Risikomanagement und Risikobeherrschung im pharmazeutischen Umfeld nach ICH Q9

Im Pharmasektor müssen Risiken sicher erkannt, bewertet und beherrscht werden

  • Jürgen Ortlepp, Geschäftsbereichsleiter Tanklager und Qualitätsmanagement, Infraserv Logistics GmbH, Frankfurt am MainJürgen Ortlepp, Geschäftsbereichsleiter Tanklager und Qualitätsmanagement, Infraserv Logistics GmbH, Frankfurt am Main

Im hochregulierten pharmazeutischen Umfeld ist ein effektives und dabei effizientes Qualitätsrisikomanagement unverzichtbar. Die Regularien stellen in aller Regel nur eine Minimalanforderung und einen Rahmen dessen dar, was im Sinne der Qualitätssicherung der Prozesse und Prozessumgebung notwendigerweise umgesetzt werden muss. Eine risikobasierte Interpretation der regulatorischen Forderungen ist dabei ein erprobtes Mittel zur Ableitung von Umsetzungsmaßnahmen unter Erhalt der GMP-Compliance.

Mit dem ICH-Guide Q9 (International Conference on Harmonization, www.ich.org) existiert seit geraumer Zeit eine praxisnahe und umfangreiche Sammlung von Werkzeugen für ein wirksames Risikomanagementsystem. Mittlerweile findet sich diese Guideline auch im Part III des EU-GMP-Leitfadens wieder und stellt damit innerhalb der EU den Stand der Technik im pharmazeutischen Qualitätsrisikomanagement dar. Im Folgenden soll auf die grundlegende Logik der Guideline Q9 zur Erzeugung eines Qualitätsrisikomanagementsystems eingegangen werden:

Nach EN ISO 14971 ist ein Risiko definiert als die Kombination der Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Schadens und des Schweregrades dieses Schadens. In der Praxis ist diese Definition zwar hilfreich, um grundsätzlich Risiken bezüglich Ihres Impacts auf die Sicherheit und Unbedenklichkeit der Prozesse und Produkte einzuschätzen, aber ohne eine grundlegende Systematik bleiben die Ergebnisse beliebig unscharf und sind nicht zwangsläufig vollständig.

Genau hier setzt Q 9 an: Der Fokus liegt auf der Etablierung eines vollständigen und nachhaltigen Qualitätsrisikomanagementsystems mit den drei Kernbausteinen Risikobeurteilung, Risikokontrolle und Risikokommunikation.
Das System ist dabei so aufgebaut, dass der Prozess des Risikomanagements im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozess perpetuierend durchlaufen wird. Dies führt im Endergebnis zu einem tieferen Verständnis potenzieller Risikofaktoren und Maßnahmen zur Reduktion resp. Eliminierung derselben.

Die Risikobeurteilung

Bei der Risikobeurteilung ist folgende Wirkung gewünscht: Es existiert ein vollständiges Bild aller möglichen Risiken und deren Impact ist in eine messbare Größe (z.B.

als RPZ: Risikoprioritätszahl als Produkt aus Risiko und Wahrscheinlichkeit der Entdeckung eines Schadens) überführt.

Zunächst wird im Rahmen der Risikoidentifikation ein möglichst breit gefächertes und umfangreiches Bild aller denkbaren und möglichen Schäden erzeugt. Hierbei kommen klassische Kreativitätsmethoden wie Brainstorming, Brainwriting oder Mindmaps zum Einsatz. Auch der Einsatz der Ishikawa-Methode (Fischgrät-Modell) hat sich hierfür in der Praxis sehr bewährt. Ein (möglichst neutraler) Moderator ist hierbei nahezu unverzichtbar.
Anschließend wird im Schritt der Risikoanalyse die Eintrittswahrscheinlichkeit der zuvor identifizierten möglichen Schäden ermittelt. Hierbei hat sollte man auf zuvor definierte Bewertungsskalen zurückgreifen. Beispielsweise kann eine 5er-Skala (1: Schaden tritt praktisch nie auf, 5: Schaden tritt potenziell täglich auf) hinreichende Genauigkeit und Granularität zur Bewertung der Auftretenswahrscheinlichkeit liefern. Es hat sich in der Praxis bewährt, dass – sollte man sich nicht auf einen Zahlenwert einigen können – aus Gründen der Sicherheit der höhere Zahlenwert Anwendung findet.
Abgeschlossen wird der Prozess der Risikobeurteilung mit der Risikobewertung. Im Fokus steht hierbei die Bewertung des möglichen Ausmaßes eines Schadens. Wie bei der Risikoanalyse ist hierbei eine Bewertungsskala mit zuvor festgelegten Kriterien zu Grunde zu legen (z.B. 1: Schaden hat praktisch keine Auswirkung, 5: Schaden hat potenziell fatale Auswirkung). Auch hier gilt: Im Zweifel den höheren Wert nutzen. In ähnlicher Weise wird auch die Entdeckungswahrscheinlichkeit identifiziert (1: leicht zu entdecken, 5: nicht zu entdecken).

