unternehmen entlang der Chemie-Wertschöpfungskette haben wir für den „Nature Strategy Readiness“-Index unter die Lupe genommen. Im Schnitt kommen sie auf einen Wert von 0,48 von 1,0. Besonders aktiv sind die Unternehmen bei Partnerschaften mit einem Wert von 0,67 – wobei zahlreiche Firmen hier noch unsystematisch vorgehen. Bei der Governance (0,33) hapert es häufig noch an Anreizen für das Management, noch betreffen diese überwiegend den Klimaschutz. Nur drei der 25 Unternehmen können eine umfassende Strategie für den Naturschutz vorweisen, mit dem Indexwert 0,30 zeigt sich hier also der größte Nachholbedarf.  

Am besten aufgestellt zeigt sich Solvay aus Belgien mit einem Wert von 0,68 vor dem US-Konzern Dow (0,63) und der finnischen Kemira (0,61). Als einziges deutsches Chemie-Unternehmen ist Henkel (0,58) im Top-Quartil vertreten.

Wie also können die Unternehmen besser werden. Zum einen geht es darum, die Effizienz im Fertigungsprozess zu steigern und parallel den Einsatz erneuerbarer Energien auszuweiten. Hinzu kommt die Verankerung eines nachhaltiges Wassermanagements in der Strategie sowie der Praxis. Die Herstellung und Nutzung bio-basierter oder recycelbarer Materialien ist zentral für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. So kommt der Ausweitung der Kreislaufwirtschaft sowie natur-positiver Produktinnovationen eine Schlüsselrolle zu. Schließlich sollten Chemieunternehmen die Wiederherstellung und Bewahrung von Ökosystemen tatkräftig unterstützen – auch indem sie sich für Regularien stark machen, die konkret auf den Naturschutz zielen.

Analog zum Klimaschutz werden Investoren und Kunden immer penibler auf nachhaltigen Umgang mit der Natur achten. Doch es ist kein selbstloser Einsatz, der gefordert wird. Der mögliche wirtschaftliche Effekt allein für die Chemieindustrie ist enorm: Auf 320 Milliarden Dollar jährlich beläuft sich laut einer Studie des World Economic Forum, an der wir mitgearbeitet haben, das finanzielle Potenzial, das die Branche global durch Kosteneinsparungen und Zusatzumsatz heben kann. Bedingung: Die Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle rasch und konsequent auf „Nature positive“ ausrichten. 

Autoren: Iris Herrmann (Partnerin) und Stephan Struwe (Principal), Energy and Natural Resources Practice von Oliver Wyman

Zum Download: „Nature Strategy Readiness“ Indexbewertung

 

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