Chemie & Life Sciences

Chemie und Fußball

Ohne Kunststoffe und Spezialchemikalien rollt bei der Europameisterschaft 2012 kein Ball

05.06.2012 -

Bei Chemie im Sport denken viele zuerst an leistungssteigernde Substanzen in den Sportlern: Doping. Jeder Fußballfan kennt das legendäre Zitat von Waldemar „Waldi" Hartmann: „Doping im Fußball bringt nichts, das Zeug muss in die Spieler rein." Was aber Chemie im Sport tatsächlich auf legale Weise vollbringt, wird den meisten erst auf den zweiten Blick bewusst. Die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ist - ebenso wie die in wenigen Wochen beginnenden Olympischen Spiele in London - Anlass genug, der weltweiten Öffentlichkeit zu zeigen, wo moderne Materialien aus den Chemielabors Athleten zu sportlichen Höchstleistungen antreiben und welchen Beitrag sie für die Sicherheit und Ästhetik von Sportarenen leisten.

Polymere in der Offensive
Fußball wird immer schneller, dynamischer und athletischer - und polymere Materialien prägt diese Entwicklung entscheidend mit. So ermöglicht die besondere Beschaffenheit moderner Fußbälle eine gleichbleibend gute Spielkontrolle bei allen Witterungsbedingungen.
Auch Schuhe und Trikots sowie Schienbeinschützer und Torwarthandschuhe sind dank maßgeschneiderter Entwicklungen aus der Chemie- und Kunststoffindustrie perfekt auf die Bedürfnisse des Spitzenfußballs ausgerichtet. Wasser- und schweißabweisende Trikots gewährleisten einen hohen Tragekomfort über die gesamte Spielzeit. Die Trikots aus strapazierfähigem Kunststoff - inzwischen gibt es sogar Trikots aus recycelten Kunstoffen - sind reißfest und gleichzeitig leicht und aerodynamisch optimiert. Dank einer speziellen Faserstruktur bleiben sie das ganze Spiel über atmungsaktiv.
Ein moderner Fußballschuh besteht zu rund 70 % aus Kunststoff, ist extrem leicht, elastisch und bietet gleichzeitig optimale Stabilität. Stollen aus Spezialkunststoff verringern das Gewicht weiter und passen sich den Bodenverhältnissen an. Das Obermaterial - bei hochwertigen Tretern ein mit Spezialchemikalien veredeltes hochwertiges Naturleder oder Hightech-Kunststoffmaterial - macht die Schuhe wasserabweisend und dennoch atmungsaktiv.

Tango á la Dormagen
Beim Ball hat Leder längst ausgedient: Erstmals wurde bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko ein komplett aus Kunststoff bestehender Spielball eingesetzt. Bei jeder neuen Ballgeneration sind seitdem neuentwickelte Kunststoffmaterialien eingesetzt worden, die die Schussgeschwindigkeit erhöhten und Flugeigenschaften des Balles verbesserten. Der Turnierball der Fußball-EM 2012 kommt dem „perfekten" Ball erneut ein Stück näher: Der Hightech-Ball mit dem klangvollen Namen "Tango 12" ist erneut ein Ergebnis der bewährten Zusammenarbeit von Adidas und Bayer MaterialScience. Ein besonderes Merkmal des Tango 12 ist die Textur der Oberfläche, die an die Struktur von Jeans-Stoff erinnert.
"Die äußere Hülle des Tango 12 besteht aus insgesamt fünf Polyurethanschichten auf Basis von Rohstoffen unseres Impranil-Sortiments", erläutert Thomas Michaelis, Projektleiter für die Ballentwicklung bei Bayer MaterialScience in Dormagen. "Diese Schichten sorgen für einen optimalen Kontakt am Fuß des Spielers und für eine sehr gute Kontrolle bei allen Witterungsbedingungen."
Die innerste Lage ist ein Haftstrich, der das textile Trägermaterial mit den darüber liegenden Schichten verbindet. Darauf folgt ein rund 1 mm dicker syntaktischer Schaum, in dem Millionen mit Gas gefüllter Mikrokügelchen integriert sind. Dadurch erhält der Ball nach der Verformung beim Schuss schnell wieder seine Kugelform für eine optimale Flugbahn zurück. Den Abschluss bilden drei kompakte Polyurethan-Schichten unterschiedlicher Stärke. Sie verleihen der Oberfläche eine gute Beständigkeit gegen äußere Einflüsse und Abrieb, aber auch eine hohe Elastizität.
Die einzelnen Panels der Ballhülle werden durch die patentierte Thermo-Bonding-Technologie, verklebt und nehmen dadurch so gut wie keine Feuchtigkeit auf. Das Ergebnis: Der Ball wird selbst bei starkem Regen nur um maximal 0,1 % schwerer und ist nahezu wasserundurchlässig. Auch hier ist eine Rohstoffentwicklung von Bayer MaterialScience im Einsatz: Der thermo-aktivierbare Klebstoff basiert auf einer wässrigen Polyurethandispersion des Dispercoll U Sortiments.