Für die Wahl der Methoden zur Risikobeurteilung gibt es zwar keine vorgeschriebenen Verfahren, aber:  Die gewählte Methode sollte im Unternehmen schriftlich festgelegt, begründet und nachvollziehbar sein. Selbstverständlich müssen die involvierten Personen im Verfahren geschult worden sein und die Einhaltung der Vorgaben wird überwacht.

Die Risikokontrolle

Die gewünschte Wirkung der Risikokontrolle ist die Schaffung einer Entscheidungsgrundlage zur Akzeptanz möglicher Risiken.

Erster und wesentlicher Schritt jeglicher Überlegungen im zweiten Baustein ist die Identifikation möglicher Maßnahmen zur Risikoreduktion.
Gemäß obiger Definition kann ein Risiko dann reduziert werden wenn eine Reduktion der Schadensauswirkung und/oder der Auftretenswahrscheinlichkeit gelingt, oder eine Erhöhung der Entdeckungswahrscheinlichkeit das Auftreten eines Schadens frühzeitig (idealerweise vor dem Eintritt) erkennen lässt.

Bei der Identifikation risikominimierender Maßnahmen  hat es sich bewährt, nach dem STOP-Prinzip in nachstehender Priorität vorzugehen:

- Substitution: Ersatz eines risikoreichen durch einen risikoärmeren Prozess

- Technische Lösung: Einbau technischer Vorkehrungen, z.B. Lichtschranke

- Organisatorische Lösung: Verfahrensanweisungen, SOPs

- Personenbezogene Lösung: Individuelle Verhaltensanweisungen, persönliche Schutzausrüstungen etc.

Die Risikokommunikation

Die gewünschte Wirkung ist hier die Kommunikation gefundener Risiken und die Sicherstellung einer regelmäßigen Überwachung.

Die Kommunikation identifizierter Risiken und der zur Minimierung abgeleiteten Maßnahmen innerhalb einer Organisation schafft zum einen Transparenz und zum anderen auch die zwingend notwendige „Awareness“ für den Gesamtprozess.
Hierbei entsteht ein Abbild der Risiken im Sinne eines Risikokatasters, in dem alle beteiligten Stakeholder das gleiche Wissenslevel über die Gesamtrisiken erhalten.
Gleichzeitig fließen die Erkenntnisse aus den beiden vorgelagerten Prozessschritten der Risikobeurteilung und –kontrolle in das QM-System mit ein. Damit wird Risikomanagement zentraler und integraler Bestandteil des QM-Systems.

Im Sinne des QM-Systems muss nun in regelmäßigen und im Voraus zu planenden Prüfzyklen eine Überwachung des Gesamtsystems gewährleistet werden. In diese Überwachung fließen Erkenntnisse aus dem Abweichungs- und Fehlergeschehen ebenso ein, wie Reklamationen, Rückrufe und Schadensfälle. Auf Basis dieser Ereignisse kann eine Rekalibrierung des Risikomanagementsystems angestoßen werden: Vormals akzeptierbare Risiken können sich als inakzeptabel herausstellen.
Dann muss der Prozess wieder ganz oben ansetzen: Neuerliche Beurteilung der Risiken (mit den dann neu gewonnenen Erkenntnissen)  und Risikokontrolle. Auf diese Weise entsteht ein Regelkreis mit Hilfe dessen die Risiken dauerhaft und nachhaltig gesenkt werden können.

Fazit

Der Erkennung, Bewertung und Beherrschung von Risiken im pharmazeutischen Umfeld kommt eine qualitätskritische Bedeutung zu. Durch konsequente und vor allen Dingen strukturierte Anwendung eines Qualitätsrisikomanagementsystems gelingt es, Risiken dauerhaft zu senken und damit das Gesamtsystem sicherer zu gestalten.
 


Risikomanagement und Risikobeherrschung im pharmazeutischen Umfeld

nach ICH Q9

12. April 2016, Frankfurt am Main

GDCh-Kurs: 540/16

Leitung: Jürgen Ortlepp

 

Weitere Informationen und Anmeldung über:

Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), Fortbildung

Tel.: +49 69 7917 291 oder +49 69 7917 364

fb@gdch.de

www.gdch.de/fortbildung

 

Autor(en)

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GDCh Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.
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