Forschung & Innovation

Tausendsassa Plastik unter Beobachtung

Zeitenwende auch in der Kunststoffindustrie, das Ziel ist eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft

08.09.2022 - Wenn im Oktober die Kunststoffindustrie zu ihrer Weltleitmessse in Düsseldorf kommt, wird die Welt eine andere sein.

Denn seit der letzten K-Messe 2019 sieht sich die Kunststoffbranche mit massiven Herausforderungen durch ständig wechselnde weltpolitische Einflüsse konfrontiert. Die Hochphase der Coronapandemie und der große Druck auf den Lieferketten durch Faktoren wie die Containerlogistik, Hafensperrungen und Rohstoff­engpässe lehrten uns, wie schnell Maschinen stillstehen und Produk­tionsprozesse unterbrochen werden können. Dazu kommt, dass immer heftigere klimatische Ausschläge unsere Art zu Leben und unseren Wohlstand bedrohen. Jüngst stellte ein Expertenbericht der Europäische Kommission fest, dass knapp die Hälfte des europäischen Kontinents von Dürre bedroht ist, 17 % der Flächen seien demnach aktuell in einem besorgniserregenden Zustand. Niedrige Pegelstände auf wichtigen Wasserstraßen wirken sich auch auf unsere Chemie- und Kunststoffproduktionsstandorte aus.

Die drei Leitthemen der diesjährigen Weltleitmesse – Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung – gehen auf viele dieser Spannungsfelder ein. Entscheider der Industrie, der Wertschöpfungskette, aus Politik und der Wissenschaft werden deutlich machen: Das Engagement zur Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft ist und bleibt der Leitkompass der gesamten Branche – und ist wichtiger denn je.
Die einzelnen Teile der Kunststoffwertschöpfungskette greifen längst eng ineinander, damit bspw. bei der Gestaltung eines Produkts das Lebensende direkt mitgedacht und die Recyclingfähigkeit bereits bei der Entstehung des Produktdesigns berücksichtigt werden.

Und nur so kann es gehen, denn: Für die Herausforderungen unserer Zeit, etwa beim Eintreten für Klimaschutz und Ressourcenschonung, erzielen Hersteller und Verarbeiter nur gemeinsam entscheidende Effizienzgewinne. Und dies ist auch nötig, um die hohe Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit hierzulande zu sichern. Gleichzeitig wollen und müssen wir viel nachhaltiger werden als bislang. An einer echten Kreislaufwirtschaft, die unsere Wertkunststoffe und vor allem den Kohlenstoff als kostbare Ressourcen wieder verfügbar macht, führt kein Weg vorbei. Übrigens auch nicht, um Wirtschaft und Gesellschaft widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen Krisen zu machen und die Rohstoffabhängigkeit von Autokratien und Unrechtsregimen abzumildern.

Ein großes Ziel

Tatsächlich befindet sich unsere Branche gerade in ihrer historisch größten Transformation: Die Kunststoffindustrie vollzieht einen fundamentalen Paradigmenwechsel vom linear-fossilen zu einem zirkulären Wirtschaftsmodell. Wenn wir vollständig klimaneutral werden und unser Geschäft für Generationen hinweg nachhaltig betreiben wollen, dann führt an diesem Wandel kein Weg vorbei.

 

„Die Kunststoffindustrie vollzieht einen fundamentalen Paradigmenwechsel vom linear-fossilen zu einem zirkulären Wirtschaftsmodell.“

 

Das Ziel ist eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft, in der wir Kunststoffe ohne fossile Rohstoffe herstellen, so effizient und lange wie möglich nutzen und wieder zurückgewinnen, da sie wertvolle Rohstoffe für neue Produkte sind!