Schnelligkeit, Robustheit und Präzision
Ziel war es außerdem, den Ball noch runder zu machen. Weniger Schnittkanten und mehr Rundungen bedeuten auch weniger Nahtstellen und Ecken in der Außenhaut. Die Kicker treffen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf glatte Flächen und können den Ball damit präziser spielen. Messungen des Durchmessers an 16 verschiedenen Punkten pro Ball belegen: Die Abweichung zwischen dem größten und kleinsten Durchmesser beträgt nur maximal 1 %.
Der Tango 12 durchlief während seiner zweijährigen Entwicklungsphase strenge Testverfahren. "Vor dem Tango 12 gab es noch keinen Ball von Adidas, der einer so intensiven Testphase unterzogen wurde", sagt Harald Körger, der beim fränkischen Sportartikelhersteller für die Ballprüfungen zuständig ist.
Der Tango 12 ist also im wahrsten Sinn des Wortes eine runde Sache. Seine heiß verklebte, nahtlose Oberfläche mit Polymerbeschichtung sorgt für eine präzise Flugbahn. Der neue Ball ist praktisch wasserdicht und garantiert perfekte Griffigkeit bei allen Wetterbedingungen.

Kunststoffe im und am Stadion
Kunststoffe dominieren auch die restliche Fußballszene: In den hochmodernen, funktionalen Stadien garantieren transparente Dachkonstruktionen, dass viel Sonnenlicht in den Innenraum fällt. Gleichzeitig sind die Fans vor Wind und Regen geschützt. Ein bernsteinfarbiges transluzentes Kunststoffdach für die PGE-Arena in Danzig und kunststoffbeschichtete Membranen u.a. für die Stadien in Kiew und Warschau lassen die Arenen hell und leicht erscheinen und bieten gleichzeitig den Besuchern größtmöglichen Komfort. Stadionsitze aus eingefärbtem Kunststoff sind extrem stabil, leicht und bequem. Kunststoffrohre für Drainagesysteme und in der Rasenheizung tragen dazu bei, dass der Platz auch bei Starkregen und im Winter länger bespielbar ist. Auch der Trend zu Kunstrasenplätzen hält weiter an. Und auch die Tornetze und Eckfahnen bestehen aus polymeren Werkstoffen.

Immer wenn also Europas beste Fußballer bei der EM mit dem Tango 12 rasante Spielzüge auf den Rasen zaubern und der Ball schließlich im Netz zappelt, wäre der Ausspruch von Waldi widerlegt: Doping in Form von modernen Chemiematerialien bringt auch im Fußball etwas. Das Spiel wird durch das moderne Spielgerät schneller und dadurch für die Zuschauer noch spektakulärer. Nun heißt es: Daumen drücken für die Mannschaft, die mit der Hightech-Kugel am besten umgehen kann.

 

Weiterführende Informationen:

CHEManager Europe: Doing the Tango at the Stadium

ChemistryViews: The Science of Football

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