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Ein Werkstoff für die Zukunft

15.03.2013 -

Ein Werkstoff für die Zukunft – Stand der Technik bei Polyvinylchlorid (PVC). Zukunft entsteht in den Köpfen von Menschen.

Deshalb arbeitet die Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt auch mit der wichtigsten Nahrung für den Kopf: Information.

Sie sammeln und liefern Informationen rund um den Werkstoff PVC deutschlandund weltweit.

Denn Umwelt kennt keine Grenzen. Und gerade weil die Umweltqualität von PVC ein Thema ist, besteht ein Bedarf an fundierter Sachkenntnis. In diesem Zusammenhang sprach Dr. Roy T. Fox mit Herrn Werner Preusker, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AGPU).

 


1. Herr Preusker, PVC, einer der ältesten Kunststoffe, noch vor wenigen Jahren beinahe geächtet, erlebt zurzeit eine überraschende Renaissance. Welchen Beitrag hat Ihre Organisation, die Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt zu diesem Wandel geleistet?

Die Nachfrage nach PVC ist in Deutschland seit 1997 um rund 40 % oder gut 500.000 jato gestiegen, stärker als im übrigen Europa. 2006 lag der Anstieg mit 6,6 %nach Angaben von Plastics Europe sogar über dem Durchschnitt aller Polymere von 5,8 %.

Dies ist zum einen auf die exzellenten Eigenschaften des Kunststoffs zurückzuführen, der dank seiner guten Veränderbarkeit durch Additive zu erfolgreichen Produkten verarbeitet werden kann wie UV-beständige Fenster, die nicht gestrichen werden müssen oder beständige Wasserrohre mit besonders glatter Oberfläche.

Daneben war es die Bereitschaft und die Fähigkeit der Menschen und Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, immer wieder neu zu lernen, mit der sich verändernden öffentlichen Diskussion umzugehen.

Der Beitrag der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt bestand darin, ein Netzwerk zwischen den Betroffenen zu knüpfen, Handlungskonzepte zu erarbeiten und über Vorstand und Arbeitskreise in Unternehmen und Verbände zu tragen. Die Renaissance des Kunststoff-Klassikers PVC kommt für uns daher nicht überraschend.

 


2. Welche Bedeutung hatte der Aufbau eines funktionierenden Recyclingsystems für den Erfolg des Werkstoffes PVC?

Der Aufbau von Recyclingmöglichkeiten Anfang der 90iger Jahre für verschiedenste Stoffströme mit PVC-Produkten von Bodenbelägen über Fenster, Rohre, Dachbahnen, Folien bis hin zu Kunststoffgemischen wie bei Kabeln war der erste wichtige Schritt, Umweltprobleme zu verringern und dies durch Kommunikation Politikern und der Öffentlichkeit sichtbar und glaubwürdig zu machen.

 


3. Welchen Einfluss hatten Marketingmaßnahmen, wie die Fokussierung von PVC auf langlebige Anwendungen z.B. Rohre und Fensterprofile?

Die 1997 gestartete Image-Kampagne der ebenfalls von der Branche getragenen Marketing-Plattform PVCplus war der entscheidende Schritt, aus der ständigen Debatte um Umweltthemen herauszukommen. Zugleich konnten wir die Stagnation der Nachfrage zwischen 1988 und 1996 beenden.

Strategie war, über die emotionale Bewerbung des Nutzens der Endprodukte von Schwimmflügeln, Rettungsinseln, Blutbeuteln bis hin zu Fenstern oder Kabeln den Werkstoff insgesamt sympathischer zu machen. Entscheider über die Verwendung von PVC und öffentliche Meinungsführer haben wir auch durch persönliche Kontakte angesprochen und damit Vertrauen aufgebaut.

Damit entspricht unsere Arbeit dem heutigen Kenntnisstand, wie man öffentlichen Kampagnen begegnet. Anfragen aus der Chemie- und Kunststoffindustrie - auch außerhalb von Deutschland - zeigen, dass dieser Erfolg auch wahrgenommen wird. Sie haben auch schon zu einigen Kooperationsprojekten geführt.

 


4. Wo und warum wird heute noch PVC als Verpackungsmaterial eingesetzt?

PVC wird heute weiterhin dort eingesetzt, wo es auf seine besonderen Eigenschaften zum Schutz empfindlicher Güter ankommt, zum Beispiel für Blutbeutel, Pharmaverpackungen, Frischfleisch oder Kosmetika.

 


5. Die Stabilisierung von PVC durch Additive, die giftige Schwermetalle wie Cadmium oder Blei enthalten, war lange Zeit das Ziel von Angriffen der PVC-Gegner. Wie weit ist die Umstellung auf weniger kritische Additive gediehen und wird weiter der volle Alterungsschutz gewährleistet?

Cd-haltige Stabilisatoren sind mittlerweile in ganz Europa für Neuware nicht mehr im Einsatz. Mit der europäischen Selbstverpflichtung zur nachhaltigen Entwicklung ("Vinyl2010") wird die Verwendung von Blei-haltigen Stabilisatoren spätestens 2015 eingestellt.

Bis Ende 2006 waren bereits über 20 % Substitution erreicht. Die schrittweise Umstellung soll auch sicherstellen, dass in Punkto Haltbarkeit keine Kompromisse eingegangen werden müssen.

 


6. Nicht überall auf der Welt sind giftige Schwermetalle aus PVC verbannt. Gibt es Probleme mit kontaminierter Importware?

