Logistik & Supply Chain

Logistikdienstleister brauchen hohe Anpassungsfähigkeit

Chemie- und Pharmakunden stellen hohe Anforderungen an die Logistik

18.10.2023 - Interview mit Frank Schmidt und Marcel Bicking von TST

Im Jahr 1990 machte sich Frank Schmidt mit einem Lkw im Transportwesen selbstständig. 1995 kaufte er die erste Logistikimmobilie in Worms und gründete das Unternehmen Trans Service Team (TST). Nach der Übernahme der drei Logistikgesellschaften der Hamburger Unternehmensgruppe Mackprang 2012, gelang durch einen Bestandskunden 2018 der Sprung in die USA. Heute beschäftigt TST rund 3.500 Mitarbeiter an 80 Standorten in Deutschland, Europa und Nordamerika. Der Logistikdienstleister bewirtschaftet inzwischen mehr als 1,2 Mio. m² Lager- und Logistikflächen. Birgit Megges befragte Frank Schmidt, Gründer und Geschäftsführer von TST, und Marcel Bicking, seit 2020 Mitgeschäftsführer von TST, zur Weiterentwicklung des Unternehmens und zu den Märkten, die eine hohe Anpassungsfähigkeit erfordern.

CHEManager: Herr Schmidt, Herr Bicking, im Jahr 2010 haben Sie in Worms das erste Gefahrstofflager erbaut, ein entscheidender Schritt, um als Dienstleister im Bereich der Chemie- und Pharmalogistik aufzutreten. Wie hat sich TST seitdem in diesem Bereich weiterentwickelt?

Frank Schmidt: 2010 war die Chemielogistik bei TST noch ein zartes Pflänzchen, obwohl wir mit der Dalli-Group und BASF bereits zwei starke, expansive Kunden an Bord hatten. Ging es zu Anfang um Lagerung und Konfektionierung, haben wir unsere Kapazitäten und unser Leistungsportfolio in den Folgejahren Schritt für Schritt erweitert. Für BASF betreiben wir in Worms heute das modernste Chemielager Europas. Mit einer Gesamtkapazität von 80.000 Paletten, aufgeteilt in einundzwanzig Hallenabschnitte, ist das der größte Standort im Lagerverbund der BASF außerhalb von Ludwigshafen.

Marcel Bicking: Wir sind die ersten zehn Jahre in der Chemielogistik quasi unter dem Radar gelaufen, was uns die Gelegenheit gegeben hat, mit unseren Kunden in neue Aufgaben hineinzuwachsen und uns zum Chemieexperten zu entwickeln. Das haben wir geschafft. Heute zählen wir zu den führenden Chemielogistikern in Deutschland.

Wie sehen Ihre Dienstleistungsangebote aus, mit denen Sie in der Chemie- und Pharmaindustrie auftreten?

M. Bicking: Wir konzipieren, realisieren und betreiben Logistikzentren, die für Pharmaprodukte und gefährliche Stoffe nahezu aller Lagerklassen geeignet sind. In diesem Dienstleistungskosmos geht es nicht nur um die temperaturgeführte Lagerbewirtschaftung, Konfektionierung und Distribution. Wir übernehmen auch Standorte oder Produktionsbereiche unserer Kunden. Wir optimieren den innerbetrieblichen Warenfluss, synchronisieren Produktion und Logistik. Und schaffen mit unserer IT die Voraussetzungen für eine digitalisierte, weitgehend automatisierte Abwicklung der Logistikprozesse.

Wie unterscheidet sich Ihr Angebot von denen anderer Marktbegleiter?

F. Schmidt: Wir agieren vorausschauend und investieren in die Entwicklung von Logistikflächen in Metropolregionen, die unseren Kunden ermöglichen, ihre Kapazitäten zu erweitern. Für uns ist das eine Investition in die Zukunft, die auf Vertrauen, partnerschaftliche Zusammenarbeit und gemeinsames Wachstum setzt. Unser Planungshorizont geht über Fünfjahresverträge weit hinaus. Es gibt Kunden, die sind seit mehr als zwanzig Jahren bei TST.

 

Volatile Märkte und globale Krisen haben vermutlich auch Ihre Geschäftsstrategien in den letzten Jahren verändert. Wie haben Sie es geschafft, stetig weiter zu wachsen?

F. Schmidt: Die ökonomischen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit fordern ein Miteinander von Kunde und Dienstleister, das weit hinter der Rampe ansetzt: in Prozessen, die Produktion und Logistik perfekt miteinander verbinden. An dieser Strategie haben wir immer festgehalten. Wir haben früh erkannt, dass erfolgreiche Logistik nicht darin liegt, Güter von A nach B zu transportieren, sondern inte­grierte Lösungen zu entwickeln, mit denen sich auch wirtschaftliche Ziele erreichen lassen. Ein Wegbereiter dafür ist die Automatisierung von Logistikprozessen, wie wir sie an unseren Standorten vorantreiben.

