„Es gibt genügend Geld für gute Produktkandidaten“

Interview mit Morphosys-Chef Simon Moroney, einem der erfahrensten Biotechmanager in Deutschland

  • Zitat im Bild: „Es gibt in dieser Industrie mehr als genügend Geld für gute Produktkandidaten.“ Simon Moroney Mitgründer und Vorstandsvorsitzender, MorphosysZitat im Bild: „Es gibt in dieser Industrie mehr als genügend Geld für gute Produktkandidaten.“ Simon Moroney Mitgründer und Vorstandsvorsitzender, Morphosys
  • Zitat im Bild: „Es gibt in dieser Industrie mehr als genügend Geld für gute Produktkandidaten.“ Simon Moroney Mitgründer und Vorstandsvorsitzender, Morphosys
  • MOR208, ein Antikörper zur Behandlung von Blutkrebs, soll 2020 auf den Markt kommen. Morphosys, das mit 329 Mitarbeitern einen Umsatz von über 76 Mio. EUR erwirtschaftet, könnte damit deutlich wachsen.
  • In der Biotechbranche gibt es zahlreiche Investoren, die bereit sind, viel Geld zu investieren. Allerdings wollen sie dafür klinische Daten sehen, die zeigen, dass die Arzneimittelkandidaten großes Potenzial haben.

In der Biotechbranche gibt es zahlreiche Investoren, die bereit sind, viel Geld zu investieren. Allerdings wollen sie dafür klinische Daten sehen, die zeigen, dass die Arzneimittelkandidaten großes Potenzial haben, sagt der scheidende Morphosys-Chef Simon Moroney.

Er ist einer der erfahrensten Biotechmanager Deutschlands. 1992 war Simon Moroney Mitgründer von Morphosys, seit 1999 ist er Vorstandsvorsitzender des Planegger Unternehmens. Während die Firma lange ausschließlich Antikörper entwickelte und auslizenzierte, arbeitet Morphosys heute auch an eigenen Arzneimitteln. MOR208, ein Antikörper zur Behandlung von Blutkrebs, soll 2020 in den USA auf den Markt kommen. Das Unternehmen, das mit 329 Mitarbeitern einen Umsatz von über 76 Mio. EUR erwirtschaftet, könnte damit deutlich wachsen. Moroney selbst hat angekündigt, dass er seinen Posten spätestens zum 30. Juni 2020 aufgeben wird. Thorsten Schüller befragte den gebürtigen Neuseeländer zum Ende seiner Karriere zu den Perspektiven von Morphosys, den Entwicklungen der Biotechbranche und Finanzierungsmöglichkeiten.

CHEManager: Herr Moroney, Sie haben in jüngerer Zeit mehrfach geäußert, dass Morphosys in einem guten Zustand sei. Woran machen Sie das fest?

Simon Moroney: Das basiert hauptsächlich auf unserem Wirkstoff MOR208, der im Augenblick in einer klinischen Studie ist, die 2020 hoffentlich zu einer Zulassung in den USA führt. Wir planen, MOR208 selbst zu vermarkten. Dazu bauen wir derzeit in den USA eine Vertriebsorganisation auf. Ein eigenes Produkt auf den Markt zu bringen ist für das Unternehmen eine große Chance. Wir sind sehr zuversichtlich, dass dieses Produkt ein Erfolg werden könnte.
Darüber hinaus haben wir einige andere Medikamentenprogramme, die ebenfalls gut aussehen. Außerdem ist die Firma solide finanziert und in der Lage, diese Programme voranzubringen. Deswegen kann man gerechtfertigt sagen, dass Morphosys heute besser dasteht als je zuvor.

Das Unternehmen steht auf zwei Beinen: zum einen haben Sie Ihr Lizenz- beziehungsweise Service­geschäft, zum anderen betreiben Sie seit Jahren auch die Entwicklung eigener Produkte wie MOR208.

Sie hatten bereits vor vielen Jahren den Versuch unternommen, in die Eigenentwicklung zu gehen. Warum hat es damals nicht funktioniert und warum können Sie es heute machen?

Simon Moroney: Das war Anfang der 2000er-Jahre. Es war damals einfach nicht möglich, unsere Pläne zu bezahlen, da nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes kein Risikokapital für Biotech in Deutschland zur Verfügung stand. Heute stehen wir viel besser da, sind größer und stärker und können diese sehr teuren Entwicklungsprogramme finanzieren.

Was braucht es für ein Biotechunternehmen, damit man eine derartige Eigenentwicklung stemmen kann?

Simon Moroney: Natürlich braucht man einen Produktkandidaten, der das Potenzial hat, einen Unterschied zu machen. Das ist bei MOR208 der Fall. Dazu braucht man Expertise. Die haben wir. Wir haben Leute mit der notwendigen Entwicklungserfahrung rekrutiert. Schließlich braucht man das Geld, um die Projekte voranzutreiben.

Ist der Aufbau eines eigenen Vertriebs in den USA ein Modell, das Sie auch in anderen Regionen anwenden werden, beispielsweise in Europa?