Werkstoff mit Verantwortung

Kunststoffe sind heute überall und in vielen Produkten unersetzlich. Etwa in der Medizin, wo sie Sterilität bieten, beständig sind gegen Flüssigkeiten, hautfreundlich, leicht formbar, flexibel und dennoch äußerst stabil. Wir finden Kunststoffe in antibakteriellen Bezügen, in Impfspritzen, Blutbeuteln, in Beatmungsschläuchen oder als FFP2-Masken. Kurz gesagt: Ohne Kunststoff keine moderne Medizin! Im Bausektor kommen Kunststoffe überall für mehr Klimaschutz zum Einsatz, etwa bei der Dämmung von Fassaden und Dachböden, der Isolierung von Rohrleitungen oder beim Einbau von Wärmeschutzfenstern, um Energie und Kosten zu sparen und weniger CO2 auszustoßen. Auch der Leichtbau im Automobil mit Kunststoffen hilft, große Mengen klimaschädlicher Treibhausgase zu vermeiden. Vom Stoßfänger über das Interieur bis zum Motorraum – Kunststoffe sind in allen Bereichen moderner Autos im Einsatz und machen sie leichter und emissionsärmer. Elektrofahrzeuge mit hoher Reichweite sind ohne Leichtbau mit Kunststoffen kaum denkbar. Und auch die Energiewende gelingt uns nur mit Kunststoff: Denn kein Windrad dreht sich ohne Kunststoff, kein Solarpaneel ­funktioniert ohne unser Material.
Doch es gibt auch einen anderen wichtigen Aspekt rund um unseren Werkstoff. Fakt ist, dass die industrielle Wertschöpfung unsere Flora und Fauna zunehmend belastet. In diesem Jahr hat die Menschheit erstmals mehr als 100 Mrd. t natürlicher Ressourcen in Anspruch genommen. Das sind Mengen, die für mehr als 50 % der globalen CO2-Emissionen und über 90 % der Biodiversitätsverluste verantwortlich sind. Wir sind hier nicht auf einem nachhaltigen Pfad – und das trifft auch auf uns als Kunststoffindustrie zu. Folglich müssen wir alles daransetzen, den Verlust von Natur und das unfassbare Artensterben zu beenden – zu Land wie zu Wasser.

Starker Anstieg der Produktion erwartet

Die OECD prognostiziert in ihrem Global Plastic Outlook, dass sich der Ressourceneinsatz im Vergleich zu 2011 mit 80 Mrd. t natürlicher Ressourcen bis 2060 auf 160 Mrd. t verdoppeln wird. Es wird in Zukunft global eine deutlich größere Nachfrage nach Kunststoffen geben, und unsere Branche muss daher noch mehr produzieren als heute. Ein simpler Grund dafür: Durch die starke Nachfrage in den Bereichen E-Mobilität, energieeffizientes Bauen und Dämmen, Wind- und Solarenergie sowie die hohen Hygiene- und Sicherheitsstandards für Lebensmittel und Arzneimittelverpackungen werden wir weltweit deutlich mehr und nicht weniger Kunststoffe benötigen.

Was die Transformation braucht

Die Frage steht damit im Raum: Wie schaffen wir es, die Vorteile von Kunststoffen weiterhin zu nutzen und gleichzeitig die negativen Auswirkungen zu vermeiden? Und das alles bei steigender Produktion? Unsere Antwort ist die klimaneutrale Kreislaufwirtschaft, die weit über Rezyklate in Shampoo-Flaschen hinaus reicht. Sie setzt effizientes Recycling und konsequente Kreislaufführung voraus, ebenso wie die Abkopplung unserer Produktion von fossilen Rohstoffen. Dazu sind aus heutiger Sicht drei Pfade zu beschreiten:

Erstens müssen wir alle Kunststoffe, alle Produkte und Anwendungen aus Kunststoff recyceln, im Kreis führen und mehr Rezyklate für neue Produkte auch tatsächlich einsetzen! Global gilt es, in Ländern mit Nachholbedarf überhaupt erst einmal Abfallsammel- und Abfallmanagementsysteme aufzubauen. In Industrieländern wie Deutschland gilt es, Recyclingtechnologien zügig voranzutreiben. Wir brauchen hochmoderne Anlagen für das mechanische Recycling. Und wir brauchen Recyclinglösungen für Kunststoffanwendungen, die nicht mechanisch zu recyceln sind. Um diese Lücke zu schließen, investieren die kunststoff­erzeugenden Unternehmen aktuell Milliardensummen.

Zweitens müssen wir bei der Herstellung von Kunststoffen wegkommen von Öl und Gas und alternative Kohlenstoffquellen verwenden. Kunststoff aus CO2 und Biomasse muss immer mehr zur Regel werden. Auch hier sind viele unserer Mitgliedsunternehmen Vorreiter und bringen vermehrt „grüne“, etwa biobasierte Kunststoffe auf den Markt – und zwar für die verschiedensten Anwendungsbereiche von Bau über Mobilität bis hin zu Verpackung.