Man hört immer wieder, dass sich die Erwartungen von Kunden, die Logistikdienstleistungen in Anspruch nehmen, stark verändern. Was fordern die Kunden aus der Chemie- und Pharmaindustrie?

M. Bicking: Chemie- und Pharmakunden erwarten von einem Logistiker, immer einen Schritt voraus zu sein. Einerseits geht es darum, auf alle denkbaren Szenarien, die mit möglichen Lieferengpässen oder -ausfällen verbunden sind, perfekt vorbereitet zu sein. Andererseits müssen Logistiker die durchgehende Transparenz der Logistikprozesse gewährleisten. Die Anforderungen an die Flexibilität der Logistik waren nie höher.

Welches Verständnis haben Sie selbst von der Zusammenarbeit der Industrie mit Logistikdienstleistern?

F. Schmidt: Der Blick der Industrie auf die Logistik hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Wurde die Logistik früher als Kostenfaktor betrachtet, sitzen wir heute bei strategischen Weichenstellungen und neuen Projekten von Anfang an mit am Tisch. Logistik ist für mich ein Miteinander auf Augenhöhe, keine vor- oder nachgelagerte Dienstleistung.

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit in der Lagerhaltung und im Transportbereich?

F. Schmidt: War Nachhaltigkeit in Ausschreibungen früher ein Rand­thema, ist es heute zum mitentscheidenden Kriterium der Auftragsvergabe avanciert. Wer als Logistiker nicht nachhaltig unterwegs ist, hat im Wettbewerb keine Chance. Früher oder später wird es auf eine klimaneutrale Logistik hinauslaufen.

und was tun sie selbst, um Ihre Logistik klimafreundlicher zu machen?

F. Schmidt: Schon heute setzen wir auf E-Mobilität und wasserstoffbetriebene Lkw, um die Leistungsfähigkeit alternativer Antriebsformen unter Praxisbedingungen zu testen. Unser Fuhrpark besteht ausschließlich aus emissionsarmen Fahrzeugen der modernsten Motorengeneration. Auch bei der Entwicklung von Lagerstandorten ziehen wir heute alle Register: Wir verbauen CO2-arme Baumaterialien und recycelbare Stoffe, stellen über PV-Anlagen und Windenergie eine autarke Energieversorgung sicher und setzen Wärmepumpenanlagen mit natürlichem Kältemitteleinsatz ein.

Wie stark ist TST vom Fachkräftemangel betroffen und wie steuern Sie dagegen?

F. Schmidt: Wir haben unsere Ausbildungsquote in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht. Mit mehr als hundert Auszubildenden und dualen Studenten haben wir mittlerweile ein Rekordniveau in unserem Unternehmen erreicht. Insofern ist es uns gelungen, dem Fachkräftemangel rechtzeitig etwas entgegenzusetzen. Dazu gehört, dass wir unseren Mitarbeitenden ein modernes, attraktives Arbeitsumfeld bieten und Talente fördern. Wer für Logistik brennt, kann bei uns sehr schnell Karriere machen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die „Welt der Logistik“ in den nächsten Jahren verändern – auch im Hinblick auf die Schlagworte Automatisierung und Digitalisierung.

F. Schmidt: Sagen wir es einmal so: Die Logistik wird die Welt verändern, denn digital und automatisiert ist sie in vielen Bereichen schon heute. Die Bedeutung von IT-Plattformen wird weiter zunehmen. Zukünftig wird es möglich sein, Logistikdienstleistungen so einfach zu ordern wie ein Paar Sneaker bei Amazon.

M. Bicking: Die Logistik wird das machen, was sie schon immer gemacht hat: Wegbereiter für Kunden sein. Um Ziele zu erreichen, werden wir die Datenautobahn dafür in Zukunft sicher noch stärker frequentieren.

 

„Die Anforderungen an die Flexibilität der Logistik waren nie höher.“

 

Zur Person

Marcel Thomas Bicking ist am 1. September 2020 in die Geschäftsführung bei TST eingestiegen. Der gelernte Kaufmann hat 2008 seine ersten beruflichen Schritte bei TST gemacht und erfolgreich Stationen als Geschäftsbereichsleiter und Prokurist absolviert. Zwischenzeitlich hatte Bicking bereits Verantwortung auf Geschäftsführungsebene bei TST-Automotive sowie TST-Repacking übernommen.

„Logistik ist für mich ein Miteinander auf Augenhöhe, keine vor- oder nachgelagerte Dienstleistung.“

 

Zur Person

Frank Schmidt hat TST 1990 als selbstfahrender Unternehmer mit nur einem Lkw gegründet. Der 56-jährige Rheinhesse führt die Wormser Firmengruppe zusammen mit seiner Frau Melanie und den Geschäftsführern Marcel Bicking und Joachim Willems. Schmidt ist Vater von zwei Töchtern und ein Familienmensch: 37 Mitglieder der Familie arbeiten heute im Unternehmen.

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Am Guten Brunnen 1
67547 Worms
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