Simon Moroney: Europa funktioniert anders, weil jedes Land hier im Arzneimittelbereich seine Besonderheiten hat. Dabei geht es vor allem um Kostenerstattung und unterschiedliche Preispolitik in den europäischen Ländern. Wir glauben, dass wir diesbezüglich Deutschland verstehen. Aber um gut zu sein, müssen wir auch all die anderen europäischen Länder verstehen. Das ist komplizierter als in den USA, was ein Markt ist.

Wann könnte MOR208 in Europa auf den Markt kommen?

Simon Moroney: Das kommt darauf an, welche Studie die Zulassungsstudie sein wird. Wir haben zwei Studien, die parallel laufen. Wir sind im Gespräch mit den europäischen Behörden, um den möglichen Weg zur Zulassung auszuloten. Stand heute gehen wir jedoch davon aus, dass es zumindest ein Jahr länger dauern wird als in den USA.

Wie sehen Sie das wirtschaftliche Potenzial von MOR208?

Simon Moroney: Zuerst fokussieren wir uns auf eine bestimmte Patientengruppe. Das sind ältere Leute, für die es derzeit keine alternative Behandlungsmöglichkeit gibt. Wir sprechen hier von schätzungsweise 8.500 Patienten in Amerika und vielleicht einer ähnlichen Zahl in Europa.

Das würde welchem Umsatz entsprechen?

Simon Moroney: Wir haben noch keinen Preis definiert. Aber wenn man in den USA einen Preis zwischen 100.000 bis 200.000 USD pro Jahr zugrunde legt, was üblich bei modernen Biopharmazeutika ist, dann sprechen wir von einer Marktgröße von 800 Mio. bis 1,5 Mrd. USD. Da die Preise in Europa in der Regel niedriger sind, ist hier auch das Marktvolumen geringer.

Wo hängt Ihr Herz mehr dran – am Servicegeschäft, mit dem Sie groß geworden sind, oder an der Eigen­entwicklung von Arzneimitteln?

Simon Moroney: Letztlich ist es besser, wenn man selber alles unter Kontrolle hat, als sich auf Partner zu verlassen. Unser Geschäftsmodell in der Vergangenheit bestand darin, Antikörper zu entwickeln, die wir an Pharmafirmen abgegeben haben. Dann haben wir gehofft, dass diese die Entwicklung weiter vorantreiben. Manchmal war das der Fall, in anderen Fällen hat das nicht so gut funktioniert.

Für ein junges Biotechunternehmen ist es aber schwierig bis unmöglich, eine Eigenentwicklung zu stemmen, oder?

Simon Moroney: Natürlich kann man nicht alles selbst machen, insbesondere wenn man klein ist. Deswegen muss man bei seinem Geschäftsmodell und der Finanzierung kreativ sein. Medikamentenentwicklung ist sehr teuer, keine Frage. Aber ich würde mir wünschen, dass es mehr junge Firmen gibt, die den Ehrgeiz haben und sagen: Ich habe eine Substanz, die wirklich Potenzial hat, die will ich selber voranbringen. Dieses Geschäftsmodell ist letztendlich das attraktivste für die Industrie und natürlich auch für die Gründer.

Welche unternehmerischen Qualitäten sind dafür nötig?

"Es gibt in dieser Industrie
mehr als genügend Geld
für gute Produktkandidaten."

Simon Moroney: Weitsicht, Mut und Ausdauer sind sicher wichtige Aspekte. Firmen in Europa sagen oftmals, die Entwicklung eigener Produkte sei zu schwierig und zu teuer. Es gebe nicht genügend Risikokapital und Investoren. Meine Meinung ist: Wenn man ein Molekül mit Substanz hat, dann ist auch das Geld dafür da. Wir sehen das bei unseren amerikanischen Investoren: Es gibt in dieser Industrie mehr als genügend Geld für gute Produktkandidaten.

Diese Investoren müssen überzeugt werden. Wie machen Sie das?

Simon Moroney: Langfristig orientierte Investoren verstehen, dass es bei der Entwicklung Misserfolge geben kann. Was diese Leute wirklich überzeugt, sind Daten. Die wollen Daten sehen! Zuerst präklinische Daten, dann klinische Daten. Sie wollen sehen, dass der Produktkandidat Potenzial hat und konkurrenzfähig sein kann. Es genügt nicht zu sagen: Ich habe einen Antikörper in Phase I und der ist sicher. Sie müssen Wirksamkeit nachweisen. Wenn diese Daten vorhanden sind, gibt es auch Interesse. Es gibt mehr als genügend Geld da draußen.

Können Sie ein Beispiel für die wirtschaftliche Wirkung klinischer Daten geben?

Simon Moroney: Mitte der Nullerjahre hatten wir mit unserem Servicegeschäft eine Marktkapitalisierung von 300 bis 400 Mio. EUR. Als wir 2013 unsere ersten klinischen Daten zu MOR103 veröffentlicht haben, hat sich unsere Marktkapitalisierung auf Basis dieser Ergebnisse verdoppelt. Das heißt, wir haben auf diese Weise in wenigen Monaten mehr Wert generiert als wir in den 14 Jahren davor mit dem Servicemodell erreicht hatten.