Bislang sind nur selten solche Vorkommnisse zu verzeichnen gewesen. In aller Regel werden ja die Importprodukte im Auftrag europäischer Firmen hergestellt.

 


7. Ein zweiter Problembereich waren die Weichmacher, welche für Weich-PVC in größeren Mengen benötigt werden. Können die heute eingesetzten Weichmacher als toxikologisch unbedenklich gelten?

Weich-PVC ermöglicht flexible Taschen, Kabel, Schläuche oder Kunstleder sowie Abdichtungsfolien für Dächer, Trinkwasserbehälter oder den Tunnelbau herzustellen - das klingt profan, viele Werkstoffe für flexible Anwendungen haben wir aber nicht.

Die heute am häufigsten verwendeten Weichmacher DINP und DIDP sind in den amtlichen Risikobewertungen der EU aufgelistet, veröffentlicht im Amtsblatt April 2006, und diese stellen nach sehr umfassenden Prüfungen ausdrücklich fest, dass es unwahrscheinlich sei, dass sie in Erzeugnissen ein Risiko für Mensch und Umwelt verursachen.

 


8. Wesentlichen Anteil am Erfolg der deutschen PVC-Hersteller und Kunststoffe-Verarbeiter haben die Exporte nach Ost-Europa, wo im Baubereich ebenso wie bei der Wasserver- und -entsorgung ein großer Nachholbedarf an Profilen und Rohren aus PVC besteht. Lässt dessen Ausmaß die deutsche PVC-Industrie den zügigen Aufbau der Eigenversorgung in diesen Ländern mit Gelassenheit betrachten?

Insbesondere die deutschen Profilhersteller haben sich durch ihr großes frühzeitiges Engagement in Osteuropa einen guten Marktanteil erobert, den sie mit der gleichen Kraft auch weiter verteidigen und ausbauen.

Vom Nachholbedarf in Osteuropa profitieren daher auch die europäischen PVC-Hersteller, teils durch Direktimporte teils über die importierten Produkte. Die Märkte werden daher sehr aufmerksam beobachtet.

Nach meiner Ansicht ist Zuversicht im Hinblick auf den Ausbau der PVC- wie der Profilproduktion eher angemessen als Gelassenheit.

 


9. Die bestehende Nachfrage nach PVC wird im Wesentlichen getragen durch herkömmliche Produkte und Anwendungen. Sehen Sie Produkt- oder Anwendungsinnovationen, welche diesem Kunststoff der ersten Stunde neue Wachstumsimpulse bescheren können?

PVC wächst mit innovativen Anwendungen wie Audi mit neuen Automodellen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass zum Beispiel Rohre heute durch Schaumkern oder Wandstruktur ganz anders aussehen als vor 15 Jahren, der Unterbodenschutz am Auto ebenfalls mit weniger Material auskommt oder Fensterprofile eine signifikant höhere Wärmedämmung bis hin zur Passivhaus- Qualität erreichen.

Neue Füllstoffe wie Nanoteilchen oder Holzfasern bieten neue Anwendungsmöglichkeiten. Abgesehen davon sind selbst die Märkte für Rohre und Fenster in Westeuropa bei weitem nicht ausgereizt.



10. Die Kritik am PVC kam und kommt auch daher, dass der PVC-Rohstoff Chlor durch Chloralkalielektrolyse mit Quecksilberkathoden (Amalgam.Verfahren) erzeugt wurde und z.T. noch erzeugt wird. Wie ist der Stand heute? Sind die Amalgam-Elektrolysen auf das umweltfreundlichere und effizientere Membranverfahren umgerüstet?

Nach einer aktuellen Information des VCI entfällt heute eine Kapazität von 2,1 Mio. t Chlor (48 %) auf das Membranverfahren, 26 % auf das Diaphragma-Verfahren und nur noch 26 % auf das Amalgam-Verfahren. Bei den deutschen PVC-Herstellern sind weitere Membrananlagen bereits im Bau oder in der festen Planung.

 


11. Gibt es weitere nennenswerte Verfahrensverbesserungen auf dem Syntheseweg vom Ethylen zum PVC?

Wie auch in anderen Branchen werden bei der PVC-Herstellung die Prozesse laufend verbessert. Bei der Polymerisation sind erhöhte Raum-/Zeit- Ausbeuten in den Reaktoren durch höhere Feststoffanteile zu verzeichnen, bessere Kühlung (Innenkühler, externe Rückflusskühler) sowie Entwicklungen bei Initiatoren und Trocknern.



12. Wie entwickelt sich das weltweite Interesse an PVC? Werden in den Erdöl-erzeugenden Ländern verstärkt PVC-Produktionslinien aufgebaut? Wenn ja, wo und wer? Oder bleibt PVC ein Thema der klassischen Erzeugerländer?

Die Nachfrage nach PVC und PVC-Produkten wächst weltweit und daher auch die Erweiterung der Produktionskapazitäten.

In China ist bemerkenswert der Aufbau mehrerer, eher kleiner Produktionen auf der Basis von Kohle und Acethylen. Neue Kapazitäten entstehen in USA, Brasilien, Thailand, Russland und auch in Nahost.

Nach meiner Ansicht dienen die Anlagen im Grunde der Bedienung des regionalen Bedarfs, eine dramatische Verschiebung der Anbieterstrukturen sehe ich nicht.

 


Kontakt:

Werner Preusker
Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V.,
Bonn
Tel.: 0228/91783-0
Fax: 0228/5389594
agpu@agpu.com