News

Deutsche Industrie kauft weniger Chemikalien

09.11.2009 -

Die chemische Industrie steht am Anfang einer langen industriellen Wertschöpfungskette. Sie stellt aus fossilen, mineralischen oder nachwachsenden Rohstoffen zahlreiche Werkstoffe und Prozesschemikalien her. Diese werden in nahezu allen Industriezweigen eingesetzt, denn eine moderne Industrie ist auf innovative Chemikalien und Technologien angewiesen. Neben den Vorprodukten für die industrielle Fertigung stellt die deutsche Chemie Arzneimittel und Konsumchemikalien her. Zu der letzten Kategorie zählen die Wasch- und Reinigungsmittel sowie kosmetische Produkte. Auf das Gesundheitswesen und die Konsumenten entfallen rund 20% des Branchenabsatzes. 80% der Verkäufe gehen hingegen an industrielle Kunden (Grafik 1). Da nicht alle Industriezweige gleichermaßen von der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise erfasst wurden, entwickelt sich die Chemienachfrage je nach Kunde unterschiedlich. Es gibt Licht, aber auch viel Schatten.

Produktion von Kunststoffwaren rückläufig

Der mit Abstand wichtigste Kunde der Chemieindustrie ist die Gummi- und Kunststoffverarbeitung. Auf diesen Industriezweig entfällt rund ein Viertel des Chemieabsatzes. Das Produktportfolio reicht von Reifen und anderen Gummiwaren über Verpackungsmittel, Platten und Folien bis hin zu Werkstoffen für die Bauwirtschaft, den Fahrzeugbau sowie für die Elektroindustrie und den Maschinenbau. Die Produktionsentwicklung bei den einzelnen Gummi- und Kunststoffwaren verlief zuletzt sehr uneinheitlich. Nicht alle Bereiche wurden im 4. Quartal 2008 vom Abschwung erfasst (Grafik 2). In der Bauwirtschaft wurden zuletzt sogar mehr Kunststoffe nachgefragt als ein Jahr zuvor. Auch die Nachfrage nach Verpackungsmaterialien blieb vergleichsweise stabil. Insgesamt haben die Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren jedoch die Produktion zum Jahresende 2008 deutlich gedrosselt. Das lag vor allem daran, dass die automobilnahen Produkte wie Reifen oder sonstige Kunststoffwaren zuletzt kaum gefragt waren.

Automobilindustrie in der Krise

Der Fahrzeugbau, genauer gesagt die deutsche Automobilindustrie ist zum Ende des letzten Jahres tief in die roten Zahlen gerutscht. In diesem Indus­triezweig verschärfen neben dem globalen Abschwung und der Finanzkrise strukturelle Probleme die Lage zusätzlich. Globale Überkapazitäten und eine sprunghafte Verschiebung der Konsumenteninteressen zu kleineren energiesparsamen Autos macht der Automobilindustrie zu schaffen. Die deutsche Fahrzeugproduktion war im Jahresverlauf 2008 stark rückläufig. Anlagen wurden vor­übergehend stillgelegt und die Kurzarbeit nahezu flächendeckend eingeführt. Die Produktion sank im 4. Quartal um rund 20% (Grafik 3). In gleicher Größenordnung dürfte die Nachfrage der Automobilindustrie nach Chemikalien gesunken sein. Das gilt insbesondere für Kunststoffe, Lacke und Spezialchemikalien. Doch ein kleiner Lichtblick bleibt: Während die Herstellung von Pkw und Nutzfahrzeugen einbrach, stieg die Produktion von Flugzeugen und Schienenfahrzeugen im
4. Quartal 2008 um 7,5%.

Bauwirtschaft in Deutschland stabil

Im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Krise wird immer wieder auf die Bauwirtschaft hingewiesen. Die US-Immobilienkrise hatte zunächst den Stein ins Rollen gebracht und sich rasch zu einer Finanzmarktkrise ausgeweitet. Auch in anderen Ländern wie Großbritannien und Spanien platzte die Immobilienblase. Die Finanzierungsbedingungen verschlechterten sich rapide. Dies blieb in vielen Ländern nicht ohne Folgen für die Bauwirtschaft. In Deutschland hingegen blieb sie stabil. Hierzulande stieg 2008 die Produktion im Bauhauptgewerbe um 1,2%. Im 4. Quartal lag sie mit -1,6% nur leicht unter dem Vorjahresniveau. Die Perspektiven sehen vergleichsweise gut aus, zumal im Rahmen der Konjunkturprogramme verstärkt in den öffentlichen Bau investiert werden soll. Das stabilisiert auch die Chemienachfrage, denn die Bauwirtschaft zählt zu den wichtigsten Kunden deutscher Chemieunternehmen.

Leichter Produktionsrückgang in der Papier- und Druckindustrie

Die Papier- und Druckindustrie ist ebenfalls ein wichtiger Kunde der Chemieunternehmen. Sie benötigt Prozesschemikalien für die Aufbereitung ihrer Rohstoffe und für die Herstellung von Papier und Pappe. In weiteren Verarbeitungsschritten werden Druckfarben, Klebstoffe und andere Spezialitäten verwendet. Angesichts der konjunkturellen Talfahrt war die Produktion in diesem Wirtschaftszweig Ende 2008 leicht rückläufig (Grafik 4). Als konjunkturell robust zeigte sich neben den konsumnahen Hy­giene- und Toilettenartikeln die Druckindustrie. Demgegenüber war die Produktion sowohl in der Papierherstellung als auch bei den Herstellern von Schreibwaren deutlich rückläufig. Insgesamt dürfte die Chemienachfrage der Papier- und Druckindustrie vergleichsweise stabil geblieben sein.

Chemieanlagen zu 75% ausgelastet

Angesichts des niedrigen Produktionsniveaus in vielen Industriezweigen halten sich die industriellen Kunden der Chemieunternehmen derzeit mit Bestellungen zurück. Die Branche hat die Produktion deshalb deutlich gedrosselt. Momentan nutzt die Chemieindustrie lediglich 75% ihrer Produktionskapazitäten. Besonders hart getroffen hat es die Grundstoffchemie. Diese kapital- und forschungsintensive Sparte hat einen hohen Finanzierungsbedarf. Sie spürt die Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen in besonderem Maße. Die hohe Abhängigkeit der Grundstoffchemie von der Automobilindustrie belastet zusätzlich. Zudem lässt sich bei Großanlagen die Kapazität nicht beliebig herunterfahren. Einzelne Anlagen werden stillgelegt. Dadurch fehlen oftmals Kuppelprodukte, die in anderen Produktionsanlagen benötigt werden.
Positiv wirkt sich hingegen die starke Diversifizierung der Branche aus, da nicht alle Industriezweige vom Abschwung erfasst wurden. Dies gilt vor allem für die Fein- und Spezialchemikalien sowie die Wasch- und Reinigungsmittel. Diese Produkte werden von vielen Branchen, den Dienstleistern und den Konsumenten nachgefragt. Der Mittelstand hat sich auf chemische Spezialitäten und Konsumchemikalien spezialisiert. Viele Mittelständler stehen derzeit etwas besser da als die großen Unternehmen der Grundstoffchemie. Dennoch bleibt auch im Mittelstand die Lage schwierig. Inwieweit die Konjunkturpakete dazu beitragen werden, die Nachfrage nach Chemikalien im laufenden Jahr wieder zu stabilisieren, ist noch nicht abzusehen.