Aber Marktkapitalisierung ist kein Umsatz, den Sie erwirtschaftet haben, sondern die Bewertung von Morphosys durch die Außenwelt.

"Letztlich muss man in Forschung
und Entwicklung investieren –
dazu gibt es keine Alternative."

Simon Moroney: Richtig. Das ist der potenzielle Wert – Fantasie, wenn man so will. Das ist die Bewertung eines Biotechunternehmens auf Basis der potenziellen Produkte. Letztlich muss man in Forschung und Entwicklung investieren – dazu gibt es keine Alternative. Morphoys investiert pro Jahr mehr in F&E, als wir an Umsatz generieren.

Was man nicht dauerhaft durchhalten kann.

Simon Moroney: Natürlich nicht für immer. Aber die Investoren, die sich in unserer Branche wirklich auskennen, fragen nicht, wann wir profitabel sein werden. Die interessieren sich dafür, wie hoch unser Umsatz sein kann. Wie groß kann MOR208 werden? Die wissen, wenn MOR208 ein Milliardenprodukt sein kann, dann werden wir eines Tages auch profitabel sein.

Würden Sie Biotechfirmen empfehlen, an die Börse zu gehen?

Simon Moroney: Absolut. Die damit verbundenen Berichtspflichten können zwar manchmal nervig sein. Aber nur an der Börse haben Sie Zugang zu Summen, die sonst unmöglich sind. Durch unser Listing an der US-Börse Nasdaq haben wir im vergangenen Jahr mit einem Schlag 240 Mio. USD brutto reingeholt. Solche Summen sind durch private Investitionen fast undenkbar. Außerdem hat man im Prinzip ständig Zugang zu frischem Geld. Für Biotechfirmen ist es essenziell, Zugang zu großen Summen zu haben.

Wünschen Sie sich manchmal mehr staatliche Unterstützung für die Biopharmaindustrie?

"Im Vergleich zu anderen
europäischen Ländern haben wir bei
Investitionen in F&E einen Nachteil."

Simon Moroney: Ich würde mir wünschen, dass die steuerlichen Bedingungen optimiert werden. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern haben wir beispielsweise bei Investitionen in F&E einen Nachteil. Kleinere Unternehmen in Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden haben entschiedene steuerliche Vorteile bei F&E-Investitionen. Die sind sehr attraktiv und hilfreich. Das gibt es nicht in Deutschland.

Wenn Sie zurückblicken – wie hat sich die Biotechnologie in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Simon Moroney: Im Bereich Krebs, wo wir unterwegs sind, gab es vor allem in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte – nicht nur im Bereich der Zelltherapie, sondern auch bei den sogenannten Checkpoints haben wir wichtiges Wissen gewonnen. Es hat sich gezeigt, dass man unser Immunsystem im positiven Sinne manipulieren kann. Das können wir nutzen, um Tumorzellen zu bekämpfen. Heute haben wir ein viel besseres Verständnis, was in einem Tumor passiert und wie wir ihn mit Immunzellen bekämpfen können. Krebspatienten haben damit viel bessere Chancen als vor 20 Jahren. Das ist ein Durchbruch!

Bundesgesundheitsminister Spahn hat vor einiger Zeit gesagt, dass Krebs in weiteren 20 Jahren heilbar sein wird. Stimmen Sie dem zu?

Simon Moroney: Ich finde es gut, dass er ein ehrgeiziges Ziel definiert hat. Dass aber alle Krebsarten in 20 Jahren geheilt werden können, ist meiner Meinung nach relativ unwahrscheinlich.

Warum?

Simon Moroney: Krebs besteht aus vielen unterschiedlichen Krankheiten. Das hat zur Folge, dass wir oft immer noch nicht verstehen, warum manche Patienten auf eine bestimmte Therapie reagieren und andere nicht. Dass wir das in 20 Jahren komplett verstehen, glaube ich nicht. Da ist einfach zu viel Biologie im Spiel. Selbst wenn wir die genetischen Details verstehen, muss man Substanzen haben, die gegen diese unterschiedlichen Krankheiten aktiv sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das in dieser Zeit schaffen.

Wo sehen Sie Morphosys in fünf oder zehn Jahren?

Simon Moroney: Ich hoffe, das Unternehmen wird nach wie vor unabhängig sein. Es wird viel größer sein und mehrere Produkte auf dem Markt haben. Es gibt in Amerika mehrere Beispiele von Biotechfirmen, deren Weg wir kopieren. Für ein deutsches Unternehmen mag unser Weg ungewöhnlich erscheinen. Aber wir machen nichts Neues.


Zur Person
Simon Moroney
war 1992 Mitgründer von Morphosys. Davor war er im Fachbereich Pharmakologie der Universität Cambridge, Großbritannien, sowie am Lehrstuhl für Chemie der Universität von Vancouver und am Lehrstuhl für Chemie der ETH in Zürich tätig. Moroney hat in seiner Heimat Neuseeland Chemie studiert. An der Universität von Oxford erwarb er einen D.Phil. in Chemie. 2002 erhielt Moroney das Bundesverdienstkreuz am Bande für seine Verdienste um die Biotechnologie.

 

 

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