Drittens müssen die Produktions- und Recyclinganlagen der Zukunft mit erneuerbaren Energien betrieben werden, nicht mehr mit fossilen Energieträgern. Windparks in der Nordsee oder Solarpaneele auf Fabrikhallen werden dafür bereits an verschiedenen Stellen in der Kunststoff-Wertschöpfungskette genutzt. Doch wir sprechen von großindus­triellen Anlagen, die elektrifiziert werden müssen und die folglich nur durch Windparks und alternative Energiequellen in industriellem Maßstab betrieben werden können.

Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele

Das Erreichen einer defossilisierten Industrie ist ein gewaltiger Kraftakt, für den die Branche zusammenstehen und ihre Kräfte bündeln muss. Den Startschuss haben wir bereits im vergangenen Jahr gemacht: Mit der Initiative „Wir sind Kunststoff“, an der die Kunststoffverbände der Erzeuger, Verarbeiter und Maschinenbauer beteiligt sind, arbeiten wir eng an der Verwirklichung unserer Nachhaltigkeitsziele.
Der Zusammenschluss unserer Branche ist extrem wichtig. Klar ist aber auch: Einzig aus eigener Kraftanstrengung wird uns eine Revolution des Wirtschaftens nicht gelingen. Wir benötigen auch den Rückenwind aus Politik und Gesellschaft – etwa, um ausreichend bezahlbare grüne Energie zu bekommen. Nachhaltige Produktionsprozesse sind nicht nur kosten-, sondern auch energieintensiv. Daneben braucht es Lenkungsmaßnahmen, die direkt der Kreislaufwirtschaft zugutekommen – bei strittigen Themen wie der sog. Plastikabgabe erkennen wir das aktuell nicht. Zäh gestaltet sich auch immer wieder die Ausgestaltung und Durchsetzung einheitlicher Abfallregeln in der EU: Unsere Bundesregierung muss sich auf europäischer Ebene noch entschiedener für Maßnahmen wie Deponieverbote und schärfere Exportverbote von Kunststoffabfällen einsetzen, um die Kreislaufwirtschaft zu unterstützen.

 

„Das Erreichen einer defossilisierten Industrie
ist ein gewaltiger Kraftakt.“

 



Und zuletzt – und das ist im aktuellen Meinungsklima besonders wichtig – braucht es eine neue Innovations- und Technologieoffenheit, damit die Innovationen, die uns vom fossilen Zeitalter wegführen, begrüßt, unterstützt und finanziell gefördert werden. Von Recyclingtechnologien bis zur Kunststoffproduktion mit CO2 und Biomasse: Unsere ganze Gesellschaft profitiert von ihnen. Deshalb sollten wir Unternehmen belohnen, die vorangehen und hier investieren! Zusätzlich brauchen wir zügigere Genehmigungen für den Bau neuer effizienterer Anlagen – auch das im Sinne eines effizienteren Ressourcen­einsatzes.

Kunststoffwertschöpfung auf einen Blick

Die K im Oktober ist als Leitmesse genau das richtige Forum, um aller Welt zu zeigen: Eine klimaneutrale Gesellschaft ist auf Kunststoffe angewiesen; und unsere Branche investiert im großen Umfang in eine nachhaltige Zukunft. Dafür braucht es mutige Entscheidungen – viele davon sind in den Messehallen der K zu sehen.

 

„Eine klimaneutrale Gesellschaft ist auf Kunststoffe angewiesen; und unsere Branche investiert im großen Umfang in eine nachhaltige Zukunft.“

 

Und auch die von Messe Düsseldorf und PlasticsEurope Deutschland betreute Sonderschau „Plastics shape the future“ wird mit Gästen aus Politik, Wissenschaft und Industrie sowie von NGOs die drei wegweisenden Leitthemen der K, Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung, beleuchten – praxisnah, vielfältig, zukunfts- und lösungsorientiert.

 


Autor: Ingemar Bühler, Hauptgeschäftsführer, PlasticsEurope Deutschland e. V., Frankfurt am Main

ZUR PERSON
Ingemar Bühler (40) studierte Internationale Politikwissenschaften an der Universität Erlangen und erwarb ein Global-Business-Diplom an der University of Oxford und der London School of Economics. 2009 trat Bühler bei Bayer ein, wo er bis Ende 2020 in unterschiedlichen Rollen tätig war, u.a. als Vorstandsreferent und Stabsleiter. 2019 übernahm er die Leitung der Abteilung Public Affairs & Sustainability in Deutschland, mit zusätzlicher Verantwortung in der EU. Seit 1. Januar 2021 ist Bühler Haupt­geschäftsführer von PlasticsEurope Deutschland und Regional Director
Central Europe von PlasticsEurope.

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